In meiner Beitragsserie zu brandaktuellen Themen der New Economy (NE) geht es heute um die Finanzindustrie, wo sich momentan neben den Trümmern der Finanzkrise ein Grabenkampf zwischen den Aufbegehrenden der NE und den derzeitigen Thronbesitzern abspielt. Aus vielen Richtungen ist bereits zu hören dass die besten Zeiten der Finanzdienstleister vorbei sind, doch ist das tatsächlich so?

Umstrukturierungen, Fusionen und Führungswechsel gibt es dieser Tage in der gesamten Banken und Versicherungslandschaft. Zum Einen sind die mit Verspätung angekommenen Folgen von 2008 noch immer nicht durchgestanden und zum Anderen macht sich langsam aber sicher neue Konkurrenz breit. Große IT-Konzerne und diverse Start-Ups sind drauf und dran ernstzunehmende Konkurrenten für Banken und Versicherungen zu werden. Private Banking, alternative Zahlungsmethoden, Kreditvarianten (z.B. Moneymeets,  Auxmoney, Paypal, Lendico) oder digitaler Vertrieb von Finanzprodukten sind am Zunehmen und verlangen eine Antwort von den alten Rockstars am Markt.

Die Folgen der Finanzkrise baden zur  Zeit diejenigen aus, welche am wenigsten verantwortlich dafür waren –  denn immerhin waren Hedgefonds und Ratingagenturen in Verbindung mit den verschuldeten US-Kreditnehmern (Privathaushalte) die Krisenverursacher, und nicht etwa die Banken, oder gar Versicherungen, wie es jedoch oftmals dargestellt wird. Liquiditätsvorschriften zu Eigenkapitalausstattung, Gesetze zu innerbetriebliche Dokumentationspflichten, Verordnungen für Kennzeichnungen der Finanzprodukte und eine ganze Müllhalle voller neuer Paragraphen betreffend der Banken- und Versicherungsaufsicht regulieren den Markt bis aufs (Un-)Zumutbare.

Weiteres macht die digitale Transformation mächtig Druck, so dass Anwendungs- und Rechensysteme stets am neuesten Stand gebracht werden müssen, um die steigende Produktivität weiterhin sicherzustellen, auf (in künftig häufigere) gesetzliche Änderungen schneller reagieren zu können, die Security zu gewährleisten und auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereitet zu sein. Die Kosten für die Adaptierungen in den Bereichen Compliance, IT, Anti Money Laundering und Risikomanagement sind dabei natürlich ein nicht zu unterschätzender Faktor, der den Kostensatz schnell steigen lassen kann.

Und dann wäre da noch das Niedrigzinsniveau, welches uns voraussichtlich auch noch die nächsten Jahre erhalten bleibt. Die Erwirtschaftung der Renditen ist unter Einhaltung der Risk-Policy eine wahre Challenge, selbst wenn am Produktportfolio mit Garantien und Gebühren geschraubt wird.

So schnell lassen sich jedoch die Alteingesessenen nicht vom Markt verdrängen, zu Recht. Die von den Medien stark in Beschuss genommene Finanzindustrie genießt noch immer ein sehr hohes Vertrauen der Bevölkerung, wenn auch in letzter Zeit durch die gezielte Negativberichterstattung etwas weniger. Die Umsätze der meisten europäischen Institutionen sind weiterhin auf stabilem Niveau und damit dies so bleibt muss nun auch in Zukunft einiges getan werden. Vor allem der mitteleuropäische Sparer ist eher der risikoärmeren und konservativeren Kundenschicht zuzuordnen (ganz im Gegensatz zu den US-Amerikanischen Genossen) – dies ist für den Old-Economy-Markt ein sehr positives Faktum, welches auch dementsprechende Reaktionszeit bieten würde, um sich zu rüsten für die Hürden der Zukunft (Stichwort NE). Durch das traditionsverbundene Denkmuster der Anleger und Kunden, sind Banken und Versicherungen nach wie vor die Vorzugsanlaufstellen, wenn es um Finanzprodukte geht. Angebote alternativer Firmen wie sie zu Beginn genannt wurden, haben sich in Europa (bis jetzt) schlecht bis wenig durchgesetzt und teilweise kann der Konsument auch froh darüber sein. Globale online Anbieter messen immerhin mit neuen Maßstäben, haben teilweise andere Spielregeln und sollten auf alle Fälle vor einem Kauf unter die Lupe genommen werden.

