Oder: Über die Paradoxie eines politikbefreiten Eurovision Song Contest.

Polina Gagarina sang nicht wie Putin, sah nicht aus wie Putin und war nicht Putin. Sie kam als Künstlerin, sang sich in die Top 3 und wurde als Vertreterin ihres Landes leider Umleitungsadressatin politisch motivierter Ablehnung. Was die ModeratorInnen mit Worten und Conchita mit persönlichem Beistand auszugleichen versuchten.

Die Moderatorin Alice Tumler sprach es sodann angesichts der von Buhrufen begleiteten Punktevergabe an Russland in ihrem Ordnungsruf aus: Der ESC ist politikfrei und demgemäß respektvoll hätte sich auch das Publikum zu verhalten. Sie bezog sich dabei auf die seit 2012 geltenden ESC-Richtlinien der European Broadcasting Union (EBU), die unter Punkt '1.2.2.g.' u.a. festlegen, dass Songtexte, Reden oder Gesten politischer oder ähnlicher Art auf dem ESC untersagt sind und ein Regelverstoß zu einer Disqualifikation führen kann.

Klar ist: der Eurovision Song Contest ist grundsätzlich als Unterhaltungsformat konzipiert. Er will vereinen und nicht anecken. Doch wenn die Veranstaltung wie die Votings stets frei von politischen Intentionen, Inhalten und Andeutungen gewesen wären, dann müsste sich der ESC aufgrund der Politikbefreiungsklausel wohl selbst abschaffen. Gemäßigter betrachtet, wäre wohl auch vieles anders verlaufen. Beispielsweise hätten einige TeilnehmerInnen weder antreten und schon gar nicht gewinnen dürfen; - 1982 nicht Nicole mit „Ein bisschen Frieden“; - nicht Conchita mit ihrem glamourös angelegten Survival-Epos „Rise Like a Phoenix“ und ihrer Unstoppable-Ansage; - und nicht Genealogy mit ihrer heuer präsentierten Pop-Rock-Balade „Face The Shadow“, die im 100. Gedenkjahr an den Völkermord an ArmenierInnen im Osmanischen Reich erinnert. (Der Refraintext „Don’t deny“ scheint direkt an den türkischen Ministerpräsidenten Erdoğan adressiert, der Armenien Zugeständnisse über die Verantwortung der Türkei bisher schuldig blieb.)

Vor solchem Hintergrund erscheint die Regel der Entpolitisierung paradox. Denn wenn auch die EBU und ESC-ProduzentInnen wohl unterbinden wollen, mit einem zu provozierenden Liedtext oder Sager einen politischen Konflikt zu verschärfen, so steht das ‚Politikverbot’ doch im Widerspruch mit dem Format selbst. Denn der ESC repräsentiert Europäische Politik und das nicht nur im Bereich musikalischer Unterhaltung, sondern als Querschnittsdemonstration der Gesellschafts-, Kultur-, Innen- und Außenpolitik aller teilnehmenden und Gastgeber-Länder. Und da TeilnehmerInnen und Publikum ein Bewusstsein besitzen, kann auch kein Landesbeitrag völlig frei von der politischen Performance seiner Staatsführung ablaufen, wahrgenommen und bewertet werden.

Zur ESC-Politik zählt leider auch, dass eine Teilnahme ganz schön kostet und sich einige Länder eine Mitwirkung und eventuelle Siegeskonsequenzen schlichtweg nicht leisten können oder – wie im Fall der Ukraine – zudem durch militärische Krisen ‚verhindert’ sind. Was durchaus auch die Finanz- und Militärpolitik in Europa widerspiegelt wie auch: Dass es beim ESC nicht nur um die Präsentation von Vielfalt, Gesangstalenten und musikalischer Qualität geht sondern auch um die Bereitstellung und Präsentation ausreichender finanzieller Mittel.

