Eine Geschichte in Fortsetzungen im Stil der weird fiction, exklusiv auf FuF erstveröffentlicht

Teil 1

Teil 2

Weitere Fortsetzungen Dienstags und Freitags

Dunkle Wolken sammelten sich bedrohlich über dem Massiv des Montserrat, als ich dieses am folgenden Tag aufsuchte. Der Kassierer in der Talstation der alten, gelben Gondelbahn, welche schon an sich einer Zeitreise in die dreissiger Jahre, als diese erbaut wurde, gleich kam, machte keinen Hehl daraus, dass er mich lieber nicht hätte einsteigen lassen. Er begründete es mit dem Wetter, denn obgleich es bisher nur die dunklen Wolken waren, so konnte ein plötzlich eintretender Wind die Talfahrt für mich verunmöglichen. Ich ahnte zugleich aber, dass es ihm vielleicht auch einfach nur ärgerte, die ganze Maschinerie für einen einzigen Fahrgast in Gang zu setzen, denn es schien sich niemand in absehbarer Zeit noch dazuzugesellen. An einem solchen grauen Dezembertag blieben die sonst üblichen Scharen von Besuchern verständlicherweise aus.

Langsam und lautlos fuhr das gelbe Vehikel gen Himmel, um alsbald in den dichten Wolken zu verschwinden. Der wortkarge Gondelführer und ich fanden uns zeitweise von einem undurchdringlichen Miasma umgeben, welches jeglichen Orientierungssinn unbrauchbar machte, und selbst die Fahrbewegung zur Glaubenssache reduzierte. Erst der steinerne Masten auf halben Weg gab nicht nur der Seilbahn sondern auch der Wahrnehmung wieder einen Halt.

Oben angekommen kam ich im vertrauten Gelände des Klosters zu Montserrat an, welches ich als bekannten Ausflugsort zuvor schon für meine Recherchen besucht hatte. Hier bildeten nebst der Kirche mit ihrer berühmten schwarzen Madonna auch noch mehrere weitere Gebäude ein ganzes kleines Städtchen, welches unter anderem eine Pension, eine Wirtschaft und ein Museum beherbergte. Verschiedene Wanderwege führten von hier aus in die Berglandschaft, welche von bizarren, in den Himmel ragenden Steinsäulen, eigentlich vom Regen abgerundeten Felsgebilde, versehrt war, die wie versteinerte Riesen dieses kleine Tal, in welchem sich das Kloster befand, zu belagern schienen, als wollten sie am Liebsten den Menschen aus diesem heiligen Berg verjagen. Dieser Ort zog zumal Pilger wie auch Touristen an, doch an diesem Tag fand ich nur eine geisterhafte Leere auf. Lediglich ein Paar wenige Besucher bestätigten, dass dieser Ort nicht urplötzlich, folglich eines seltsamen Unheils, verlassen worden war.

Mir war es darum jemanden aufzusuchen, der wohl sachkundig genug über diesen mystischen Ort sein könnte, dass er fähig wäre mir Aufschluss über diesen Film zu geben, dessen Inhalt mich dermassen bestürzt hatte, dass ich meinte, nur eine tiefere Erkenntnis würde mir erlauben, aus diesem Zustand von geistiger, gar sogar seelischer Benommenheit herauszutreten.

Nach einer Weile traf ich schliesslich auf zwei Mönche, die ich anflehte, mich für eine Recherche über einen seltsamen Film aus den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts wohl zum Abt oder einem sonstigen Ältesten zu führen. Ihre Reaktion war aufs Erste nicht sehr einladend, doch ich konnte sie schliesslich überzeugen, dass ich, obgleich meiner seltsamen Geschichte, keine unlauteren Absichten hegte, und wurde schliesslich sogar dem Abt vorgeführt.

Der Abt, ein unscheinbarer Mann mittleren Alters, sass in einem kleinen Arbeitszimmer, dessen wände fast gänzlich mit Bücherregalen versehen waren. Er betrachtete mich beim eintreten mit ruhigem Blick, obgleich ich in seinem Gesichtsausdruck ein Anzeichen von Gerissenheit erkennen konnte, und hörte sich meine Ausführung und die detaillierte Beschreibung über das, was in diesem Film zu sehen war, geduldig an, um am Ende eine Miene zu ziehen, die von Argwohn zeugte. Ich wusste nicht, ob dies aufgrund meiner abenteuerlichen Ausführungen, oder des berichteten Filmes und dessen Inhaltes wegen.

