Zwischen zwei Zyklen - Kapitel 3: Schallers Stunde

Twas mercy brought me from my Pagan land, Taught my benighted soul to understand

Phyllis Wheatley, Sklavin

Mir ist wichtig im Leben das ich 2 Kinder, 1 Mann und 1 Haustier habe. Mein schönster Moment war auf der Holzachterbahn und mein schlimmster auf dem Megacoaster. Ich stelle mir mein leben in 15 Jahren so vor: „Ich arbeite im Büro, habe eine Famillie und ein Haus und besitze nicht zu viel Geld aber auch nicht zu wenig.“ Mein leben jetzt ist einsam ich fühle mich überall nicht wohl. Manche sehen und hören mich nicht. Ich bin wie Luft für die meisten. Manche denken auch ich hätte keine gefühle. Bis heute war ich als einzige Schulkind in der Familie (also die mit denen ich im Haus zusammen lebe). Ich hatte viele tolle erlebnisse, z.b. in Russland: dort war ich im Zoo; auf einer Delfinshow; 5-mal im Zirkus und war 1 Monat bei meiner Tante und habe bei ihr gelebt. Dann hir in Deutschland: Ich war auf einem Kamel; ich habe ein Trick gesehen wo ein Zauberer mir in die Hand ein Stück Papier gelegt hat und es angezündet hat dan gelöscht und gesagt mich soll die hand zu drücken und sagen: „Was dir gehörte, ist jetzt meins.“ und dann die Hand öffnen dann war dort 50Euro. Ich bin mal im Zirkus aufgetreten.

Juliana S., 7. Klasse

*

„Na dann wollen wir mal, Herr Wagner!“

Peter Schaller erhob sich aus seinem Bürosessel. Er schulterte seine Schultasche und lief einmal um Niklas Wagner herum um durch die Tür zu gehen. Der Referendar ging ein paar Schritte hinter ihm her, auch im Flur behielt er diese Distanz bei. Ob aus Unsicherheit oder weil der Flur recht eng war konnte Schaller nicht sagen. Das Gefühl, eine Klette am Bein zu haben stellte sich trotzdem ein. Dabei war Niklas Wagner ein recht angenehmer Zeitgenosse. Er war nicht von dieser übertriebenen Selbstsicherheit, die angehende Referendare gelegentlich an den Tag legten um die eigentliche Unsicherheit zu kaschieren. Er schien aber auch nicht dieser demütig-devote Typ zu sein, der seinem Ausbildungslehrer jedes Wort von den Lippen las, als sei es das Nonplusultra der didaktischen Gelehrsamkeit. Level-headed, war das englische Wort, das Schaller einfiel um Niklas Wagner zu beschreiben.

Sie mussten in den ersten Stock. Dort saß der Leistungskurs der Q1. Der Kurs setzte sich aus zwanzig Schülern zusammen, dreizehn Mädchen und sieben Jungs. Als Schaller mit Niklas Wagner im Schlepptau durch die Tür trat, kamen prompt die zu erwartenden Reaktionen: Schaller selbst löste nur eine kaum merkliche, unterschwellig resignierende Gemütsregung aus, aber der Anblick seines Gastes ließ fast alle Schüler teils neugierig, teils belustigt dreinblicken. Neugier deshalb, weil der Alltag, der größte Feind aller Schüler, durch die Präsenz des Referendars durchbrochen war. Man konnte die sich formenden Fragen in den Gesichtern der Schüler lesen: Wer ist das? Was macht er hier? Diese Neugier war das größte Kapital eines Referendars, es erzeugte die nötige Spannung für den anstehenden eigenen Unterricht. Diese Spannung jedoch aufrecht zu erhalten, das schafften nur die wenigsten Referendare. Die Belustigung wiederum entstand deshalb, weil Schaller und Niklas Wagner ein ungleiches Gespann abgaben: Schaller war klein und untersetzt von Statur, Wagner sehr groß und eher hager.

„Guck ma, der hat ja riesige Ohren!“, flüsterte Robin bewusst hörbar laut.

Niklas Wagner quittierte diese Bemerkung mit einem Lächeln, das irgendwo zwischen souverän und verlegen lag. Schaller ignorierte den Kommentar. Es gab immer Schüler, die sofort herauszufinden versuchten, wo die Schwachpunkte der Lehrer, wo sie verletzlich waren. Robin war genau so ein Schüler. Es waren auch fast immer die leistungsschwachen Schüler, die selbst ein Problem mit sich aushandelten. Robin war genau so ein Schüler.

