Der Mythos Ruhrgebiet – Kleiner Einblick in den »Melting Pott«

Die Geleucht auf der Halde Rheinpreussen (Moers)

Das Ruhrgebiet, oder auch Revier, Ruhrpott, Kohlenpott oder Pott genannt, ist gesellschaftlich, wirtschaftlich und kulturell eines der pulsierendsten Nervenzentren Deutschlands. Wenn man an den Begriff Ruhrpott hört, denkt man an riesige Stahlhochöfen, die in heißem rot in die Nacht strahlen, oder an die zahlreichen Zechen, deren Belegschaft das schwarze Gold fördert. Aber man wird enttäuscht sein, dass genau diese klassischen Assoziationen mit dem Ruhrgebiet kaum mehr zutreffen. Viele Industriekomplexe der Stahlindustrie sind stillgelegt, oder gar komplett nach China verfrachtet worden. Auch die meisten Zechen im Pott fördern längst nicht mehr. Stirbt etwa das Ruhrgebiet?

Die wichtigsten Städte des Reviers sind sicherlich Duisburg, Essen, Dortmund, Bochum, Gelsenkirchen und Recklinghausen. Aber für Bewohner des Ruhrgebiets gibt es nicht unterschiedliche Städte (außer im Fußball), sondern sie begreifen dieses Gebiet als eine riesige Metropole, als zusammenhängender Organismus. Stirbt denn das Ruhrgebiet nun tatsächlich? Ist die Hochzeit der »Metropole Ruhr« längst nur noch Schall und Rauch? Klar, die Zechen verschwinden, die Stahlindustrie wird reduziert, aber das Ruhrgebiet ist immer noch das Ruhrgebiet mit all seinen Ecken und Kanten, aber auch mit seiner atemberaubenden Schönheit und Faszination für das Ungewöhnliche. Auch wenn die letzte Zeche geschlossen wird, oder die letzten Stahlhütten in Richtung China verschwinden, wird der Pott von seiner unglaublich reichhaltigen Geschichte und Entwicklung profitieren können. Die Faszination »Pott« besteht wohl darin, dass so viele unterschiedliche Individuen dennoch ein großes Ganzes bilden, was vielleicht einzigartig in Deutschland ist. Ein SPD-Wahlplakat, dass vor Jahren für irgendeine Wahl warb, beschrieb den Ruhrpott und seine Bewohner als »ehrlich und bodenständig«, als eine Community, die aus unterschiedlichster Herkunft zu einem positiven Ganzen verschmolzen ist. Ist das etwa ein Klischee?

Im Ruhrgebiet leben vor allem die klassischen Vertreter des »Melting Pott«: Deutsche, Türken, Polen, Italiener, Rumänen und Griechen. Später kamen dann noch verschiedenen andere Kulturgruppen dazu, wie die Libanesen, oder die Chinesen. Kaum eine Region in Deutschland verfügt über eine derartige kulturelle Vielfalt, wie eben das Ruhrgebiet. Vor allem, da diese Region schon seit Jahrhunderten von fremden Kulturen profitierte, besonders weil Menschen aus anderen Ländern in dieser Region ihr finanzielles Glück suchten und oftmals eben auch fanden. Die Ruhrpolen sind da eine bekannte Gruppe von Menschen, die im Ruhrgebiet ihre neue Heimat fand, so auch die Türken, die Mitte der 50ern nach Deutschland kamen und besonders in Duisburg ihre neue Existenz begründeten. Der Pott brauch seine Erfolgsstory nicht verstecken, obwohl es wie überall auch eine Kehrseite der Medaille gibt. Ist das überraschend?

Während rechtspopulistische Parteien in Deutschland einen grässlich unversöhnlichen Ton anschlagen, die Parteien der Mitte noch immer wie in Paralyse dahin dämmern und die linken genauso gegen Rechts wettern, muss man auch mal die Situation Deutschland aus dem Revier heraus betrachten. Genauso, wie man im Pott mit den unterschiedlichsten Kulturen zusammen existiert, blickt man auch auf eine unglaubliche Spannweite politischer Bandbreite. Traditionell wählte die Mehrheit im Revier sozialistische Parteien, voran die SPD, aber auch dieses klassische Sinnbild bröckelt, wie die Fassade der Henrichshütte Hattingen. Schon lange haben sozialistische Parteien keine Deutungshoheit mehr im Pott, wahrscheinlich weil auch in der Bevölkerung langsam ein Missmut entstanden ist, eine Politikverdrossenheit. Die Menschen schotten sich, wie im Rest der Republik, immer weiter von einander ab. Aus der Traum von der Einheit Ruhrmetropole? Fakt ist, dass der wirtschaftliche Abbau der Stahl- und Kohleindustrie auch den Zusammenhalt, das Miteinander, massiv belastet hat. Zu den Lebensängsten im Bereich Job und Karriere, kommen immer mehr kulturelle, wie auch religiöse Konflikte dazu, die dort vor 30 Jahren kaum ein Thema waren.

