„Verschwindet und sterbt, ihr linksgrünen Multi-Kultis!“

Der neue Trend fiktive Flugtickets zu verschenken ist nicht so neu wie er aussieht. - Oder: Nicht alles, was sich Satire nennt, ist auch eine.

Da die Identitären im März dieses Jahres fremdenfeindliche Flugtickets verteilten und kürzlich auch im Web zwei Beiträge erschienen, in denen gratis Flugtickets angeboten wurden, scheint sich die Wiederbelebung einer Strategie abzuzeichnen. Aus diesem Grund habe ich mir die zwei zuletzt erschienen Beiträge angesehen. Das Ergebnis ist rasch erklärt: Der eine war ein als Satire ausgegebenes und von Gehässigkeit, Vulgarität und Misogynie durchsetztes Wut-Pamphlet, das trotz seiner Länge mit „Verschwindet und sterbt, ihr linksgrünen Multi-Kultis!“ zusammenzufassen ist. - Der andere pries das „Auswandern“ mit einem Preisgeld von „7.500,- Eur“ an und endete mit einem plumpen „haut ab!“ im Schlusssatz. – Der eine zielte mit mehrmaligen Gespött über ‚Rassismus’ auf die Legitimation aktueller fremdenfeindlicher bzw. kulturrassistischer Ideologien ab; - der andere war allgemein gehalten und bewarb – harmlos und zuletzt misanthropisch - ein neues Castingshow-Format.

Ähnlichkeiten wiesen beide Ticket-Blogs im Aufforderungsappell auf: Die AdressatInnen sollen ‚einen Abflug machen’ und abhauen. Die Tatsache, dass diese ‚aus dem Land’ ausreisen, auswandern und verschwinden sollen, konstatiert den territorialen Anspruch dieser Aufforderungen.

"Ich schenk Dir meine Gehässigkeit" - In fiktiven Spendierhosen Überlegenheit demonstrieren

Interessant aber die Rolle, die Autoren und Akteure bei Ticketverschenkungen einnehmen: Es ist die Rolle des vermeintlichen ‚Gönners’, der Tickets und Ratschläge ‚spendiert’. Die Selbstinszenierung als Gönner oder Mäzen, der den AdressatInnen großzügig wie unaufgefordert ein Ticket ‚schenkt’, macht auch gleich deutlich, dass es hier um eine Macht- und Überlegenheitdemonstation geht. – Wobei sich das ‚Wohlwollen’ des Gönners in der Bedeutungsumkehrung von ‚Satire’ als unverhohlene wie betont gehässige Form von ‚Herablassung’ offenbart. – Was – wie in einem Beitrag lesbar – von beifälligen Tipps, wie sich z.B. die AdressatInnen (und hässliche „Krampen“*) im Ausland einer Hinrichtung oder zumindest Inhaftierung zuführen können, noch unterstrichen wird.

Hervorzuheben ist hierbei auch die Suggestivabsicht, die darauf abzielt, psychologisch manipulativen Einfluss auf die AdressatInnen zu nehmen: Diese sollen sich so ‚unerwünscht’ fühlen, als wären sie ‚ungebetene und störende Gäste’ (im staatl. ‚Territorium’, das mit ‚Verschwindet!’ beansprucht wird). Die psychische und emotionale Wirkung eines solchen Suggestiv-Bildes ist leicht nachzuvollziehen, in dem man sich selbst mal kurz in die Rolle eines zum ‚Verschwinden’ aufgeforderten ‚ungebetenen Gastes’ versetzt; - was wohl bei jedem Menschen Ängste und Gefühle wie Unbehagen und Beklommenheit wie auch reflexhafte Fluchtgedanken aktiviert. - Beim Namen genannt, haben wir es hier tatsächlich auch mit einer militärischen Strategie zu tun, die dem Bereich der psychologischen Kriegsführung zuzuordnen ist und mit Suggestivbildern auf psychische Schwächung und Demoralisierung des Feindes abzielt.

Das hatten wir doch schon mal …

Die gehässige Psycho-Technik mit scheinsatirischen Mitteln einer spezifischen Gruppe von Menschen mit gönnerhafter Herablassung ein One-Way-Ticket zukommen zu lassen, ist aber nicht neu, sondern greift auf eine einschlägige ‚Tradition’ zurück. So erhielten 2013 einige Berliner Bundestagsabgeordnete fiktive Flugtickets an ihre Privatadresse zugesandt. Darauf stand "Rückflugticket", "Ziel Heimat" - "One Way" und "Sofort".

