30 Tage muss ich mich zusammenreißen, dann bin ich mein Facebook-Konto endgültig los. Es dürfte das zehnte Mal sein, dass ich die Löschung beantrage, und sollte nichts Unvorhergesehenes passieren, mit Sicherheit nicht das letzte Mal. Ich unterdrücke den Impuls, den Monitor des Betriebsrechners aus der Halterung zu reißen und vor allen Leuten am Boden zu zerschmettern. Sie können schließlich nichts dafür, dass ich meine Arbeitszeit nutze, um mich online zu streiten. Und geht es im realen Leben nicht sowieso gesitteter zu als im virtuellen? Ich brauche Abstand, das ist alles, Abstand zum ungefilterten Wahn der Avatare. "Grüß Gott." Obwohl mir die Stimme bekannt vorkommt, sehe ich zunächst nicht auf, sondern erwidere den Gruß nur. Erst vor einigen Minuten hatte ich mit mehreren Leuten zu tun, die jetzt vollkommen verblüfft wären, denn siehe da: Ich kann sprechen, obwohl ich das trage, was diese unverbesserlichen Knallköpfe für einen "Maulkorb" halten: die obligatorische Atemschutzmaske. Aber gut jetzt, fort mit diesem Groll. Hier ist nicht Facebook, sondern eine Buchhandlung, und meine Aufgabe ist es, zu kassieren und dabei zu lächeln. Lächeln? Nun, sagen wir: grimmig Löcher in die Luft starren. Das muss reichen.

Als ich endlich aufblicke, entspannen sich meine Gesichtszüge dann doch. Gleichzeitig verkrampft sich mein Herz, denn der hochgewachsene ältere Herr, der gerade nach seinem Geldbeutel kramt, hält wie üblich seine Frau bei der Hand - oder die Person, die einmal seine Frau war. Sie weiß nicht mehr, wer sie ist, sondern trottet treu und lieb wie ein sediertes Kleinkind neben ihrem Ehemann her, die Augen offen, aber erloschen, und jede Bewegung so zaghaft, als wäre sie die allererste. Was dieser Frau zugestoßen ist, weiß ich nicht und will ich auch nicht wissen, aber der Schmerz, den sie und ihr Partner angesichts dieses Schicksals erlitten haben müssen, strahlt so stark aus, dass ich mich am liebsten verkriechen möchte. Droht mir und meiner Frau Vergleichbares? Weder Alzheimer noch Schlaganfälle sind selten. Könnte ich damit überhaupt leben, geschweige denn ein Mindestmaß an Lebensfreude aufrecht erhalten, so wie dieser Mann? Er verabschiedet sich und verlässt gerade den Laden, als mein junger Kollege Karsten* an meine Seite tritt und mir, die Stimme vor Verachtung bebend, zuflüstert: "Auch so ein Drecksnazi!" Ich bin noch immer aufgewühlt und weiß nicht, was ich darauf antworten soll. Wovon redet dieser Kerl überhaupt? In Gedanken gehe ich den Kassiervorgang noch einmal durch. Schließlich verstehe ich: Die Zeitung, deretwegen der ältere Herr jede Woche bei uns vorbeikommt und die er auch heute gekauft hat, ist die Junge Freiheit.

