Eine Geschichte in Fortsetzungen im Stil der weird fiction, exklusiv auf FuF erstveröffentlicht

Teil 1

Weitere Fortsetzungen Dienstags und Freitags

Ich klopfte erneut an die alte Holztür, und kurz darauf öffnete sich diese Tatsächlich. Vor mir stand, nicht wie ich erwartet hatte, ein älterer Herr, sondern ein junger Mann, wohl kaum über zwanzig Jahre alt, von sehr schmächtigem Körperbau und krausem, braunen Haar. Seine leicht hervortretenden Augen sahen mich mit einem Blick an, der darauf deutete, dass mein Besuch äusserst unerwartet war.

„Ja?“, fragte er.

„Wohnt hier Herr Francisco Andrés Ocata Camps?“, fragte ich.

„Sie suchen Herrn Ocata Camps?“, fragte er und sein Gesicht zeigte nun vollkommene Verwunderung.

„Ja, er wohnt doch hier, sein Name steht am Eingang“, sagte ich.

„Schon, nur...“, begann der Junge und versuchte die Worte zu finden, „Herr Ocata Camps ist vor ein Paar Monaten verstorben. Kannten sie ihn denn?“

„Nein, nicht persönlich“, begann ich, im Versuch irgendwie zu erklären, wie ich hierher gestossen war, „ich habe eine Information nachgeforscht, die an mich weitergegeben wurde. Ich bekam diese Nachricht von einem unbekannten Absender, sehen sie.“

Ich zeigte ihm den Zettel, welchen ich bekommen hatte.

„Und sie wissen nicht von wem das war?“, fragte er.

„Nein, das wollte ich eigentlich Herrn Ocata Camps fragen.“

Jordi blieb einen Moment nachdenklich. Die Geschichte war auch ihm wundersam, doch zugleich hatte er scheinbar nicht den Eindruck, dass ich etwas falsches erzählte.

„Kommen sie doch rein“, sagte er schliesslich, „wenn sie schon bis hierher gekommen sind.“

Das Innere des Hauses war merkbar weniger verfallen als der Garten es meinen liess, offenbar hatte Herr Ocata Camps einfach diesen nicht mehr gepflegt, womöglich wegen des Alters oder seiner Gesundheit. Das Haus war voller Regale und Vitrinen mit interessanten Gegenständen. Gleich am Eingang stand ein verglastes Regal mit Artikeln die an die Spanische Diktatur erinnerten, darunter eine kleine Fahne mit Adler, ein Abzeichen der Falange, der damaligen Einheitspartei. Die Wände waren übersät mit alten Schwarzweissfotos von unüblichen Orten, wie seltsamen Höhlen, Kornkreisen, Felsformationen oder einem zerfallenen Haus.

„Herr Ocata Camps war also ihr Onkel?“, fragte ich, während mein Blick über die vielen Sammlerstücke schweifte.

„Er hatte keine Kinder, und mein Vater ist früh gestorben, deshalb war ich wie ein Sohn für ihn“, erklärte Jordi während er einen Kaffee zubereitete.

„Darf ich fragen woran er gestorben ist?“

„An einem Schlaganfall“, antwortete Jordi, „es geschah während ich bei der Arbeit war. Ich kam fast jeden Nachmittag hier vorbei um ihn zu besuchen, und ich fand ihn auf dem Boden liegend. Er hatte schon seit längerem Gesundheitliche Probleme, sie sehen ja wie es draussen aussieht, er hat sich einfach nicht mehr um das Haus gekümmert. Aber er wollte keinen Arzt aufsuchen, er ging sowieso kaum aus dem Haus, fast nur um den Einkauf zu machen. Er war ein... spezieller Mann. Etwas grimmig, ungeduldig, aber bestimmt kein schlechter Mensch.“

„Er hatte eine ganz schöne Sammlung hier“, sagte ich.

„Das kann man wohl sagen“, sagte Jordi mit einem leichten Lachen, „ich weiss gar nicht wo das alles hergekommen ist. Es war alles schon hier, seit ich denken konnte. Er war sehr stolz auf seine Sammlung, und hat mir immer wieder Geschichten zu all diesen Dingen erzählt. Ich glaube, es war seine Art, die Welt irgendwie zu verstehen.“

Jordi brachte mir eine Tasse Kaffee, während ich die vielen Dinge weiterhin betrachtete.

