Im aktuellen DAS BIBER ist ein Artikel erschienen, der sich mit den aktuellen Islam-Debatten beschäftigt und unter anderem krititisiert, dass diese nun in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind und sich fragt, ob das gut, notwendig oder schlecht ist. Hier der dazugehörige Link und einige Gedanken dazu von mir.

https://www.dasbiber.at/content/was-denn-noch

1) Wenn die "Islam-Debatte" in der Mitte oder links der Gesellschaft angekommen ist, war das ohnehin überfällig und ich sehe das grundsätzlich positiv. Wenn man das bereits Mitte der 90er Jahre gemacht hätte, würden nicht rechte Medien oder Politiker dieses Thema dominieren und es wäre eine seriöse Debatte möglich gewesen.

2) Durch das Kritik- und Sprechverbot bzw. die Appeasement-Politik – speziell durch das Mitte-Links- Österreich – wo Ideologien verteidigt wurden, die an exakt anderer Stelle (Christentum, Kronenzeitung, Burschenschafter, konservative Gruppierungen etc.) bekämpft wurden und durch "Kollaboration" mit konservativen/religiösen Vereinen und Strukuren war es für Parallelgesellschaften ein Leichtes, sich zu etablieren. Ich erinnere: vor noch nicht allzulanger Zeit fielen ein verpflichtendes Kindergartenjahr, Deutschkurse noch unter Assimilation bzw. Rassismus und kleine Mädchen mit Kopftuch wurden als süß, selbstbestimmt und modisch abgetan. Kurzum, alles, was die Linke sonst und vieles zu Recht predigte, wurde bei MigrantInnen, Flüchtlingen oder MuslimInnen nicht angewandt.

3) Die Rechte war in ihrer Heuchelei nicht viel besser, sie hatte nur viel früher die Breitenwirksamkeit ihrer Agenda erkannt und sich schnell das Monopol gesichert. Die europäische Rechte steht ja für ein konservatives Frauenbild (zu Hause, am Herd, Kinder kriegen etc.), Männerbild (stark, Alpha-Male, Familienernährer etc.), für gelebte Homophobie, Ablehnung anderer Religionen und Ethnien und sonstigen Unsinn. Damit deckt sich deren Ideologie mit einem Großteil der MigrantInnen speziell aus muslimischen Ländern und (süd-)osteuropäischen (kaum mit Zuwanderern aus ostasiatischen Ländern).

In einem alternativen Universum, wo die Linke wegen ideologischer Inkompatibilität das Weltbild von konservativen/religiösen Zuwanderern ZUERST kritisiert hätte, wäre es durchaus möglich gewesen, dass sich die Rechte mit Letzteren verbündet und sie nicht bekämpft.

Dass die FPÖ und ÖVP mehr beim Wahlvolk punkten konnte, hat auch damit zu tun, dass die negativen "Einzelfälle" unter MigrantInnen genauso wenig Einzelfälle sind wie die braunen Flecken in der FPÖ.

Dass Bio-Östereicher genauso grausig sein können ist klar, nur wird hier eher der Einzelne und nicht eine Gruppe (die Österreicher) gesehen - was natürlich eine Doppelmoral ist - anderseits ist das leider auch im Rest der Welt nicht anders. So haben zB die ÖsterreicherInnen in Mallorca oder in Lignano & Co aufgrund saufender, asozialer und grölender Urlauber generell einen schlechten Ruf, genauso wie zu Zeiten der EU-Sanktionen ALLE ÖsterreicherInnen Nazis waren.

4) Die liberalen Muslime die sich im Artikel jetzt zT über negative Erfahrungen ärgeren, können sich aber auch nicht ganz aus der Verantwortung ziehen, weil diese - mit wenigen Ausnahmen - auch die letzten 20 Jahre geschwiegen haben und dem Erstarken der konvervativen Communities und der damit verbunden Probleme zugesehen haben.

5) Zu behaupten, es wäre rassistisch oder antimuslimisch seine Kinder in keine Wiener Schule zu schicken halte ich für falsch. Eltern wollten für ihre Kinder nur das Beste und im Grunde genommen, denke ich, ist die Nationalität - nicht allen - aber vielen Eltern egal ist, sonst würden Menschen nicht viel Geld dafür ausgeben, ihre Kinder ins Lycée francaise de Vienne und ähnliche Schulen zu stecken. Da ich zahlreiche Lehrer kenne und die Zusammensetzung der Wiener Hauptschulen, möchte ich meine Kinder auch in kein Umfeld geben, in dem Mädchen zweitklassig behandelt werden, wo Machostrukturen an der Tagesordnung sind oder wo meine Kinder "Lugner-Deutsch" lernen. Ich denke auch, das Kinder mit MigraHigru von einer stärkeren Durchmischung sowohl sprachlich auch als sozial profitieren würden, aber Versuche oder Gedanken in diese Richtung wurden auch bereits als Rassismus oder Assimilation. Somit ist auch die Debatte zu Ausländerklassen von links UND rechts pure Heuchelei, weil diese (in den urbanen Regionen) ohnehin seit Jahren Realität sind.