Als Schaller und Wagner das Pult erreicht hatten, baute Schaller sich selbstbewusst vor der Lerngruppe auf, Wagner stellte sich in den Hintergrund. Sie hatten vorher nicht abgesprochen, ob Niklas Wagner sich vorstellen sollte, doch Schaller hielt es für geboten, den Gast nicht ohne Einführung auf einen der hinteren Plätze zu verweisen.

„Ich habe heute jemanden mitgebracht, der sich euch kurz vorstellen möchte“, sagte Schaller auf Deutsch, da er mit dem eigentlichen Unterricht ja noch nicht begonnen hatte, und räumte seinen Platz.

Jetzt trat der Referendar hervor, stellte sich mittig in den Raum, machte eine Kunstpause, die nicht einstudiert sondern authentisch wirkte und die tatsächlich alle Schüler zum Schweigen brachte und aufblicken ließ. Niklas Wagner, so ungelenk er mit seiner Größe auch wirkte, besaß offenbar eine natürliche Präsenz, eine ihm dienliche Aura. Nicht selbstverständlich für einen jungen Mann mit seinem Aussehen.

„Good morning, everybody. I don’t want to waste much of your time, so let me introduce myself briefly. My name is Mister Wagner and I’m an intern at this school. I’ll be sitting in the back of your class for quite a while and if Mr. Schaller allows it, I will teach you as well.“

Aufgrund der nicht-rhotischen Aussprachevariante und der Betonungen einzelner Wörter in dem kurzen Monolog vermutete Schaller einen australischen Hintergrund. Vielleicht hatte Niklas Wagner ein paar Semester in Australien verbracht oder dort work&travel gemacht. Vielleicht hatte er auch Familie in Australien. Sein Englisch klang jedenfalls sehr authentisch, was Schaller sogleich ein wenig einschüchterte. Er beschrieb Englisch stets als sein ‚schwächeres Fach’, das er neben Germanistik nur deshalb gewählt hatte, weil die Studienberaterin ihm damals dazu geraten hatte. Außerdem stand zu seiner Studienzeit noch das Schreiben im Vordergrund. Schaller besaß ein großes, nahezu enzyklopädisches Vokabular und konnte geschliffene Analysen auf Englisch zu Papier bringen, aber wenn er sprach, dann machte er Fehler und sein thick German accent klang immer durch. Dass die nachwachsende Generation häufig ein Englisch sprach, das in Aussprache und Prosodie dem Englisch eines Muttersprachlers in nichts nachstand, registrierte Schaller mit Neid und Bewunderung. Manche Referendare allerdings beherrschten nur den Klang der Sprache, aber nicht den Geist und das Fundament. Zu welcher Kategorie Niklas Wagner gehörte, konnte Schaller noch nicht abschließend sagen. Er musste mehr hören.

„Alright, very good, Mister Wagner, you may take a seat now“, sagte Schaller und wartete geduldig bis Niklas Wagner auf einem Stuhl in der leeren letzten Reihe Platz genommen hatte. Dann wandte Schaller sich den Schülern zu. „In our last lesson we talked about the Declaration of Independence from 1776“, begann Schaller, „and today I would like to discuss a poem that was written around that time.“

Ohne viel Federlesens zog Schaller eine bedruckte Folie aus seiner braunledernen, abgenutzten Schultasche und legte diese auf den in der Ecke stehenden Overhead-Projektor. Er schob dieses mittlerweile vorsintflutlich anmutende Gerät in die Mitte des Raumes, wickelte das orangefarbene Kabel ab und stöpselte es in die Steckdose neben der Eingangstür. Das Licht des OHP ging an, sein Ventilator brummte und Schaller ließ die Schüler in Ruhe das an die Wand projizierte Gedicht lesen:

'Twas mercy brought me from my Pagan land,

Taught my benighted soul to understand

That there's a God, that there's a Saviour too:

Once I redemption neither sought nor knew.

Some view our sable race with scornful eye,

"Their colour is a diabolic die."

Remember, Christians, Negros, black as Cain,

May be refin'd, and join th' angelic train.

Schaller verstand diesen stummen Impuls als zeitgemäße didaktische Handlung und glaubte sich damit als Pädagoge in der Moderne angekommen. Er verstand nicht, dass die Schüler mittlerweile ‚digital natives’ waren, denen nichts anachronistischer schien als das gedruckte Wort (auch auf Folie). Er verstand nicht, dass die Haptik von Papier und Büchern für die Schüler so fremd und altertümlich war wie für Schaller Papyrus oder Tontafeln, und dass sie sich das vorliegende Gedicht nur dann anschauen würden, wenn es auf einem digitalen Display mit Nano-Kristallen aus Halbleiter-Materialien und CGI-Effekten sichtbar gemacht würde. Er verstand nicht, dass er mit seinen zu weiten, alten Jeanshosen, dem grünfarbenen Cordhemd, dem Bauchansatz und dem verschwindenden Haar ein Unsichtbarer war, dessen Worte und Wissen nicht zu ihnen durchdrang. Er verstand nicht einmal, dass die törichten Schüler das triste Schulgelände, die traurigen Klassenzimmer und das trübselige Wetter nicht auszublenden vermochten, und dass ihnen der Zugang zur schönen Welt des Geistes, in die er sie zu locken versuchte, komplett verwehrt blieb.