Twitter

Der Umstand, dass man mit der Zusendung von Tickets ausschließlich Abgeordnete mit Migrationshintergrund zur Ausreise aufforderte, ist gleichsam politisches Programm des Absenders, der sich als NPD deklarierte. Letztere fügte dem fremdenfeindlichen Ticket-Aktionismus auch noch ein Begleitschreiben hinzu, das mit latenten Drohungen vermeintlicher Rechtswidrigkeit und hanebüchenen Sprachabhandlungen versehen war. Und so führte NPD-Politiker Jan Sturm im Begleitschreiben aus: dass das Wort „Migrant“ ja von „migrare“ komme, was im Lateinischen auch für „wandern“ stehe und damit auch „auswandern“ bedeute. Zur damit angedeuteten Vertreibung von Abgeordneten schreibt er weiter „Wir sehen darin eine patente Lösung“. Gedroht wird den Ticket-EmpfängerInnen mit Unterstellungen von Rechtswidrigkeit: So wäre ihr politischer Einfluss "auf die ethnische Gruppe der Deutschen" negativ, wenn nicht sogar „strafbar“.

Auch hier finden wir die Absicht, psychischen Einfluss auf die AdressatInnen der Tickets auszuüben und in ihnen das Gefühl der ‚Unerwünschtheit’ und mehr noch: das Gefühl von ‚Unrechtmäßigkeit’ und ‚Schädlichkeit’ zu erzeugen. Ebenfalls anzutreffen: Die zudringliche Vermessenheit der gönnerhaften Selbstinszenierung, die den AdressatInnen ein Ticket aufdrängt und damit 'Raus aus Deutschland!' sagt. Das dies als vermeintliches Sprachrohr der „ethnischen Gruppe der Deutschen“ passiert, soll dem Imperativ Legitimation und Mehrheitsgewicht verleihen.

Derlei Beispiele aus dem rechtsextremen Spektrum gibt es aber mehrere: So bot die die tschechische rechtsextremistische außerparlamentarische Nationale Partei (NS) 2008 Roma-Angehörigen ein tatsächliches One-Way-Ticket an. Wobei sie einen Vertrag unterschreiben sollten, der ihnen die Rückkehr untersagt. Wie auch die eingangs erwähnten österreichischen Rechtsextremisten der Identitären Bewegung (die übrigens auf FuF gesperrt sind) im März 2017 fiktive Flugtickets vor der türkischen Botschaft in Wien verteilten. In Ticketaufdrucken wie „Integration ist eine Lüge“ und Transparenten („Erdogan – hol deine Türken ham!“) offenbart sich auch hier wieder der staatl. Territorialanspruch wie auch Einschüchterungsversuch. Das diesbezügliche Rechtverfahren dürfte noch anhängig sein.

Mit bewährten Strategien der politischen Linie treu bleiben

Mit der Wahl der AdressatInnen kommt bei der Ticket-Technik ein Kulturrassismus und Territorialanspruch zum Ausdruck, der seinesgleichen nicht lange zu suchen braucht, sondern in direkter Ideologielinie in frühen antisemitischen Aktionismus- und Propagandaformen findet.

Auch da waren in Satire verpackte Hassbotschaften und fiktive Tickets – neben Zettelchen und Aufklebern - die sich in hoher Auflage gegen die „Schädlinge“ der deutschen Kultur richteten, sehr ‚modern’. - „Besonders beliebt waren gefälschte Bahnfahrkarten „Nach Jerusalem – hin, aber nicht zurück!“ Sie waren eine kaschierte Version der ebenfalls präsenten Aufforderung „Juden raus!“ (Quelle)

siehe Links unter dem Bild

Bilderklärungen - v.l.: Bild 1 + 2 - Freifahrkarten nach Jerusalem – gültig ab jeder Deutschen Station – hin und nicht wieder zurück. (wurden ab ca. 1890 verteilt) - Bild rechts:Titelblatt Brennessel’ (1934) - Als auch Sozialisten aus Deutschland flüchten müssen, verhöhnt man sie am Titelblatt der von 1931-38 von Nationalsozialisten herausgegebenen Satirezeitschrift ‚Die Brennessel’. - Titelbild vom 24. April 1934