6) Grundsätzlich ist es auch kein Rassismus oder verwerflich Religionen und deren Auswüchse zu kritisieren und in die Schranken zu weisen. Eigentlich ist es sogar notwendig und wichtig, denn die westlichen, demokratischen Gesellschaften basieren auch darauf, dass man dem Christentum die Giftzähne gezogen hat. Ein Blick nach Polen, Russland oder den Bible-Belt in den USA oder eben muslimische Länder zeigt sehr deutlich was passiert, wenn man das nicht macht.

7) Das führt natürlich dann auch gleich zu den ÖstereicherInnen, die bis vor ein paar Jahren einen Furz auf Freiheits- oder Frauenrechte gegeben haben und diese erst doppelmoralisch im Zuge der Ausländerdebatte entdeckt haben. Immer interessant, wenn am Stammtisch über die AusländerInnen, die Linken, die KünstlerInnen, die sexistischen Moslems gelästert wird, wenn zugleich der sexy Kellnerin nachgepfiffen und über die "Perversen" auf der Regenbogenparade geschimpft wird.

8) Das wird zwar manchem sauer aufstoßen, aber es gibt eben mit bestimmen Zuwandergruppen mehr Probleme als mit anderen und wenn man das nicht sehen will, sind wir wieder im Jahr 1994 - gibts nicht, darf nicht sein, das ist fremdenfeindlich etc, etc.

Es gibt bis heute keine oder kaum Probleme mit Philipinos, ThailänderInnen, Vietnamesen, Chinesen... Hier funktioniert es auch ohne und schon lange ohne Integrations- und Wertekurse.

Heide Schmidt vom Liberalen Forum meinte mal in einem Interview vor 15 Jahren, dass sie konservative Ideologien bei vielen Zuwanderern oder das Kopftuch auch nicht toll fanden, aber da das Thema damals so von der FPÖ besetzt war, wollte man nicht zusätzlich Öl ins Feuer gießen. Heute wissen wir, dass diese Schweigepolitik nicht nur nicht gefruchtet hat, sonder vielmehr den Aufstieg von Rechts massiv begünstigt hat.

9) Ich habe einige muslimische FreundInnen Mitte 40 - für die Religion gleich wenig Bedeutung hat wie für mich das Christentum - die kaum oder keine Diskriminierung erfahren haben. Zuwanderung war aber in den 70-80er Jahren überschaubar und die Zugewanderten haben sich schnell der westlichen Kultur in groben Zügen angepasst (nein, ohne Dirndlkleid und Tiroler Gröstl), was heute - auch wenn man es freiwillig macht - bereits unter Assimilation fällt.

Ob man das will oder nicht, aber als Neuzugang muss man sich in der neuen Heimat immer mehr anpassen und oft - auch wenn das nicht fair ist - mehr tun als die meisten Autochthonen. Viele die irgendwo mal im Ausland gelebt hat, werden das unterstreichen.

Das ist nicht anders, wenn ein neuer Mitbewohner in die WG kommt oder ein Neuer in einer Firma anfängt, da gibt es gewisse Spielregeln - auch zwischen den Zeilen - und jeder wird erwarten, dass man sich daran hält. Das exkludiert natürlich Ungesetzliches oder echte Diskriminierung. Und wenn die Chemie nicht passt oder man sich nichtwohl fühlt, dann muss ich mir eben einen neuen Job, eine neue WG, eine neue Stadt oder ein neues Land suchen. Und nach 25 Jahren in Wien werde ich - sobald ich Dialekt spreche - noch immer gefragt aus welchem Bundesland ich komme.

5
Ich mag doch keine Fische vergeben
Meine Bewertung zurückziehen
Du hast None Fische vergeben
6 von 6 Fischen

bewertete diesen Eintrag

Spinnchen

Spinnchen bewertete diesen Eintrag 11.07.2018 08:41:17

nochnoi.dozor

nochnoi.dozor bewertete diesen Eintrag 11.07.2018 08:23:27

Aron Sperber

Aron Sperber bewertete diesen Eintrag 10.07.2018 21:20:34

Markus Andel

Markus Andel bewertete diesen Eintrag 10.07.2018 18:41:46

Frank und frei

Frank und frei bewertete diesen Eintrag 10.07.2018 18:32:52

10 Kommentare

Mehr von Datenmeer