Zudem gab Schaller sich der Illusion hin, dass er mit der Projektion des Gedichtes einen Anstoß gab, der eine Lawine aus Wortbeiträgen ins Rollen brächte. Ganz sicher, so meinte Schaller, würde Lara beginnen und fragen, wie es denn sein könne, dass eine Afrikanerin ihre eigene Versklavung als ‚Gnade’ bezeichnete und ob es sich hier nicht um eine frühe Form der Gehirnwäsche handele. Nein, würde Mehmet dann erwidern, dies sei mitnichten der Fall, denn die mit der Christianisierung einhergehende Bildung sei doch in der Tat so etwas wie ‚Gnade’ gewesen, denn Bildung befreie den Menschen. Man müsse sich diese Afrikanerin als Tier vorstellen, dem man qua Bildung gezeigt habe, dass es ein Mensch sei. Wie bitte, ein Tier, würden zwei andere Schüler entsetzt rufen und erbost fragen, wie man es denn wagen könne, eine Afrikanerin mit einem Tier gleichzusetzen, nur weil es nicht lesen und schreiben könne und heidnisch sei. Das sei ja schlimmstes koloniales Denken à la Cecil Rhodes und diese Zeit sei gottseidank unwiederbringlich vorbei. Keineswegs, würde Mehmet dann entgegnen, denn er sei nun mal der Meinung, dass der Kolonialismus, abgesehen von der Sklaverei vielleicht, tatsächlich ein Segen für Afrika gewesen sei und dass es dem Kontinent heute wesentlich besser ginge, wenn er sich noch unter britischer, französischer oder deutscher Herrschaft befände. Ein Aufschrei der Entrüstung würde die Lerngruppe dann in zwei Lager spalten, die beiden Gruppen würden sich mit wohlfeilen Argumenten bekriegen und erbittert um die Deutungshoheit des Kolonialismus kämpfen. Schaller würde beide Lager in Zaum halten, sie zur Mäßigung auffordern und gleichzeitig wichtige Impulse setzen und Hintergrundinformationen geben um die Debatte sachlich und tiefgründig zu halten. Alle Argumente würden natürlich in fehlerlosem Queen’s English zum Besten gegeben werden und der Referendar wäre von den Leistungen der Schüler und der Moderation Peter Schallers so tief beeindruckt, dass er das Verlangen, selbst einmal vor dieser Klasse zu lehren, nur noch schwach ausgeprägt empfände.

Doch stattdessen schaute Schaller nur in leere Gesichter mit halboffenen Mündern. Die Schüler wussten nicht, welche Art Meldung Herr Schaller von ihnen erwartete, sie fühlten sich durch den Referendar beobachtet, sie schauten sich gegenseitig verstohlen an, in der Hoffnung, ein anderer möge das Eis brechen und etwas sagen, egal was, irgendetwas, das den Lehrer zumindest für den Anfang zufrieden stellte. Aber da war niemand, und jede Sekunde, jede Minute, die sie sich gemeinsam in Schweigen hüllten war wie ein Luftstoß in einen Ballon der Angst und Verdrängung, der größer und größer wurde und einfach nicht platzen wollte. Soll er doch was sagen, soll sie doch was sagen, dachten die Schüler vom jeweils anderen. Betretenes, peinliches Schweigen machte sich breit, es wurde nur noch auf die Tische vor sich gestarrt, die ganze Haltung war Krampf und Versteifung, wie bei einer Schweigeminute aus unbekanntem Anlass, bei dem sich alle zusammen reißen ohne zu wissen, warum und für wen. Bloß nicht lachen, bloß nicht bewegen, unter dem Radar fliegen und vor allem: kein Blickkontakt zum Lehrer, sonst war man verloren. Die Luft im Ballon wurde nun zu einem Mühlstein der über den Schülern nach unten sank und sie zu zerquetschen drohte.

Das absolute Schweigen. Wenige Sekunden nur, doch endlos erscheinend.

Stille.

„Who...“, fragte Schaller schließlich resigniert in die Totenstille hinein. „Who do you think wrote this poem?“

Stille.

