Vielleicht sind die hochgekochten Emotionen nach der Ermordung von Samuel Paty inzwischen wieder auf ein normales Maß heruntergekommen, sodass man Thesen diskutieren kann ....

Erstens einmal besteht ein Unterschied zwischen der Medienfreiheit und der staatlichen Neutralitätspflicht, bzw. einer Pflicht zur Objektivität, die für Medien nicht gilt (vielleicht staatliche Medien ausgenommen, womit ich nicht sagen will, dass sie diese auch einhalten).

Ein Medium darf schockieren, provozieren, karikieren, Blasphemie betreiben, aber in einer staatlichen Schule halte ich dasselbe für problematisch, und ich will jetzt auch gar nicht darauf eingehen, inwieweit das ein Mitverschulden des Staates oder des individuellen Lehrers sein könnte.

Bei der Medienvielfalt kann man immer noch zu einem anderen Medium wechseln, wenn das eine zur sehr provoziert, aber aus einem staatlichen Schulsystem kann man nicht so leicht herauswechseln. Und es besteht auch die Gefahr, dass ein provokativ-laizistisches Schulsystem zur Eröffnung von Madrassen (Islamschulen) und zum Homeschooling unter Muslimen führt, sodass diese Art des Laizismus letztlich vielleicht nur dem Dschihadismus nutzt. Es stellt sich die Frage, ob europäische Rassisten beabsichtigen, Muslime und Musliminnen per Mohammed-Karikatur in Madrassen und Homeschooling zu vertreiben, damit sie einen Bildungsrückstand erhalten, der dann die Vorurteile der Rassisten scheinbar bestätigt.

Auf jeden Fall ist ein etwaiges suboptimales Verhalten von wem-auch-immer keine Rechtfertigung, und der verabscheuungswürdige Mord bleibt ein verabscheuungswürdiger Mord, auch wenn ein Fehlverhalten von staatlichem Lehrplan, Lehrerausbildung, individuellem Lehrer oder wemauchimmer vorliegen mag.

Und auf jeden Fall war die Erschiessung des Täter scheinbar (weil ich aufgrund der Ferndiagnose nichts genaues sagen kann) richtig, auch wegen des Generalpräventiveffekts.

Aber dennoch gab es zahlreiche Stimmen, die auch Kritik am französischen Lehrsystem übten:

Jean-Pierre Obin, islamkritischer Schulinspektor in Frankreich übte durchaus auch Kritik am französischen Schulsystem:

https://www.zeit.de/2020/44/islamismus-frankreich-bedrohung-meinungsfreiheit-schule-lehrplan-samuel-paty?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.qwant.com%2F

Erstens würden die Lehrer unvorbereitet und ohne Ausbildung dafür in solche Situationen hineingedrängt, und zweitens sei es laut ihm ein Problem, wenn atheistische Lehrer, denen das Gefühl fürs Religiöse fehlt, religiöse Kinder unterrichten würden, gerade in den heiklen Fragen.

Und gerade in der spezifischen Situation war erstens das Zeigen der Mohammed-Karikaturen, insbesondere derjenigen, die einen Zug ins Pornografische hatte, und zweitens die (laut Medienberichten erfolgte) Weisung des Lehrers, die Muslime und Musliminnen könnten ja die Klasse verlassen, wenn die Karikaturen Aggressionen in ihnen wecken, nicht gerade das Optimum der Pädagogik.

Einen alternativen Lehrvorschlag brachte auch der deutsch-ägyptische Islamkritiker Hamed Abdel-Samad, der die interkulturelle Kompetenz hat, die man bei Rechtsextremisten und Rassisten verzweifelt sucht, die nun die Paty-Ermordung parteipolitisch für sich ausschlachten wollen und dabei auch die Demokratie, den Rechtsstaat und den pluralistischen Diskurs zu opfern bereit sind.

Abdel-Samad schlug vor, die Klassen zweizuteilen, und die Muslime dazu zu bringen, die Karikaturen zu verteidigen, hingegen die Nicht-Muslime dazu, die Karikaturen zu kritisieren, damit beide Seiten lernen, sich in die jeweils andere hineinzudenken.

Generell läuft in der aufgeheizten, vielfach rassistischen Stimmung, die seit der Paty-Ermordung vielfach dominiert, auch derjenige Gefahr, als Dschihadistenverteidiger bezeichnet zu werden, der die Erschiessung des Paty-Mörders gutheisst und der islamkritisch, aber eben nicht rassistisch ist.

Für Rechtsextremisten und Rassisten ist jeder, der nicht alle Muslime für "Kopfabsäbler" hält, automatisch ein Linksextremist und Dschihadist oder Dschihadistenverteidiger oder etwas ähnliches, selbst dann, wer er Dschihadopfer und Islamkritiker ist.

Und diese totalitär-dichotome Logik, entweder ein Dschihadist oder ein rechtsextremer Verteidiger der angeblichen Werte Europas sein zu müssen, wobei die Verteidigung Europas in der Vertreibung oder Ermordung aller Muslime und Musliminnen bestehe, ist letztlich genau das Ende der Demokratie und des Rechtsstaats, der auf Individualschuld aufbaut und der Aufklärung, die sich die totalitären Verteidiger derselben angeblich auf die Fahnen geschrieben haben.

