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Großunternehmen sammeln eine unüberschaubare Menge privater Daten, allen voran Web-Giganten wie Facebook, Google und Amazon. Unsere Privatsphäre bleibt im ausgerufenen Post-Privacy-Zeitalter zunehmend auf der Strecke – das diesbezügliche Problembewusstsein leider auch.

Mit Slogans wie Alles mit Freunden teilen eröffnen Plattformen den UserInnen eine neue Dimension persönlicher Kommunikation. Jede_r UserIn ist nun HerausgeberIn eines persönlichen Mediums, kann Stimmungen, Tipps und Meinungen publizieren, Crowdfounding betreiben oder gar Revolutionen lancieren. – Die Vorzüge, die die schöne neue Welt des (Mit-)Teilens bietet, sind vielfältig und verhelfen nicht nur Demokratiebewegungen, Phrasendreschern Propagandisten zu Erfolgen sondern auch Facebook zu weltweit 1,59 Milliarden UserInnen (Stand Jänner 2016 laut SMI – Social Media Institute).

Während nun Freud' und Leid in Chroniken mitgeteilt, Regierungen destabilisiert oder ausgehebelt, Produkte bestellt, Falschmeldungen verbreitet und Meinungshoheiten dezentralisiert wurden, wuchs hinter dem strahlenden Benefit von Gratisdiensten unbemerkt ein großer Schatten: Der ertragreiche Hinterhofhandel mit privaten Daten und sozialen Beziehungen.

Was machst du gerade? … Wo bist du? Was gefällt Dir? ... - Ein paar vermeintlich persönliche Fragen gestellt und schon legen UserInnen alles offen. Der vermeintliche Freundschafts- oder Communitybezug schafft jenes Vertrauen, dass dazu nötig ist, um auf das Lesen der jeweiligen AGBs zu verzichten. Und da die AGBs sowieso bewusst so lang und irreführend gehalten sind, dass sie fast niemand liest, klickt es schnell in allen 'JA'-Kästchen.

Die Tatsache, dass Mark Zuckerberg Informatik und Psychologie studierte und seine Mutter Psychotherapeutin ist, dürfte seinem Erfolg zuträglich gewesen sein. Wodurch mit gekonnter Verkaufspsychologie – "Ich möchte, dass es allen Menschen besser geht" (M. Zuckerberg) – nicht nur via Facebook sehr umfangreiche und sensible personenbezogene Daten ins Netz gelangen.

Unternehmen im Goldrausch

Andere Anbieter kostenloser Services wie Google, Amazon oder auch willhaben.at stehen den Datensammel-Technologien aber nicht nach, denn die Privatheit jedes/r Einzelnen ist zur begehrten Ware geworden. Wo Nutzerdaten von Marketing-ExpertInnen als neues 'Gold' bezeichnet werden, ist der Goldrausch voll im Gange. Spitzhacke und Sieb wurden allerdings durch Cookies, datensaugende App-Berechtigungen und Tracking ersetzt. Und so Service-Anbieter mit vermeintlich kostenlosen Diensten (wie auch Pokémon) das Schürfrecht an den NutzerInnen ertricksen, gerät die Privatsphäre von UserInnen zum Preis, den wir bezahlen um zur leichten wie fetten Beute zu werden.

Beim Einloggen wird die IP-Adresse 'markiert' und Tracker-Anwendungen können nun unbemerkt Aufzeichnungen über das gesamte Surf-Verhalten der NutzerInnen übertragen. So lassen sich neben dem Kaufverhalten auch Interessen, Gewohnheiten, Tages- und Nachtrhythmen, politische Ausrichtung, Gemütszustände, Schwangerschaften Arbeitslosigkeit, Alter, Krankheit, Aufenthaltsort uvm verfolgen. Neuere Technolgien und Praktiken ermöglichen zudem eine Verknüpfung aller gesammelten Daten, dazu gehören u.a. Namens- und Adressdaten aus Kundenkarten, nummerierte Coupons, Werbemails, sämtliche Aktivitäten am Handy und demographische Daten.

Durch Zukauf von Informationen und statistischer Datenanalyse können Unternehmen auch auf Verhaltensänderungen reagieren und ihre Angebote genau darauf abstimmen. (siehe hierzu: gezieltes Verändern von Gewohnheiten). Demgemäß schwärmen Vertreter der Marketingindustrie schon seit Jahren, dass sie die Bedürfnisse und Wünsche von Kunden schon kennen würden, ehe diese es selbst tun.

Die Marketingstrategien sind aktuell so aggressiv wie nie zuvor und setzen – gesetzlich legitimiert – bewusst auf Manipulation, womit sich Marketing und Werbung mit neuen Technologien wieder zurück in Richtung Propaganda bewegen. Hinter kundenorientiert fortschrittsfrohen Wortfassaden wie "Serviceverbesserung" und "Kundenvorteil" herrscht jedoch automatisierte Totalüberwachung und Such-Robots sorgen dafür, dass kein verwertbarer Schlüsselbegriff in unseren Mail-, SMS oder Sonstwo-Mitteilungen unbeachtet bleibt.