Als Laras Hand sich zögerlich nach oben bewegte, war die Erleichterung im Klassenraum mit Händen zu spüren. Es war völlig egal, was Lara nun sagte, sie hätte das Gedicht einem Androiden aus dem 23. Jahrhundert zuschreiben können. Unwichtig. Irrelevant. Viel entscheidender war, dass die Schüler aber vor allem der Lehrer mit dem eigenen Unvermögen nochmal davon gekommen waren.

„A slave?!“, sagte, fragte Lara.

Schaller fiel in sich zusammen wie ein Soufflé, dem man einen Stich mit dem Messer versetzt hatte.

Laras Antwort war die Einleitung eines quälend langen Ping-Pong Spiels, in dem Schaller umständlich eine Frage in jeweils vier verschiedenen Varianten formulierte um dann von diesem oder jenem Schüler eine einsilbige Antwort zu erhalten. Dieses Spiel dauerte so lange, dass auch dem Anglophilsten unter den Schülern die Lust am Sujet verging und Schaller zunehmend ins Schwimmen kam um sich mit dem dünnen Stoff über die Zeit zu retten. Nicht gewillt, sich weiter zum Affen zu machen, trug er den Schülern schließlich auf, den Text ins Deutsche zu übertragen. Diese Arbeitsphase ermöglichte es allen Anwesenden, sich in vorgebliche Geschäftigkeit zu flüchten und das Gesicht zu wahren. Am Ende lasen einige Schüler ihre Versionen vor und Schaller legte die Folie mit einer offiziösen Übersetzung auf den OHP. Jeder sollte nochmal seine Übersetzung damit vergleichen.

Das war’s. Stunde zu Ende.

Nach der Stunde, auf dem Gang, unterdrückte Schaller den Impuls, dem Referendar die missglückte Stunde zu erklären, sie in einen Gesamtkontext einzubetten oder den Schülern die Schuld zu geben. Jahrelang hatte er dies getan, aber dann erkannt, dass er den Referendaren keine Rechenschaft schuldig war, nur weil sie hinten saßen, beobachteten und etwas lernen wollten. Sie sollten gefälligst ihre eigenen Schlüsse ziehen, sie durften sogar den Respekt vor ihm, Oberstudienrat Schaller, verlieren, denn die Realität ihrer Berufswahl würde sie früh genug eines Besseren belehren und vom hohen Ross herunter holen. Aber Niklas Wagner unternahm keinen Versuch, die Stunde mit Schaller zu besprechen. Als sie im Gang vor dem Lehrerzimmer ankamen, wandte sich der Referendar nochmal seinem Ausbildungslehrer zu, dankte ihm für die Möglichkeit der Hospitation und ging seiner Wege. Schaller fand dieses Gebaren sehr sympathisch.

In seinem Büro verschanzte er sich hinter dem Schreibtisch und holte aus der untersten Schublade wieder seinen in eine Thermoskanne abgefüllten Chevailler Acacia hervor. Er schüttete sich zwei Fingerbreit Whiskey in einen Pappbecher und stürzte den Alkohol schnell hinunter. Dann wartete er darauf, dass es an der Tür klopfte. Doch es klopfte nicht. Stattdessen klingelte sein Telefon.

„Herr Schaller, die Frau Omeirat steht hier vor mir. Sie sagt, sie hätte einen Termin mit Ihnen!?“

„Ja, danke, Frau Reuter, Sie können sie zu mir schicken.“

„Mach ich.“

Schaller stand auf und ging zur Tür seines Büros. Als er sie öffnete sah er Frau Omeirat schon den Gang herunterkommen. Sie trug einen dunklen Kaftan und ein schwarzes Kopftuch. Sie war klein, ungefähr Ende vierzig und hatte einen wachen, durchdringenden Blick. Schaller schickte sich bewusst nicht an, ihr die Hand zu geben. Stattdessen stellte er sich seitlich vor die Tür.

„Guten Tag, Herr Schaller“, sagte sie freundlich in akzentfreiem Deutsch und lief an ihm vorbei ins Büro.

„Guten Tag, Frau Omeirat, schön, dass Sie es einrichten konnten.“

„Aber natürlich.“

Frau Omeirat setzte sich, ohne eine Einladung Schallers abzuwarten. Sie besaß eine gewisse Routine in diesen Dingen, es war nicht ihr erstes Treffen mit Schaller.

„Wie geht es Ihnen?“, fragte Schaller beiläufig.

„Gut, und Ihnen?“, fragte Frau Omeirat zurück.

„Auch gut“, erwiderte Schaller in einem Tonfall, der erkennen ließ, dass der Smalltalk damit beendet war. Er setzte sich wieder auf seinen Bürostuhl.

