Bei Netto ist neuerdings wieder Einkaufswagenpflicht, allerdings beträgt der Mindestabstand nun zwei Meter. Die Einkaufswägen sind nicht länger geworden und haben immer noch Münzschlitze. Aber wer misst schon nach? Und wer traut sich schon, Kunden anzugehen? Der Kunde ist König, wird dem Personal seit unerdenklichen Zeiten eingetrichtert. Selbst wenn er glotzt und riecht wie ein toter Fisch. Ich halte natürlich sämtliche Regeln ein. Erstens bin ich ein außergewöhnlich braver Bürger, zweitens auch außergewöhnlich konfliktscheu. Drittens verlangt es der Faschist in mir. Man sieht ja, was das für Leute sind, die sich nicht an die Regeln halten. Prekäre, materiell wie spirituell. Querulanten, mindestens innerlich schmutzig. Ordinäre Typen ohne Geschmack und ohne Würde. Billigfleisch, Billigbier, Billigzigaretten, bündelweise Bargeld. Die einen wählen gar nicht, die anderen Linkspartei oder AfD. Alle miteinander sind wandelnde zwingende Gründe dafür, den eigentlich unerträglichen Wahnsinn der Eliten zu ertragen. Ich spüre eine Panikattacke nahen. Warum bin ich einkaufen gegangen? Stimmt ja, der Wein wird alle. Ich bin kein Alkoholiker, aber wenn ich schon saufe, dann will ich wenigstens etwas davon haben. Es gibt nichts schlimmeres als einen halben Rausch.

In der SB-Abteilung steht ein Wanderarbeiter mit verdreckter Einwegmaske und grabscht mit bloßen Händen in der Auslage herum. Es würde mich sehr wundern, kratzte er sich nicht zwischendurch am Hintern. Gut, dass ich keine Brötchen brauche. Als ich die Kühltheke erreiche, beginnt unweit von mir eine Frau zu keifen. Ich fühle mich automatisch angesprochen. Mein Blutdruck rast in die Höhe, meine Hände beginnen zu zittern. Mein Gehirn ist schon etwas weiter und versucht, sich mit einem längeren Gefängnisaufenthalt abzufinden. Ich bin ein friedlicher Mensch, aber sollte es jemand auf meine Vernichtung abgesehen haben, muss ich entsprechend reagieren. Wie viele Menschen kann ich töten, ehe man mich überrumpelt? Auf der Metaebene bricht mein Über-Ich vor Lachen zusammen, denn es weiß genau, dass meine martialischen Gedanken nichts weiter sind als der Napoleonkomplex eines überreizten Erdmännchens, das im Ernstfall noch vor dem ersten Schlag einen Herzanfall erleiden würde. Entsprechend erleichtert bin ich, als ich sehe, dass die Wut nicht mir gilt - und auch völlig berechtigt ist. Sie geht von einer Mitarbeiterin aus, die sich in einer Art Rückzugsgefecht befindet. Mit in die Seite gestemmten Armen und vorgebeugtem Oberkörper schimpft diese bedauernswerte Frau auf einen etwa 50 Jahre alten Herren ein, der einen hervorragenden Komparsen für einen Zombiefilm abgegeben hätte. Sein Körper ist plump, seine Schultern sind schlaff, seine Gesichtszüge krumm und seine Augen gelb und leer. Natürlich hat er keinen Wagen und trägt auch keine Maske. Dünnflüssiger Rotz läuft aus seiner Nase. Was auch immer die Frau zu ihm sagt, ignoriert er völlig. Er scheint sie nicht einmal als menschliches Wesen wahrzunehmen. Langsam und ohne jegliche Regung geht er auf sie zu. Sie weicht weiter und weiter zurück, wird immer lauter. Niemand hilft. Ich auch nicht. Endlich dreht er sich um und schlurft Richtung Ausgang. Die Mitarbeiterin weist ihre Kolleginnen an, ihn nicht wieder hereinzulassen. Für einen Moment glaube ich, Mitleid zu empfinden, doch es ist kein Mitleid. Es ist Selbstmitleid, gründend auf der Erkenntnis, dass der Zombie keine Abweichung von der Norm darstellt. Er ist eines der reinsten Exemplare meiner Spezies; ein Mensch, bis zur Kenntlichkeit entstellt. Er ist weder Querdenker noch Konformist, weder rechts noch links. Wahrscheinlich weiß er nicht einmal, was eine Partei ist. Er folgt blind seinen verkümmerten Instinkten und reagiert ausschließlich auf die Knute. Was unterscheidet mich von ihm? Ganz einfach: Die Tatsache, dass ich mir selbst dabei zusehen kann, wie ich mich genau wie er verhalte. Irgendwo in meinem Kopf schreit eine verzweifelte Mitarbeiterin auf den Rest von mir ein, ohne irgendetwas zu bezwecken. Brauche ich Käse? Ja, brauche ich. Zum Wein immer Käse und Fisch. Das hat mich Asterix gelehrt.