„Es klingt tatsächlich sehr unheilvoll, wie sie das alles beschreiben“, sagte er, „erlauben sie mir doch, in einer Chronik nachzuschlagen.“

Er stöberte eine Weile in verschiedenen alten Büchern, welche er nach und nach aus den vielen Regalen in seinem kleinen Zimmer holte, bis sich ein kleiner Stapel auf dem Schreibtisch angesammelt hatte, doch ohne dass seine Suche wirklich ergiebig wäre.

„Es tut mir wirklich Leid“, sagte er, „aber ich kann nichts in diesen Aufzeichnungen finden, was zu ihrer Geschichte passen würde, so sehr ich auch selber gerne wissen wollte, was sich tatsächlich dahinter befindet. Wir legen grossen Wert darauf, dass alles, was in unserem Kloster vorgeht, aufgezeichnet wird. Aber von einem solchen Besuch ist nichts verzeichnet. Alles was ich ihnen sagen kann, ist dass ich selber gern mehr darüber erfahren hätte.“

„Ich stehe leider selber vor einer Sackgasse“, antwortete ich mit schlecht verborgener Enttäuschung, „trotzdem danke ich ihnen, dass sie sich die Zeit dafür genommen haben.“

Ich schüttelte dem Abt die Hand, und verliess mit gesenktem Haupt die Abtei, in der Vorahnung, dass ich dieses Rätsel nicht mehr lösen würde. Dabei wäre es, so sollte ich im Nachhinein erfahren, besser gewesen, wenn dies tatsächlich so eingetreten wäre, denn ich konnte nicht ahnen, dass dieser unerfüllte Wissensdrang bei weitem ein kleineres Übel gewesen wäre, als es dessen Erfüllung sein sollte. Doch so ist die conditio humana, worin wir die grösseren Schrecken nicht erahnen können, welche sich hinter dem Verdruss des Unwissens verbergen, und letztlich immer wieder dazu getrieben werden, diese ans Licht zu bringen.

Eine Stimme riss mich aus meinen Gedanken, die Stimme eines älteren Herrn, welche sprach: „Verzeihung, junger Mann.“

Erschreckt drehte ich mich in die Richtung aus welcher die Stimme gekommen war und fand einen Greis vor mir, von hagerem Körperbau und zerbrechlicher Erscheinung, faltigem Gesicht und wenigen weissen Haaren auf dem Kopf, der gebeugt stand und sich auf einem Gehstock stützte.

„Ja bitte?“, fragte ich.

„Verzeihung, aber ich habe etwas von ihrer Konversation zuvor überhört. Sie sprachen von einem Film, einem sehr alten Film.“

Ich konnte mir nicht vorstellen, was dieser Greis wohl davon wissen wollte, doch ebenso wenig kam mir in den Sinn, dass er etwas im Schilde führe.

„Das ist richtig, ein seltsamer Streifen, auf welchem eine Gruppe von Leuten zu sehen ist, die hier auf den Montserrat kommt, dann in eine Höhle geht“, erklärte ich.

„Tatsächlich...“, sagte der Greis nachdenklich, „hatte... hatte eine dieser Personen womöglich einen Phonographen mit sich?“

Ich traute meinen Ohren kaum, als der alte Herr den Phonographen erwähnte. Ich hatte diesen nur dem Abt erwähnt, und diese Konversation hätte dieser Mann nie und nimmer von draussen her mitbekommen.

„Woher wissen sie das?“, platzte es aus mir heraus.

„Dann ist es wohl doch so, wie ich befürchtet hatte. Sie haben es tatsächlich getan. So viele Jahre, und nun habe ich Gewissheit. Gott möge uns alle bewahren.“

Der Greis wendete sich zerstreut von mir ab, doch nun war ich unter keinen Umständen bereit, ihn einfach so ziehen zu lassen.

„Moment“, rief ich, „warten sie, was meinen sie damit, dass sie Gewissheit haben? Woher wussten sie vom Phonographen? Bitte, ich muss es wissen.“

Der Greis sah mich eine Weile mit einer Mischung aus Mitleid und Beängstigung an, als er überlegte, ob er seine Geheimnisse preisgeben sollte.

