Eine Geschichte in Fortsetzungen im Stil der weird fiction, exklusiv auf FuF erstveröffentlicht

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Weitere Fortsetzungen Dienstags und Freitags

Ich hatte nach meinem Treffen mit dem Greis noch versucht, den jungen Mann Jordi, den Neffen des verstorbenen Besitzers von jenem bizarren Film, aufzusuchen, um ihm das, was ich hatte in Erfahrung bringen können, weiterzugeben, da ich mich nach seiner unschätzbaren Enthüllung an ihn verpflichtet fühlte. Doch das brüchige Anwesen in Tarragona fand ich, bei meinem Besuch einige Tage später, kurz bevor ich wieder abreisen sollte, völlig leer auf, und nur weil ich selber einige Tage zuvor dort einen Besuch getätigt hatte nahm ich nicht an, dass es schon seit langer Zeit verlassen gewesen sei, wie der Eindruck dieses geisterhaften Ortes nun vermittelte. Ich konnte nur annehmen, dass Jordi das Haus aus finanziellen Gründen hatte kurzerhand räumen lassen, trotzdem schien es mir auffällig, dass dies innerhalb von nur wenigen Tagen geschehen war, in einem Land wo sonst jegliche grössere Unternehmung grosszügig Zeit in Anspruch nahm, und zumal er auch nicht mit Sicherheit ausgedrückt hatte, ob er sich tatsächlich ohne weiteres der vielen Erinnerungsstücke entledigen zu wollen. Doch im Fehlen einer anderen Adresse oder Telefonnummer war es mir nicht mehr möglich, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Ebenso wenig konnte ich nun den Film weiter begutachten, oder gar seine Existenz nachweisen. Folglich blieb mir keine andere Wahl, als das ganze Thema widerwillig zur Ruhe zu legen, und mich, so gut es ging, mit dem, was ich gelernt hatte, zufrieden zu geben.

Lange Jahre vergingen, in welchen der Spross dieses unreinen, verbotenen Wissens in meinem Geist weiterhin Wurzeln schlug, obgleich er zu keiner Zeit die Nährstoffe erhielt, die erlaubt hätten, dass aus diesem Spross tatsächliches Wissen hätte wachsen sollen. Und es wäre, angesichts der letztendlichen Auswirkungen dieses ganzen Vorfalls, zweifelsohne besser gewesen, wenn dieser Spross, so er auch infolge seines entsetzlichen Ursprungs nicht mehr verwelken konnte, auch nicht weiter gewachsen, sondern in einem Zustand von Scheintod geblieben wäre. Doch es war wohl eben diese infernale Wurzel, welche, einstmals gesprossen, sich früher oder später unweigerlich durchsetzen würde.

So geschah es im Jahre 2019, genau drei Jahrzehnte nach meiner ursprünglichen Recherche, als ich durch einen Zufall, während ich die bizarren Nachrichten durchstöberte, zu welchen das Internet uns nun Zugang bot, auf eine Meldung stiess, welche sich auf die pornografischen Filme des spanischen Königs Alfons XIII. bezog; die, die den Ausschlag zu diesem ganzen Geschehnis gegeben hatten. Diese Filme an sich bargen für mich nur noch wenig praktisches Interesse, zumal ich seit vielen Jahren von meiner Tätigkeit als gelegentlicher Autor des Satiremagazins Wolkenspalter distanziert worden war, da dieser sich mehr auf prestigeträchtige Autoren ausgerichtet hatte. Ein unter Pseudonym schreibender Redaktor von billigen Reiseführern hatte in solcher Gesellschaft nichts zu suchen. Auch sonst hatte mein Leben sich in vielerlei Hinsicht nicht zum besseren gewendet. Einstmals wurde ich von meiner Partnerin verlassen, welche wohl einen verdriesslichen Versager kaum als den Mann sehen konnte, mit dem sie den Rest ihres Lebens verbringen würde.

Ich hielt mich dieser Zeiten schon seit längerem hauptsächlich als Redaktor von Reiseinhalten über Wasser, hauptsächlich für Internetportale und bezogen auf meine Heimat, die Schweiz, da diese Portale inzwischen bevorzugt heimische Redaktoren anheuerten, anstatt diese für teures Geld um die Welt reisen zu lassen. Meine Wohnung in Zürich, nahe des Hönggerbergs, einem ruhigen und ansehnlichen Mittelklassenquartier, hatte einer winzigen Zweizimmerwohnung im Vorort Dietikon, umgeben von Strassenlärm und Baustellen, weichen müssen, da die Entlohnung meiner armseligen Anstellung nicht für etwas besseres reichte. Womöglich war es gerade meine aussichtslose Situation, mit einer Arbeit ohne Aufstiegsmöglichkeiten und einem dürftigen Gehalt, meinem einsamen Dasein in einem grauen Arbeitervorort, welche mich dazu drängte, dieser unnützen Schnitzeljagd erneut nachzugehen, als wäre dies ein Ersatz für meine fehlenden Berufserfolge oder Karriereaussichten.

