Das eintönig gleichmäßige Rumpeln der Schienenstränge ist der Puls dieses Lebens.

Unaufhörlich schlagen die Schienenähte an die glühenden Räder, seit Tagen sind wir nun schon unterwegs, ich habe keine Ahnung wohin die Reise geht und meinen Reisebegleiter nicht danach gefragt. Kommen wir in der Hölle an, an den Pforten der Himmelstür oder wieder nur im altvertrauten elenden Jammertal, was macht das schon für einen Unterschied?

https://www.youtube.com/watch?v=fEWKJlNTCCg

„An einem vorbeihuschenden Bahnsteig lungern zwei Typen rum, der Rauch ihrer Zigaretten kräuselt sich in der Nachtluft, worauf die wohl um diese Zeit noch warten, weit und breit ist niemand in Sicht.

Noch wach, Desperado?“ murmelt der Kurier und Auskundschafter der konföderierten Truppen, als der er sich mir zu erkennen gegeben hat, von der gegenüberliegenden Wand herüber, „ich kann auch nicht schlafen, schon lange nicht mehr.“

Gierig zieht er an seiner Zigarette, ich hab ihn die ganze Zeit über nie ohne Glimmstängel gesehen.

„Ich war immer der schlimme Bote, verstehst du, der ungeliebte Überbringer schlechter Nachrichten aus dem Feindesland. Andrerseits musste ich eifrig beflissen dafür sorgen, dass die kleinsten Erfolgsmeldungen zu großen Siegen aufgebauscht werden. Nie durfte ich auch nur ein Sterbenswörtchen sagen drüber, wo ich grade herkomme, ständig fragten mich die Wachposten danach, ich hab nur mit dem Daumen hinter mich gedeutet und geantwortet: Mir brennen höllisch die Fußsohlen, ich schwör’s bei Gott.“

Er lacht leise und bitter.

„Jetzt in den Herbsttagen, da der Indianersommer vorbeigeht, die Blätter zu fallen beginnen, die Furt im Fluss im Trockenen liegt, da warten sie schon geschlossen auf mich und stellen sich mir entgegen, ein paar von ihnen bedrängen mich sogar mit ihren aufgesetzten Bajonetten. ‚Das eine sagen wir dir gleich im Voraus und in aller Deutlichkeit, dass das mal klar ist’ - meinen sie sichtlich abgekämpft und völlig verzweifelt - ‚wenn du uns keine guten Nachrichten bringen kannst, dann bring uns lieber gar keine!’. Ich sag dir was, ich kann dir gar nicht sagen, wie diese paar Wörter mir das Herz aufgetan haben.“

https://www.youtube.com/watch?v=0sX95PO7WCU

Klar, denk ich stumm, deine Arbeit ist getan, der Krieg verloren, das will natürlich keiner mehr hören, so ist das mit den Überbringern schlechter Nachrichten nun mal, und du hast endlich deine wohlverdiente Ruhe. Bleibt dir nur zu wünschen, dass du sie jemals wiederfinden wirst.

Vermaledeiter Krieg.

Durch den Türspalt des Güterwagons rauscht unterm Sternenhimmel das weite Land vorbei, eine Baustelle schiebt sich ins Bild, im Schein der Fackeln schuften die Männer noch in der Dunkelheit der Nacht, das Dach des Herrschaftshauses duldet keinen Aufschub vor dem großen Regen, rundum eingerüstet starren die Gerippe der riesigen Scheunen und Stallungen in den finsterblauen Himmel, ein Landgut wächst heran, derlei sieht man oft und vielerorts in diesen Nachkriegstagen des Wiederaufbaus.

