„In meiner Jugend steckten sie mich in die Schule.“

Der alte Schotte hat seine Hand über das Scotchglas gestülpt wie das Maul eines Alligators und schiebt es in kleinen Kreisen auf dem Tisch herum, zeichnet feuchte Spiralen in die schmierig zerkratzte Platte.

https://www.youtube.com/watch?v=UiBWF2-khnE

„Haben mir beigebogen, wie das Spiel läuft und wie nicht, hab mich nicht drum geschert, ob sie mich auf Erfolg getrimmt oder einen Dummkopf geheißen haben. Und so ging ich eben eines Morgens ab, ihren Gott in die Achselhöhle gestanzt, mit ihrem dämlichen Grinsen im Gesicht und ihrem Gesetzbuch unterm Arm. Und ich hab diesem Gott eine Frage gestellt und der hat mir mächtig eins rausgegeben, ich gehöre nicht zur Sorte derer, hat er gesagt, der Sonntags aufgedonnert werden muss.“

https://www.youtube.com/watch?v=XG-r7YvcN9I

Den Trench Coat lässig über die Schultern geworfen sitzt er vor mir, seine Westenknöpfe baumeln offen an der Brust, sie spannt sich über einem runden Bäuchlein, die langen Haare trägt er, in ausgedünnten Strähnen, vom gelichteten Ansatz seiner gerunzelten Stirn nach hinten gekämmt, ein struppiger aber gepflegter Bart umrahmt sein Kinn unter der markanten Nase.

Der Schotte hebt sein Glas.

„Auf meinen alten Schulmeister, und an alle die’s hören wollen, bevor ich mit allem durch bin, will ich noch ein Gebet loswerden. Ich glaub euch kein Sterbenswort, ihr liegt völlig falsch mit der ganzen verdammten Sache, Gott gehört nicht zu denen, die du am Sonntag flottmachen musst. Well, sage ich zu denen, ihr könnt mich von mir aus exkommunizieren auf meinem Weg in die Sonntagsschule, all eure Bischöfe können meine Zeilen beschönigen, aber das ist nun mal meine ehrliche Meinung, in all eurem Pomp und all eurer Herrlichkeit seid ihr ärmer dran als ich, weil ihr dem Tod die Stiefel leckt aus purer nackter Angst.“

https://www.youtube.com/watch?v=TI0_oLQWXvQ

Das Lebenswasser hat mir den Höllenhund an die Gurgel gehetzt, aber prosten lässt sich’s auch mit einem kleinen Bierchen. Er zupft sich mit Daumen und Zeigefinger Whiskeyperlen aus dem Schnurrbart. Auf der Straßenseite gegenüber lungert ein alter Tramp rum, bis an die Knöchel in einen speckigen staubverkrusteten Mantel gehüllt, in ausgelatschten modrigen Stiefeln. Seine lange Mähne ist zur fettigen Skulptur erstarrt, man sieht sein verlebtes ausgezehrtes Gesicht vor Bart fast nicht. Hustend spuckt er blutige Brocken in den Dreck der Straße, die Schwindsucht hat schon so manchem den Rest gegeben. Mit fiebrig stechenden Augen lauert er in der feindseligen Gegend rum.

https://www.youtube.com/watch?v=BzMlkPSVdUE

„Wie könnt ihr es wagen zu behaupten, dass ich der Sohn meines Vaters bin, wenn das nichts weiter ist als ein blöder Geburtsunfall, ich glaub euch nicht, ihr bringt die Sache völlig verdreht rüber, Er gehört nicht zu der Sorte, der du’s am Sonntag besorgen musst.“

Sagt’s und versinkt wieder in grübelndes Schweigen. Ich hab zwar keinen Dunst, wovon er mir da erzählt hat, habe keine Ahnung von dieser seiner Welt, aber irgendwas aus seiner Schulzeit wird’s wohl gewesen sein. Heute scheint er jedenfalls seinen Melancholischen zu haben und schwelgt wehmütig in alten Zeiten.

Der alte Schotte und sein Scotch.