Dank Behaviour-Targeting und Zukaufmöglichkeiten landen somit eine ganze Menge Daten, inkl. privater Adressbücher und Fotos unbemerkt in den Datenbanken von Unternehmen. Und während ahnungslose UserInnen die Kontrolle über ihr Privatleben gänzlich verlieren, gewinnen Staat und Unternehmen nicht nur Zugang zu unserem Privatleben sondern auch wachsenden wirtschaftlichen, politischen wie auch psychologischen Einfluss.

Datenspionage-Skandale gelangen deshalb auch nur mehr dann ans Licht, wenn Unternehmen oder Geheimdiensten gravierende Fehler unterlaufen oder Ex-Mitarbeiter ‚leaken’. – Als "Programmfehler" verharmloste Google 2011 dann auch die Tatsache, dass im Rahmen von Street-View-Aufnahmefahrten private WLAN-Netze angezapft und heimlich Daten übertragen wurden. Während die Betreiber der App Path - als sie sich dafür verantworten mussten, dass ihre App heimlich die Adressbücher der Nutzer auslas – kaltschnäuzig aber ehrlich mit "... das tun doch alle!" argumentierten; - was offenbar auch auf die NSA-Abhöraffäre der deutschen Bundeskanzlerin zutrifft.

Dystopische Fiktionen im Bereich des Möglichen

Drastisch peinliche "Fehler" können aber auch unserem Rechtsapparat unterlaufen und damit uns selbst betreffen, womit somanches Schlaf- und Kinderzimmer rasch zum Schauplatz von Schrecken werden kann: So wurde 2007 die Wohnung eines unbescholtenen dt. Sozialwissenschaftlers frühmorgens gewaltsam von einer Spezialeinheit gestürmt und er in U-Haft genommen, weil er in seinen im Web veröffentlichten Wissenschaftsarbeiten Schlüsselworte wie zB Prekarisierung verwendete. Woraus die Staatssicherheit folgerte, dass es sich bei dem zuvor beschatteten 'Verdächtigen' um einen mutmaßlichen Terroristen handeln würde ( > siehe u.a. Video „Der gläserne Bürger ...“ > ab Min. 33:40).

Wo nun Antiterrorismus-Gesetze bereits kafkaeske öffentliche Szenarien (wie z.B. Tierschutzprozess in Ö, 2011) ermöglichen, lässt sich recht schnell ausmalen, welche Möglichkeiten sich durch Zugriff auf personenbezogene Daten eröffnen können. Denn wer Zugriff auf persönliche Daten hat, hat auch direkten Zugriff auf Userinnen – was nicht nur im Falle eines drastischen politischen Umschwung zu Missbrauch führen kann. – Das 'Ausschalten' unerwünschter KritikerInnen, Andersdenkender oder Gegner wäre dann per GPS-Ortung rasch und zielgruppengenau realisierbar.

Da nun nicht nur Konzerngiganten sondern auch Politik und Staatssicherheit aus Privatdaten großen Nutzen, wachsende Kontrolle und umfangreiche Manipulationsmöglichkeiten beziehen, gerät das bloße Vertrauen in das Rechtssystem ebenso zum Trugschluß wie der naive Glaube „dass man doch nichts zu verbergen habe“. – Denn wir haben etwas zu schützen und deshalb auch vor fremden Zugriffen zu 'verbergen': unsere Privatsphäre und Freiräume, unser soziales Empfinden, die Kontaktadressen unserer FreundInnen und Famlie und unseren Wunsch, im Falle eines politischen Machtwechsels in die falsche Richtung nicht im Fadenkreuz des Unrechts aufzuwachen.

Aktiver Selbstschutz geht folglich über einen Klick des Like-Buttons hinaus und braucht neben sachlichen Informationen, Privacy-Tools und kritischer Reflexion auch Veränderungswillen politischer EntscheidungsträgerInnen. Womit in der neuen Welt des Teilens auch die Teil-Verantwortung von UserInnen und Gesetzgebung eingefordert werden muss. Denn wenn auch Regierungen und Menschen ‚vergessen’ und durchaus – wie schon dagewesen – zur Hölle werden können, so bleibt eines klar: Das Netz vergisst nie wer Du bist und was Du tust und getan hast!

Video: „Data Dealer“ ein bissiges Online-Spiel, das Bewusstsein für Datenhandel und Datenschutz schärft. - Siehe: https://datadealer.com/de

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Informations-Sites:

- www.sicherheitskultur.at

- www.selbstdatenschutz.info/

- www.argedaten.at/

- www.datenschutzzentrum.de/

Freeware-Empfehlungen (für unterschiedl. Plattformen und Browser erhältlich):

- Better Privacy (löscht LSO Flash Cookies)

- Ghostery (blockiert Cookie und Tracker-Programme)

und Werbeblocker (einige Vorschläge hier)

Blogs zum Thema auf FuF:

- https://www.fischundfleisch.com/silvia-jelincic/weil-datenschutz-wichtig-ist-helmutfallmann-25993

- https://www.fischundfleisch.com/suche?q=Privatsphäre

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Margaretha G

Margaretha G bewertete diesen Eintrag 30.09.2016 10:01:24

Jake Ehrhardt

Jake Ehrhardt bewertete diesen Eintrag 30.09.2016 08:10:49

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