Was mir nun an diesem Bericht, welcher erklärte, dass Kopien dieser Filme in Valencia aufgetaucht waren, ins Auge fiel, war dass ebenfalls erwähnt wurde, wie diese einem ehemaligen Bestand der Produktionsgesellschaft der Gebrüder Baños entstammten, welcher ebenfalls über reichliche Unterlagen bezüglich der Filmproduktion des frühen 20. Jahrhunderts verfügte. Die Erfahrungen, und vor allem die Wissbegierde, welche seit meinem abenteuerlichen Besuch in Spanien im Jahre 1989 irgendwo in meinem Unterbewusstsein geschlummert hatten, erwachten unverzüglich zu neuem Leben, und drängten mich dazu, dieser vagen Spur nachzugehen, ob ich wohl noch weitere Lücken dieser bizarren Vorgänge, die sich vor nunmehr über einem Jahrhundert zugetragen hatten, endlich schliessen könnte: Hatte die Wagneriana den heiligen Gral tatsächlich aus dem Kloster Montserrat entwendet? War eine wahrhaftige Teufelsbeschwörung auf Film gebannt worden, welche das frühe zwanzigste Jahrhundert in Chaos und Verderben stürzte? Und wie und wann wurde dieses Übel wieder von dieser Welt verbannt?

Noch am selben Tag schrieb ich eine E-Mail an die Filmoteca Valenciana, dem Filmarchiv von Valencia, welche ich zu Händen von Frau Meritxell Sánchez Lladó adressierte, deren Namen ich aus dem Artikel gefischt hatte, und welche mit dem Erhalt und der Katalogisierung dieser Funde beauftragt war. Ich erwähnte die Filme die ich dreissig Jahre zuvor hatte sichten können, und mein Interesse, die Aufzeichnungen der Gebrüder Baños zu begutachten, vermeintlich für eine journalistische Recherche. Ich machte mir hierbei keine grossen Hoffnungen auf eine positive Rückmeldung, oder gar überhaupt eine Rückmeldung, da ich mit den Gepflogenheiten spanischer Formalität schon seit langen Jahren vertraut war, doch überraschenderweise erhielt ich schon nach wenigen Stunden eine Antwort:

Guten Tag,

Vielen Dank für ihre Nachricht. Ihre Schilderungen, gemäss welchen sie diese Filme in den achtziger Jahren sichten konnten sind für uns sehr interessant, da wir bisher keine Kenntnisse davon hatten, dass Kopien dieser Filme im Raum von Barcelona erhalten sein könnten. Wir würden sie gerne bitten, uns was sie über den Erhalt dieser Kopien wissen könnten mitzuteilen, und wären auch gerne bereit, ihnen Zugang zu den entdeckten Aufzeichnungen der Gebrüder Baños zu geben.

Im Anhang finden sie eine Telefonnummer, unter der ich sie bitten würde mit uns Kontakt aufzunehmen, um einen angebrachten Termin festzulegen.

Hochachtungsvoll

M. Sánchez Lladó

Ich rief ohne zu zögern die beigefügte Telefonnummer an, um den Besuch festzulegen und buchte anschliessend den baldigst verfügbaren Billigflieger der Fluglinie Vueling nach Valencia, für den kommenden Dienstag.

Am gleichen Tag meiner Ankunft, welche früh am Morgen war, machte ich mich gleich auf zum Archiv der Filmoteca Valenciana, wofür es notwendig war zwei Buslinien zu verwenden, um das nüchterne Industriegebiet der Vorstadt von Valencia zu erreichen. Eine Taxifahrt war mir, infolge meines knappen Gehaltes und nachdem ich meinen Geldbeutel bereits für diese aus rationaler Sicht betrachtet unsinnige Reise gestreckt hatte, keineswegs erschwinglich.

Das Gebäude des Filmarchivs stach nicht besonders von den restlichen sterilen Bürogebäuden des Carrer Leonardo da Vinci heraus, einige waren Klötze aus Beton, andere aus Glas, und wieder andere aus einer Mischung von Beton und Glas. Ich trat ein und fand vor mir einen ebensowenig inspirierten Empfang mit einem einfachen Tresen. Ich meldete mich an, und wenige Minuten später kam eine junge Dame zu mir, die sich als Meritxell Sánchez Lladó vorstellte. Sie führte mich in ein kleines Sitzungszimmer, und bot mir einen Kaffee aus einem Automaten an, den ich verwarf um mir stattdessen eine Flasche Wasser geben zu lassen, was mir an diesem bereits sehr sonnigen und warmen Märztag besser bekam.