So I left there in the morning... ohne irgendwas untern Arm geklemmt oder sonstwo hingestanzt, könnt’ ihm auch so Einiges erzählen, dem Schotten, nur weiß ich nicht, ob er mir überhaupt zuhören würde.

https://www.youtube.com/watch?v=UHTF0W3-Mgo

„Vater unser hoch im Himmel“, murmelt Scotty abwesend, „schau herab auf deinen Sohn und seine Knarren, der eifrig am Pokern ist, fleißig zugange mit den Weibern, und schenk ihm ein Lächeln. Dieser unbesungene Westernheld, der einen Indianer umgenietet hat oder drei, macht sich einen Namen mit seinem Circus und gibt dem weißen Mann seine Freiheit zurück, oh Jesus rette mich!“

So wie’s aussieht, kann er Buffalo Bill ebenso wenig ab wie ich.

„Wenn Jesus so gut retten kann“, geb ich ihm zurück, „dann soll er sich lieber erst mal selber in Sicherheit bringen vor all den Herrlich herrlich-Versuchern und Heilig heilig-Verführern, die seinen Namen im Tod auf den Lippen kleben haben wie eine Pfandmarke, oh Jesus hilf mir.“

https://www.youtube.com/watch?v=1txocV5ylUc

Kurz schaut er mir gerade heraus neugierig forschend in die Augen, ein spöttisches Lächeln umspielt seine verhärmten Mundwinkel.

„Well, ich hab ihn gesehn“, schnarrt er fast krächzend, „in der City und auf’m Mondgebirge, sein Kreuz war verdammt blutig, er hatte ganz schön zu tun, seinen Stein am Rollen zu halten, oh Jesus rette mich.“

Der Mann im Mond, Jesus und Sisyphos sind also ein und dieselbe Person, nun weiß ich das auch. So what, ein völlig normales Gespräch in diesem Saloon oder wie immer man die Pinte nennen mag, nichts ungewöhnlich Bemerkenswertes. Old Charlie kommt auf allen Vieren durch den Eingangskorridor gekrabbelt, zieht sich fluchend am Tresen hoch, bestellt einen Doppelten, klatscht seine Bibel auf die schmierige Platte, schlägt die erste Seite auf und fängt gurgelnd an, laut vorzulesen wie von einem Rednerpult, sein Gebrabbel aber ergibt keinen rechten Sinn, die Schöpfungsgeschichte versickert verworren in den tiefen Kratzern des geduldigen Holzes. Der arme Kerl kam eines Tages unerwartet nach Hause und fand seine Frau mit seinem besten Freund im Bett zugange, seitdem ist er ein wenig aus dem Lot. Seine Kinder sind eins nach dem andern in den Zug nach Osten gestiegen, die schielende Mary hält ihn mit der Kohle über Wasser, die sie den reichen Säcken aus der Tasche zieht, dreimal darfst du raten wie. Charlie ist ganz schön unten, in seinem verschlissenen Mantel, den er einem Schneemann geklaut haben muss, sieht er aus wie eine wandelnde Vogelscheuche.

https://www.youtube.com/watch?v=DT5_wmu5ZQY

Vom Bahnhof gegenüber ächzt das Schnaufen der Lokomotive durchs offene Fenster wie der Atem eines fauchenden Drachen, ich erinnere mich wehmütig an einen Tag vor unendlich langer Zeit, an dem der Zug mit sieben Stunden Verspätung eintraf, weil er im Schritttempo durch eine ziehende Büffelherde zuckeln hat müssen. Sonst braucht er für die selbe Strecke grade mal eine Stunde, das Gleis ist quer durch Indianerland gezogen, die in der Prärie um ihre Freiheit kämpfen wie einst die Schotten in den Highlands, von deren Schönheit der Schotte ständig schwärmt. Seltsam eigentlich, denn so wie er die Gegend beschreibt, unterscheidet sie sich wenig von den bergigen Plains oben im Norden.

https://www.youtube.com/watch?v=VAnh1waFPeY

Aber woanders ist es immer schöner.

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