Früher bin ich prinzipiell ohne Wagen einkaufen gegangen, um zu verhindern, dass ich mehr kaufe, als ich mir leisten kann. Jetzt ist der Wagen voll. Ich werde noch tiefer ins Minus rutschen, aber vielleicht sollte ich mir darüber keine Gedanken machen. Geht es nach Twitter und bestimmten Medienhäusern, ist Covid-19 mindestens so schlimm wie die Pest, also dürfte es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis mindestens ein Drittel der Weltbevölkerung jämmerlich krepiert. Lasset uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot! Ich sehe dem Tod optimistisch entgegen. Zwar war ich nie ein guter Christ, aber seit es die Regierung zur Heldentat erklärt hat, zuhause zu sitzen und nichts zu tun, bin ich frohen Mutes. Es war noch nie so leicht, nach Walhalla zu gelangen. Egal jetzt. Wie bei Netto üblich, ist die Länge der Kassenschlange rekordverdächtig. Ich gehe zurück zu den Kühltheken, um mich anzustellen. Vor mir stehen drei prekäre Menschen, zwei Frauen und ein Mann. Sie geben mir ein gutes Gefühl, denn sie sind noch fetter und ungepflegter als ich. Zudem sind sie wesentlich dümmer als ich, denn sie halten offensichtlich nichts von Alkohol. Dummheit frisst, Intelligenz säuft, ich bin sehr erfolgreich um Ausgleich bemüht. Eine zweite Kasse öffnet. Zwei relativ fein gekleidete Herren scheren von weiter vorne aus und prügeln sich nur deswegen nicht um den ersten Platz am Band, weil sie peinlich bemüht sind, Abstand zu halten. Ich wünsche ihnen eine mittelschwere Covid-Infektion. Warum? Weil ich ihnen ansehe, dass sie täglich die Farbe ihres Stuhlgangs kontrollieren. Sie sind zweifellos Singles, SPD-Wähler und sehr aktiv in den sozialen Medien. Jedes Mal derselbe Quatsch!

Es geht voran. Schleppend zwar, aber immerhin. Meine rassistische Ader kommt durch und ich ertappe mich dabei, wie ich den Geruch meiner in Deutschland hergestellten Maske genieße, die ich seit Monaten verwende. Deutsche Masken sind teuer, aber ich bin nicht bereit, die chinesische Wirtschaft dafür zu belohnen, dass ein Virus aus China die halbe Welt in Panik versetzt. Zudem riechen chinesische Masken nach Ramschladen und deutsche nach sauberer Fabrik, woran auch mein sicherlich stinkender Atem nichts ändern kann. Die Schlange stockt, weil ein uralter Mann unaufgefordert nach Kleingeld sucht. Ich verdrehe die Augen. Die Schlange stockt, weil eine blonde Schreckschraube über Rabattmarken streitet. Ich stöhne genervt auf. Die Schlange stockt, weil eine dunkelhäutige Frau versucht, eine Packung Kaugummi mit einem 500-Euro-Schein zu bezahlen. Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen, und halte lieber Ausschau nach dem Zombie. Endlich bin ich dran. Die Kassiererin hinter der Plexiglaswand trägt keine Maske, da sie keine tragen muss. Stoisch lässt sie das Genöle der Hypochonder unter uns an sich abprallen und ich liebe sie dafür. Ihrem Blick entnehme ich, dass diese Liebe nicht auf Gegenseitigkeit beruht. Sie will mich nur loswerden und scannt meinen Einkauf extra schnell. Hinter mir pflaumt ein kleinwüchsiger Deutscher in Arbeitskleidung und mit einem Einkaufswagen voller Schnaps seine maskenlosen Kinder an, weil sie gerne etwas Süßes hätten.