„Ich will ihnen gerne erzählen, was ich weiss, junger Mann“, sagte er, „doch nicht hier. Dies ist ein heiliger Ort, und was ich ihnen erzählen werde, ist eine sehr unheilige Geschichte. Suchen sie mich morgen auf. Kennen sie das Operntheater von Barcelona, das Liceu?“

Ich bejahte seine Frage.

„Treffen sie mich morgen um vier dort, und ich will ihnen alles darlegen, was ich weiss.“

Dann wendete er sich ab, und ging in Richtung der Kirche, wohin ich in dem Moment nicht wagte, ihm zu folgen.

Stattdessen gehorchte ich seiner Anweisung, und ging am nächsten Tag wie von ihm erfordert gegen vier Uhr Nachmittags zum Operntheater, welches direkt an den berühmten Ramblas, mitten in der Altstadt, lag. Ich lief vorbei an den dort dort damals noch üblichen Ständen, von welchen einige Vögel und andere Blumen verkauften, bis ich nach wenigen Minuten Fussweg das Liceu erreichte. Die schöne Fassade dieses Theaters aus der Belle Epoque ging im Stadtbild fast unter, da die für eine Hauptstrasse im Stil eines Boulevards recht engen Ramblas, sowie die vielen, gross gewachsenen Bäume an den Seiten, es schwer machten, diese angemessen zu bestaunen.

Ich konnte in dem Moment nur hoffen, dass es der Greis mit der Abmachung auch tatsächlich ernst gemeint hatte, und mich nicht nur hatte abwimmeln wollen. Ich meinte, dass dieses konkrete definierte Treffen wohl eher darauf hinwies, dass er es auch einhalten würde, doch wie ich ihn nirgends sehen konnte, überkam mich nach und nach der Gedanke, ob es wohl einfach nur eine Erfindung gewesen wäre, um die Ausrede glaubhaft erscheinen zu lassen.

Die sonst meist sehr belebten Ramblas waren aufgrund des kalten Wetters weniger besucht als sonst, und ich war sicher, dass ich den alten Herren bestimmt gesehen hätte, wenn er sich in der Nähe befunden hätte. Schliesslich versuchte ich als Ultima Ratio zu schauen, ob der Mann vielleicht im Foyer des Theaters selber zu finden wäre. Tatsächlich wurde ich dort fündig: In der prächtigen Eingangshalle, deren Boden mit Schachbrettfliesen ausgelegt war, und wo grosse Säulen von rosa Marmor türmten, fand ich den Greis auf einer kreisrunden Bank, wie sie um einige der Säulen platziert waren, mit den Armen auf dem Gehstock ruhend sitzen. Ich näherte mich ihm langsam, als würde ich meinen Schritt in Ehrfurcht vor diesem unwirklich schönen Raum mässigen.

„Da sind sie ja“, sagte der Greis als er mich sah, „ich dachte sie kommen nicht mehr.“

„Entschuldigung, ich hatte gedacht, sie würden draussen auf mich warten“, erklärte ich.

„Nein, nein, bei dieser Kälte. Auch wenn ich nicht... nun ja. Ein schönes Theater, finden sie nicht?“

„Man stellt es sich kaum vor, das Äussere ist so unscheinbar“, sagte ich.

„Das stimmt, so ist wohl manches im Leben, dass es nach aussen hin nicht auffällig erscheint, aber sich viel dahinter verbirgt. Kommen sie.“

Mit Mühe erhob der Mann sich, und begann langsam die grosse Treppe hinauf zu laufen.

„Ich habe eine Zeit lang hier gearbeitet, wissen sie“, begann er, „die kennen mich alle hier, und lassen mich auch mal herumspazieren. Dieser Ort bringt viele Erinnerungen zurück.“

Ich versuchte die Worte zu finden, um, ohne unhöflich zu sein, auf das eigentliche Thema, weshalb ich ihn aufgesucht hatte, zu kommen.

„Sie hatten gestern erwähnt, dass sie mir etwas über diesen Film sagen könnten, wissen sie noch?“, sagte ich.

„Richtig, ich habe es nicht vergessen. Aber könnten sie mir noch den Rest des Filmes beschreiben?“

Ich ging auf jede einzelne Szene ein, die der Film in meine Erinnerung eingebrannt hatte, während der Greis hierbei zustimmend nickte, als sei all dies etwas gewesen, was er genau so erwartet hatte.

