Mit emphatischer Nüchternheit tönt von beinahe allen Seiten die Leier, noch dümmer als die Religion mache nur die Esoterik, und alle Seiten, die mit anderen Tönen aufwarten, geben sich alle Mühe, jener Schmäh zu bestätigen. Beinahe, wenn nicht überhaupt nirgends indes wagt man es noch straflos, anstatt der Fantasie die Politik als solche zum Teufel zu wünschen. Liebe und Hass, Romantik und Groll, Größenwahn und Kleinlichkeit, Nihilismus und Moral: Sämtlich manifestiert sich, was uns begeistern könnte, ausschließlich im Zeichen des Affenfelsens. Derweil die Fahnen wehen, die Trommeln rollen, nach Blut dürstende Kehlen sich im Namen des vermeintlich Guten heiser brüllen und von verstümmelten Seelen behauste Leiber zu Volkskörpern entarten, sammeln sich an der Grenze zur Anderswelt kriechende Schatten; hungrige Geister, angelockt von der Leere, die die Götter hinterlassen haben.

Nun sind es vorrangig die Wahnsinnigen, die Kranken und die Sterbenden, die von unserer Seite aus die Grenze überschreiten. Kehren sie zurück, bringen sie Dinge mit, die sie für ihre Freunde und Führer halten, oder Botschaften, die ihnen süßer und weiser als alles je zuvor Vernommene erscheinen, während sie ihren Verstand auflösen. Diese giftigen Mitbringsel sind es, auf denen gründet, was heutzutage Esoterik sein will. Die Religionen? Sind tot, sind gänzlich Politik geworden. Kein Geist mag sie mehr befeuern, abgesehen vom Ungeist des Affenfelsens, und dieser im Kerne erzsäkulare Ungeist wütet umso verheerender, je frömmer sich eine Religionsgemeinschaft gibt.

Wo stehen wir? Wir standen halb hier und halb dort, furchtsame Diener jener, die von der anderen Seite kamen, und mehr noch als vor den Göttern zitterten wir vor deren Priestern. Wir nahmen den Kampf auf und rissen uns frei, doch der Schrecken der Anderen blieb bei uns, nahm in uns neue, weltliche Gestalt an und trieb schlimmere Blüten als je zuvor, derweil die vom Affenfelsen abgewandte Seite unseres Bewusstseins verödete und verblödete. Langfristig blieben wir Knechte, Knechte der Begierde, der Abscheu, der Hysterie und vieler anderer Herren; Knechte freilich, die sich trefflich darauf verstanden, ihre Knechtschaft nicht nur logisch zu begründen, sondern jeden weiteren Ruf nach Emanzipation entweder in Häme zu ersticken oder ins Lächerliche zu wenden. Diese freiwillige, sich höhnisch selbst rechtfertigende Knechtschaft mit all den eitlen ideologischen Blüten, die sie treibt, ist gemeinhin als gesunder Menschenverstand bekannt. Wo auch immer wir stehen, stehen wir in ihr.

Eine Grenze, die ursprünglich durchlässig war, lässt sich nicht dauerhaft hermetisch verschließen. Was unauffällig ein- und aussickern würde, staut sich nun so lange, bis die Mauer bricht, und jedes Mal, wenn sie bricht, fegt ein fiebriger Sturm über uns hinweg, der unaufhaltsam ganze Zivilisationen verschlingt. Es ist Wahnsinn, die Grenze zu überschreiten, aber Irrsinn, zu warten, bis der Druck so groß wird, dass ausgerechnet jene von der anderen Seite durchbrechen, deren Appetit nicht von Liebe oder Ehrfurcht, sondern von Angst angeregt wird.

Es wird höchste Zeit, Druck abzulassen. Wenn die Sterne wieder Gesichter, die Bäume wieder Stimmen haben und die Elemente wieder Gestalt annehmen, wenn die Fantasie nicht mehr als Sammelsurium triebhaft motivierter Trugbilder verschrien, sondern wieder als der Vorhof zur Anderswelt anerkannt wird, der sie immer schon war, wenn kleine und große Kinder wieder ohne schlechtes Gewissen mit unsichtbaren Freunden spielen können, anstatt sich vor scheußlichen Angstfressern unter der Decke verstecken zu müssen, wenn der phallische Götze endlich fällt, der den Blick vom Affenfelsen zum Feenhain blockiert, dann öffnen sich neue Wege zur Menschwerdung, zur Befreiung des Geistes aus dem Kerker, der früher einmal Schutzbunker war: dem vorgeblich gesunden Menschenverstand.

Pioniere vor!

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robby

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berridraun

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