Beispiel: Wenn ich mich persönlich als Kreditnehmer entscheide müsste, zwischen einem amerikanischen Start Up und einem heimischen Bankhaus, so würde ich in jedem Fall zweiteres aus folgendem Grund wählen: Das Risiko bei Unregelmäßigkeiten wie z.B. Ort des Gerichtsstandes, unklares Konsumentenrecht oder fehlende Kontaktperson ist wesentlich größer. Wie etwa würde eine Bank, welche am andern Teil der Welt den Kundenberater zur Verfügung stellt, mit Zahlungsausfall umgehen? Bei Notsituationen der Kunden wird die heimische Bank in jedem Fall nachsichtiger sein, nicht zuletzt weil auch die Angst eine Rolle spielt, bei zu rigorosem Eintreiben der Forderungen negativ in den (Lokal-)Medien zu stehen. Ein global agierender Konzern hat bei Streitigkeiten eine wesentlich dickere Haut, wie man beispielsweise im Falle des österreichischen Facebook-Klägers Max Schrems gesehen hat.

Der heimische und kundenorientierte Dienstleister wird kurz- und mittelfristig mit Sicherheit weiterhin der Anbieter des Vertrauens für viele Kunden bleiben. Staatliche Garantien, Direktkontakt durch Berater, Konsumentenschutz & Co sind dabei noch zahlreichen Verbrauchern wichtig bei der Inanspruchnahme diverser Finanzprodukte.

Nichts desto trotz werden digitale Produkte, vor allem bei den jüngeren Generationen, immer bedeutungsvoller und Finanzdienstleister werden in Zukunft renovieren müssen um mit den immer zahlreicher werdenden Mitbewerbern aus allen Teilen der Welt (langfristig) mithalten zu können. Und auch schwer zu standardisierende Dienstleistungen und Finanzprodukte wie z.B. M&A Geschäfte oder Spezialversicherungen werden für den Konsumenten bald ebenso schneller, effizienter und ortsunabhängig – sprich digital verfügbar sein.

Besonders wichtig wird die zeitnahe Umsetzung folgender Maßnahmen werden:

-1)Optimierung des Onlinemarketings (SEO, Social Media, Blogging, etc.)

-2)Aufbau userfreundlicher Kundenportale(z.B. Administration, Produktkauf, Information, etc.)

-3)Ausbau flexibler und perfomanter BackOffice- und Rechensysteme (um schneller auf Markt-, Gesetz, oder Produktänderungen reagieren zu können und eine Basis für Innovationen schaffen zu können)

-4)Einführung neuer Produkte (durch den Einzug der NE, Senkung des Pensionsantrittsalters, Niedrigzinsumfeld etc. entstehen neue Bedürfnisse, welche man erkennen/wecken und befriedigen müsste)

-5)Adaptierung der Verkaufsprozesse (..und erkennen dass weder ein rein physisch noch digital gestützter Verkaufsprozess das Ziel sein kann, sondern eine duale Lösung sinnvoll ist, um sowohl ältere als auch jüngere Generationen zu erreichen)

-6)Aus- und Weiterbildung der Finanzberater (neue Marktlagen erfordern neue Strategien, welche auch in der Kundenberatung erforderlich sind - und solange kein genereller Online-Kauf vom Kunden gewünscht ist,  bleibt gute Beratung unersetzbar. Auch der Umgang mit digitalen Medien wirft Schulungsbedarf auf)

Das Potenzial der IKT ist in der Finanzbranche bei weitem noch nicht ausgeschöpft und die Online Finanzdienstleister werden mit Gewissheit auch weiterhin an Einfluss gewinnen. Fragt sich dabei nur, ob die Old-Economy-Finanzer zeitgerecht reagieren um in der Rolle der Platzhirsche zu bleiben…

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fischundfleisch

fischundfleisch bewertete diesen Eintrag 14.12.2015 23:17:16

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