Einer nach dem anderen fällt um und ins Lager der politischen Korrektheit. In meinem direkten Umkreis gibt es nun so gut wie niemanden mehr, mit dem ich politischen Klartext reden könnte. Die meiste Zeit schweige ich, aber ab und zu mache ich einen Einwurf, nur um festzustellen, wie elektrisiert die vom Korrektheitsvirus Befallenen reagieren. Manche haben sich pikiert von mir zurückgezogen, obwohl - ein sonderlicher Inspirationsgewinn waren sie ohnedies nie und somit kein Grund, sich über den Verlust zu grämen. Ich spüre, wie das weltanschauliche Mieder enger wird, wie ich weniger offen ausspreche, was ich denke und immer häufiger schweige.

Ich sehe, was die anderen nicht sehen. Vor allem, wie sie in einem stinkenden Strom der Selbstgerechtigkeit auf ihrer mentalen Luftmatratze dahintreiben. Darüberhinaus wähnen sie sich "gesellschaftskritisch", doch was sie kritisieren ist müßig: Der Katholizismus ist überwunden, die Nazizeit passé, Gott ist tot und die Toleranz soweit fortgeschritten, dass es eigentlich nichts mehr gibt, was noch deren ausdrücklichen Schutzes bedürfte. Der Feind hingegen ist ausgemacht. Es ist der Zeitgeistkritiker, der dreiste Mainstreamgegner, der Antikollektivist, derjenige, der auf individuelle Freiheit pocht und Gefahren sieht, welche der Laisser-faire der brunstfrommen Buonisti (Gutmenschen) nach sich ziehen wird.

Die Huldigung des Pöbels und alienierter Fellachen ist nicht nur eine üppige Mediengeburt, sondern auch Zeugungsgegenstand einer rückgrat- und profillosen Politik. Dass ausgerechnet jene, die sich heute als Gesellschaftskritiker aufspielen, Medien und Politik die Steigbügel halten, um ein exklusives wie restriktives Gesinnungsgebilde zu stützen, das weder intellektuell verlässlich noch moralisch schlüssig ist. mündet in dem fatalen Missverständnis einer sich progressiv dünkenden After-Revolution. Tatsächlich ist Letztere eine Nachgeburt von aussterbenden, progressistischen 68-er Mumien, denen es an einer historischen Vision gebricht und die Gesellschaftskritik ausschließlich als Kapitalismuskritik verstehen. Geistig, intellektuell und mental vollkommen ermattet lehren sie dennoch engagiert in den von kulturmarxistischen Morphinen ramponierten Universitäten. Manche, nennen wir sie "von ihrem affektiven Antirassismus gelähmte Linke, konnten sich in die Zitadellen der Medien flüchten, von wo aus sie alles Nichtlinke verfluchten" (Michel Houellebecq). Ein ranziger Aktionismus, der den Kampf der Untoten gegen das Lebendige dokumentiert.

Diese radikale Verfallsmixtur schuf auch einen Politikertypus, der aufgrund seiner atrophen Handlungspotenz und moralistischen Dämlichkeit zum idealen, den Begriff des Humanismus verkörpernden Staatsmann und großartigen Friedensstifter promovierte. Ohne Namen nennen zu wollen, wird es nicht schwer fallen, den Chor der Guten und Gerechten des geheiligten und pathsobesoffenen Nichthandlungsprinzips Revue passieren zu lassen.

In diesem Shitkreis einer verelenden Geisteskultur zu überleben, stellt in der Tat eine Herausforderung dar, die ich wohl nur per Rückzug bewältigen werde können. Hoffend, dass mich die Ausläufer dieses lausigen Kulturschrumpfes nicht aufspüren werden.

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invalidenturm

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Claudia Braunstein

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