Ich möchte mir ungerne vorschreiben lassen, muslimische Schüler und -innen provozieren und schockieren und aus der Klasse und aus der Schule vertreiben zu müssen, nur weil das in das Kulturenkriegskonzept der Rechtsextremisten und Rassisten passt, und ich habe auch bisher es immer schon so praktiziert, bei Veranstaltungen mit Musliminnen und Muslimen zwar über die Mohammed-Karikaturen (z.B. der Jyllandsposten, damals 2005 berief sich die dänische Regierung auch richtigerweise auf die Medienfreiheit) zu sprechen und die Begleiterscheinungen (wie die Botschaftsstürmungen) zu thematisieren, auch die Ungleichbehandlung der Religionen in diesem Zusammenhang, dass man Christus und den Papst karikieren darf, aber Mohammed nicht; aber die Mohammed-Karikaturen nicht zu zeigen.

Dazu passt auch, dass der Koran vielfach das enthält, was Muslime dem Westen vorwerfen, nämlich Blasphemie: wenn im Koran die Rede davon ist, dass Issa/Jesus kein Gott sei, sondern "nur" ein Prophet, wenn im Koran davon die Rede ist, dass das mit der Kreuzigung eine Lüge sei, dass die heilige Dreifaltigkeit eine Lüge sei, dann empfinden viele Christen das als Blasphemie, als koranische Blasphemie. Und eine Religion wie der Islam, der selbst soviel dessen enthält, was Christen als Blasphemie empfinden, der sollte auch etwas toleranter sein dabei, selbst Blasphemie auszuhalten.

Letztlich stellt sich auch die Frage, ob eine strategische Allianz zwischen Rechtsextremisten, Rassisten und Dschihadisten besteht, die beide zum Ziel haben, ein funktionierendes Zusammenleben zu zerstören und beide einen Krieg wollen.

Eine Allianz zur Zerstörung der Mitte, zur Zerstörung der nicht extremistischen und nicht-rassistischen Westler ebenso wie zur Zerstörung der Reform-Muslime, die die Gefahren in Zusammenhang mit Koran und Islam erkennen ....

Ein weiteres neues Laizismus-Problem, das sich bisher wegen der katholischen Dominanz nicht stellte, ist die Frage, wie man Laizismus in einer multireligiösen Gesellschaft praktizieren müsse. Denn dann gilt auch das Prinzip der Gleichbehandlung der Religionen: der Islam ist die einzige Religion, in der ein Verbot, den Propheten abzubilden, gilt, was die alte Frage nach der Gleichbehandlung des Ungleichen aufwirft. Und ein Laizismus, der sich darauf beschränkt, provokative Mohammed-Karikaturen zu publizieren, insbesondere in der staatlichen Schule, der läuft eben auch Gefahr, als rassistisch und anti-muslimisch wahrgenommen zu werden, weil es eben nur eine Religion trifft, nämlich den Islam, aber das Christentum, in dem derartige Prophetenabbildungsverbote nicht existieren, nicht. Und so gesehen ist es kein Volllaizismus, sondern eine Art Halblaizismus mit einer pro-christlichen und anti-muslimischen Note. Aber ein bisschen laizistisch sein (nur dann, wenn es gegen Muslime geht, gegen andere Religionen nicht), ist wie ein bisserl schwanger sein - unmöglich. Wenn ein judenfreundlicher Katholik wie Sarkozy als Staatspräsident für den Katholizismus ein bisschen Propoganda betreibt, dann nimmt man den Laizismus nicht so ernst und argumentiert, Sarkozy dürfe mit dem Laizismus brechen, weil er gewählt sei, hingegen wenn es gegen den Islam geht, dann packt man den angeblichen Laizismus, der nur mehr ein Halblaizismus, ein Laizismus-Missbrauch für rassistische Ziele ist, in voller Härte aus - auch das scheint geeignet für einen Bürgerkrieg, aber nicht für eine rechtsstaatliche Demokratie.

Die Frage der Gleichbehandlung der Religionen stellt sich auch in Hinsicht auf die Gewaltpassagen. Ähnlich wie im Koran gibt es auch in der Bibel (im alten Testament) und in Thora/Tanach Gewaltpassagen, bzw. zu Gewalt auffordernde Passagen. Den Koran wegen der Gewaltpassagen zu verbieten, hingegen die Bibel, Thoran/Thanach trotz der Gewaltpassagen nicht, diskreditiert den Laizismus und offenbart scheinbar das rassistische Konzept dahinter bzw. hinter seinem Mißbrauch.

Pixabay License / ArtTower https://pixabay.com/photos/apocalypse-war-disaster-destruction-2459465/

Rechtsextremisten und Dschihadisten wollen dasselbe, nämlich einen Krieg der Kulturen - sie unterscheiden sich alleine darin, wen sie sich als Sieger dieses Krieges wünschen.

Während sowohl nicht-rassistische Westler wie auch Reform-Muslime etwas anderes wollen .....

https://de.wikipedia.org/wiki/Bilderverbot_im_Islam#/media/Datei:Siyer-i_Nebi_151b.jpg

Hier eine Darstellung von Mohammed vor der Kaaba mit verhülltem Gesicht aus dem Siyer-i Nebi, 16. Jahrhundert.

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