„Frau Omeirat“, begann Schaller in offiziellerem Tonfall, „ich habe Sie heute zu mir gebeten um Ihnen mitzuteilen, dass wegen des Vorfalls in der letzten Woche eine Teilkonferenz einberufen werden wird. Die Teilkonferenz findet nächsten Mittwoch um elf Uhr im Büro des Schulleiters statt. Hat Ali Ihnen erzählt was passiert ist?“

„Herr Schaller“, seufzte Frau Omeirat. „Sie wissen doch, der Ali erzählt mir nichts.“

Schaller nickte verständnisvoll.

„Gut. Dann fasse ich mal kurz zusammen. Im Kurs für Praktische Philosophie bei Herrn Kühn wurde über die Verfassung und das Grundgesetz gesprochen. In einem Nebensatz ließ Herr Kühn die Bemerkung fallen, dass der Staat Israel keine Verfassung habe, woraufhin Ali, zumindest nach Aussage von Herrn Kühn, in die Klasse gerufen habe, dass dies kein Wunder sei, denn Israel gebe es ja auch nicht und es sei kein echter Staat. Herr Kühn habe dann Ali darauf hingewiesen dass dies nicht das Thema sei. Er habe betont, dass er kein Problem damit habe wenn jemand die Politik Israels kritisiere, aber dass er es nicht zulasse wenn ein Schüler dem Staat Israel die Existenzberechtigung abspreche. Ali habe daraufhin noch eine unflätige Bemerkung gemacht. Herr Kühn habe ihn dann gebeten, den Klassenraum zu verlassen, Ali sei dieser Aufforderung aber nicht gefolgt. Erst als Herr Kühn Frau Schmeink, unsere Oberstufenkoordinatorin, hinzu gezogen habe, sei Ali der Aufforderung gefolgt.“

Frau Omeirat schaute Schaller mit einem leeren Blick an. Schaller konnte den Blick nicht recht deuten. War es Verzweiflung darüber, dass sie keinen Zugang zu ihrem eigenen Sohn fand, war es Verwunderung darüber, dass sie wegen einer solchen Lappalie einbestellt worden war oder war es einfach das Warten auf weitere Ausführungen seinerseits?

„Es gab in diesem Jahr und auch vorher, wie sie wissen, schon einige solcher Vorfälle mit Ali. Und aufgrund der Menge und der zeitlichen Dichte dieser Vorfälle hat der Schulleiter entschieden, eine Teilkonferenz einzuberufen. Je nachdem wie die Teilnehmer dieser Konferenz entscheiden, muss Ali mit der Entlassung oder der Androhung der Entlassung aus unserer Schule rechnen. Der Termin ist für nächste Woche Dienstag um 15:30 Uhr angesetzt. Es wird zunächst eine Anhörung geben, in der Ali den Vorfall aus seiner Sicht schildern kann. Sie dürfen bei dieser Anhörung ebenfalls zugegen sein. Im Anschluss an die Anhörung ziehen sich die Konferenzteilnehmer zu einer Beratung zurück. Bei dieser Beratung sind sie dann nicht dabei. Das Ergebnis wird Ihnen direkt im Anschluss an die Beratung mitgeteilt.“

Frau Omeirat nickte. „Wer kommt zu dieser Konferenz?“, hakte sie nach.

„Unser Schulleiter Herr Diedrichs, drei von der Lehrerkonferenz gewählte Lehrer, in diesem Fall Frau Huber, Herr Schulte und Herr Rickert, ich als Alis Jahrgangsstufenleiter, ein Elternteil aus der Schulpflegschaft und ein Schüler oder eine Schülerin vom Schülerrat. Wobei sie der Teilnahme der beiden letztgenannten Personen widersprechen dürfen.“

„Gut, ich widerspreche“, sagte Frau Omeirat augenblicklich.

„Wie Sie möchten“, erwiderte Schaller. „Warten Sie, dann notiere ich mir das eben.“

Schaller öffnete die Schublade rechts von ihm und kramte nach einem Notizblock und einem Kuli.

„Ich gehe davon aus“, fuhr Schaller unterdessen fort, „dass es bei der Androhung der Entlassung bleibt. Für eine tatsächliche Entlassung müsste Ali schon Waffen bei sich führen oder Rauschgift verkaufen. Ich denke trotzdem, dass wir nach der Teilkonferenz nochmal über Alis schulische Leistungen sprechen sollten. Vielleicht wäre er an einer anderen Schulform besser aufgehoben.“

„Ali hat mir gesagt, dass er hier Abitur machen will“, warf Frau Omeirat ein.