„Die armen Zugereisten können einem leid tun, inzwischen wünschen sie sich wohl, sie wären lieber mal zuhause geblieben.“

Erstaunlicherweise ist es das Halbblut Frankie Lee in der Fransenlederweste, das nach diesen mitfühlenden Worten den Schmuggel-Whiskey an seinen Nebenmann weiterreicht, hat wohl seinen Sentimentalen.

https://www.youtube.com/watch?v=0sDiYIXcYyU

„Da redet der Rechte, spar dir dein Mitleid“, erwidert der entlassene Navajo-Scout Judas Priest mit der zerschlissenen Militärmütze nach einem kräftigen Schluck zornig, „diese Zuwanderer haben nur Böses in Sinn und Blut.“

„Und am Ende sind sie von allen verlassen und allein,“ gibt das Halbblut hämisch zurück, „genau wie du.“

„Wieso allein, ich hab’ schließlich dich am Hals,“ bleibt der Scout seelenruhig, „aber gibst du einem dieser Männer den kleinen Finger, wollen sie gleich die ganze Hand, die belügen dich mit jedem Atemzug, zum einen hassen sie dieses Leben leidenschaftlich und zum andern haben sie abgrundtiefe Angst vor dem Tod.“

„Doch stimmt schon, die Immigranten kannst du nur bedauern“, mischt sich der poetisch veranlagte Prärie-Trapper mit dem Waschbärenschwanz an seiner Fellmütze dazwischen, „die vergeuden all ihre Kraft, machen den Himmel zum Harnisch, weinen in wahren Regengüssen die Wolken leer, fressen wie ein Heuschober und werden doch niemals satt, spitzen ihre Ohren und bleiben doch stocktaub und blind wie ein Grottenolm. Ihr neugewonnener Reichtum ist alles, was ihnen lieb und teuer ist, unsereins kehren sie den Rücken.“

„Ja ja,“ gibt der alte Tramp im verwaschenen Regenmantel seinen heiseren Sermon dazu, „Mitleid kannst ’de haben mit diesen Einwanderern, tagein tagaus trampeln sie knietief im Schlamm rum, ’s ist nur eine Frage der Zeit, bis ihr Glück den Bach runtergeht.“

Wie ist man heute wieder langmütig und verständig.

https://www.youtube.com/watch?v=Q4kbA5Jy-bM

Schweigen in der Runde, alles schon mal erlebt, alles schon zu oft gesehen, nur das Rattern des Zuges füllt den stickigen Raum.

„Unsern Tramp dort hinten haben sie mal vors Kriegsgericht gezerrt,“ beginnt flüsternd der Kurier zu erzählen, der wie immer hellwach ist, „der schreit heute noch manchmal im Schlaf, helft mir, helft mir, ich bin schwach, so schwach.“

„Das kannst du laut sagen, alte Petze,“ krächzt prompt der Besagte, „erst schleifen sie mich vor den Richter und dann sperren sie mich weg.“

Er hustet abfällig.

„Nach allem was ich schon hinter mir hatte, einen verdammt harten Weg sag’ ich euch, viel Zeit blieb mir schon damals nicht mehr, bis heute weiß ich nicht, was ich ausgefressen haben soll, keine blasse Ahnung, sagte mir keiner.“

Der alte Säufer wird immer lauter, seine gebrochene Stimme bebt vor Wut.

„Wenn ich fragte, meinte der alte Tränensack von Richter nur, das verstehst du sowieso nicht, also versuch’s erst gar nicht.

Aber dann,“ senkt er bedeutungsvoll die Stimme, „dann kam ein Blitzstrahl vom Himmel herab geschleudert, mitten hinein ins Gerichtsgebäude, hat alles kurz und klein geschlagen, die Leute fielen auf die Knie und haben angefangen zu beten. Da hab ich die Gelegenheit beim Schopf gepackt und mich davongemacht.“

https://www.youtube.com/watch?v=2OrW3H3EBZ8

Spätestens an der Stelle bekommt der Alte immer schrecklichen Durst, ist ja auch anstrengend und trocknet die Kehle aus, so eine hochdramatische Geschichte, die ich schon was weiß ich wie oft gehört habe. Endlich, endlich taucht eine glitzernde Flasche vor seinem blitzenden Auge auf, er setzt gierig den Hals an die spröden Lippen und will gar nicht mehr aufhören, sich die rettende Labsal in die Kehle zu gießen, rülpst heiß und dampfend. Sein Kumpel hat die Hand nicht zurückgezogen, die dem Saufkumpan die Bottle vor’s Gesicht geschoben hat, bestimmt winkend nimmt er sie wieder an sich und gönnt sich seinerseits einen kräftigen Schluck.

