„Die Leute sind strange drauf, wenn du ein Fremder bist“, sagte mal mein Freund Jim zu mir, „sie starren dir hässlich hinterher, wenn du allein unterwegs bist, die Weiber tuscheln bösartiges Zeug hinter deinem Rücken, du bist unerwünscht und nicht gern gesehen. Wenn es dir so richtig dreckig geht auf deinem Ritt über unebene Straßen voller Schlaglöcher, tauchen ihre Gesichter unvermutet aus dem peitschenden Regen auf, du bist fremd hier und ein Fremder, niemand kann sich an dich erinnern und kennt deinen Namen, der du nichts als nur ein Fremder unter Fremden bist.“

https://www.youtube.com/watch?v=N23X70m37L8

Jimmy wohnt in einem Purpurschneckenhaus voll offener Türen und schreibt Gedichte. Schöne Sache das, nur versteht sie kein Schwein. Niemand macht sich die Mühe herauszuhören, was der Kerl eigentlich sagen will mit seinen wundersam verworrenen Satzfetzen, da heißt es nur „sounds fine“ und weiter geht die blinde Reise hinein ins Nichts nach Nirgendwo ohne Halt und Hemmung. Ziemlich verloren steh ich im Nieselregen vor seinem winzigen Grabstein, vergessen in Schieflage geraten, umzingelt und erdrückt von imposanten Mausoleen und in Stein gemeißelten Nichtigkeiten nichtssagender Zeitgenossen. Was würde er wohl sagen zu dem ganzen Irrsinn, dem offenen Geschwür an allen Enden und Ecken, das tobt, schwärt und eitert wohin du auch schaust? Brich durch auf die andere Seite hinüber, das genügt überallhin.

https://www.youtube.com/watch?v=peCaEOEIx3o

Ein Greenhorn mit langzotteligem Haarschopf und verknautschtem Engelsgesicht kommt an mein Lagerfeuer getrabt, er sei wohl etwas vom Weg abgekommen und hätte sich verirrt wie es scheint, so wie die Dinge liegen und er im Sattel hängt auf dem Nachhauseweg von irgendeiner versifften Spelunke am Rande der City, ihm sei schlecht, er habe brennenden Durst und einen Bärenhunger und ob ich ihm wohl was abgeben könnte von meiner Mahlzeit, deren unwiderstehlicher Duft ihn regelrecht hierher gelockt habe.

Jetzt winsel hier nicht lang rum, schwing dich von deinem Gaul, sag ich, und pflanz dich her. Sichtlich dankbar lässt er sich neben mich in den Staub fallen. Nach gierigem Futtern kramt er neu gestärkt eine pralle Pulle aus der Satteltasche und wir wenden uns satt und zufrieden den großen und wesentlichen Fragen des Lebens zu.

„Weißt du,“ legt er bald darauf los, „ich komm einfach nicht dahinter was verkehrt läuft bei mir, ’s sitzt irgendwo tief drinnen in meinem Kopf, hab schlicht keine blasse Ahnung, ob ich gut bin oder böse. Mit dem Rest der Menschheit bin ich jedenfalls weder verbrüdert noch verwandt, ich gehör’ nun mal zum Land der Toten. Mitten aus dem Leben heraus und beim Liebemachen bin ich gestorben, bin irgendwo da hinten weit jenseits der grünen Hügeln geboren, aus den selben Gründen die mich gezwungen haben, mich gut versteckt zu halten, hab ich mir die Augen ausgeweint, Dummköpfe lachen selbst noch im Sterben.“

Ach, Junge, denk ich, wenn du wüsstest, wie lange ich da schon hingehöre, aber er fährt unbeirrt und emsig fort, der Jungspund lässt sich überhaupt nicht aus dem Tritt bringen, diese Quasseltüte hat mir grade noch gefehlt, denk ich müde.

https://www.youtube.com/watch?v=6grqwx-9X2A

„Böses Blut kann es in jedem und allem geben, klar, aber ich find’s mitten in meinem Verstand, ich weiß nicht was noch so alles auf mich zukommt, wenn ich tatsächlich weiterleben muss. Fels und Stein können meine Seele nicht rühren, aber Tränen hinterlassen ihre Spur, sie lächeln sich gegenseitig an, wenn sie mir die Wangen hinunterlaufen, auf einem grünen Hügel im Irgendwo. Blinde und Kinder wischen sich verstohlen eine stille Träne aus den Augen, aber Dummköpfe laufen einfach dran vorbei und lachen nur blöde.“