Politik ist somit genauer betrachtet nicht nur im Background präsent sondern in jedem Detail: in der Teilnahme oder dem Abwinken, in den pompös und finanzmächtig inszenierten Präsentationen, in ModeratorInnen-Teams und Kommentaren, in provokanten, gefälligen oder freizügigen Bühnen-Outfits und Performances, in den Bewertungen – und auch im Reglement des Politikverbots selbst. Politik ist u.a. auch die demonstrative Inszenierung von Modernität, Weltoffenheit und Harmonie, die Europa damit im wahrsten Sinne des Wortes - und durchaus etwas propagandistisch -  'ausstrahlt'.

Der Entschluss eines Landes dem ESC fern zu bleiben, kann aber auch Widerstand darstellen. So artikulierte Österreich 1969 seinen Protest gegen die Diktatur Franco’s dadurch, dass es am ESC in Spanien demonstrativ nicht teilnahm. Andere Länder bleiben fern, weil sie mit dem Wertungssystem nicht einverstanden sind. Die Türkei wiederum stößt sich aktuell auch an Conchita, da eine homosexuelle Contest-Gewinnerin den türkischen TV-SeherInnen nicht zugemutet werden könne. Conchita ins Moderatorinnen-Team zu integrieren ist übrigens auch ein politisches Statement, das sich - durchaus diplomatisch inszeniert - als direktes ‚In Your Face!’ an Länder richtet, in denen Homosexuelle diskriminiert oder strafrechtlich verfolgt werden.

Würde die ESC-Leitung ihre Regeln also selbst sehr genau nehmen, so ergäben alle bisherigen und zukünftigen Song-Contests bloß ein löchriges und vor Belanglosigkeit triefendes Kitschbild europäischer Oberflächlichkeit. Womit wir  - schon wieder - bei Politik wären, allerdings bei einer, in der eine Friede-Freude-Eierkuchen-Propaganda von einer bizarren EBU-‚Diktatur’ dazu genutzt würde, völlig kritikbefreiten Massenverblödungssingsang zu produzieren. In dieser belanglos inszenierten Freiheits- und Toleranzimagination, die alle ZuseherInnen im Taumel euphorisierter ‚Party-People’-Flachheit vereint, ließe sich die Realität von Unmut und Entsetzen hervorrufenden politischer Entscheidungen auch sehr gut ausblenden.

Manchmal jedoch können Realität und zynisch überhöhte Möglichkeitsformen einander sehr nahe kommen bzw. fast miteinander verschmelzen; was daran abzulesen ist, dass der durch die ESC-Euphorie bewirkte Ausblendungseffekt tatsächlich existieren dürfte und auch politische Verwertung fand. Nützlich war der bis nach Australien und China schwappende ESC-Hype folglich auch jenen EU-MinisterInnen, die den Beschluss zum Militäreinsatz im Mittelmeer punktgenau einen Tag nach der ESC-Eröffnung bekannt geben ließen, just dann, als die öffentliche Aufmerksamkeit durch den Contest etwas abgelenkt war.

Dass der ESC selbst bei der Einhaltung seiner Regeln keine Geradlinigkeit einhält, fördert seine Qualität. Obschon auffällig ist, dass Auslegung und Anwendung der Politikverbotsrichtlinie durch die European Broadcasting Union durchaus auch Züge einer opportun agierenden Mediokratie aufweist. Nämlich dann, wenn gesungene Kritik in Form von 'Don't deny'-Aufforderungen an den türkischen Ministerpräsidenten trotz Politikverbot zugelassen werden, weil seine politische Linie mehrheitlich missbilligt wird.

Eminent ist dabei auch, das eine Union von mehr als 70 Rundfunkanstalten mit einem Sendeformat eine apolitische Haltung von TeilnehmerInnen und ZuseherInnen einfordert und fördert. Was im Klartext hieß: 'Wir ersuchen alle Anwesenden, ihr Bewusstsein vor Beginn des Eurovision Song Contests gänzlich abzuschalten!'. Wer sich währenddessen also trotzdem noch für Militäreinsätze gegen Flüchtlinge interessierte, war schlichtweg eine party-crashende Spaßbremse.

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Silvia Jelincic

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fischundfleisch

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