Bevor Sie, lieber Leser und liebe Leserin, diesen Text anfangen zu lesen, möchte ich etwas vorab klären: ich habe diesen Titel für meinen Text deshalb ausgesucht, weil ich damit die Verbreitung einer Geisteshaltung ausdrücken wollte. Mit „Flöte“ meine ich weder ein Geschlechtsorgan, noch einen sexuellen Akt und auch nicht irgendwelche sexistischen Inhalte. In Zeiten der hysterischen Jagd nach Sexismus, Sexisten und Ähnliches, will ich nicht Opfer von einer digitalen Lynchjustiz sein, deshalb will ich das, was ich mit diesem Titel meine, am Anfang schon offen kommunizieren.

Jetzt komme ich zu dem Thema, mit dem sich dieser Text beschäftigt: Wegen eines Tweets wurde Nationalratsabgeordneter Herr Dönmez Anfang September vom ÖVP-Klub ausgeschlossen und wird mit einem freien Mandat seine Funktion als Nationalratsabgeordneter weiterhin ausüben. Nach dem sich in Social-Media Kanälen die allgemeine Meinung im Eiltempo darüber gebildet hat, dass mit diesem Tweet ein sexueller Akt gemeint war, hat man auch übermütige „Analysen“ über die Person des Herrn Abg.z.NR Dönmez lesen dürfen, die „Analyse“ kam etwa vom Herrn Thomas Schmidinger, ich teile diese "Analyse" hier als Link um Ihnen die Möglichkeit zu geben, diese "Analyse" in ihrer Originalform zu lesen: https://www.facebook.com/Thomas.Schmidinger/posts/10156336185899457?__xts__[0]=68.ARDrnX9tUtMWmNYz_oC8U2uvGzAMnDcCYa6_TeEg2fhG-O9mWl5B5yK9tOCBpvmRdLHtcjHkVULlvsSg4ECKSHyQBZP8H7dV2c0fHgxmGPLgtDl9VICePIrHkLBrVir2EtzVcIxlcDmWGQ4Q-WK1UHnu0rfZHjRRcXe6Vzl2KQxHuIW1lxH8y-Q&__tn__=C-R

Ich möchte mich nun mit dieser gewagten „Analyse“ kritisch auseinandersetzen. Es geht dabei nicht um die Person des Verfassers dieser „Analyse“, sondern um den Inhalt. Gerade jetzt, nachdem die Öffentlichkeit mit dem Buch von Frau Susanne Wiesinger darüber informiert wurde, wie schlecht es mit der Integration der Kinder aus muslimischen Kreisen ausschaut, und wie gefangen diese Kinder in der Welt der Religion, religiöser Identitätspolitik und des Zwangs, ihrer Eltern sowie vermeintlicher Vertreterorganisationen sind, möchte ich erklären, warum diese "Analyse" ein weiterer Schritt in die falsche Richtung ist.

Als erstes fällt auf, dass bei dieser "Analyse" primär nicht um den Inhalt des Tweets geht, sondern darum, dass Herr Abg.z.NR als Person, als Migrant darin beschrieben wird. Die Grenzen dieser "Analyse", wie so vieler anderer Interpretationen, stecken in der subjektiven Wahrnehmung, der eigenen Betrachtungsweise der Dinge und möglicherweise in der Ideologie, die vom Verfasser vertreten wird.

Herr Schmidinger beschreibt hier ein Bild von einem Migranten, welches so ziemlich mit den Vorurteilen der Rechtsextremisten übereinstimmt: der männliche Migrant sei ein selbstbewusster Macho, der nicht weiß, wo er was sagen darf, das habe er nie richtig gelernt. Herr Schmidinger geht sogar so weit, dass er meint „toxische Männlichkeit“ sei bei diesem Migranten karrierefördernd gewesen, so dass es sogar bis zum Nationalrat gereicht hat. Aus Erfahrung wissen die männlichen Migranten, speziell Migranten aus muslimischen Kreisen, dass eher das Gegenteil der Fall ist, und dass man als männlicher Migrant oft gegen das Vorurteil kämpft, man sei aggressiv, frauenverachtend, sexistisch etc. Man kann vom Tweet des Herrn Abg.z.NR Dönmez halten was man will, aber im Grunde genommen, ist es nicht klar, was mit diesem Tweet gemeint war.