„Darf ich fragen“, begann ich, während ich versuchte die angemessenen Worte zu finden, „hat er wirklich diese Filme?“

Jordi senkte den Kopf und lachte ein wenig, sodass ich aus seiner Reaktion schloss, dass er genau wusste, was ich meinte.

„Kommen sie mit“, sagte er nur, und lief in Richtung einer Treppe, die in den Keller führte. Unten öffnete er eine Tür und schaltete das Licht an. Anstatt eines Kellers gab es hier einen winzigen Projektionsraum: Vier Stühle standen an eine weisse Wand gerichtet, dahinter ein Tisch mit mehreren Filmprojektoren unterschiedlicher Formate, 16 mm, Super8 und sogar ein tragbarer Projektor für 35 mm Filme. Auf der linken Seite gab es eine weitere Tür, zu welcher Jordi ging, und mir signalisierte, ihm zu folgen. Der nächste Raum war voller Regale mit Filmdosen aller Art.

„Filme waren eine besondere Leidenschaft meines Onkels. Hier“, sagte Jordi und hob eine kleine 8 mm Filmrolle hoch, „eine Kopie des Zapruder-Filmes, der von der Ermordung Kennedys. Oder der hier“, er zeigte mir eine Dose mit einem 16 mm Film darin, „ein Amateurfilm der letzten öffentlichen Hinrichtung in Frankreich. Es ist nicht alles so morbide, es sind auch viele Spielfilme hier, er mochte vor allem die mit Humphrey Bogart, er hat sich Kopien aus den USA liefern lassen. Aber kommen wir zum interessanten Teil.“

Er ging ans Ende des Raumes, wo in der Wand eine Tresortür eingebaut war, die Jordi mit einer Zahlenkombination öffnete. Darin befand sich ein kleiner Stapel von rostigen Filmdosen.

„Das hier waren die Kronjuwelen für meinen Onkel. Die pornografischen Filme von Alfons XIII.“

Er gab mir eine Filmdose in die Hand, welche ich behandelte, als hätte es sich um eine heilige Reliquie gehandelt. Consultorio de Señoras, was so viel hiess wie „Frauenpraxis“, stand mit Bleistift handgeschrieben auf einem kleinen Etikett, das auf die Dose geklebt war. „Kommen sie“, sagte Jordi, und führte mich in den anderen Raum zurück. Er fädelte den Film sogleich in den Projektor, schaltete das Licht ab, und liess ihn laufen.

Auf den Bildern war zu sehen wie eine Dame in einen Raum kam, der nach einer Arztpraxis aussah, sich kurz mit dem Arzt unterhielt, und dieser sogleich begann sie zu begrapschen, von da an nahm alles seinen Lauf. Anschliessend zeigte der Film eine andere Dame, die sich vor einem Spiegel auszog, und anschliessend von einem Mann besucht wurde, der dann gleich mit ihr zur Sache ging. Mit solchen obszönen Vignetten ging es eine Weile, bis der Film dann so plötzlich wie er begann auch endete.

Als Krönung meiner ganzen abenteuerlichen Suche nach dieser Reliquie der historischen Fussnoten, war der Film an sich ein ziemlicher Antiklimax. Teils wegen seiner fast gänzlichen Abwesenheit von Erotik, so mussten Jordi und ich immer wieder lachen, eher als dass uns diese Bilder wirklich reizen würden. Aber auch, weil sich die ganze Affäre in meiner Vorstellung dermassen aufgebaut hatte, dass eigentlich nichts den Erwartungen tatsächlich hätte gerecht werden können.

Als Jordi den Film wieder zurück in den Tresor legen wollte, fragte ich ihn, wie sein Onkel überhaupt daran gekommen war.