Schaller warf Frau Omeirat einen vielsagenden Blick zu, kommentierte den Wunsch ihres Sohnes aber nicht weiter. Stattdessen machte er eine Notiz, die ihn daran erinnern sollte, den Elternteil und den Schüler gar nicht erst zur Teilkonferenz einzuladen. Dann wandte er sich seinem Computer zu und öffnete das Programm mit den Notenübersichten. Es dauerte eine Weile, bis er Ali im System fand.

„Ali hatte im letzten Halbjahr eine Fünf in Bio, eine Fünf in Englisch und eine Vier minus in Deutsch. Ich glaube, dass die Fachhochschulreife ein realistisches Ziel für ihn sein könnte. Vielleicht können wir Ali davon überzeugen, einmal unseren Kollegen zu kontaktieren, der für die Studien- und Berufsorientierung verantwortlich ist, vielleicht kann der ihm ein paar Ideen geben.“

„Wie Sie meinen“, erwiderte Frau Omeirat halbherzig.

Schaller lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Von seiner Seite war alles gesagt. Ohne eine konkrete Frage zu stellen, wartete Schaller eine gute Minute auf irgendeine Reaktion seitens Frau Omeirat. Als diese schließlich verstand, dass das Gespräch beendet war und Schaller ihr nichts mehr mitzuteilen hatte, stand sie auf ohne Schaller die Hand zu reichen.

„Vielen Dank für Ihre Mühe“, sagte sie.

„Gern geschehen“, erwiderte Schaller und stand zögerlich auf. Frau Omeirat machte kehrt und ging zur Tür hinaus.

Schaller wartete lange genug um sicher zu sein, dass Frau Omeirat das Gebäude verlassen hatte. Dann stand er auf, verließ sein Büro und ging ins daran angrenzende Büro von Renata Schmeink, der Oberstufenkoordinatorin. Er öffnete die Tür mit seinem eigenen Schlüssel und sah Renata im Halbdunkel vor ihrem Computer sitzen. Sie empfand das Neonlicht des Büros als zu hell und hatte es deshalb nie eingeschaltet. Sie schaute zu Schaller hoch.

„Frau Omeirat war gerade da“, sagte Schaller bevor Renata Schmeink irgendetwas fragen konnte.

„Und?“. Renata Schmeink nahm ihre Lesebrille ab.

„Sie will keine Eltern und keine Schüler dabei haben. Sonst hat sie nichts gesagt.“

Renata nickte.

„Sie wird ihn verteidigen wie eine Löwin ihr Junges“, meinte sie lapidar.

Sie setzte ihre Lesebrille wieder auf und wandte sich wieder dem Bildschirm zu.

„Eine Frage hätte ich noch“, sagte Schaller sacht.

„Ja?!“

„Streng genommen geht es doch hier um Antisemitismus, oder nicht? Und, jedenfalls soweit ich weiß, müssen antisemitische Vorfälle an die Schulbehörde gemeldet werden. Ist das schon geschehen oder soll ich das machen?“

Renata Schmeink nahm ihre Lesebrille wieder ab und wandte sich wieder Schaller zu. Sie schaute ihn prüfend an.

„Setzen Sie sich mal kurz hin!“

Schaller tat wie ihm geheißen.

„Ich habe mit dem Schulleiter gesprochen, weil ich das ganz ähnlich sehe wie Sie. Der Schulleiter meinte aber, dass er sich in der Anhörung keiner politischen Debatte aussetzen will. Der Ali ist ja nicht blöd. Der wird die ganze Geschichte Israels vor uns ausbreiten, inklusive Kolonialpolitik und der verkommenen westlichen Moral. Das will Herr Diedrichs aber nicht zulassen. Er will, dass wir uns in der Anhörung einzig und allein auf Alis Weigerung, den Raum zu verlassen, konzentrieren. Bestraft wird er also nicht, weil er Israel das Existenzrecht abgesprochen hat, sondern weil er sich der Anweisung unseres Kollegen Kühn widersetzt hat. Sie verstehen?“

Schaller nickte.

„Ich verstehe. Gut, dann weiß ich Bescheid. Danke!“

Schaller verließ den Raum und verschloss die Tür behutsam hinter sich. Zurück in seinem Büro loggte er sich in seinen Computer ein und öffnete die Datei des von ihm betreuten Jahrgangs. Einer der dort befindlichen Ordner trug den Titel Protokolle Ali O. Schaller legte in diesem Ordner eine neue Datei an, betitelte sie mit Teilkonferenz Vorfall Israel und fügte das angesetzte Datum hinzu. Dann kopierte er aus einem anderen Ordner eine Formatvorlage für Protokolle von Teilkonferenzen und trug die voraussichtlichen Teilnehmer ein. Als er den Prozess beendet hatte, wollte er den gesamten Ordner wieder verschließen, aber eine Mischung aus Neugier und Langeweile ließ ihn die Datei mit dem Titel Ali O. – Bataclan Vorfall öffnen.