Laut Erklärungen des Herrn Abgeordneten gehe es bei diesem Tweet um ganz etwas anderes als Oralsex. Ich wüsste nicht, warum wir unbedingt daran glauben müssen, dass er lügt. Man kann höchstens vermuten, dass er Oralsex damit gemeint hat aber wo ist der Beweis dafür? Der Beweis dafür ist wahrscheinlich, dass wir glauben, wir wüssten besser als er, was er denkt. Aber warum denken wir das? Weil er ein Mann ist? Weil er ein muslimischer Mann ist? Ein Macho-Migrant? Genau das sind solche Vorurteile, gegen die die Migranten oft zu kämpfen haben. Herr Dönmez schrieb, das war "ein Moment der Schwäche", aber es war vielleicht auch für jene ein Moment der Schwäche, die ihn nach einem Vorurteil bewertet und vorschnell ein Urteil über ihn und seine Tat gefällt haben. Eigenartigerweise empfanden hauptsächlich jene viel Freude daran, die von sich behaupten, sie würden gegen solche Vorurteile kämpfen.

„Er ist doch eben nicht nur der abgeschleckte Macho-Selbstdarsteller, sondern auch das Migrantenkind aus der Unterschicht, der sich durch geschickte Anpassung und Gefallsucht nach Oben gearbeitet hat“ schreibt Herr Schmidinger und bezeichnet Herrn Abg.z.NR. Dönmez sogar als „Kasperl“, „Hofnarr“, als „Haustier“ der Oberschicht, und die Oberschicht sei nun darauf gekommen, dass dieses Haustier doch nicht „stubenrein war“.

Ehrlich gesagt, das klingt nicht nach einer Analyse einer wissenschaftlich tätigen Person. Für mich klingt das alles nach einem Mann, der selbst mit „toxischen“ Mitteln versucht, ein Bild von einem anderen Menschen zu skizzieren, das viel mehr seinen subjektiven Vorstellungen von einem Migranten entspricht, der es tatsächlich geschafft hat, als Nationalratsabgeordneter gewählt zu werden und nun nicht nur in Meiden, sondern auch im österreichischen Parlament wichtige Themen anspricht. Und mit wichtigen Themen meine ich vor allem den politischen Islam, Radikalisierung, Fundamentalismus und Verbindungen der meist linken Bewegungen zu erzkonservativen Einzelpersonen sowie Organisationen aus muslimischen Kreisen.

Die Beschreibung des Herrn Schmidinger vom Herr Abg.z.NR erinnert auch an Ideen der Konservativen innerhalb der muslimischen Kreisen, die Identitätspolitik betreiben und die anhand der Religion und der ethnischen Zugehörigkeit zu erkennenden Unterschiede zwischen Nicht-Moslem und Moslem, zwischen Inländer und Ausländer, zwischen Migrant und Nicht-Migrant dazu benutzen, um sich selbst und andere bewertend zu kategorisieren. Es wird unter Konservativen aus muslimischen Kreisen auch abwertender Weise definiert, was als „westlich“ gelten soll. Dasselbe beobachtet man nun auch vermehrt unter europäischen Linken. Im Falle des Herrn Abg.z.NR. Dönmez ist seine säkulare Einstellung so wie bei allen anderen Personen aus muslimischen Kreisen ein Indiz für seinen „Verrat“ an seinem Migranten-Dasein. Wie kann sich der Migrant anmaßen, nicht mit Symbolen seiner Religion aufzutreten, wie kann sich ein Migrant anmaßen, gegen islamische Kindergärten zu sein, wie kann sich ein Migrant anmaßen, gegen Verschleierung zu sein? Natürlich, der muss ein Hausmuslim, Hausmigrant, ein Haustier sein!

Ich frage mich nun, wie kann sich der Nicht-Migrant anmaßen, der angeblich tolerant ist, eine Person zu verpflichten, seinem eigenen subjektiven Bild von „Migrant“ zu entsprechen? Wie kann ein Mensch sich anmaßen, zu wissen, die eigene Vorstellung vom Begriff „Migrant“ oder vom Begriff „Muslim“ die allgemein gültige ist? Es ist glaube ich an der Zeit, dass wir klar und deutlich Folgendes sagen: Religion Islam, Moslem-Sein ist nicht der Naturzustand der Menschen, die aus muslimischen Kreisen oder Ländern stammen. Eine Religion ist niemals der Naturzustand eines Menschen, die wird einem beigebracht, es wird den Menschen beigebracht ein Teil einer Religion zu sein und nicht alle Inhalte, Elemente und Rituale der Religionen sind kompatibel mit Werten wie Demokratie, Menschenrechte und Meinungsfreiheit. Und dass Menschen sich für westliche oder als "westlich" definierte Werte (ob es zutrifft oder nicht) entscheiden, macht sie nicht zu bösen Menschen oder zu VerräterInnen, weil sie aus muslimischen Kreisen stammen. Es ist ok.