Karsten hat irgendein besonders weiches geisteswissenschaftliches Fach studiert und anschließend festgestellt, dass sich beruflich damit nichts anfangen ließ. Da er Wert auf eine brauchbare Wohnung legte, blieb ihm nichts anderes übrig, als seinen Nebenjob zum Vollzeitjob zu machen, und nun ist er hier zusammen mit mir gefangen, der ich einen ähnlichen Hintergrund habe. Er weiß genau, dass er sich den langen Bildungsweg hätte sparen können, aber die Schuld daran mag er beim besten Willen nicht bei sich selbst erkennen. Die Gesellschaft, so weiß er, ist im Kerne verdorben, und die Farbe ihrer Verderbnis ist "kackbraun". Mit seinem unrasierten Gesicht, seinem unfrisierten Haupthaar, seinen allzeit misstrauisch zusammengekniffenen Augen, seinem übermäßig schlaksigen Leib und seiner an ein Fragezeichen erinnernden Körperhaltung entspricht er dem Klischee des Junglinken so sehr, dass es sich falsch anfühlt, ihn zu beschreiben. Es fällt mir schwer, ihn anders als hässlich wahrzunehmen, denn jedes dritte Wort, das er von sich gibt, ist eine angewiderte Schmähung gegen Leute, die ihn nicht hören können. Karsten hat mit absoluter Sicherheit ein anonymes Twitterprofil. Entweder das, oder er weiß nicht, was Twitter ist. "Warum müssen wir diesen Nazidreck überhaupt verkaufen?" Ich zucke mit den Schultern und lasse Karsten an die Kasse. Zeit für meine Pause. "Weißt du schon, wo du essen gehst?", fragt er mich mit ehrlichem Interesse in der Stimme, und ich antworte, nichts Böses ahnend: "Wahrscheinlich hole ich mir einen Döner." Karsten zuckt zusammen.

Wieder verstehe ich seine Reaktion nicht. Habe ich mich versprochen und versehentlich behauptet, ich würde mich diesmal einer Gruppe Stadtstreicher als öffentliche Toilette anbieten? Nein, ich bin mir ziemlich sicher, dass ich das nicht gesagt habe. Aber Karsten sieht aus, als hätte er es gehört. Jetzt muss ich grinsen. "Magst du keinen Döner?" Was folgt, ist ein geharnischter Vortrag.

Ich könne ja essen, was ich wolle, hält mir Karsten vor, und er werde mir mit Sicherheit keine Vorschriften machen, aber die Dönerläden dieser Stadt würden von Arabern betrieben und bei der Vorstellung, wie es bei denen in der Küche aussehe, werde ihm übel. Bereits bei den Türken sei man bekanntlich gut damit beraten, die Finger vom Fleisch zu lassen, aber wer beim Araber esse, der könne ebenso gut irgendwas Totes vom Straßenrand aufklauben und wenn ich mir unbedingt den Magen verderben wolle, dann doch bitte nicht in dieser Woche, denn er, Karsten, habe schon genügend Überstunden angesammelt. Falls ich wissen wolle, wo er gerne esse... An dieser Stelle macht er eine erwartungsvolle Pause. "Subway?", frage ich vorsichtig. "Komplett versifft!", faucht er und macht ein Würgegeräusch. "Außerdem brauchen wir den Amis nicht noch mehr Kohle in den Rachen werfen." Ehe ein zu großer Teil meiner Pausenzeit ungenutzt verstreicht, entschuldige ich mich und mache mich auf den Weg nach draußen. Karsten ruft mir noch etwas hinterher: Wenn es unbedingt etwas Orientalisches sein müsse, dann kenne er einige Kilometer weiter einen Griechen, der einigermaßen brauchbare Falafel herstelle. Ich bedanke mich und eile zum nächstbesten Dönerladen. Zwanzig Minuten später melde ich mich satt und ohne Verdauungsbeschwerden zurück. Natürlich weiß Karsten sofort, was ich gegessen habe, aber er rümpft nur kurz die Nase, denn er hat andere Probleme.

