Urlaub ohne Kinder vs. Urlaub mit Kindern

Ohne Kinder - Ich bin mit meiner Frau in Thailand. Wir haben ein kleines Häuschen am Strand von Haad Salad Beach auf Koh Phangan. Am späten Nachmittag möchte meine Frau sich massieren lassen. Ich bleibe lieber auf dem Balkon (mit Meeresblick) und lese und döse in der Hängematte. Ich genieße die Abendsonne bei einem leckeren Mango Lassi. Nach anderthalb Stunde kommt meine Frau beseelt und entspannt von der Massage zurück. Wir küssen uns leidenschaftlich und machen Liebe auf dem Kingsize Bett im klimatisierten Schlafzimmer. Danach gehen wir zu einem wunderschönen Candle-Light Dinner an den Strand. Wir unterhalten uns angeregt bis in die Nacht und lernen ein nettes Paar aus Frankreich kennen. Danach gehen wir zurück in unser Häuschen und machen wieder leidenschaftlich Liebe. So geht das drei Wochen lang.

Mit Kindern - Als meine Frau und ich mit der zweiundhalbjährigen Marlene und dem fünf Monate alten Oskar vom Pool kommen und die Tür zu unserem Häuschen aufmachen, sieht meine Frau, wie eine fette Mücke zur Tür hereinfliegt.

„Scheiße“, ruft sie laut.

„Ja, Scheiße“, sage ich und will meiner Frau automatisch die Schuld geben.

„Kann ich trotzdem gehen?“, fragt sie fast flehend.

Sie möchte sich gerne massieren lassen. Einen Moment lang bin ich versucht, Nein zu sagen, mit der Begründung, dass es wegen der Kinder einfach nicht ginge. Eine Stunde allein mit beiden Kindern, und dann noch diese Mücke, das schaffe ich nicht.

„Dann geh schnell“, sage ich gnädig, obwohl eine einstündige Massage durch diese Formulierung nicht weniger lang dauert.

Keine Minute später ist meine Frau weg. Ich lege Oskar auf dem Kingsize Bett ab und breite das von der Decke hängende Mückennetz über ihm aus. Marlene wird auf das Extrabett (ohne Mückenschutz) verfrachtet und mit einem Handy versorgt. Über Youtube mache ich Peppa Wutz Videos an und danke gleichzeitig Gott dafür, dass wir W-Lan haben. Marlene legt sich dankbar auf’s Bett und schaut zufrieden Peppa Wutz. Läuft, denke ich. Oskar jammert ein bisschen, aber nicht so sehr, dass er sofort meine ungeteilte Aufmerksamkeit braucht.

Ich schnappe mir ein Handtuch und mache mich auf die Suche nach der bösen, vermutlich einen tödlichen Virus in sich tragenden Mücke. Ich entdecke sie irgendwann an der Deckenwand und steige auf einen Beistelltisch. Gerade, als ich mit dem Handtuch ausholen will, macht Marlene sich lauthals bemerkbar.

„Es geht nicht“, schreit sie völlig verzweifelt.

Ich verliere die Mücke aus den Augen und steige zu Marlene hinab. Peppa Wutz wurde von Werbung unterbrochen und Marlene sieht kein Peppa Wutz mehr. Klar, dass sie da sofort die Nerven verliert. Ich drücke auf ‚Werbung überspringen’ und Marlene kann weiter Peppa Wutz gucken.

„Du musst einfach warten“, erkläre ich ihr geduldig, „dann geht es automatisch weiter.“

Aber Marlene hört schon gar nicht mehr hin, sie ist schon wieder in ihrer Peppa Wutz Welt.

Als ich mich gerade wieder auf die Jagd nach der Mücke machen will, schreit Oskar plötzlich auf. Sein Schnuller ist ihm aus dem Mund gefallen, er hat sich gedreht und jetzt liegt er mit dem Gesicht auf dem Ding. Ich schlage das Mückennetz zurück und krieche zu Oskar. Ich versuche ihn zu beruhigen, aber er jammert immer lauter. Wenn ich ihm den Schnuller in den Mund stecke, spuckt er ihn sofort wieder aus und schreit.

