Eine Geschichte in Fortsetzungen im Stil der weird fiction, exklusiv auf FuF erstveröffentlicht

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Weitere Fortsetzungen Dienstags und Freitags

Die Vorstellung, wie bei meinem Besuch vor dreissig Jahren dieser weitläufigen Anlage um das Kloster Montserrat, kurzerhand einen Mönch aufzusuchen, um diesen oder gar den Abt dann auszufragen, war dieser Tage ganz und gar lachhaft. Montserrat glich in diesen Zeiten mehr einem Vergnügungspark als einem besonnenen Refugium für Pilger und Gläubige. Die Mönche liessen sich sowieso nicht blicken, und alle Türen zu den Gewölben des Klosters waren geschlossen und verriegelt. Im vorangehenden Wissen über diese Zustände, wäre es töricht gewesen zu versuchen, als unbedeutender Wissensdurstiger eine Audienz in der Abtei zu bekommen. Stattdessen würde ich mein Glück in der Bibliothek des Klosters von Montserrat versuchen, da es sich bei meiner weiterführenden Spur schliesslich um einen Chronisten handelte, und ich gute Chancen witterte, dort Zugang zu seinen Niederschriften haben zu können. Selbst der Besuch der Klosterbibliothek erforderte eine vorherige Anmeldung, doch war diese über ein Telefonat und meiner Räuberpistole, ich wäre Historiker an einer schweizerischen Universität, ohne weitere Probleme getätigt. In Spanien, dem Land der Schelmen, wurde einem Ausländer aus der Schweiz noch eher blinde Glaubwürdigkeit erteilt.

Die Stunden, die ich im Zug von Valencia nach Barcelona, wo ich das billigst mögliche Hotel in einem spröden Vorort gebucht hatte, verbrachte, musste ich immerzu mit den Zweifeln kämpfen, welche mein rationales Denken mir entgegenhielt. So fragte ich mich selber, warum ich meine wenigen Ersparnisse aufbrauchte, um dieser im Grunde sinnlosen Geschichte nachzugehen, welche mir weder einen praktischen Nutzen, noch eine bedeutende Erkenntnis bringen sollte. Zugleich konnte ich mich selber nicht dazu bringen, diese Suche, so lange wie ich noch einen Anhaltspunkt hatte, der mich weiterführen konnte, aufzugeben, wohl in der scheinbar absurden Hoffnung, dass die Erkenntnis, die hieraus resultieren sollte, mir einen Blick hinter den Vorgang der grundlegendsten Metaphysik unserer Realität erlauben würde, und somit auch einen Schritt in dieses absolute Wissen zu wagen, ein Drang welcher uns Menschen seit wir denken können getrieben hat. Auch wenn dieses Wissen womöglich mit mir leben und sterben würde, da kaum ein Mensch solche Tatsachen wohl jemals glauben würde, ohne sie selber erlebt zu haben. Die Vermutung, dass diese ganze Affaire, welche mit der Projektion eines bizarren Films vor vielen Jahren begonnen hatte, sich ein für alle mal als Humbug und Hirngespinst herausstellen könnte, verflüchtigte sich derweil mit jeder neuen Spur die mir in die Hände fiel, was mich umso mehr in diese seltsame Recherche hineinsteigerte.

Ich machte mich früh am nächsten Tag auf den Weg zum Montserrat, eine Reise von ungefähr einer Stunde in einer von Touristen überfüllten Vorortbahn, und einer Zahnradbahn, welche irgendwann in der Zeit seit meinem letzten Besuch vor dreissig Jahren erbaut worden war, und welche ebenfalls vor lauter Touristen aus allen Nähten platzte. Es war um diese Zeit, dass ich immer wieder das Gefühl bekam beobachtet zu werden, als würde mich jemand verfolgen. Ich zog inzwischen ernsthaft in Betracht, dass gewisse Mächte nicht wollten, dass ich die Erkenntnisse erlangte, denen ich auf der Spur war. Doch ich tat dieses Gefühl als blosse Einbildung ab, verursacht vom Unbehagen dieser Menschenmassen, die mich umgaben.

Oben angekommen kämpfte ich mich durch die Horden von Besuchern und begab mich in Richtung der Basilika, dem Herzen dieser kleinen Stadt die hoch oben auf dem Berg um das Kloster entstanden war. Beim Eingang suchte ich die diskrete Tür auf der Linken Seite der Vorplatzes auf, welche sich vor den vielen Urlaubern zu verstecken schien. Ein Wachmann war sogleich daran mich mit spürbarer Aggressivität abzuweisen, bis ich darauf bestehen konnte, einen Termin für den Besuch der Bibliothek zu haben. Es schmerzte mir wahrlich, wie dieser Ort, einst eine erhabene Pilgerstätte, jegliche Atmosphäre von Heiligkeit und Erleuchtung verloren hatte, und zu wenig mehr als einer Karikatur seiner selbst verkommen war, einer billigen und überteuerten Touristenattrappe, wie inzwischen alles in und um Barcelona. Diese Stadt und ihre ganze Umgebung waren nunmehr ein Pilgerort nicht für gläubige Christen, sondern für geschmacklose Touristen. Konnte es sein, dass die Entweihung einer einst heiligen Stätte einen Anziehungspol für solchen geistigen Abschaum gebaren hatte?