Frau Sánchez Lladó erklärte mir ein wenig über diese Filme, welche aufgrund begrenzter Information und morbiden Inhaltes ein interessantes Forschungsobjekt der Filmgeschichte Spaniens ausmachte. Sie fragte mich anschliessend über meine Kenntnisse aus, war allerdings sichtlich enttäuscht, dass ich ihr lediglich meine Anekdote einer Sichtung in Tarragona vor dreissig Jahren nahelegen konnte, ohne kaum weiterführende Informationen, ausser Namen und Adresse des verstorbenen Sammlers, der diese Filme besessen hatte, sowie seines Neffen, der sie mir gezeigt hatte. Auch sagte ich, dass bei meinem zweiten Besuch das Haus bereits ausgeräumt worden war, und ich somit jeglichen Kontakt verlor. Widerwillig, da mein Wissen eigentlich keinen wirklichen Nutzen gehabt hatte, liess man mich anschliessend die Aufzeichnungen ansehen, welche mit diesen Filmen in Valencia gefunden worden waren. Es handelte sich einerseits um Berichte über Filmproduktionen, welche allerdings alle identifiziert und katalogisiert waren. Zudem gab es ein Notizbuch, welches womöglich von Interesse sein konnte. Mit Latexhandschuhen und Mundschutz ausgerüstet betrat ich einen Raum mit schützender Atmosphäre, in welchem diese Dokumente gelagert waren. Mit äusserster Vorsicht, immer unter dem wachenden Blick von Frau Lladó begann ich im Notizblock zu blättern, welches Ricardo de Baños gehört hatte, mit Aussicht auf ein Datum um 1914. Ich blätterte es mit der grössten Sorgfalt durch, die mir mein Wissensdurst erlaubte, und wurde bald fündig.

Freitag, 9. Januar 1914

Wir haben von einem Verein von Musikfreunden die Anfrage bekommen, einen kurzen Dokumentarfilm für sie zu drehen. Ich wollte erst nicht, da solche privaten Aufträge uns keinen Raum für kommerzielle Produktionen lassen, aber Ramón meinte das Geld käme uns zu Nutze. Diese Leute scheinen aus gutem Hause zu kommen, denn sie haben einen grosszügigen Preis gemacht. Wir sollen sie in einer Woche für den Dreh treffen. Sie haben keine weiteren Einzelheiten über dieses Projekt geben wollen, wir sollen einfach eine Kamera und genügend Filmmaterial bereitstellen. Ich entschied selber die Kamera zu bedienen, es lohnt sich für so etwas nicht, noch einen Kameramann anzuheuern.

Samstag, 17. Januar 1914

Wo hat mich mein Bruder da schon wieder hineingeritten. Welch ein Fiasko. Ich traf die Herrschaften in der Calle del Hospital, 140, und wir fuhren mit einem Automobil bis zum Montserrat, zwei Stunden Fahrt bei eisigem Wetter und schlechten Strassen. Dann mussten wir uns noch ein ganzes Stück den Berg hinauf quälen, und ich dabei noch die Filmkamera schleppen. Ich verstand nicht genau, was hier eigentlich gefilmt werden sollte. Erst dokumentierte ich die Ankunft dieser Herrschaften beim Kloster von Montserrat, dann, wieder ein Stück den Berg hinunter, gingen sie in eine Höhle und liessen mich eine seltsame Zeremonie filmen, in welcher mit geisterhaften Lichtern hantiert wurde und aus einem Phonographen Musik erklang. Ich weiss nicht, ob es die feuchte Atmosphäre dieser Höhle war, oder diese Zeremonie, doch mich überkam in dem Moment eine Kälte die mir durch Mark und Bein ging. Mir sind diese Leute nicht geheuer, ich denke sie führen etwas im Schilde. Ich fand schon diese vulgären Filme die der Conde de Romanones uns beauftragte eine schlechte Idee, doch das kam wenigstens von der Regierung selber, als dass man uns nachher deswegen verfolgen sollte.