„Es geht nicht“, schreit Marlene plötzlich wieder.

„Du musst einfach warten“, schreie ich zurück, um Oskar zu übertönen.

„Es geht nicht“, schreit Marlene jetzt noch verzweifelter.

„Einfach warten. Einfach warten“, brülle ich. „Nichts drücken.“

Ich stopfe Oskar den Schnuller zum hundertsten Mal in den Mund, und tatsächlich, diesmal behält er ihn im Mund. Ich nutze die Zeit, um Youtube und deren Werbeunterbrechungen lauthals zu verfluchen und Marlene nutzt die Zeit, um wie irre auf dem Touch-Display meines Handys herumzudrücken, wohl in der Hoffnung, dass dieser blinde Aktionismus Peppa Wutz wieder ans Laufen kriegt.

„Du musst einfach warten“, schreie ich mit kaum unterdrückter Wut. „Nicht darauf rumdrücken!“

Ich steige wieder vom Bett und gehe zu Marlene. Ich nehme ihr das Handy weg, was sie augenblicklich tobsüchtig werden lässt. Sie dreht sich um, vergräbt ihren kleinen Kopf und schreit ins Kissen, dann dreht sie sich wieder um und schlägt nach mir aus. Ich kann ihre kleine Faust gerade noch abwehren.

„Ich mach doch nur die Werbung weg, verdammt!“

Da schreit Oskar wieder los. Ich reiche Marlene das Handy, die es mir sofort aus den Händen reißt. In ihren Augen ist aber keine Dankbarkeit, sondern nur Hass und Ablehnung. Für sie, das wird klar, bin ich ein Tyrann, Versager und Idiot.

Wie dem auch sei, ich krieche zurück zu Oskar auf das Bett und versuche erneut ihn zu beruhigen. An die umher schwirrende Mücke denke ich schon gar nicht mehr. Ich streichle und herze Oskar, und als ich ihn hochhebe, verstummt er kurz und schaut mich selig an. Mein Anblick beruhigt ihn, denke ich stolz. Dann ertönt plötzlich eine abruptes Donnergrollen, welches jedoch nicht von draußen, sondern aus Oskars Windel zu mir ans Ohr dringt. Oskar schaut mich mit großen Augen erleichtert an. Für ungefähr acht Nanosekunden. Dann schreit er wieder.

„Es geht nicht“, schreit Marlene schon wieder, und ich brauche nicht lange, um zu reagieren.

„Einfach warten“, brülle ich wie ein wild gewordener Stier. „Einfach warten, verdammte Scheiße!“

Ich klettere wieder aus dem Kingsize Bett, regle die Sache mit Marlenes Handy und hole das Wickelzeug. Ich klettere wieder unter den Baldachin des Mückenabwehrschirms und beginne damit, den immer noch schreienden Oskar zu wickeln. Wie ich so über ihn gebeugt bin, merke ich, wie der Schweiß auf meiner Stirn in Oskars Augen tröpfelt, was ihn geradezu rasend macht. Ich stopfe ihm den heraus gefallenen Schnuller wieder in den Mund. Ich zeige ihm dabei keine Liebe. Er nuckelt kurz dran, dann spuckt er ihn wieder aus. Das geht ungefähr zehn Mal so. Dann, endlich, wird er ruhiger und ruhiger und behält den Schnuller friedlich saugend im Mund. Langsam werden seine Äuglein müde, die Lider senken sich auf Halbmast, dann gehen sie allmählich ganz zu. Er schläft ein und es fühlt sich wie ein Sieg an. Erschöpft lege ich mich neben ihn und schaue zu Marlene herüber, die mit großen Augen ins Handy stiert.

Dann sehe ich die Mücke. Ich sehe, wie sie sich meiner Tochter nähert und schließlich auf ihrem Hals landet. Mit meinem scharfen Blick kann ich förmlich erkennen, wie sie Stechborsten und Saugröhre in Position bringt und zum Stich ansetzt.

„Es geht nicht“, ruft Marlene plötzlich und meint das Handy.

„Einfach warten“, erwidere ich in völliger Resignation. „Einfach warten!“

„Nicht bewegen“, füge ich kurz darauf hinzu.

pixabay

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