Schon mal im großen Salzsee gebadet, frag ich beiläufig, Geister bedrängen mein Gemüt, zerbrechlich wie eine Eierschale, blutende Indianer, verstreut auf dem Weg der Dämmerung. Frauen weinen rote Tränenströme, das Blut steigt, schwillt an zum Fluss der Trauer, es reicht mir bis an die Knöchel, die Waden, die Knie. Blut verfolgt mich. Er aber brabbelt unbeeindruckt weiter, das Greenhorn hört mir gar nicht zu und fährt unbehelligt fort mit seinem Monolog, es sprudelt in den selben Strömen aus im raus, wie er sie schon in sich reingegossen hat im Laufe des Abends.

„Musste meinen eigenen Weg gehen von klein auf, aber heute möchte ich am liebsten ihre ausgelatschten Pfade beschreiten, ich glaube, wenn sie das Blut zwischen meinen Zeilen sehen könnten, dann glaub ich, könnten sie ein besserer Menschenschlag werden. Sie sollten bitteschön einen besseren Weg weisen, so dass die Ungeborenen dereinst auf einem grüneren Hügel spielen können. Lach dir eins, wenn die Flammen ihre sterblichen Überreste auffressen, Dummköpfe lächeln sogar noch, wenn sie töten.“

Ich gönn mir erst mal einen kräftigen Schluck aus seiner Pulle und murmle dann nur, „ich scher mich nicht drum, ob ich gut bin oder böse, so lange mir das Leben in meinen Lederstiefeln noch taugt, drum frag mich lieber nicht danach, was ich von dir halte, meine Antwort würde dir womöglich nicht gefallen. Wenn ich den Herrgott fragen würde, der würd’ mich schon hören und mir aus der Patsche helfen, mit machtvoller Hand denk ich mal, aber so lange mir das Leben in meinen speckigen Stiefeln noch gefällt, schert es mich eben nicht, ob ich nun gut bin oder böse.“

https://www.youtube.com/watch?v=uBH3kPfDq4k

Bin ich ein guter Mensch?

Wo ist die Grenze zwischen Langmut und Dummheit gezogen? Wie schnell wird ein „ich hab dich gern“ zum „hab mich gern“? Wann kann Ehrlichkeit zu verletzend sein? Wie verschwindend hauchdünn ist der Unterschied zwischen einem guten Menschen und einem fanatischen Gutmenschen? Wann wird Gerechtigkeit zu Unrecht? Ja, was ist das überhaupt, ein guter Mensch? Will ich das sein, ich als Desperado, ein guter Mensch?

Vielleicht sollte ich mir diese Frage wirklich mal stellen.

https://www.youtube.com/watch?v=oOzpncIHCLs

Mein Gast murmelt inzwischen nur noch. „Muss endlich mal meinen Brief in den Knast abschicken, ein paar Freunde von mir sitzen da grade ein. Hab mich wohl in kochendem Wein ertränkt, der birgt manches Geheimnis in sich, in der Tat. Die Pfarrerstochter ist über beide Ohren verknallt in die Schlange, die am Wegesrand in einem vertrockneten Brunnen haust und dort ihr Nest gebaut hat. Keiner kommt hier lebend raus.“

“Du bekommst was dir zusteht“, erklär’ ich’s ihm, „du kannst es schaffen, wenn du’s nur versuchst, die Alten werden älter mit der Zeit und du wirst stärker, kann wohl ’ne Woche dauern oder auch länger, sie haben die Knarren, aber wir sind in der Überzahl. Weißt du, Junge, du bist ein Kind deiner Zeit, eines Tages wirst du die Grenze ausfindig machen, die da zwischen gut und böse gezogen ist. Du kannst die Menschheit dabei beobachten, wie sie ihre eigene Welt zusammenschießt, Kugeln fliegen und ihren Zoll fordern. Wenn du böse gewesen bist, und das bist du gewesen, bei Gott, da wett’ ich drauf, und dich kein’s der bleiernen Geschosse erwischt hat, dann kneif besser die Augen zu und zieh den Kopf ein, der nächste Querschläger kommt bestimmt.“

https://www.youtube.com/watch?v=LFgvXMqfMkI

Endlich ist das Plappermaul verstummt, sitzt da mit herabgelassenem Kinn und Stieraugen wie ein Zugochse, und irgendwie tut er mir dann doch leid mit seinem Weltschmerz, klar was kann ich dafür, wenn er den Himmel voller Geigen hängen sieht, bis die ihm den Trauermarsch zum Totentanz aufspielen.

