Grablichter, Blumen und ein verschlossener Dönerwagen im Schatten einer Garage. Am von der Abendsonne in grelle Hitze getauchten Edeka-Parkplatz direkt daneben tummeln sich Deutsche, so jung, wie Deutsche heutzutage sein können - also Anfang bis Mitte 30, aber betont jugendlich gekleidet -, und richten mal gleichgültige, mal leere Blicke nirgendwo hin. Nur wenige von ihnen sind hier, um einzukaufen. Wozu man sich hier sonst aufhalten sollte, erschließt sich mir zunächst nicht. War etwas? Ist etwas vorgefallen? Nun, zweifellos! Mein Gehirn versucht in jedem unbeobachteten Moment, die Erinnerung daran ins Unbewusste zu verdrängen. Die Gehirne der anderen Leute sind offensichtlich erfolgreicher als meines; wahrscheinlich sind sie überzeugt davon, sich nur aus Lust und Laune hier herumzutreiben.

Obwohl ich mich nicht beobachtet fühle, kostet es mich Überwindung, den Markt zu betreten. Sollte ich der Ruhe trauen? Bei dieser Hitze kann Trägheit sehr schnell in Raserei umschlagen und ich bin weit davon entfernt, alle Dresscodes und Verhaltensregeln zu kennen. Mein Haar ist raspelkurz, meine Maske schwarz. Vielleicht trage ich eine Farbkombination, die mit der falschen Partei in Verbindung gebracht wird. Hätte ich die Grablichter nicht bemerken dürfen? Ich bin Rassist genug, um davon auszugehen, dass die Leute hier keine Messer bei sich tragen, doch könnte bereits ein böses Wort meinen Blutdruck in bedenkliche Höhen treiben. Bitte nicht auffallen, bitte keinesfalls auffallen. Die Welt hat den Verstand verloren und ich meine Resilienz.

Was hier geschehen ist, weiß ich längst, aber dass ich es weiß, ist ein schlechtes Zeichen. Es steht mir nicht zu, diese Sorte Verbrechen zur Kenntnis zu nehmen, nicht, wenn ich mich nicht mit dem personifizierten Bösen gemein machen will. Niemand darf wissen, was ich weiß und wie ich wirklich denke. Diese Zeiten sind vorbei. Neugierig bin ich trotzdem, also frage ich die Kassiererin beiläufig, was da draußen geschehen sei. Womöglich ein Autounfall? Sie blickt kurz auf und senkt den Blick wieder. Sie scannt das Toastbrot. "Do hamm se oane obgstochn." Sie scannt die Forellenfilets. "Woa groß in da Zeitung." Ein leicht prüfender Unterton. Oder bilde ich ihn mir ein? Sicherheitshalber betone ich, dass ich keine Zeitung lese. Das stimmt sogar, aber wer braucht Zeitungen? Hoffentlich kennt sie mein Facebook-Profil nicht. Sie scannt weiter, nennt den Betrag. Ich zahle und verabschiede mich, ohne näher auf das Thema einzugehen.

Jemand wurde erstochen. Jemand anderes ist von der Leiter gefallen. Der Staatsschutz ermittelt nicht, Covid-19 ist auch nicht beteiligt. Das Leben geht weiter. Als ich zum Auto gehe, kommt mir eine fünfköpfige Gruppe Jugendlicher entgegen. Sie wirken eigentlich ganz fröhlich, wenn auch auf eine äußerst testosteronreiche Art. Racker! Ich gehe besser aus dem Weg, bin ja schon fast vierzig, und hätte ich Kinder, wären sie bestimmt auch keine Nerds. Realistisch betrachtet würden sie wahrscheinlich dem Alkohol verfallen, wie meine väterliche Seite, oder der Depression, wie meine mütterliche. Ich bin beides zugleich, die Synthese, der Abspann einer zunehmend hässlichen und öden Geschichte, und es ist schön zu wissen, dass das Ende meiner Blutlinie nicht das Ende meiner Heimat ist. Sie wird weiterhin bevölkert sein. Und habe ich nicht ein hübsches neues Auto? Das Leben passt schon so, wie es ist. Irgendwie.

Die Grablichter und die Blumen werden bald verschwinden, der Dönerwagen wieder öffnen und alles wie vorher sein. Sollte ich ein Foto machen? Nein, ich will nicht gesehen werden. Was, wenn die Leute denken, ich fotografierte für einen bösen Blog? Was, wenn mich der Besitzer des Wagens zur Rede stellt? Ist es überhaupt erlaubt, zu fotografieren? Ich verfluche meine Feigheit, doch gebe ihr nach. Selbst wenn ich ein Foto machte, würde es wahrscheinlich auf meinem Smartphone versauern. Niemand will solche Bilder sehen. Ich auch nicht. In absehbarer Zeit werde ich vergessen haben, was hier geschehen ist. Es berührt mich ja jetzt schon kaum mehr und das ist auch gut so, denn sichtlich unter solchen Vorfällen zu leiden, zählt zu den gesellschaftlichen Todsünden unserer Zeit. Als ich abfahre, bemerke ich, dass der Parkplatz bis auf die fünfköpfige Gruppe leer ist. Wie sich herausstellt, vertreiben sich meine Landsleute nun ein paar Straßen weiter die Zeit.

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