„Das bestätigt ja dann tatsächlich meinen Verdacht. Ich wollte sicher sein, verstehen sie? Nun, es ist alles eine lange Geschichte, welche vieles mit diesem Theater zu tun hat. Wussten sie, dass die erste autorisierte Aufführung von Wagners Parsifal ausserhalb von Bayreuth hier stattfand?“

„Nein, das wusste ich nicht“, antwortete ich. Klassische Musik war nicht so das Meine, und meine Kenntnisse entsprechend begrenzt.

„Wagner wollte, dass der Parsifal nur in Bayreuth aufgeführt werden sollte, und so lange das Urheberrecht galt wurden keine Aufführungen anderswo zugelassen. Seine Witwe Cosima schaffte schliesslich nicht, dass eine Verlängerung dieses Urheberrechtes erteilt würde, und es lief auf den 1. Januar 1914 ab. Viele Opernhäuser bereiteten deshalb ihre Aufführungen genau auf den Neujahrstag vor. Auch hier in Barcelona. Nur gab es damals noch eine Zeitverschiebung zwischen Spanien und Mitteleuropa, wir liefen hier mit englischer Zeit, bis Franco in den vierziger Jahren die Zeitzone auf die Mitteleuropäische anglich. Also konnte Barcelona den Parsifal eine Stunde früher als alle anderen Orte aufführen.“

„Ich hätte nicht gedacht, dass man hierzulande so in Wagner vernarrt sei“, meinte ich.

„Und wissen sie noch etwas: Ich war in dieser Aufführung dabei.“

Nun wurde ich sprachlos, diese Aufführung lag ein dreiviertel Jahrhundert zurück. Der Mann war offensichtlich alt, aber so alt hatte ich ihn nicht eingeschätzt.

„Aber dann müssen sie ja...“

„Ich bin dreiundneunzig Jahre alt“, sagte der Greis, „und damals war ich ein junger Hüpfer von neunzehn Jahr. Hier beginnt meine Geschichte eigentlich. Wir müssen sogar noch ein Stück weiter zurück, in das neunzehnte Jahrhundert. Spanien war damals ein sehr rückständiges Land, also mehr noch als heute, wenn sie sich das überhaupt vorstellen können, ein Land von vergangenem Ruhm und verblasstem Glanz, das den Anschluss an die Moderne nicht gefunden hatte. Katalonien hingegen konnte sich in der industriellen Revolution behaupten, und erlangte einen beträchtlichen Reichtum, wo zuvor fast nur der Adel vermögend gewesen war. Es bildete sich eine Bewegung von kultureller Renaissance, die Renaixença, welche Kultur förderte und auch die katalanische Sprache aufwertete. Viele Leute der katalanischen Elite von damals verachteten Spanien, eben weil es so ein rückständiger Staat war, und mit ihrem kulturellen Interesse versuchten sie, eine Nähe nach Mitteleuropa zu suchen, vor allem nach Deutschland, welches damals eine aufstrebende Macht war.

Eine Gruppe von Medizinstudenten, die auch Musikliebhaber waren, bildeten also 1901 die Asociació Wagneriana de Barcelona, die Wagner-Vereinigung von Barcelona, welche meistens nur als die Wagneriana bezeichnet wurde. Anfangs war es, wie der Name ja schon sagt, nur eine Vereinigung von Liebhabern der Musik Wagners. Aber sie nahm bald sehr katalanisch-nationalistische Züge an. Die Mitglieder waren fast alle patriotische Katalanen, die aus ihrem Unmut gegenüber Spanien, welches sie als Land von kulturlosem Pöbel sahen, keinen Hehl machten. Im Zentrum der Wagneriana stand mit der Zeit immer mehr die Politik, weit mehr als das Interesse für Musik. Alles was irgendwie mit Spanien zu tun hatten wurde verachtet, und das breitete sich letztendlich auch auf den Katholizismus auf, der in Spanien bis heute einen sehr hohen Stellenwert hat. Manche dieser Leute begannen sich für Okkultismus zu interessieren, fast als eine Art Gegenbewegung zum Katholizismus. Das wusste ich damals nicht, als ich um 1912 der Wagneriana beitrat. Ich war damals auch ein idealistischer Katalane, von den Einflüssen meines kleinbürgerlichen Umfeldes geprägt, und diese Gruppe von gebildeten Intellektuellen, die sich, so schien es mir, sich politisch für ihre Heimat und für die Kultur einsetzten, sprach mir zu.