Kaum stehe ich wieder an der Kasse, postiert er sich in einer Ecke des Ladens und versucht, zwei junge Frauen im Auge zu behalten, die gemeinsam mit drei Kindern durch die Gänge streifen. Sie verhalten sich nicht mehr oder weniger auffällig als durchschnittliche Besucher, unterscheiden sich von diesen aber durch ihre hellbraune Haut, ihren zierlichen Körperbau und ihre fremde Sprache. Dafür ähneln sie äußerlich den Angehörigen einer Bettlerfamilie, deren Revier seit Jahren der Vorplatz des Bahnhofs ist. Ich will ehrlich sein: Wenn ich einen Menschen sehe, der sich betont unauffällig verhält, dann sehe ich einen potenziellen Ladendieb, und die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind zum Dieb wird, wenn sich die Gelegenheit bietet, siedle ich bei annähernd 100% an - zumal selbst ich, der notorische Duckmäuser und Feigling, in meiner Kindheit mehr als einmal gestohlen habe. Und ich will noch ehrlicher sein: Fällt mir ein Diebstahl auf, dann muss ich einschreiten und dann schreite ich auch ein. Aber wie ein Detektiv umherschleichen und gezielt nach dieser Sorte Ärger suchen? Nein, danke. Dafür werde ich nicht bezahlt. So empörend der gewöhnliche Deutsche diese Haltung (öffentlich) finden mag, so weit verbreitet ist sie. Auch Karsten teilt sie, aber nicht in diesem Fall. Die Gruppe verlässt den Laden. Er schickt ihr noch einen bösen Blick hinterher. Dann gesellt er sich wieder zu mir. "Bei diesen Z*****ern musst du aufpassen!", zischt er mir zu. "Die klauen wie die Raben!" Und wenn sie auch noch die Junge Freiheit lesen würden, dann wäre Polen wahrscheinlich endgültig offen. Wieder nicke und schweige ich nur. Es wäre absurd, Karsten irgendwelche Vorwürfe zu machen. Immerhin verortet er sich links und würde nie im Leben AfD wählen, also kann er gar kein schlechter Mensch sein.

Wollte ich diesen Text ins Unendliche strecken, könnte ich noch von Jörg* erzählen, der sich kategorisch weigert, rechte Zeitschriften zu verkaufen, und nur äußerst ungern "N****innen" bedient, da diese keine Manieren hätten. Oder Marie*, die von der Todesstrafe für Trump träumt und die AfD gerne verboten sähe, aber Transsexuelle für "abartig" hält und unter Alkoholeinfluss fröhlich fragt, ob es denn nicht endlich eine Partei gebe, die alle "Z******r" abschieben wolle. Diese und viele Beispiele mehr könnte ich nun ebenfalls episch ausbreiten und wie das obige müsste ich sie dabei nicht einmal groß überzeichnen, sondern eher hier und da abschwächen. Aber all das würde den Text nur noch unglaubwürdiger machen, also kommen wir zum Punkt:

Außerordentlich viele Zeitgenossen, so legt zumindest meine Erfahrung nahe, sind fälschlicherweise davon überzeugt, nicht rechtsradikal zu sein. Mit glühendem Eifer bekämpfen sie jede rechte Bewegung, die von der öffentlichen Meinung zum Feind erklärt wird, und mit naiver Selbstverständlichkeit verorten sie sich, wenn sie frei sprechen, weiter rechts, als es eine Partei könnte, die nicht sofort wieder verboten werden wollte. Verbinde ich diesen Eindruck mit der unter Deutschen endemischen zwanghaften Suche nach Gründen, den einzigen jüdischen Staat dieser Welt als notorisch kriegstreiberisches, stets nach Völkermord trachtendes und sowieso illegitimes Regime zu brandmarken, und dem Phänomen, dass dieselben Leute, die in Deutschland auf die Straße gehen, um auf die Zeit der Sklaverei zurückgehende US-amerikanische Rassismusdebatten auszufechten, nichts mehr von deutschen Verbrechen an Juden, Polen oder Russen hören wollen, dann muss ich in Erwägung ziehen, dass es sich bei vielen vermeintlichen Antifaschisten um nichts weiter handelt als um Nazis mit gerade noch ausreichend gewaschenen Gehirnen.

Die totale Blockade seitens der öffentlichen Meinung auch gegen gemäßigte Rechtsparteien könnte ebenso wie die Bestrebung, die Bevölkerung zu heterogenisieren, dem Versuch geschuldet sein, einen geistigen Dammbruch zu verhindern, der eine veritable braune Flut nach sich zöge. Das alte Wutbürgermantra - "Wir werden doch alle verarscht" - wäre in diesem Fall wahrer, als selbst dem fiebrigsten Aluhutträger lieb sein könnte, und, womit der Gipfel der Demütigung erreicht sein dürfte: Die Manipulation wäre vollkommen berechtigt.

Aber ich neige durchaus zur Übertreibung, also nehmen Sie das alles bitte nicht ganz so ernst, wie es klingt. Und bitte sehen Sie möglichst von Morddrohungen ab. Danke.

*Namen geändert, Nationalitäten nicht.

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