„Weißt du, Junge, dein Girl wird dich auf glühenden Kohlen durchs Feuer tanzen lassen. Das Gesicht im Spiegel wird nicht dasselbe bleiben, aber dein Mädchen verschwindet nie aus’m Fenster. Am Stadtrand lauern immer und überall alle möglichen Gefahren, am besten du reitest den Königsweg entlang, an der Goldmine vorbei, in der sich unvorstellbar schreckliche Szenen abspielen. Kannst die Straße nach Westen nehmen, steinalt ist die, schlängelt sich entlang bis zum uralten See, sieben Meilen Ritt auf der alten kalten Schlangenhaut, der Westen ist das Beste, was dir passieren kann im Leben, der Westen ist das Beste. Wir sind in dieses Sternenhaus geboren, weißt du, in die Welt geworfen wie ein Hund, der seinen Knochen nicht mehr findet, auf die Bühnenbretter dieses Theaters geschleudert wie ein Schmierenkomödiant ohne Rolle. In den Straßen schleicht ein gottverdammt eiskalter Killer herum mit den Gehirnwindungen einer Kröte. Hellwach noch vor dem Morgengrauen, steigt er in seine Stiefel, pflückt ein Gemälde aus der Ahnengalerie und schlürft den dunklen Flur entlang, bis er vor deiner Tür steht.“

„Soll mal ruhig kommen der Schweinehund“, murmelt der in Rückenlage gesunkene Zuhörer schläfrig und setzt einen langgezogenen Rülpser drauf. Ich stochere in der Glut rum und bin grade so richtig schön in Fahrt.

https://www.youtube.com/watch?v=v4vlAYan3IQ

„Seltsame Tage sind über uns hereingebrochen, haben uns sozusagen ereilt. Seltsame Augen funkeln aus noch seltsameren Räumen, Stimmen raunen was von einem müde, erschöpft, saft- und kraftlosen Ende, die Leute ruhen sich aus von ihren Sünden, ha, die alte Wirtin grinst sich eins über ihre Stammkundschaft, hört mir bloß auf damit, was von Sünden zu faseln. Seltsame Zeiten, deren seltsame Stunden uns allein und verlassen zurücklassen, mit durcheinandergeratenen Leibern und geschändeten Erinnerungen rennen wir hinaus aus dem Tageslicht hinein in eine Nacht aus Stein.“

Ein zufriedenes Grunzen kommt aus seiner Richtung. Mein Mundwerk plappert wie von selbst, ich rede unendlich weit weit weg zu den schwindend züngelnden Flammen.

https://www.youtube.com/watch?v=lJZTgynPGT8

„Kennst du die Sturmreiter, hast du schon gehört von den Reitern, die auf dem Sturm dahergejagt kommen? Irgendwo da draußen warten sie auf mich, aber bevor ich in den großen Schlaf versinke, will ich den Schrei des Schmetterlings gehört haben. Will ihn zu Ohren bekommen haben und hören, den Schrei des Schmetterlings, verstehst du? Seinen unendlich sanften Klang in mich aufsaugen.“

https://www.youtube.com/watch?v=e17KtDqxFRU

Sein Atem geht ruhig und gleichmäßig, aber ich hab seine Anwesenheit längst vergessen, allmählich geht sein Röcheln und Japsen in knarrendes Schnarchen über, ich höre ihn schon lange nicht mehr.

„Mach das Licht aus, wenn die Musik zu Ende gespielt hat, hörst du? Das ist das Ende, schneidiger, einziger Freund, das Ende. Du wirst niemals meinen Spuren folgen können, niemals hörst du. Das Ende allen Lachens und Schwindelns, das Ende aller Nächte, in denen ich den Tod gesucht habe, wir den Tod herbeigefleht und gesehnt haben. Das ist das Ende.“

https://www.youtube.com/watch?v=9pRGoSbYHQE

Aus seiner Ecke brummt gedehntes gleichmäßiges Schnarchen. Na also geht doch. Hab schon ganz andere Kaliber tot gelabert. Ich lösche das Feuer, zerstoße die letzte Glut, wühle in der Asche herum, bis auch der letzte Funke sich in eine winzige Rauchfahne aufgelöst hat.

Schneller vergessen ist ein Leben als ein guter Song.

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