Protokoll Vorfall Ali Omeirat, Englisch bei Frau Rott, 1. Stunde, Klasse 8a, 16.11.2015

Ali Omeirat kam heute Morgen vierunddreißig Minuten verspätet zum Unterricht. Als er zur Tür hereinkam grinste er mich nur unverschämt an. Ich forderte ihn auf, sein Zuspätkommen zu erklären, woraufhin er im Vorbeigehen nur ‚Verschlafen, sorry’ murmelte. Um den laufenden Unterricht nicht weiter zu beinträchtigen, bat ich ihn, sich möglichst geräuschlos hinzusetzen und die Materialien für den Unterricht herauszuholen. Er tat dies auch ohne Umschweife, behielt jedoch seine schwarze Jacke an. Ich bat ihn in formalem Ton, auch diese abzulegen, da der Klassenraum beheizt würde und er ja hoffentlich beabsichtige, dem Unterricht länger beizuwohnen. In diesem Moment schaute Ali sich verstohlen zu seinen Mitschülern um, stand auf und machte dann mit großer Geste seine Jacke auf. Darunter trug er einen Pullover mit dem Spruch ‚I love Paris’, wobei das Verb durch ein Herz repräsentiert war. Ich bat ihn, sich hinzusetzen und fragte ihn, wie denn der auf seinem Pullover abgedruckte Satz zu verstehen sei, woraufhin er sich setzte und mir entgegnete, dass es nur ein Pullover mit Aufdruck sei, nichts weiter. Ich erwiderte daraufhin, dass dieser Satz vor allem nach dem terroristischen Anschlag vom letzten Wochenende zumindest Irritationen auslösen könne und er ja zuvor schon durch radikale Meinungen aufgefallen sei. Daraufhin wurde er sehr ungehalten und meinte, ich könne ihn ja verklagen oder zum Schulleiter schicken, er glaube aber nicht, dass das Tragen eines solchen Pullovers verboten sei. Ich erachtete jede weitere Diskussion mit Ali als nicht zielführend und fuhr daraufhin mit dem Unterricht fort. Nach der Stunde bat ich ihn zu mir und erklärte ihm, dass ich es begrüßen würde, wenn er mit solchen Zweideutigkeiten aufhörte, woraufhin er mich abermals angrinste und anschließend wortlos den Raum verließ.

Schaller musste lächeln. Er konnte sich diese Szene lebhaft vorstellen. Die knochentrockene Frau Rott auf der einen und der aufbrausende, brutal pubertierende Ali Omeirat auf der anderen Seite. Er erinnerte sich gut daran, wie diese Geschichte im Lehrerzimmer die Runde machte und wie unterschiedlich die Reaktionen ausfielen. Einige, vor allem Kolleginnen, wollten die Polizei, den Verfassungsschutz oder zumindest die Aussteigerorganisation ExitSalafismus einschalten, andere, zumeist Kollegen, beschwichtigten und behaupteten, es handle sich bei Ali um einen verzogenen Jüngling, der mit religiöser Radikalität provozierte so wie Jugendliche früher mit Rockmusik. Eigentlich, so meinten diese Kollegen, sei dieser Ali ein ganz lieber Junge, überhaupt nicht religiös und schon gar nicht extrem. Schaller hatte sich in diese Diskussion nicht eingemischt, er stand dieser Angelegenheit indifferent gegenüber. Letztendlich entschied der Chef, nicht tätig zu werden, da Ali sich zu ambivalent verhalten hatte und man ihm die Sympathie mit islamischen Terroristen nur schwer nachweisen konnte. Seitdem hatte die Dichte der Provokationen seitens dieses Jungen zugenommen. Und nun musste Schaller sich damit rumschlagen. Er weigerte sich jedoch, Ali als potentiellen Terroristen wahrzunehmen. Für ihn war Ali vor allem ein Junge mit schulischen Problemen, dessen Laufbahn ohne anständige Beratung in eine Sackgasse zu münden drohte. Ein Schulformwechsel war angezeigt, eventuell kam noch die Fachhochschulreife in Frage. Wenn er Ali mit diesem Abschluss von der Schule gehen lassen konnte, ohne dass dieser vorher einen Verweis riskierte, betrachtete Schaller seine Arbeit als getan und erfolgreich.