„Sehr verehrte Damen,“ hebt er schmatzend an, obwohl keine einzige Lady an Bord ist, keine da, für die es sich lohnt, die Stiefel von den Füßen zu schälen, die Lampe zu löschen und sich unter der Decke an sie zu schmiegen im matten Schein des aufgehenden Mondes, mag sein auch keine meckernde Spottdrossel in den vorbeihuschenden Bäumen, aber nun, wer sich am zeternden Gesang einer Elster stört, ist ganz allein selber schuld, für die Indianer ist sie sogar ein heiliger Vogel.

https://www.youtube.com/watch?v=ilpWRJbZttw

„Werte Damen, werte Herren“, beginnt der Tramp, dessen abgetragene Klamotten seine gutbürgerliche Herkunft nicht verleugnen können, seine denkwürdige Rede, „allzu lange werde ich nicht mehr in eurer Mitte weilen, aber bevor ich weiterziehe, will ich euch noch eine Warnung da lassen, schreibt sie euch fett hinter die schmutzigen Ohren. Hütet euch vor Niedertracht und Neid, lasst euch von niemandem was vormachen und vor allem, behaltet eure Meinung für euch, auf dass ihr nicht wie ich auf der Straße endet!“

Amen, denk ich müde, und der Scout murmelt es im Schlaf.

https://www.youtube.com/watch?v=3eq6ioEt8a8

„Ja ja, lauter unschuldige Helden hier drin.“

Der flüchtige Sträfling in den viel zu großen geklauten Klamotten hat sich halb aufgerichtet und kratzt sich gähnend den kahlgeschorenen Schädel.

„John Wesley Harding, Leute, das ist ein wahrer Held. Ein Freund der Armen, eine Knarre in jeder Hand, so ist er hier in dieser Gegend unterwegs, aber nie hat man ’von gehört, dass er einem anständigen Mann auch nur ein Haar gekrümmt hätte. Kein Mensch weit und breit ist in der Lage, ihn zu schnappen oder festzunageln, der Mann macht keine dämlichen Fehler, den Gefallen tut er ihnen nicht.“

https://www.youtube.com/watch?v=drOLqPlVA_c

Die bekannte Räuberpistole, mal wieder, von sonst redet der Knacki nichts. Irgendwann werd ich ihn mal fragen, wer nun genau seinen Helden schnappen will und warum, und wem der edle Ritter wann und wo da wirklich unter die Arme gegriffen haben soll. Soviel ich weiß, hat der Irre lediglich einen Haufen Leute umgelegt ohne Grund und Notwendigkeit, was aber seinen Glorienschein offenbar nicht verdunkeln kann.

Unschuldiger Held müsste man sein.

„Der heilige Augustinus ist mir im Traum erschienen,“ fängt der verrückte entlaufene Mönch aus seiner Ecke unvermittelt zu verkünden an, wirft seine Schlafdecke zurück und richtet sich zum Sitzen auf, „ganz deutlich hab ich ihn vor mir gesehen, lebendig wie ihr und ich, er schritt durch die Elendsviertel, eine Decke untern Arm geklemmt, in einen Umhang aus reinem Gold gehüllt, so suchte er nach verkauften Seelen wie diesen hier, nun habt ihr keinen Märtyrer mehr in eurer Mitte, so sprach er zu den Reichen.“

https://www.youtube.com/watch?v=A6Ggihst8n0

Das war’s auch schon an kryptischem Weisheitsspruch, sein erhobener Arm sinkt herab, er seufzt und rollt sich wieder in seine Decke. Ich tu es ihm gleich und sinke in unruhigen Schlaf. Träume von Augustinus, er ist sehr lebendig, bläst mir seinen feurigen Atem ins Gesicht, und ich finde mich auf Seiten derer, die ihn dem Tod ausgeliefert haben. Rasend vor Wut schreck ich aus dem Schlaf, mutterseelenallein und zutiefst bestürzt, drücke die Fingerkuppen an die Wagonwand, vergrabe mein Gesicht in der rauen Rosshaardecke und ersticke mein Weinen.