Ja, vor 30 Jahren, wo ein Götz George noch den Kriminalkommissar Horst Schimanski aus Ruhrort (Duisburg) spielte. Vor 30 Jahren, als Deutsche und Nicht-Deutsche noch wissbegierig aufeinander zu gingen, anstatt eigenbrötlerisch aneinander vorbei zu leben.

Rechtspopulisten und Neonazis machen es sich gewohnt einfach und deklarieren als Grund für den Abstieg der Region die integrationsunwilligen Muslime, die Wirtschaftsflüchtlinge vom Balkan und den Verfall deutscher Kultur und Werte. Das linke Argumentations-Pendant ist ähnlich einseitig und festgefahren, denn für die Sozialisten ist vor allem die Wirtschaft und die fehlende Integration fremder Kulturen und Menschen durch Mithilfe der Bevölkerung schuld. Die Schuldzuweisungen enden mit politischen Begriffen und Beleidigungen, dort die »linken Zecken« und da die »braunen Faschos«.

Dortmund gilt als die Hochburg der Neonazi-Szene im Revier, während Duisburg und Essen zum Standort der linken Autonomen und Antifa-Szene wurde. Ähnlich wie im Revier-Fußball, sind diese Gruppen arg verfeindet und schon oft kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen ausgehend von beiden Seiten. Die dritte Gruppe, die auch im Revier immer größer wird, sind muslimische Radikale, oder politisierende muslimische Gruppen, die mal für Erdogan, mal für »Palästina« auf die Straßen im Ruhrgebiet gehen und mit ihren gewaltbereiten Ansichten der Neonazis und Linksautonomen in nichts nachstehen.

Der Sommer 2014 hat auf dramatische Weise gezeigt, wie stark und deutlich Antisemitismus innerhalb Deutschlands noch wirksam sein kann. Während im Nahen Osten der Konflikt zwischen Israel und dem Terrorregime der Hamas in Gaza auf seinem Höhepunkt war, entflammte auch in Deutschland und dem restlichen Europa der Antisemitismus in einer seit 1945 nicht da gewesenen Weise. In zahlreichen deutschen Großstädten, besonders auch im Ruhrgebiet, protestierten tausende von Menschen gegen Israel, den Zionismus und eben auch gegen Juden. Es waren sicherlich keine Friedensdemos, wie man sie noch vom Irak-Krieg 2002 kannte (auch in diesem Kontext gab es Großdemonstrationen im Revier), sondern diese Protestbewegungen hatten einen feindlichen und vor allem aggressiven Charakter. Gegen Israel und das Judentum formierten sich Linke, Rechte und eben auch Muslime. Ein Potpourri von Ideologien und Anschauungen, welche heute nur sehr schwierig an einen Tisch zu kriegen sind; wohl auch ein Resultat der eigentlich positiven Ruhrpott-Mentalität. Jedenfalls war damit die ständige Schutzbehauptung der Antisemiten, sie würden ja »nur« die israelische Regierung und die Zionisten kritisieren (diese sein ja nicht »die Juden«), als Lüge enttarnt worden. Auf den Kundgebungen und Demonstrationen wurde eben nicht zwischen Zionisten, Israelis und Juden unterschieden, sondern der Hass richtete sich gegen Juden im Allgemeinen. Die Kippah und der Davidstern wurden zu gefährlichen Symbolen; und sind es teilweise immer noch im Revier. Bei der dramatischen Eskalation in Essen am 18.7.2014 hatten Demonstranten der Pro-Palästina-Demo, die von der Linksjugend organisiert wurde, Angehörige der pro-israelischen Gegendemonstration durch die Innenstadt gejagt. Auf Videos sind eindeutige antisemitische Straftaten zu sehen, in diesem Sommer 2014 leider kein Einzelfall. Von den zahlreichen Straftaten nach §130 (Volksverhetzung), wurden nur einige Wenige durch die Justiz abgeurteilt. Von den 49 Strafverfahren wurden 45 bis Dezember 2014 eingestellt. Ein Armutszeugnis für die Stadt Essen, das Ruhrgebiet und die deutsche Justiz.