Die Bibliothekarin, eine Dame mittleren Alters, grüsste mich mit der Unfreundlichkeit, die ich bereits gewohnt war, und fragte mich in bellendem Ton, was ich denn suche. Ich sagte, ich suche Chroniken von Arcadi Roses i Espasa für das Jahr 1914. Ohne weitere Worte zu wechseln tippte die Dame dies in ihren PC ein. Eine Weile später sagte sie, sie habe Chroniken unter diesem Namen gefunden, die aber keineswegs so weit zurück gehen. Sie begannen in den vierziger Jahren. Ich bat darum, die ältesten Aufzeichnungen zu lesen, und musste mich erst einmal darum streiten, warum ich denn jetzt die Aufzeichnungen aus den vierziger Jahren wollte, wenn ich doch nach 1914 gefragt hatte. Ich hielt mich hartnäckig, denn ich war nicht gewillt, den Weg bis hierher umsonst auf mich genommen zu haben, und ich räsonierte, dass ja auch später noch Aufzeichnungen der damaligen Zeit gemacht worden sein könnten. Da diese Chroniken nicht digitalisiert waren, musste die Bibliothekarin mich widerwillig ins Archiv bringen, damit ich die Aufzeichnungen lesen könne.

Ich wurde in einen Keller geführt, welcher voll von Bücherregalen war. Kleine Schilder an den Regalen markierten die unterschiedlichen Arten von Texten, die Bibliothekarin lief zielgerichtet bis zu einem Regal, welches mit „Chroniken“ gekennzeichnet war. Die Bücher, zumeist alte Einbände, waren mit einer Kodierung versehen. Sie holte Einband C-00943 heraus, und legte es auf einen kleinen Tisch am Ende des Ganges, welcher entlang der vielen Regale führte. Auf dem Tisch gab es eine kleine Lampe, sonst nichts.

„Das hier sind die gesammelten Chroniken von Arcadi Roses i Espasa“, sagte die Bibliothekarin.

„Alle?“, fragte ich.

„Ja, es sind nicht viele Aufzeichnungen, von 1946 bis 1953. Sie dürfen sich Notizen machen, aber keine Bilder, und gehen sie vorsichtig um. Berühren nur mit Handschuhen.“

Sie hielt mir eine Kartonschachtel mit Latexhandschuhen hin, solche wie ich sie bereits im Filmarchiv in Valencia hatte tragen müssen, und ich bediente mich folgsam.

„Bitte geben sie mir ihr Telefon bis sie hier fertig sind. Sie können es bei mir abholen.“

Ich tat wie mir befohlen und gab mein Telefon ab. Dann wurde ich allein gelassen. Vorsichtig, ehrfürchtig öffnete ich den alten Einband und schaute mir die Aufzeichnungen an.

Mai 1946

Abt Marcet i Poal ist tot. Möge er in Frieden ruhen. Abt Escarré hat mir schliesslich erlaubt, die unglücklichen Ereignisse, die sich vor nunmehr über 30 Jahren hergetragen haben, zu notieren. Ich kann Abt Marcet i Poals Vorbehalte nachvollziehen, dass er unsere tiefsten Geheimnisse nicht der Nachwelt darlegen wollte. Aber zugleich fühle ich mich dazu verpflichtet, das Geschehene niederzuschreiben, auf dass es nicht in Vergessenheit gerate.

Alles begann sehr überraschend im Januar 1914, als eine Gruppe seltsamer Leute beim Kloster erschienen. Sie kamen mit einem Automobil, und hatten einen Phonographen wie auch eine Filmkamera mit sich. Wir dachten erst, es sei ein unerwarteter hoher Besuch, und mir wurde kurzerhand aufgetragen, diese Leute zu empfangen. Doch ich erkannte sogleich, dass es nicht nur keine gewöhnlichen Besucher waren, sondern dass diese Leute wahrhaftig teuflische Absichten hegten.