„So weit ich es verstanden habe“, begann er, „wurden von diesen Filmen damals, als sie produziert wurden, von der Produktionsfirma jeweils eine Kopie gemacht, die dann behalten wurde, während die Negative an den Auftraggeber abgegeben und wahrscheinlich zerstört wurden.“

„Eine Produktionsfirma?“, fragte ich überrascht, „diese Filme wurden einfach in Auftrag gegeben? Bei wem denn?“

„Es waren die Gebrüder Baños, relevante Figuren in der Frühzeit der spanischen Filmproduktion. Ich denke das war sicher nicht ein ganz standardmässiger Auftrag, sondern lief eher über inoffizielle Beziehungen. Aber irgendwer musste die Filme ja machen, das war nicht wie heute, dass man einfach eine Kamera holte und drauf los drehte. Die Ausrüstung war nicht so einfach zu bedienen, und man brauchte ja auch ein Kopierwerk und so. Jedenfalls, die Kopien die die Produktionsfirma behalten hatte waren in deren Archiv gelagert, im einstigen Sitz der Firma in der Altstadt von Barcelona, und als dieser irgendwann in den fünfziger Jahren – glaube ich – geräumt wurde, erkannte jemand, was es war.“

„Wirklich eine faszinierende Geschichte“, sagte ich.

„Ja, das kann man wohl sagen. Nur weiss ich nicht, was ich mit all dem überhaupt machen soll. Mein Onkel hat mir das Haus vererbt, aber sie sehen ja in welchem Zustand es ist. Und diese Sachen zu verkaufen traue ich mich irgendwie auch nicht. Es ist ja sozusagen sein Lebenswerk. Na ja, mal sehen.“

Als Jordi dies sagte hatte er vorführend die Filmdosen aus dem Tresor genommen, und sie mir gezeigt. Auf einer anderen stand, ebenfalls auf einem Etikett mit Bleistift geschrieben El confesor, „Der Beichtvater“, und auf der Nächsten El Ministro, „Der Minister“. Man konnte sich gleichwohl ausmalen, was sich hinter diesen Titeln verbergen mochte. Doch es war die dritte Filmdose die ich in die Hand bekommen hatte, welche mir tatsächlich ins Auge fiel. Auf einem ähnlichen Etikett stand nur Ritual?. Irgendwie schien dies überhaupt nicht in das Konzept der anderen Filmtitel zu passen, schon wegen dem Fragezeichen im Namen.

„Ist das auch ein solcher Film? Warum das Fragezeichen?“

„Welcher?“, fragte Jordi und ich gab ihm die Dose, „Ritual? Komisch, davon weiss ich gar nichts. Ich kann mich an keinen Film erinnern, der auf diesen Titel passen könnte. Wollen sie den mit mir kurz sichten?“

Ich stimmte zu, in der Neugierde zu sehen, ob dieser Film wohl etwas spannender sei, als der, den ich zu sehen bekommen hatte. Jordi lud ihn so gleich in den Projektor, und liess ihn laufen.

Der Film zeigte einen Ort in den Bergen, mit einigen grossen Gebäuden zu sehen. Eine Gruppe von Leuten liefen ins Bild, unterhielten sich, dann zeigte einer nach vorne, und sie liefen weiter. Auffällig war, dass einer dieser Leute einen Phonographen mit sich trug, am grossen Trichter erkennbar. In der nächsten Einstellung war es ein Weg an der Felswand, der zu einer Höhle führte. Die scheinbar selben Leute, erkennbar am Herrn mit dem Phonographen, welcher auch nun ganz klar als Walzenphonograph zu erkennen war, näherten sich der Höhle, betrachteten diese kurz, und gingen dann hinein. Die folgende Einstellung war unterbelichtet, fast völlig schwarz bis auf die schwache Lichtquelle einer Laterne, welche gerade so die Hand, die diese hielt, sichtbar machte. Dies musste wohl das Innere der Höhle sein.

„Sie sehen, diese Filme brauchten viel Licht“, sagte Jordi dazwischen, „diese Lampe hätte für das blosse Auge sicher den Ort erhellt, aber für den Film recht es nicht. Komisch, das hätte jeder Kameramann damals doch gewusst.“

