Standard vertuscht unethisches Journalistenverhalten im Falle Strache-Video

Dass die sogenannte vierte Gewalt, die Medien auch völlig unkritisch sein kann, was Journalistenfehlverhalten betrifft, zeigte wieder einmal das angebliche Qualitätsmedium Standard, das sich nur mit der Frage beschäftigte, ob Medien ein solches Video zeigen dürfen, aber nicht mit der Frage, wann sie es zeigen sollen.

Die Frage, dass dieses Video eine Woche vor der EU-Wahl "gespielt" wird, ist in diesem Standard-Artikel völlig unerwähnt, man könnte fast sagen, wird totgeschwiegen.

Dabei ist das Video schon zwei Jahre oder so alt, und zahlreiche Journalisten gaben an, von diesem Video schon vor langem gehört zu haben oder es schon lange zu kennen.

Zur journalistischen Ethik gehört es ebenso wie zur Hackerethik, Missstände so schnell wie möglich öffentlich zu machen, damit diese Missstände eben so schnell wie möglich abgestellt werden.

Außerdem wurden nur kleine Ausschnitte aus dem gesamten Video veröffentlicht, aber nicht das Video in seiner Gesamtheit, sodass der Verdacht einer Dekontextualisierung besteht, ein Verdacht, dass die am problematischsten aussehenden Passagen herausgepickt wurden, aber Passagen, die alles harmloser erscheinen lassen, möglicherweise nicht.

Sich Missstände, Artikel und Reportagen für später aufzubewahren, um sie kurz vor Wahlen zu "spielen", wenn sie den größtmöglichen Effekt auf die "last-minute-deciders" haben, ähnelt eher War Rooms, Napalm-Wahlkämpfen und Parteiapparatschiktum, nicht aber Journalismus, der an Wahrheit und Dienst für die Allgemeinheit interessiert ist.

Gerade das "rote Wien" als Medienhauptstadt zeigt ja sinnbildlich die Verwicklung des Mainstreams des Journalismus mit rot-grüner Politik (nicht zuletzt Thomas Chorherr, Ex-Chefredakteur der "Presse", sprach von rot-grüner Dominanz im Journalismus und dem ORF als "rot-grünem Biotop" ). Aber auch Deutschland bezogene Studien besagen, dass ca. zwei Drittel bis drei Viertel der deutschen Journalisten bzw. -innen mit SPD oder Grün sympathisieren, die nur rund 30% der Wählerschaft ausmachen.

So gesehen stellt sich schon die Frage, ob die politische Linke durch das Mediensysstem bevorzugt wird, auch durch parteiische und einseitige Berichterstattung.

Was natürlich umgekehrt Straches Video-Überlegungen, quasi zum Ausgleich für die mediale Benachteiligung der FPÖ die Kronen-Zeitung zu übernehmen, in einem milderen Licht erscheinen lässt.

Er befindet sich damit sogar in recht guter Gesellschaft: es war der frühere Innenminister und ÖGB-Chef (ja, Sie lesen richtig, der Gewerkschaftschef) Franz Olah, der, um die damalige (1960er Jahre) Dominanz der bürgerlichen Medien zu brechen, Gewerkschaftsgelder zweckentfremdete, um zur Kronenzeitungsgründung beizutragen. Er tat das in einer Form, in der er sich nicht bereicherte, trotzdem war das statutenwidrig und so gesehen machte er sich angreifbar (und nicht nur dadurch).

https://derstandard.at/2000103512570/Ibiza-Video-Duerfen-die-Medien-das

Auch Sowjetdiktator Josef Stalin fand willkürliche Journalisten, die die innerparteilichen Rivalen Trotzki und Kamenev nachträglich aus Bildern entfernten.

Und so viel besser ist unsere heutige Medienlandschaft auch nicht, siehe Relotius & Co.

https://www.spiegel.de/fotostrecke/manipulierte-bilder-fotostrecke-107186-2.html

Braune Pfütze von Medium per Photoshop oder Ähnlichem auf Rot umgefärbt, um angebliche Massaker-Spuren zeigen zu können:

https://www.spiegel.de/fotostrecke/manipulierte-bilder-fotostrecke-107186-2.html

https://www.spiegel.de/fotostrecke/manipulierte-bilder-fotostrecke-107186-2.html

Aber auch der Spiegel macht in diesem medienkritischen Artikel einen Fehler oder einen möglichen Fehler: er behauptet bei Foto14, der spanische Diktator Franco sei umretuschiert worden, um ihm ein besseres Image in der Bevölkerung zu verschaffen. Aber es könnte auch sein, dass er umretuschiert wurde, um die Zerstrittenheit zwischen Hitler und Franco, was die Weltkriegsteilnahme Spaniens betrifft, zu vertuschen. Vielleicht sprach auch Hitler Francos "Undankbarkeit", für die deutsche Unterstützung im spanischen Bürgerkrieg keine Gegenleistung geliefert zu haben, immer wieder an, was bei Franco auf großen Widerwillen stiess, der jedesmal witterte, dass die Weltkriegsteilnahme Spaniens die ersehnte Gegenleistung sein hätte sollen.

https://www.spiegel.de/fotostrecke/manipulierte-bilder-fotostrecke-107186-14.html

Vielleicht macht der Spiegel diesen Fehler oder möglichen Fehler, weil er kritiklos übernimmt, was das Deutsche Haus der Geschichte gefunden zu haben glaubt.

Zum Begriff des Napalm-Wahlkampfs: der SPÖ-Wahlkampfmanager Luigi Schober sprach im Nationalratswahlkampf 2006 von "Napalm, pures Napalm", das er als SPÖ-Wahlkampfmanager liefern werde.

Und tatsächlich enthielt dieser Wahlkampf viel dirty campaigning, mit Lügenkanzler-Vorwürfen und -karikaturen z.B. Dieser "Napalm-Wahlkampf" war insofern erfolgreich, als er der SPÖ die Position der stimmenstärksten Partei einbrachte, und laut der SPÖ-Doktrin bedeute diese den Anspruch auf die Führungsposition (eine SPÖ-Regel, mit der Franz Voves / SPÖ-Stmk brach, indem er/sie als Stimmenstärkster auf den Landeshauptmannposten verzichtete, nachdem Voves vom eigenen Parteikollegen Michael Häupl durch Pegida-Vorwürfe unter die 30%-Rücktrittsmarke gedrückt wurde).

Auf jeden Fall hat dieser Napalm-Wahlkampf der SPÖ und Gusenbauer insofern nichts gebracht, als die ÖVP bei den Koalitionsverhandlungen auf Rache sann und ein Koalitionsergebnis zustande kam, das Gusenbauer massiv beschädigte und seinerseits als Lügenkanzler darstellte, weil er die Abschaffung der Studiengebühren versprochen hatte, aber kein entsprechendes Koalitionsüberkommen zustande brachte.

Zur teilweisen Entschuldigung von Gusenbauer muss man dazu sagen, dass er von Häupl die Vorgabe hatte, so schnell wie möglich mit welchen Mitteln auch immer das Kanzleramt zurückzuerobern.

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