Die Mönche von Montserrat waren ganz offensichtlich auch nicht begeistert, denn seit wir aus der Höhle kamen verfolgte uns ein Mönch, der durchgehend flehte, wir sollten aufhören, als wären wir eine Gruppe Anarchisten die gekommen wären, ihr Kloster zu zerschmettern. Der Mönch hat sich an mich gewendet, er stellte sich vor als Arcadi Roses i Espasa, und bat mich, mit dem Filmen aufzuhören. Ich hätte nicht gedacht, dass diese Menschen dort noch so rückständig wären, sich vor etwas so banalem wie einer Filmkamera zu fürchten. Ich wies ihn ab, denn ich bin an solche abergläubischen Hinterwäldler gewöhnt, aber wohl war mir bei dieser Sache trotzdem nicht, diese Leute machen einen unguten Eindruck auf mich. Wir sind spät Abends in Barcelona zurückgekehrt, und ich habe einen fürchterlichen Schnupfen von dieser Reise mitgetragen. Die Anderen hingegen waren ekstatisch von diesem ganzen Unsinn. Ich will mit solchen Leuten nichts zu tun haben.

Dienstag, 27. Januar 1914

Als ich den Leuten von diesem Verein ihre Filmbilder übergeben wollte (von denen ich den Teil in der Höhle für wenig brauchbar halte, doch ich hatte ihnen schon dort gesagt, dass das Licht nicht reichen würde), haben sich mich mit der Anfrage überrascht, die Kamera und weiteres Filmmaterial kaufen zu wollen. Ich habe mich erst strikt geweigert, aber sie haben ein immer höheres Angebot gemacht, bis über dem Doppelten, was diese Kamera eigentlich wert gewesen wäre. Ich konnte dieses Angebot nicht abschlagen, da es mir eine Reise nach Frankreich erlauben wird, um gleich zwei neue Geräte zu beschaffen. Eigentlich ist es mir auch lieber, wenn ich mit diesen Menschen nicht mehr verkehren muss. Sie erscheinen zwar wie anständige Bürgerliche, aber irgendwas an ihnen macht mir einen unlauteren Eindruck. Ich glaube sie hegen sehr schlechte Absichten. Sie faselten etwas von einer Reise nach Madrid, und dass sie von nun an lieber selbst das Filmen übernehmen wollten. Mir soll es recht sein. Ich habe ihnen die Handhabung der Kamera erklärt, und auch gesagt, wo sie in Madrid ein Filmlabor finden könnten. Unsere eigenen Gerätschaften wollte ich gar nicht mehr anbieten, zum Glück haben sie auch nicht darum gefragt.

Die darauffolgenden Einträge hatten keinen Bezug mehr zu diesem Vorfall.

Der Text war mir einerseits ein weiteres, wertvolles Teil dieses bizarren Mosaiks, worin ich nun endlich Einzelheiten über den Besuch dieser Leute auf dem Montserrat erfahren konnte, doch zugleich war die Information so spärlich, dass es, wie ein Aperitif, gerade nur reichte, um meinen Appetit nach mehr anzuregen. Die unendliche Neugier über die grauenvollen Bilder, denen ich vor nunmehr drei Jahrzehnten beigewohnt hatte, war erneut entfacht, wie ein loderndes Feuer das von einem kleinen Funken ausgelöst werden kann.

Die hier erwähnte Zeremonie in der Höhle, so nahm ich an, konnte sehr wahrscheinlich etwas mit diesen Theorien um den heiligen Gral zu tun haben. Doch wenn sie tatsächlich ein solches Artefakt geborgen hätten, wäre dies ohne Zweifel erwähnt worden. Stattdessen stand da etwas von geisterhaften Lichtern. Dies deckte sich wiederum mit meiner Erinnerung an die Filmaufnahmen, und der dunklen Sequenz in welcher eine Reihe von dem, was nach kleinen Lichtern aussah, zu erkennen war, obgleich dieser Teil, wie auch in Ricardo Baños' zeitgenössischen Aufzeichnungen erwähnt, nicht sehr gut auf dem Film erkennbar war. Auch dass hierbei der Phonograph verwendet wurde, sicherlich mit den Aufnahmen, die gemäss dem Greis bei der Aufführung der Parsifal gemacht worden wären, schien in dieses Bild zu passen. Wie genau sich die Teile aber nun ineinander fügten um einen endgültigen Sinn zu ergeben, das blieb mir ein Rätsel, dem ich, koste es was es wolle, nachgehen wollte.

Eine einzige Angabe konnte ich erkennen, welche mir weiterführend sein sollte, und an diese wollte ich mich mit aller Kraft festhalten: Der Name des Mönchs Arcadi Roses i Espasa. Eine kurze Internetsuche auf meinem Smartphone ergab, dass dieser Mönch als Chronist von Montserrat im zwanzigsten Jahrhundert tätig gewesen war, doch ansonsten waren keine weiteren Informationen zu finden. Die Spur führte mich also erneut nach Montserrat, und ich hoffte in den Chroniken von Arcadi Roses i Espasa mehr zu erfahren, wenn ich denn diese überhaupt auffinden könnte.

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