Allerdings war ich nie in den inneren Zirkeln dieser Gruppe, welche sich zu dem Zeitpunkt bereits voll und ganz dem Okkultismus und der Teufelsanbetung verschrieben hatte. Einiges davon wurde offen gehandhabt, denn es war für uns eine Rebellion gegen den Katholizismus, und damit eine Rebellion gegen die Seele dieses verkommenen Spaniens. 'Der gefallene Engel' wurde immer wieder erwähnt, der Bringer von Erleuchtung, der vom Katholizismus zu Unrecht verteufelt wurde, um die Menschheit im Dunkeln zu halten.“

„Lucifer“, sagte ich, „der Teufel.“ Der Greis zuckte mit den Schultern und nickte.

„Wie ich später erfuhr, wurden im inneren Kreis der Wagneriana seltsame Rituale durchgeführt, wahrscheinlich wurde deshalb diese Vereinigung nicht lange nach der erwähnten Aufführung des Parsifal aufgelöst, vielleicht waren sie sogar schon von den Behörden verfolgt. Die Begründer verschwanden jedenfalls zu dieser Zeit. Manche meinten, sie wollten der Verfolgung wegen dieser Tätigkeiten entgehen. Aber was aus ihnen wurde, weiss keiner genau. Um die Zeit begann auch der erste Weltkrieg, und in den Wirren ging die ganze Geschichte schliesslich unter.“

„Wie kommt dies aber zu diesem Film über Montserrat?“, fragte ich.

„Genau. Ich half damals der Wagneriana, die Aufführung des Parsifal vorzubereiten. Es war ein Moment von regelrechter Apotheose, denn wir wussten, wir würden die ersten sein, die dieser Oper ausserhalb von Bayreuth beiwohnen könnten. Was ich damals nicht wusste, nicht wissen konnte, war, dass es für den inneren Zirkel der Wagneriana tatsächlich weit mehr sein sollte, als nur die Aufführung einer Oper. Sie hatten das ganze als ein grosses, satanistisches Ritual gestaltet. Bei dieser Aufführung ging eine üble Energie durch den Saal, was mir erst lange Zeit später klar wurde, als viele andere Leute, die damals beigewohnt hatten, mir ein ähnliches Gefühl schilderten.

Wissen sie, beim Glauben, bei der Religion, sind alle Riten und Rituale weit mehr als nur Traditionen die man der Tradition halber weiterführt. Es hat vieles mit Energien zu tun, aber das ist ein Wissen, das mit der Zeit wohl vergessen wurde. Haben sie das nicht manchmal auch gespürt, dass sie eine Kirche betreten, und sich gleich von einer besonderen Aura umgeben fühlen? Viele Leute tun es einfach als Einbildung ab, weil es gegen unsere rationale Idee der Realität geht, weil wir meinen, alles muss sichtbar, messbar sein, sonst existiert es nicht. Wir haben verlernt, auch unsere tieferliegende Wahrnehmung zu schätzen. Und hier geschah es in gewisser Weise auch so, nur war es eine kolossale teuflische Energie, die Entfacht wurde.

Eine Bitte, die man damals in Vorbereitung des Parsifal an mich stellte, konnte ich bis heute nicht ganz verstehen. Man bat mich, einen Phonographen zu besorgen. Nicht ein Grammophon, welches mit Platten funktionierte, sondern einen Phonographen für Wachswalzen, denn mit diesen konnte man relativ einfach selber Aufnahmen machen, man benötigte nur eine spezielle Nadel und Walzenrohlinge. Das gab es damals in Fachgeschäften zu kaufen, wie heute ein Kassettenrekorder.“

Als ich die Erwähnung des Phonographen hörte, begann ich endlich die Verbindung zu diesem Film zu erkennen, denn es war genau ein solcher Phonograph, der mir so auffällig ins Auge gesprungen war.

„Dann waren diese Leute in dem Film die von der Wagneriana?“, fragte ich. Der Greis machte mit der Hand ein Zeichen, dass ich abwarten sollte.