Soll ich den Landlord auf Knien darum bitten, keine Belohnung auf meine Seele auszusetzen? Als hätt’ ich nicht schon genug auf dem Buckel? Eines Tages wird auch ihn die Sirene des großen Dampfers rufen, dann bekommt er was er verdient. Sollte mal in Ruhe über meine Worte nachdenken, der liebe Landlord, mir sagen, wie ich ihn dran hindern soll, mich als Hoffnungslosen, als Desperado zu händeln, ich hab’ einfach keinen Bock, groß mit ihm herumzustreiten.

https://www.youtube.com/watch?v=8530CCpYU-0

„Jemand hat den Mississippi gestohlen, warst du das, Desperado?“

Der Jewish lächelt unter seinem Hut, das macht er selten. Er lehnt mit dem Rücken an der Wagonwand und späht durch den Türspalt hinaus in die Dunkelheit. Vermutlich will er mich nur ein wenig necken, aber ich bin schläfrig und nicht zu Späßen aufgelegt.

„Wie soll ich etwas stehlen, das mir gehört? Hab nur ein paar Lieder aus seinen Wellen gefischt, das ist alles. Die Leute nennen mich einen Tagedieb, nun, ich kann mich irren, aber der Tag ist noch da. Sie behaupten, ich würde ihnen ihre Zeit stehlen, was soll ich damit, ich hab meine eigene. Wenn ihnen da jemand die Zeit stiehlt, dann die, für deren Reichtum sie schuften, und in der Tat, die würden sogar den Tag stehlen, wenn es denn ginge. Ich werd das Gefühl nicht los, dass die Leute da am falschen Ende ansetzen mit ihrem Ärger, ich hab ihnen nie welchen bereitet. Was man andersrum nun wirklich nicht behaupten kann.“

https://www.youtube.com/watch?v=zyMKuTb8Hb8

„Vielleicht ist es das Beste, was ich je gemacht habe, wer kann das schon sagen?“, murmelt der Jewish entrückt in die Nacht hinaus, vierundvierzig Jahre weit weg, oder sind es vierundzwanzig Jahrzehnte?

„Irgendeinen Weg hier raus muss es doch geben“, sag ich mehr zu mir selbst als zu ihm, „ich verlier langsam den Überblick bei dem ganzen Durcheinander. Die Großgrundbesitzer pflügen jeden Brösel Erde um, sie keltern die besten Weine und saufen sie den Leuten weg, den Wert von alledem mag nicht einer von ihnen erkennen.“

„Jetzt mach dir deswegen mal keinen Kopf“, erwidert er gähnend, „es gibt eben überall einen Haufen Leute, für die das Leben nur ein schlechter Scherz ist. Aber du und ich, wir stehen da drüber, das ist nicht unsere Angelegenheit, drum lass uns nicht länger drüber schwadronieren, die Nacht ist fast vorbei, bald graut der Morgen.“

https://www.youtube.com/watch?v=TLV4_xaYynY

Im Spalt der halboffenen Wagontür taucht der Wachturm eines Forts auf, die ersten Sonnenstrahlen lassen die Knöpfe und Hutbänder der Wachtposten erstrahlen und geben ihnen das Aussehen von Prinzen, am Tor steigt eine stattlich gewandete Lady aus der Postkutsche, hebt den Rock bei jedem Schritt ihrer geschnürten Stöckelschuhe, begleitet von einem barfüßigen Chinesen, der ächzend ihre schweren Koffer vom Kutschdach hievt und tapsend hinter ihr her schleppt, aus dem halb geöffneten Tor schlüpft eine Frauengestalt, das Gesicht im Schatten eines Kopftuchs verborgen, und verschwindet rasch im Dunkel des Gefährts. Ein Windstoß trägt das jammernde Miauen einer Wildkatze aus den zerklüfteten Felsgebilden herüber, heulend fährt seine kühle Morgenbrise durch den Türspalt in den Wagon, die Schlafenden ziehen sich murrend ihre Decken über die Schultern.

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