Gemma auf an Kaffee? – Ein kurzer Sidestep mitten in eine österreichische Traditionskultur

Einer der Grundfesten Österreichs ist wohl seine über die Grenzen bekannte und beliebte Kaffeehaushaustradition und dessen Basisingredienz Kaffee. So ist das Kaffeehaus nicht nur tief im Wirtschaftsleben der ÖsterreicherInnen sondern auch in privaten und politischen Alltag verankert. Geschäftsbesprechungen, Briefings, Diskussionen oder auch Pressekonferenzen im Café Landtmann zählen folglich ebenso zu österreichischer Tradition wie der gängige Ausspruch „Gemma auf an Café …?“, der sowohl Lust auf ein zwangloses Wiedersehen unter FreundInnen als auch explizit intimes bzw. sexuelles Interesse an einer Person bekunden kann.

Sehen wir uns nun die Grundlage ‚unserer österreichischen Kaffeekultur’ und den Ursprung von ‚unserem Kaffee’ genauer an, so landen wir im 9. Jhdt. in der Region Kaffa in Äthiopien, wo der Kaffee erstmals erwähnt wurde und von dort aus im 14. Jhdt. über Arabien (Handelsmetropole war die Hafenstadt Mocha, auch Mokka genannt) seinen Weg nach Europa antrat. - „Das Wort Kaffee lässt sich bis auf das arabische qahwa zurückverfolgen, über das Türkische kahve gelangte es ins Italienische (caffè) und von dort ins Französische, dessen Wortform café.“ (wikipedia)

'Unser Kaffee' ist folglich ein Kulturgut, das auf Migration beruht. Das erste Wiener Kaffeehaus wurde überdies 1685 von einem Migranten, dem Armenier Johannes Diodato (Johannes Theodat) in dessen Wohnhaus in der heutigen Rotenturmstraße 14 eröffnet.

Ohne Migrationsbewegungen wäre Wien also nicht ‚das Wien’, wie wir es heute kennen und 'unsere Kaffeehaustradition' eine Tradition von anderen; - wiewohl der Wohlstand Österreichs auch etwas 'ärmer' aussehen würde. Anna Maria Seibel beschreibt es im Abstract ihrer Diplomarbeit "Die Bedeutung der Griechen für das wirtschaftliche und kulturelle Leben in Wien" so: „Das kulturelle Leben im Wien des 19. Jahrhunderts wäre ohne das großzügige Mäzenatentum reicher Unternehmer griechischen Ursprungs um vieles ärmer gewesen. Bedingt durch den wachsenden Orienthandel kam es in Wien im 18. Jahrhundert zu einem starken Zuzug griechischer Kaufleute, wobei die nationale Zuordnung schwerfällt. Die Bezeichnung 'Griechen' bezog sich weder auf die ethnische Herkunft noch auf ein eventuelles Nationalbewusstsein. Sie stand für eine Gruppe von Kaufleuten und Frächtern südosteuropäischer Herkunft, der neben Griechen auch Albaner, Mazedonier, Serben, Bulgaren, Rumänen, Aromunen und Vlachen angehörten.“

Insofern heute also vom 'Großen Scheitern des Multikulti' gesprochen wird, wie es beispielsweise ein Bundesparteiobmann auf Podien oder rechtspopulistische Medien wie 'unzensuriert' öffentlich tun, so wird außer Acht gelassen, dass unsere europäische wie explizit unsere österreichische Gesellschaft ohne "Multikulti" nicht in ihrer jetzigen Form existieren würden. Und wer weiß, wo wir und der Rest der Welt ohne die beflügelnde und erquickende Wirkung des Morgenkaffees jetzt stehen würden?

Würden sich also so manche Österreicher tatsächlich mit ‚ihrer eigenen Kultur’ und deren vielfältigen multikulturellen Wurzeln auseinandersetzen und ‚Österreichische Kultur’ nicht nur als ausgehöhlt starre Legitimationsphrase für eigene Abgrenzungs- und Selbstüberhöhungssüchte missbrauchen sondern als etwas 'Bewegliches' sehen, gäbe es wohl keine Fremdenfeindlichkeit. - Angesichts dessen, bestehen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in all ihren minderen und schwerwiegenden Ausprägungen aus einem hohen Maß an Ignoranz, Missachtung und Denkfaulheit der eigenen Kultur gegenüber.

Doch Kaffee beflügelt! Und vielleicht täte der Eine oder die Andere - ehe mit dem Schlachtruf 'Schützt unsere österreichische Kultur mit Mauern!' zur nationalistischen Kulturseparation aufgerufen wird - mal gut daran, einem Menschen mit Migrations- oder Fluchthintergrund die österreichische Frage aller Traditionsfragen zu stellen: "Gemma auf an Kaffee?"; - um im Kaffeehaus mal ins Gespräch und in gegenseitig koffeinbeflügelten Austausch zu kommen. Im Kaffeehaus nämlich sollen ja schon viele gute Geschäftsideen entwickelt, Problemlösungen gefunden und Freundschaften geschlossen worden sein.

Die typisch österreichische 'Liebe zum Kaffee' wird durch seinen Migrationshintergrund und unzählige Kaffeehausgeschichten, die durch ihn entstanden sind wohl auch auf inspririerende Weise bereichert. - Ein mulitkultureller Reichtum, der nicht nur zu schätzen ist sondern auf dem sich durchaus auch neue Unternehmen aufbauen lassen.

Weiterführende Informationen bzw. Quellen:- Kaffee auf Wikipedia- Karl Teply: Die Einführung des Kaffees in Wien. Verein für Geschichte der Stadt Wien, Wien 1980, Bd. 6. S. 104. In: Anna Maria Seibel: Die Bedeutung der Griechen für das wirtschaftliche und kulturelle Leben in Wien. (PDF) S. 94- Kaffeehaus - Die Geschichte des Kaffeehauses und Kaffeespezialitaeten, wie sie in Wien serviert werden- Informationen zu Johannes Diodato-Johannes Theodat auf Wikipedia

Bildnachweis:Das Bild ist die Arbeit eines Mitarbeiters desExecutive Office of the President of the United States, die während der Ausübung seiner offiziellen Tätigkeit zustande kam. Als eineArbeit desU.S. federal government, ist die Nutzung durch daspublic domain-Reglement gestattet.

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