Pro-Palästina Demonstration der LinksJugend in Essen, Sommer 2014

Doch ein Fall (ein Strafverfahren von den übrigen vier), der vor dem Essener Amtsgericht verhandelt wurde, zeigt deutlich, dass wer gegen Zionisten hetzt, eigentlich Juden meint und dies auch bestraft werden muss. Im Sommer 2014 hatte Taylan C. auf der oben genannten Kundgebung der Linksjugend gegen Israel in Essen folgendes verkündet (Video-Beweis): »Tod und Hass den Zionisten!« dabei stachelte Taylan C. die Menge auch noch an. Vor Gericht wiederholte C. die Standartaussage eines jeden Antisemiten, der sich dem Vorwurf der Volksverhetzung gegenüber sieht: »Ich habe nichts gegen Juden, ich hab nur was gegen Zionisten!«, diese Aussage bekräftigte er damit, dass der Tod von Zionisten (für ihn gibt es in Deutschland keine Minderheit der »Zionisten« und somit auch kein Vergehen) nun einmal auch »Gottes Strafe« sei. Richterin Gauri Sastry begründete eine Verurteilung mit folgender Erklärung: »Zionist ist im Sprachgebrauch der Antisemiten der Code für Jude. Wenn Sie im vergangenen Jahr, Tod und Hass den Zionisten‘ riefen, meinten Sie damit den Staat Israel und die Juden. Es war ja der Staat Israel, der sich im Krieg befand.«

Weiter führte Richterin Sastry aus, dass zwar die Meinungsfreiheit ein hohes Gut in Deutschland ist, aber die Art und Weise entscheidend ist: »Aber Sie haben die Grenzen der Meinungsfreiheit überschritten, als Sie zu Tod und Hass gegen die Juden aufgerufen haben und versuchten, eine Menschenmenge zu verhexen.«

Damit war dann endlich auch der Bann der Antisemiten, dass mit der Kritik an Zionisten nie Juden gemeint sind, auch vor einem deutschen Gericht gebrochen, einem Gericht im Revier. Der Antisemit Tayler C. wurde vor dem Amtsgericht Essen zu einer Haftstrafe von drei Monaten auf Bewährung und der Zahlung von 200 Euro verurteilt.

Wie hat sich die Lage der Juden im Ruhrgebiet seit dem Sommer 2014 entwickelt? Die Antwort ist leider kurz und schockierend: Es ist nicht besser geworden und weiterhin sorgen jüdische Symbole, wie die Kippah, oder der Davidstern dafür, dass man als Jüdin, oder Jude große Probleme bekommen kann, obwohl uns doch die Geschichte des Ruhrpotts gezeigt hat, dass vor allem das gemeinsame Miteinander diese Region entscheidend nach vorn gebracht hat. An einem Shabbat-Freitag (Frühjahr 2016) ereignete sich in der Stadt Duisburg ein weiterer trauriger Fall von Antisemitismus. Dort hatten mehrere Jugendliche einen Juden durch den örtlichen Stadtpark gejagt und ihm mit Mord gedroht, wenn sie ihn noch einmal sehen würden. Seit ähnlichen Vorfällen in der Region empfiehlt die »Jüdische Gemeinde Duisburg-Mühlheim-Oberhausen« Juden, dass sie in einigen Gebieten der Ruhrmetropole Zeichen des Judentums lieber nicht offen tragen sollten. Ein Unding, nicht nur für Deutschland, sondern auch für das Ruhrgebiet, wo doch die meisten Städte im Revier über eine lange jüdische Geschichte und Tradition verfügen. Erst der Holocaust durch die deutschen Nationalsozialisten kappte diese lange und vor allem friedliche jüdische Verbundenheit mit dem Ruhrgebiet. In der Stadt Essen zum Beispiel stand die größte Synagoge nördlich der Alpen, die in der Schreckensnacht des 9. November 1938 den Flammen zum Opfer fiel und anschließend als jüdisches Gotteshaus nicht mehr benutzt wurde; heute befindet sich in den Räumen der Alten Synagoge ein jüdisches Museum zur jüdischen Geschichte Essens und der Ruhrmetropole. Nach 1945 kam das jüdische Leben langsam zurück in den Ruhrpott und wurde dort erneut heimisch, zwar nicht mehr so groß und prächtig, wie vor 1933, aber immerhin konstant, vor allem durch die russischen Kontingentflüchtlinge nach 1989. Neue Synagogen entstanden überall im Revier, wie z.B. in Duisburg, Mühlheim, Oberhausen, Essen, Recklinghausen, Gelsenkirchen, Dortmund und Bochum. Traurig ist, dass jede einzelne jüdische Einrichtung von der Polizei bewacht werden muss, denn der Antisemitismus ist auch im Revier wieder ein ernstzunehmendes Problem geworden, wie eben jener Sommer 2014 gezeigt hat.