Schaller hatte im letzten Block des Tages noch zwei Stunden Unterricht in einer siebten Klasse, dann fuhr er nach Hause. Er wohnte seit fünf Jahren in einem Apartment von überschaubarer Größe im Süden der Stadt. Er war dort hingezogen, nachdem er sich von seiner Frau hatte scheiden lassen. Seine siebzehnjährige Tochter, Mathilda, war zwar noch nicht aus dem Haus, aber sie hatte an der Scheidung, so schien es zumindest, kaum zu knabbern. Jedenfalls verlor sie kein Wort des Bedauerns darüber. Schaller hatte die wiedergewonnene Freiheit zunächst in sich aufgesogen wie ein verdorrter Schwamm das Wasser; er war am Wochenende ausgegangen, hatte in den Ferien ausgedehnte Reisen nach Afrika und Südostasien gemacht und wieder mit dem Tennis angefangen. Mittlerweile hatte er sich etwas beruhigt und genoss vor allem das Alleinsein, das ungestörte Lesen am Abend und die Zeitung am samstäglichen Frühstückstisch. Die Scheidung hatte sich positiv auf ihn ausgewirkt, er war entspannter und auch ein bisschen gleichgültiger geworden. Irgendwann, so hoffte er, würde er wieder eine normale Beziehung zu Sarah, seiner Ex-Frau führen können, im Moment aber war der Kontakt minimal. Mathilda und er unternahmen zweimal im Monat etwas. Sie gingen ins Kino, ins Museum oder in ein Restaurant, sie unterhielten sich gut und angeregt und konnten auch die Scheidung mit all ihren Konsequenzen offen diskutieren. Der Genuss der Stille, die in der Wohnung herrschte, wenn er alleine war, ermöglichte ihm wieder jene Freude auf soziale Kontakte, die er lange nicht empfunden hatte. Nicht mehr permanent gefordert zu sein, im Angesicht seiner Familie nicht mehr die Anspannung und Präsenz zu erdulden, die er auch im Angesicht einer Lerngruppe aufbringen musste, das war letztendlich der Grund der Scheidung gewesen.

In zweiter Linie profitierte er durch die Scheidung, in dem er wieder mehr Zeit fürs Schreiben hatte. Aber diesbezüglich musste er sich eingestehen, dass die erhoffte Inspiration ausblieb. Wenn er abends vor dem Computer saß, still und einsam, fiel ihm nicht mehr ein als damals, als Mathilda keine vier Jahre alt gewesen war, er sie ins Bett gebracht und danach ebenfalls vor dem Computer gesessen hatte, die Hände über der Tastatur, sinnlos verharrend, in Erwartung einer Eingebung. Die Muße allein verhalf ihm nicht zu literarischen Meisterwerken, es war vielmehr der Mangel an Konzentration und Sitzfleisch. Die Verlockungen des Internets hatten auch seine Aufmerksamkeitsspanne radikal kastriert. Und so verbrachte er ganze Abende damit, kurze Videos zu snacken, klassische Musik und Popsongs zu konsumieren und seine alten Texte nach brauchbarem Material zu durchforsten.

An diesem Abend stolperte er über einen vor langer Zeit verfassten Versuch, sein Leben als Lehrkraft kafkaesk zu umschreiben:

Ich fahre jeden Morgen in ein Gebäude, in dem sich achtzig Erwachsene und tausend Kinder versammeln. In diesem Gebäude gibt es mehrere Ebenen und sehr lange Flure, viele Räume mit Türen und großen Fenstern. Ich verbringe den Tag damit, drei bis vier Mal am Tag in verschiedene Räume zu gehen. In diesen Räumen sitzen jeweils bis zu dreißig Kinder auf Stühlen vor Tischen. Ich rede mit diesen Kindern, versuche auf sie einzuwirken, aber nie länger als neunzig Minuten am Stück. Viele Kinder schauen mich dabei irritiert oder gelangweilt an. Einige, wenige Kinder lächeln, aber häufig, so scheint es, nur aus Höflichkeit oder Verlegenheit. Dann folgt ein lauter Ton und es kommt ein anderer Mann oder eine andere Frau und macht das Gleiche mit diesen Kindern. Ich verlasse den Raum und gehe in einen anderen Raum, in dem ich zu anderen Kindern spreche. Manchmal gehe ich auch in einen großen Raum, wo die anderen Erwachsenen sitzen und ich rede mit ihnen über das Reden vor Kindern. Häufig sitzen wir aber auch nur schweigend herum und warten darauf, dass die Glocke ertönt. Auf diesen Reiz hin stehen wir wieder auf und gehen wieder in einem Raum um vor Kindern zu sprechen. Manchmal schreiben die Kinder auch etwas auf Blättern, die wir Erwachsenen dann mit nachhause nehmen und rot übermalen.

Mißlungen, dachte Schaller trocken, verschob den Text in den Papierkorb und machte sich fertig für einen Abend vor dem Fernseher mit angeliefertem Essen.

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