„Ich habe nie ganz verstanden, was es mit diesem Phonographen auf sich hatte. Einer aus der Vereinigung brachte sich am Abend der Aufführung im Orchestergraben mit dem Phonographen in Stellung. Ich meinte, er wollte einfach einen Abschnitt der Musik aufnehmen. Doch ich bin überzeugt, es war mehr als das. Vielleicht diese ganze teuflische Energie, die in diesem Ritual freigesetzt werden sollte, mit den Phonographen einfangen? Ein seltsamer Gedanke.

Die inneren Mitglieder der Wagneriana, hatten den Gedanken entwickelt, dass diese damals neuen technologischen Möglichkeiten des Filmes und der Tonaufnahme die endgültige Erhebung des Menschen zur Gottheit bedeuteten. Denn wo der Mensch den Raum bezwungen hatte, indem er das Umfeld nach seinem Wunsch formte, und indem er mit mechanischen Fortbewegungsmittel auch entlegene Orte in kurzer Zeit erreichen konnte, so konnte er mit Film und Tonaufnahme auch die Zeit bezwingen, indem Bilder, Bewegungen und Töne beliebig wiedergegeben werden konnten. Selbst wenn jemand sterben sollte, würde er in Bild und Ton weiterleben. Der Mensch war somit nun Herr über Raum und Zeit, Leben und Tod. Oder so zumindest, waren die okkultistischen Ideen, die sich in der Wagneriana bildeten.“

„Und welche Rolle spielt Montserrat bei all dem?“, fragte ich dazwischen, „oder überhaupt diese seltsamen Bilder die ich gesehen habe?“

„Hier beginnen die Lücken meiner Erkenntnisse. Kommen wir nochmal zurück zu Wagners Parsifal. Sie sind ja nicht mit diesem Werk bekannt. Es handelt von den Gralsrittern, und einem jungen Mann, dem 'reinen Tor' Parsifal, der dazu auserwählt ist, König der Gralsritter zu werden. So in etwa. Jedenfalls wird dort dann erwähnt, dass der Gral bei 'Montsalvat' ruht. Wussten sie übrigens, dass Heinrich Himmler im Jahre 1940 Montserrat besucht hat?“, sagte der Greis. Dieser Mensch kam kaum zur Sache, doch vielleicht war es des Alters wegen, dass er nicht meine jugendliche Hast nachvollziehen konnte.

„Nein, das wusste ich nicht“, antwortete ich, „aber was hat das nun mit der ganzen Sache zu tun?“

„Himmler kam zum Montserrat auf der Suche nach dem heiligen Gral. Er erhoffte sich etwas, das den Deutschen eine übernatürliche Macht erteilen würde.“

„Himmler ging allen möglichen wirren Theorien nach, das ist bekannt“, meinte ich.

„Vielleicht war es eine wirre Theorie, wie sie sagen“, meinte der Greis, „aber im Film, den sie gesehen haben, war auch Montserrat zu sehen, nicht wahr?“

„Himmler meinte, Montsalvat bezieht sich auf Montserrat?“, fragte ich.

„Im Parsifal wird erwähnt, dieser Ort sei im Nordosten Spaniens, die Annahme liegt also nahe. Himmler war nicht der Erste, der auf diese Idee kam.“

„Sondern die Wagneriana“, sagte ich, wie ich nun die einzelnen Teile der Geschichte zusammenfügte. Der Greis nickte mit einem müden Lächeln.

„Es ist auf jeden Fall die gleiche Beziehung zwischen dem Parsifal und Montserrat. Ich nehme an, dass dieses ganze Vorhaben überhaupt gefilmt wurde, weil das auch mit dieser Idee der Herrschaft über Raum und Zeit zusammenhängt. Das Filmen und Aufnehmen dieser ganzen Rituale war nicht nur dazu da, es bloss aufzuzeichnen, sondern es im wahrsten Sinne des Wortes zu verewigen. Alles was sich da zugetragen hat, lebt weiter.“

Es war zu diesem Zeitpunkt, wo mir in den Sinn kam, was wir mit der Projektion dieses Filmes womöglich getan hatten, nämlich dieses Ritual erneut ins Leben zu rufen, als liesse man einen Geist aus der Flasche.