Die Kassierin lächelt mich an. Sie wurde sicherlich darauf trainiert, also lächle ich nicht zurück. Dennoch genieße ich es. Ich entschuldige mich dafür, bar zu bezahlen, und sie tut, als wäre es ihr gleich. Als ich ihr den 50-Euro-Schein reiche, streifen sich unsere Hände. Es fühlt sich an wie ein Tabubruch, belebend und bezaubernd. Unsere Blicke kreuzen sich und ich erkenne keinen Ekel. Sie zählt das Rückgeld aus der Kasse und gibt es mit spitzen Fingern in meine geöffnete Hand, wobei einer ihrer Fingernägel ganz leicht meine Haut berührt. Haben wir gerade das Gesetz gebrochen? Wenn ja, dann will ich es öfter tun. Mein Leben lang war ich abweisend und asozial und habe Kontakte gescheut, wann immer es ging. In einer übermäßig sexualisierten Gesellschaft wollte ich ein Außenseiter sein, aus Prinzip sozial distanziert, selbst um den Preis der Vereinsamung. Nun aber bin ich ein Rebell anderer Art: Berührt mich jemand, scheue ich nicht zurück. Reicht mir jemand die Hand, schlage ich ein, und legt jemand den Arm um mich, ziehe ich ihn näher heran. Nicht, dass das sonderlich oft geschehen würde.

Ich habe zu viel Geld ausgegeben - wie so oft. Ich werde mich zuhause vergraben - wie immer. Ich fliege nicht, ich reise nicht, ich pfeife auf moderne Technik. Während sich der Rest der Gesellschaft im apokalyptischen Endkampf zwischen Linksgrün und Hitler wähnt, sehe ich mir jeden Abend alte Family-Guy-Folgen an und kombiniere Rotwein mit Alpha-Liponsäure, um dem Kater vorzubeugen. In meiner Fantasie werde ich langfristig gesund und stark, in der Realität zusehends fett, krank und alt. Aber wen, der bei Verstand ist, schert dieser Tage schon die Realität? Sie ist sexistisch, rassistisch und ableistisch, ein anachronistisches Unterdrückungskonzept aus der Zeit unserer Kolonialverbrechen. Wer sie anerkennt, macht sich mitschuldig.

Auf dem Weg zum Parkplatz halte ich kurz inne und atme tief ein. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern. Ein kurzatmiger Greis zieht sich seine Maske über Mund und Nase, niest mehrmals hinein und legt sie dann sogleich wieder ab. Guter Mann! Ich fühle mich wohl, denn meine Abscheu vor dem normalen Leben wird schlussendlich belohnt - von welchem Gott auch immer. Ich werde mich weiterhin einsam fühlen ob meiner Scheu, benachteiligt ob meiner Schwäche und nutzlos ob meiner Kinderlosigkeit, doch all jene, vor denen ich mich in früheren Jahren schämte, werden psychisch womöglich tiefer sinken, als ich jemals sank. Als die Welt den Kuss zur Teufelei erkor und das Heil in der Distanz erkannte, erkannte ich endlich den Reiz der zwischenmenschlichen Nähe. Für die Bundeswehr war ich untauglich, mit dem Alltag zumeist überfordert. Nun indes rage ich heraus, Held und Rebell zugleich. Bist du stolz auf mich, Mutti? Und jetzt muss ich zwanzig Kilometer weiterfahren, weil es bei diesem Drecksbäcker keine Krapfen mehr gibt.

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