Nur diese Ansicht passt nicht mehr in die Gedankenwelt vieler Linken im Westen. Und was das Ergebnis von verrückter grenzenloser "Toleranz" ist beschreibt uns Frau Wiesinger in ihrem Buch. Gerade solche "Analysen", die säkulare, liberale Muslime demütigend beschreiben, geben Kindern, der heranwachsenden Generation das Gefühl, wenn sie versuchen aus dem Gefängnis, in dem sie leben, rauszukommen, dann erwarte sie eine Welt, die sie als "nicht-typische" Muslime nicht akzeptieren wird und das nicht will. Ich schreibe "nicht-typisch" unter Anführungszeichen, weil das, was als typisch gilt die konservative Art der Auslegung und Interpretation dieser Religion ist. Es gibt ja schliesslich auch Muslime, die sich nicht an Geschlechtertrennung halten und gemeinsam beten, sowie jene, die auf den Koran zeigen und sagen, Verschleierung sei nicht Teil des Islam, weil nichts darüber im Koran stehe. Und es gibt natürlich Atheisten und Agnostiker, die aus muslimischen Kreisen, Familien stammen, und die fühlen sich nicht dazu verpflichtet, Gebote oder Verbote des Islam einzuhalten. Warum denn auch wenn sie Atheisten und Agnostiker sind? Diese Menschen vergisst man gerne.

Warum ist es so wichtig, dass wir verstehen, wie absurd und gefährlich es ist, daran zu glauben, die eigene Vorstellung davon, wie ein Migrant, Moslem, wie eine Migrantin, Muslimin zu sein hat, sei richtig ? Weil man damit den Kindern ihr Leben, ihre Zukunft zerstört. Kinder glauben, sie müssten unseren, den Vorstellungen, Definitionen, Ideologien der Erwachsenen entsprechend denken, leben und sich kleiden.

Tatsächlich herrscht derzeit bei westlichen Linken, die Meinung, dass ein nicht gläubiger oder säkularer Migrant kein echter Migrant sei und alles was er tut deshalb tue, um seinem „Hausherrn“ zu gefallen. Tatsächlich ist es so, dass auch Frauen, Feministinnen aus muslimischen Kreisen, die religionskritisch sind und auch die Gefahr des politischen Islam erkennen und auch deren Verbündete im Westen kritisieren oft mit Angriffen unterschiedlicher Art rechnen müssen und mundtot gemacht werden. Und dahinter verbirgt sich die Krise, die die Linke im Westen durchmachen. Und aufgrund dieser Krise werden säkulare Menschen wie Herr Abg.z.NR Dönmez von Linken als "Haustier", "Hausmuslim", "Hausmigrant", "Haustürke" beschimpft und so wird versucht solche Menschen aus der politischen Landschaft zu eliminieren. Das ist die Strategie der Linken im Westen, die selbst nicht mehr zu ihren eigenen Werten stehen bzw. diese womöglich nie richtig gelernt haben. Und es wird von Tag zu Tag schwieriger, daran zu glauben, dass solche in der Lage wären, die Probleme unserer Zeit zu lösen.

Menschen das individuelle Recht und die Fähigkeit abzusprechen, wer oder was sie sein möchten und können (denn die Einstellung „Migrant bleibt Migrant“ suggeriert genau das) und dass Religion ähnlich wie während der NS-Zeit heute von reaktionären selbsternannten VertreterInnen der MuslimInnen mit „Rasse“ und Hautfarbe gleichgesetzt wird, zeigt dass manche wegweisende VordenkerInnen mit ihren identitätspolitischen Einstellungen eine noch damals als progressiv geltende politische Klasse in den Abgrund einer primitiven Ideenwelt führen. So wie der Rattenfänger die Masse mit der Musik, die er mit seiner Flöte spielt, in den Tod treibt, treiben die religiöse Identitätspolitik sowie Kulturrelativismus und der Hass gegenüber Säkulare aus muslimischen Kreisen, die Menschen in Europa in eine Richtung, wo auch der politische Islam zu finden ist.

Wenn man sieht, dass digitale Lynch-Kampagnen gegen Säkulare aus muslimischen Kreisen von PolitikerInnen und politischen Gruppierungen gefeiert werden, denen Verbindungen zu eigenartigen Kreisen und Einzelpersonen in Medien nachgesagt werden und dass die Beschreibungen von Frau Wiesinger über fatale Zustände in den Schulen von selben Leuten einfach ignoriert werden, dann macht es einem schwer zu glauben, dass irgendwann eine Kehrtwende bei den damals noch als progressiv geltenden Kräften in Europa möglich sein wird.

https://www.semiosis.at/2017/09/12/um-gottes-willen-human-relief-im-dunstkreis-der-muslimbruederschaft/

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