„Aber haben dann diese Leute tatsächlich den heiligen Gral im Montserrat gefunden?“, fragte ich. Der Greis zuckte mit den Schultern

„Ich habe viele Jahre dafür aufgewendet, aus dem was ich erlebte, oder zumindest mitbekommen habe, Sinn zu stiften. Ich habe mein langes Leben dazu verwendet zu recherchieren, Leute von der Wagneriana auszufragen, die noch auffindbar waren, und teils sehr obskure Quellen zu suchen. Aber das Meiste ist mir bis heute nicht klar. Nach dieser Aufführung des Parsifal bekam ich so gut wie nichts mehr von diesen Leuten mit. Ob sie tatsächlich irgendwie den heiligen Gral auf dem Montserrat gefunden haben, oder wie es dann weiterging, ist mir selber ein Mysterium. Was ich weiss, ist dass wenig später grosses Unheil über die Welt kam, wie sie ja wissen, der erste Weltkrieg, den man die Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts nennt, später hatten wir hier in Spanien eine Diktatur, dann einen Bürgerkrieg, dann kam auch noch der zweite Weltkrieg, dann Franco. Schwere Zeiten waren das damals. War es nur Zufall oder ein Werk des Bösen? Ich weiss es nicht. Vielleicht wurde irgendwann das Böse wieder gebändigt. Ich denke aber, dass ich es niemals erfahren werde. Vielleicht ist es auch besser, manche Dinge nicht zu wissen, so sehr die Neugier auch an uns nagt und uns voran treibt, voran in den Abgrund. Neugier ist der Katze Tod.“

Wir liefen wieder hinaus auf die Ramblas, die Wolken hatten sich inzwischen etwas verzogen und die Sonne schien wieder, was auch weniger Kälte verspüren liess. Der Greis setzte sich auf eine Bank, nachdem er die ganze Zeit wie er mir all das erzählt hatte durch das Theater spaziert war. Seine Schilderung hatte mir einerseits das Rätsel gelüftet darüber, was ich auf dem Film gesehen hatte, doch zugleich hatte es endlose weitere Fragen herbeigeführt, Fragen, die weit über das Wissen dieses Greises hinaus gingen.

„Ich danke ihnen für die Ausführungen, es war... aufschlussreich“, sagte ich, im Versuch nicht undankbar zu erscheinen für diese Erzählung, welche mir mehr Fragen als Antworten hinterlassen hatte.

„Ich habe zu danken. All das was ich ihnen erzählt habe, trug ich die vielen Jahre wie ein Kreuz auf mir. Ich glaube, ich bin nur so alt geworden, weil diese Last mir nicht erlaubte, diese Ebene unserer Existenz in Frieden zu verlassen. Jetzt, da ich es ihnen beichten konnte, spüre ich wie die Bürde sich verflüchtigt. Ich bin von meinem Laster befreit.“

Er stand auf, mit viel mehr Gewandtheit als zu Beginn unseres Treffens, und sagte nur: „Ich nehme nun Abschied von ihnen. Leben sie wohl.“ Und ohne dass ich noch etwas sagte, lief er mit erstaunlicher Leichtigkeit die Ramblas hinab, in Richtung der Unendlichkeit des Meeres, welche sich am Ende dieses Weges eröffnete.

Mein unerwartetes Treffen mit diesem Greis, dessen Name ich nicht einmal wusste, hatte mir Aufschluss gegeben über die Herkunft dieses seltsamen Filmes, doch die Neugier über dessen Inhalte nagten aus unverständlichen Gründen mehr denn je an mir. Hatte ich tatsächlich gesehen, wie eine Teufelsbeschwörung vorging? Hatte das Böse sich unserer Welt seitdem ermächtigt, oder war es gebändigt worden? Und was hatte all dies mit der Legende des Heiligen Grals, der auf dem Montserrat verborgen wäre, zu tun? Es konnte nicht sein, dass an diesem Ammenmärchen tatsächlich etwas wahres sein sollte. Aber wenn nicht, wieso kam diese Verbindung immer wieder auf? Konnte es wirklich alles nur Zufall und Humbug sein? Mein Kopf sagte ja, mein Bauch sagte nein.

2
Ich mag doch keine Fische vergeben
Meine Bewertung zurückziehen
Du hast None Fische vergeben
6 von 6 Fischen

bewertete diesen Eintrag

invalidenturm

invalidenturm bewertete diesen Eintrag 29.11.2022 21:05:30

A. M. Berger

A. M. Berger bewertete diesen Eintrag 29.11.2022 20:13:04

1 Kommentare

Mehr von A. M. Berger