Die Alte Synagoge im Stadtzentrum von Essen

Im Gegensatz zum eher leisen jüdischen Leben im Ruhrgebiet (laut Statistik der Ruhruniversität Bochum sind gerade mal 0,2% jüdisch im Revier [das entspricht ca. 30.000 Menschen]) präsentieren Muslime ihren Glauben und die Kultur ihres Herkunftsland offen im Alltag des Ruhrgebiets. In Marxloh finden Interessenten eine unglaubliche Auswahl an Brautmode, in Essen floriert die libanesisch-kurdische Küche und wiederum in Duisburg steht die größte Moschee der Region; 2,8% der Bewohner des Ruhrgebiets sind in muslimischen Gemeinden aktiv. Aber wieso werden die Probleme vor allem mit Muslimen auch im Ruhrgebiet immer stärker?

Vielleicht weil die jetzige Generation der Muslime nicht mehr die Leistungen und vor allem Bemühungen ihrer Vorfahren zu schätzen wissen, die einst aus der Türkei und anderen muslimischen Ländern ins Ruhrgebiet zogen. Vor allem junge Muslime halten nichts mehr von der Maloche, die der Großvater, oder Vater noch im Pott geleistet hat, wie z.B. die fleißigen türkischen Kumpel, die unter Tage nach Kohle schürften.

Neben der Brautmoden-Industrie wächst auf erschreckende Weise auch die organisierte Kriminalität in Marxloh (Stadtteil von Duisburg). Schnell wurde der Duisburger Stadtteil als »No-Go-Area« verschrieen und diente seitdem immer öfter für die Propaganda rechtspopulistischer Parteien, wie der AfD. Die Polizei verstärkte die Präsenz in den gefährdeten Stadtteilen, in der Politik debattierte man immer häufiger über Ursachen und Wirkungen, aber bei all diesen Entwicklungen wurden vor allem die Bürger vergessen; sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel besuchte Marxloh und informierte sich direkt vor Ort. Aber nichtsdestotrotz fühlten sich Türken und Deutsche immer unsicherer in ihrem Bezirk und die Ängste wurden nunmehr offen ausgesprochen. Man fing wieder an unteinander zu reden, ja sogar miteinander zu interagieren. Da war sie wieder, die Flamme des Mythos Ruhrgebiet, die, wie in einer Grubenlampe tapfer gegen die neue Zeit anbrannte.

Aber vor allem die politischen Konflikte liegen an der Politisierung türkischer Mitbürger, die aus der Türkei heraus »geformt« werden sollen. Großereignisse, wie die Erdogan-Besuche in Deutschland, oder dessen Stellvertreter in Oberhausen, zeigen das ganz deutlich. Integration wird von AKP-Politikern als Bedrohung gesehen und deshalb so erbittert bekämpft. Der »Mythos Ruhrgebiet« droht vielleicht auch wegen den politischen Einmischungsversuchen aus der Türkei zu zerbrechen, da ein Miteinander auf Augenhöhe schon im Vorfeld abgelehnt wird. Dafür sorgen auch diverse AKP-Splitterparteien in Deutschland, wie die ADD (Allianz Deutscher Demokraten), die behauptet eine starke Liebe für Deutschland und dessen Grundwerte zu empfinden, aber immer wieder durch lupenreine Propaganda für die Politik Erdogans auffällt. All das spaltet die Bevölkerung der Ruhrmetropole zunehmend und schmälert dem ansonsten doch so positiven Ruf des Ruhrgebiets. Die Wahlerfolge der AfD in den sogenannten »No-Go-Areas« verstärken die aufgerissenen Gräben zwischen den Kulturen und Religionen im Ruhrgebiets nur noch weiter.

Es bleibt jedenfalls spannend, ob der »Mythos Ruhrgebiet« weiterhin positive Realnatur besitzen wird, oder wirklich als Mythos ad acta gelegt werden wird.

Ein Ungewisser Weg in die Zukunft? Alte Industriekomplexe im Stadtteil Marxloh, Duisburg.

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