Es wird Zeit, Tabuthemen und Schwachstellen unserer eigenen Gesellschaft auszupacken und zu diskutieren. Und zwar sollte das geschehen, bevor wir irgendeine andere Kultur für deren Verhaltensregeln und Bräuche kritisieren. Wie heißt es so schön in unserer Religion:

"Wer frei von Sünde ist, der werfe den ersten Stein"

Wenn wir nur das Staubkern im Auge des anderen suchen, unseren eigenen Felsbrocken aber unbeachtet lassen, verlieren wir unsere Glaubwürdigkeit und machen uns lächerlich. Auch dürfte es uns dann nicht gelingen, die Mitglieder anderer Kulturen von unseren vermeintlich besseren, edleren und moralisch höherstehenden Werten zu überzeugen.

Man kann nicht über die Verwerflichkeit von Kinderehen sprechen und gleichzeitig in Urlaub fahren, um Kinder sexuell auszubeuten.

Man kann nicht darüber schimpfen, dass die Menschen in Afrika keine Kondome benützen und gleichzeitig von der Prostituierten oder Freundin verlangen, es ohne zu machen. Man kann sich nicht über Kleidungsstücke anderer Kulturen lächerlich machen oder sich echauffieren, ohne die Auswüchse unseres eigenen Aussehens zu erkennen. Man darf sich nicht über Grapschereien von Männern in der Kölner Sylvesternacht aufregen, ohne das Sexualverhalten unserer einheimischen Männer und Frauen im Ausland zu untersuchen und zu kritisieren.

Stillschweigende Billigung

Ein sehr wichtiges Thema, das in unserer Gesellschaft endlich behandelt und sanktioniert werden muss (und sei es nur dadurch, dass es von der öffentlichen Meinung endlich nicht mehr verharmlost und stillschweigend gebilligt wird) ist der Sextourismus. Und zwar nicht nur der Tourismus aus "pädophilen" Gründen, für den es bei uns (hoffentlich) überhaupt keine Akzeptanz gibt. Sondern auch der Tourismus zum Zwecke des Sex mit volljährigen Prostituierten, der bei uns anscheinend gesellschaftlich geduldet ist.

Es sind keinesfalls nur einige, wenige europäische Männer und Frauen, die sich auf Sexjagd in andere Länder (Thailand, Brasilien, Kenia z.B.) begeben. Es sind etwa 400.000 deutsche Männer und Frauen – nach den Briten und Amerikanern liegen die Deutschen an dritter Stelle) – die sich jedes Jahr allein nach Thailand begeben, um dort ihre unterdrückte und unbefriedigte Sexualität ungehindert ausleben zu können. Dazu kommen noch die Sextouristen aus umliegenden Ländern, die den größten Teil der Kunden ausmachen. Die genaue Zahl der Geschäftsleute, die mal nebenbei in ein Bordell gehen, wenn sie auf Reisen sind, oder all jene Urlauber, die sich vergnügen, ohne dass Sex vorher explizit eingeplant war, ist nicht genau bekannt.

Die Prostitution in Thailand wurde hauptsächlich durch chinesische Gastarbeiter importiert. In den 60ziger und 70ziger Jahren kamen dann die US-Soldaten, die sich in den sogenannten "Rest & Recreation Centern" auf ihren nächsten Einsatz vorbereiten sollten. Heute wird die Zahl der Prostituierten in Thailand auf über 2 Millionen geschätzt.

Gründe

Armut, fehlende Ausbildung, mangelnde Arbeitsplätze, keine beruflichen Alternativen, niedrige Löhne und nicht vorhandene soziale Absicherung sind die Hauptgründe für die steigende Zahl der Prostituierten. So erhöht sich die Zahl der sich prostituierenden Frauen und Männern in Schwellenländern und Ländern der dritten Welt parallel zu der Zunahme der Besucher.

Seit 1982 ist der Tourismus der Hautdevisenbringer Thailands (der Tourismus insgesamt, nicht nur der Sextourismus). In Folge dazu wird vom Staat auch das meiste Geld in den Tourismus investiert und nicht in den Ausbau anderer Erwerbsmöglichkeiten. So wird die Landbevölkerung immer ärmer und es kommt zur Landflucht in die Orte mit viel Tourismus und in die großen Städte.

Aus der sozialen Not heraus werden oft Kinder aus armen Regionen des Landes oder der Nachbarländer Myanmar, Kambodscha und Laos, von ihren Eltern an Schlepperbanden verkauft. Den Eltern werden dafür Ausbildungen für die Kinder und gute Arbeit versprochen.

Es gibt auch Drogenabhängige, die sich dadurch ihre Abhängigkeit finanzieren und Studenten, die es als lukrativen Nebenjob ansehen. Die Mehrzahl aber wird durch Armut dazu gezwungen, dieser Arbeit nachzugehen.

Prostitution ist verboten in Tailand, es wird aber nur gegen Kinderprostitution vorgegangen, da man natürlich nicht seine Haupteinkommensquelle verlieren will. Sogar bekannte Reisegesellschaften geben in ihren Broschüren auf den Hotelzimmern Tipps, wie die Gepflogenheiten im örtlichen Rotlichtmilieu sind!

Viele Sextouristen benützen keine Kondome, obwohl Stichproben gezeigt haben, dass schon 30%-90% der Prostituierten Tailand mit dem Virus HIV infiziert sind.

Im Video unten, in Tailand gedreht, geben die deutschen Sextouristen bereitgiebig Auskunft und finden gar nichts dabei, Frauen in prekären Lebenssituationen sexuell auzubeuten.

Im Gegenteil: Alle diese Touristen halten sich sogar für Wohltäter und behaupten, den Frauen mit ihrem Sex etwas Gutes zu tun.

Muss sich unsere verklemmte Gesellschaft unbedingt in fremden Ländern austoben und befriedigen?

Abschließend möchte ich sage: es mag sich bei der Prostitution vielleicht um das älteste Gewerbe der Welt handeln. Sicher aber auch um das mit der meisten Ausbeutung, die mit fortlaufender Globalisierung immer weiter ansteigt. Wer behauptet: "Das ist halt eine Einnahmequelle der Frauen (und Männer), sie könnten ja auch etwas anderes machen", erkennt nicht, dass diese meist keine andere Wahl haben, als ihren Körper zu vermarkten.

Das Stillschweigen über diese Art von Ausbeutung muss endlich ein Ende haben. Männer und Frauen, die sich auf derartige Reisen machen, müssen fühlen, dass ihr Verhalten keineswegs akzeptiert wird. Es reicht ja schon, wenn sie die Prostituierten in unseren Landen besuchen. Die haben wenigstens oft Krankenversicherung, Frauen in Drittländern nicht.

Schaut Euch den Film an und bildet Euch Eure eigene Meinung.

Oder seht Euch den Film: Paradies-Liebe (2012) von Ulrich Seidl an. http://www.imdb.com/title/tt1403214/

http://www.endslaverynow.org/blog/articles/history-of-prostitution-and-sex-trafficking-in-thailand

https://www.ijm.org/where-we-work/thailand

http://www.gaatw.org/Collateral%20Damage_Final/CollateralDamage_THAILAND.pdf

https://www.youtube.com/watch?v=JeAnKEtOXC0

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