Realpolitisch betrachtet sind es immer die Großmächte, die die Politik machen, während die Kleinstaaten letztlich nur eine Freiheit haben, die Freiheit des "autonomen Nachvollzugs", wie man das in Österreich nennt: wir Österreicher kopieren, was in Berlin beschlossen wird, und nennen das autonom.

Realpolitisch betrachtet war die EU (vor dem Brexit) in Aussenpolitikfragen eine Zweiklassengesellschaft: Großbritannien und Frankreich bestimmen die Politik der EU, auch und sehr wesentlich mit ihrem Vetorecht im UNO-Sicherheitsrat.

Henry Kissinger, der frühere US-amerikanische Aussenminister war sehr europäisch und hatte seine Karriere mit akademischen Arbeiten über das Großmächtegleichgewicht nach den Napoleonischen Kriegen begründet: auch damals waren es fünf Großmächte, die die europäische Politik bestimmten: Großbritannien, Frankreich, Preussen, Österreich-Ungarn und Russland. Die Kleinstaaten (Schweiz, Dänemark, Holland, etc.) waren de facto politisch bedeutungslos und hatten keinen Einfluss auf das große Spiel.

Das ist heute im Großen und Ganzen dasselbe geblieben, nur die fünf Großmächte haben sich geändert: heute sind Großbritannien, Frankreich, USA, Russland und China die fünf Großmächte, die fünf ständigen Mitglieder des UNO-Sicherheitsrats mit Vetorecht.

Um die Dominanz einer Großmacht zu verhindern, gibt es nur ein Mittel: das Großmächtegleichgewicht. Eine Balance der Großmächte, ein Mechanismus, dass, wenn eine Großmacht übermächtig zu werden droht, sich zwei oder mehrere andere Großmächte zusammentun, um das auszubalancieren.

Das Problem der EU nach dem Brexit ist, dass sie nur mehr einen Staat mit Vetorecht hat, nur mehr einen Staat, der die Aussenpolitik der EU bestimmen kann, durch Vetodrohung, Vetoeinsatz, nämlich Frankreich.

Wenn es beim Brexit bliebe, so besteht praktisch nur mehr eine Möglichkeit, das französische Veto auszubalancieren und das französische Vetomonopol zu verhindern, nämlich Russland, das auch ein solches Veto hat, aufzunehmen.

Und es gibt noch eine Alternative zum französischen Veto: das ist die Europäisierung des französischen Vetos: Frankreich verzichtet auf sein Vetorecht und überträgt es an die EU.

Als Anreiz zu diesem Vetorechtsverzichts könnte man Frankreich eine vertraglich verankerte Nichteinmischung in innere Angelegenheiten anbieten.

Und ein derartiges Modell könnte auch einen Präzedenzfall für andere Vetorechtsverzichte sein.

Genau die Frage der möglichen französischen Dominanz ist einer der intransparenten Knackpunkte der sogenannten deutsch-französischen Achse der EU: Deutschland möchte GB innerhalb der EU halten, um die französische Dominanz zu verhindern; Frankreich möchte Großbritannien aus der EU raushaben, um die französische Dominanz zu erreichen.

Natürlich läuft das Alles sehr unterschwellig: Deutschland darf nicht sagen, dass es Frankreich mißtraut, weil es dann sofort ins Nazieck gerückt würde; Frankreich darf nicht sagen, dass es Dominanzgelüste hat und GB loswerden will, aber in der Praxis kommt das oft heraus: Macrons Vorschlag, die französische Fremdenlegion zum Rückgrat der europäischen Armee zu machen, war sogar ein relativ offener Versuch, die EU in aussenpolitischen Fragen in eine Art französische Diktatur zu verwandeln.

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