Sie schenkten mir wenig Beachtung, und machten sich auf in Richtung unseres geheimsten Heiligtums, der heiligen Grotte. Es ist uns allen bis heute ein Mysterium, wie diese Menschen von der heiligen Grotte wissen konnten, denn zumal das Wissen, dass Montserrat der Sitz dessen sei, was im Volksmund als 'heiliger Gral' fabuliert wird, weit verbreitet ist, so wussten diese Leute ganz genau wo die heilige Grotte zu finden war, und auch was darin zu finden war. Ich versuchte alles, um diese Menschen von ihren Absichten abzuhalten, von Flehen bis Drohen, doch es war mir unmöglich.

Sie betraten die heilige Grotte und spielten eine Musik auf dem Phonographen; und wahrlich, ich traute meinen Augen kaum, sie konnten die Cratera erwecken, denn der heilige Gral, wie man ihn im Volksmund kennt, ist nichts weiter als ein Märchen, wo das Wort „Gral“, wie auch das Bildnis des Kelches doch eine Abwandlung von der „Cratera“ ist, der Brunnen, welcher uns Leben und Erleuchtung spendet, und wovon einige an den seligen Orten zu finden sind, wo die Lebenskraft dieser Welt hervortritt. Doch ebenso konnte diese Macht für das Teuflische pervertiert werden, und es ist diese Untat welcher diese Gruppe nachging, welche die Cratera des Montserrat schändete um deren noblen Quell an sich zu reissen. Noch im Spott riefen sie mir zu, sie würden nun zum gefallenen Engel hingehen, um den Luzifer selber zu beschwören. Und wahrhaftig, ein grosses Unheil kam über die Welt, welches mit dem ersten Weltkrieg begann, und sich über die folgenden Jahre von Krieg und Misere über unsere Welt legte, bis es nun endlich gebannt werden konnte.

Februar 1947

Wir haben uns mit all unserem Wissen und Können mit der Cratera auseinandergesetzt, doch es scheint, diese ist für immer verloren gegangen. Was wir auch versucht haben, wir konnten sie nicht wiederherstellen. Wir nehmen an, dass indem sie entweiht wurde, man alle Energie die daraus entsprang gestohlen hat. Unser heiliger Ort ist kein solcher mehr. In der heiligen Grotte bleibt übrig eine Narbe unserer Welt, und wir können uns allenfalls glücklich schätzen, dass die Wunde verschlossen werden konnte.

Auf diese ersten Einträge folgten andere, die über sonstige Belange der Abtei schrieben, bis ich zu einem der Letzten kam.

Oktober 1953

Vater Colmenarejo ist gestorben. Möge er in Frieden ruhen. Wir haben nur durch einen Brief aus La Seu d'Urgell, wo er die letzten Jahre als Eremit in den Bergen verbracht hatte, von seinem Ableben erfahren. Jeder wusste, welche Belastung seit damals auf ihm wog, und es ist erstaunlich, dass er überhaupt noch so lange unter uns weilen sollte. Ohne Vater Colmenarejo hätten wir das Unheil, welches seit 1914 über unserer Welt lag, nicht verbannen können, und er verdient unsere ewige Dankbarkeit dafür. Es schmerzt mir, dass der Name dieses Mannes, welcher unsere Welt zu bewahren half, fast gänzlich in Vergessenheit geraten soll, deshalb möchte ich ihn wenigstens in dieser Chronik erwähnt haben.

Viele, zu viele Akteure des Teufels walten unter uns, verstecken sich vor aller Augen, und suchen nur nach der Gelegenheit, unsere Welt erneut in solches höllisches Unheil zu stürzen. Möge der Herr uns gnädig sein, dass dies nie wieder geschehen soll.

Das Lesen dieser Chronik war wie ein grosser Schluck von Erkenntnis nach einer langen Dürre der Wissbegierde. Niemals hätte ich gedacht, dass das, was ich soeben gelesen hatte, mehr sei als eine blosse Phantasie, ein Hirngespinst, wenn ich zuvor nicht alles andere um diese Affaire erfahren hätte, ja gar erst die Bilder gesehen hätte, auf welchen sich zugetragen hatte, was mir nun die Chronik des Mönchs erläuterte.

Das Gesamtbild dessen, was sich in dieser damaligen Zeit zugetragen hatte, wovon ich der grausamen Aufzeichnung beigewohnt hatte, wurde langsam vollständig, doch ich wollte mich unter keinen Umständen zufrieden geben, ohne auch das letzte Kapitel erfahren zu haben, nämlich wie mit Hilfe von Vater Colmenarejo dieses Unheil wieder verbannt werden konnte. Und erneut, wie eine Spur von Brotkrumen, fand ich auch hier den weiterführenden Hinweis auf La Seu d'Urgell, einem Städtchen in den Pyrenäen, bekannt für seinen Bischofssitz. Ich begab mich wieder zurück in die Stadt, um Vorbereitungen zu Treffen für meine Weiterreise zu treffen, immerzu mit diesem seltsamen Gefühl in mir, beobachtet zu werden.

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