Nach einer Weile dieser Dunkelheit erschienen einige kleine Lichtpunkte, welche anfangs schwer auszumachen waren, und nur dadurch von den vielen Kratzern und dem Staub auf dem Film zu unterscheiden waren, weil sie regelmässig eingereiht waren. Die Lichtpunkte bewegten sich ein wenig hin und her, bis sie plötzlich heller wurden und für einen Augenblick die Szene sichtbar machten, die gleichen Leute von zuvor im Inneren der Höhle. Dann ging der Film auf eine andere, ebenfalls dunkle Einstellung hinüber, welche aufgrund einiger Strassenlaternen im Bild als eine Andere zu erkennen war. Einige Menschen mit Fackeln traten ins Bild, das Licht der Flammen liess in der Mitte des Bildes eine Statue erahnen. Die Statue schien nach und nach ein Licht auszustrahlen, welches die Menschen als Silhouetten abzeichnete. Die Leute hoben ab und zu die Arme, und das Licht, welches aus dem Boden zu kommen schien, wurde immer heller und pulsierte. Die Silhouetten bewegten sich immer erratischer, als wäre der Film mit unregelmässiger Geschwindigkeit gedreht worden. Irgendwann fielen sie alle auf den Boden und rührten sich nicht mehr. Die Statue, welche von diesem seltsamen, pulsierenden Licht beleuchtet wurde, war nun gut erkennbar, es schien ein Brunnen zu sein, der mit einem Monument verziert war. Das Licht begann die Erscheinung einer Figur zu bilden, nur leicht abgezeichnet aber erkennbar als eine abscheulich aberrante Gestalt, deren blosse Präsenz auf dem Film mir das Blut gefrieren liess. Diese Figur bewegte sich alsdann mit zittriger Bewegung auf die Kamera zu, immer näher, bis die Kamera scheinbar umgestossen wurde, und der Film endete.

Ich konnte bei diesen letzten Bildern einen kurzen, unfreiwilligen Angstschrei nicht zurückhalten, und ich sah dass auch Jordi die Hände reflexartig gehoben hatte, als hätten wir, zurückversetzt in die Zeiten der ersten Filmprojektionen erwartet, dass das filmische Bild sogleich in unsere Realität heraustreten sollte. Die Bilder, die der Film zeigte, waren, rational betrachtet, gar nicht besonders erschreckend, doch diese letzte Sequenz hatte eine seltsame Ausstrahlung, eine grauenvolle Aura, die beim Betrachten durch Mark und Bein gegangen war.

„Was zum Teufel war das?“, fragte ich nach einer langen Zeit, die wir schweigend dagesessen und auf die weisse Wand gestarrt hatten.

„Ich habe keine Ahnung“, antwortete Jordi ebenso bestürzt, „diesen Film habe ich nie gesehen, oder auch nur etwas davon gehört.“

„Sie können mir nichts darüber sagen?“, hakte ich nach. Es liess mich nicht los, herauszufinden, auf was wir für einen bizarren Streifen wir gestossen waren. Dieser seltsame Film hatte eine Neugier in mir geweckt, welche die, um der obszönen Produktionen des Königs bei weitem in den Schatten stellte. Vielleicht wollte ich einfach nur wissen, warum ein Film eine solche viszerale, körperliche Reaktion hervorrufen wollte, oder womöglich ahnte ich bereits, dass sich hinter diesem Film etwas viel tiefgründigeres befand, etwas entsetzliches, was mehr als nur eine Inszenierung war, und so konnte ich den Wunsch nicht unterdrücken, dem Aberranten, dem Verbotenen nachzugehen. Mein bewusstes Denken pochte vergebens auf den Schluss, dass dies nur ein Film sei, und das Übernatürliche, das Teuflische, gar nicht existierte, ausser im Geist des Menschen.

„Ich würde annehmen, er kam aus dem gleichen Bestand wie die anderen Filme im Tresor, aber mehr weiss ich nicht. Der Anfang des Filmes, diese Gebäude in den Bergen, das ist das Kloster von Montserrat. Es ist das Einzige, was ich erkennen konnte.“

Ich kannte das Kloster von Montserrat, es war ein beliebter Ausflugsort, etwa eine Stunde von Barcelona entfernt. Dies sollte also mein einziger Anhaltspunkt sein, um auch dieser Spur nachzugehen.

„Ich will gar nichts weiter davon wissen“, sagte Jordi als er mich nach draussen begleitete, „ich werde den Film wieder dort verstauen, wo er lag. Ich glaube, wir hätten ihn gar nicht erst finden sollen.“

3
Ich mag doch keine Fische vergeben
Meine Bewertung zurückziehen
Du hast None Fische vergeben
6 von 6 Fischen

bewertete diesen Eintrag

invalidenturm

invalidenturm bewertete diesen Eintrag 25.11.2022 16:44:14

Aron Sperber

Aron Sperber bewertete diesen Eintrag 25.11.2022 09:58:14

A. M. Berger

A. M. Berger bewertete diesen Eintrag 25.11.2022 09:41:12

5 Kommentare

Mehr von A. M. Berger