Die militante Strategie, als „Feinde“ und „Volksschädlinge“ deklarierte ZeitgenossInnen und politisch Oppositionelle mit medialen wie psychologisch perfiden Ticket-Mitteln aus dem Land zu vertreiben hat sich seit damals also keinen Deut verändert. Da blieben die Vertreter dieses politischen Spektrums 'ganz rechts außen der Mitte' völlig traditionsbewusst und linientreu. Die inhaltliche Botschaft „Verschwinde! Du bist unerwünscht!“ behielt man ebenfalls in ihrem ursprünglichen Appell völlig unverändert bei. – Ein Update erfuhr jedoch der rechte Feindbildkatalog: der erweiterte sich seit damals um „Grüne“, „Multi-Kultis“, „MigrantInnen“ und „Muslime“; - „Juden“ wurden vom offiziellen Katalog aus strategischen Gründen in den internen verbannt, aber nicht gestrichen; - und die „Bolschewisten, Kommunisten und Sozialdemokraten“ von damals hasst man heute zusammengefasst unter dem Sammelbegriff „Linke“.

Verändert haben sich somit ausschließlich die Medien. Wodurch aus der früheren „Fahrkarte nach Jerusalem“ ein modernes Flugticket wurde, das in Textform als Blog, Tweet, Kommentar veröffentlicht oder gar analog als Color-Print verteilt oder versendet wird.

Auffällig in den virtuellen Medien ist, dass gerade jene ZeitgenossInnen, die betonen, unter keinen Umständen als ‚politisch rechts oder gar rechtsextrem orientiert’ angesehen zu werden, eine an Fixierung grenzende öffentlich kommunizierte Abscheu gegen die Gruppen aufweisen, die im rechtsextremen Feindbildkatalog als Feind deklariert und propagiert werden.

Vor dem Background dieser Fixierung auf politisch Oppositionelle, ‚MigrantInnen’ und „Multi-Kultis“ ..., dürfte wohl beim Verfassen, Veröffentlichen und Verschicken von Ticket-Ideen und aggressiven „Haut ab!“-Phrasen eine immense Triumph-Laune aufkommen. Denn: Wenn diese Vertreibungsstrategie schon einmal ‚erfolgreich’ funktioniert hat, so kann sie durchaus noch einmal gelingen! - Dank Internet sogar noch in Nanosekundengeschwindigkeit! - Das Austesten, wie weit man mit ebenso einschlägigen wie aggressiven Strategien heute wieder gehen kann, ist ja lesbar am Laufen. Und der Nährboden scheint auch schon gut aufbereitet. So gab es dann z.B. auch unter eingangs erwähnten Wutblog viel hämische Zurufe und Anfeuerungen wie „also bis Ihr das Ganze hier ausdiskutiert habt - sind die Flieger weg Ihr Pfeifen. Gebt Mal Gas…“.

Stellt sich hierzu wohl nur noch eine Frage: Wie weit muss das Mittel- und Augenmaß von einigen BürgerInnen, Web-UserInnen- und User-Gruppen wohl schon von der Mitte weggedriftet sein, um klare Grenzüberschreitungen in den Extremismus für ‚normal’ zu halten und sich daran auch noch belustigt zu beteiligen?

Ausstellungsbeitrag https://www.noz.de/deutschland-welt/kultur/artikel/333255/shylock-nathan-und-das-geld-frankfurter-ausstellung-demontiert-das-zerrbild-des-reichen-juden#gallery&0&0&333255

Schon vor den Nazis wurde in Inflationszeiten nach Schuldigen gesucht, wie eine Banknote im Wert von 1000 Mark zeigt, die 1922 mit hässlicher Propaganda bedruckt wurde: „Fahrkarte 4. Klasse nach Jerusalem, hin – und nicht mehr zurück. Fahrpreis 0,00 Mark“ steht da. Und daneben: „Das Gold, das Silber und den Speck nahm uns der Jud’ und ließ uns diesen Dreck! Volksgenossen, wie lange wollt ihr Euch noch von der goldenen Internationale ausplündern und betrügen lassen?“ (Quelle)

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* Anm.: Krampen, wienerisch: 1. Spitzhacke 2. unattraktive Frau 3. altes Pferd. Von "krumm", mhd. "krump"

Links:

https://www.welt.de/geschichte/article154543193/Analoge-Tweets-waren-eine-perfide-Waffe.html

http://www.kleinezeitung.at/service/newsticker/5188085/Identitaere-verteilten-Flugtickets-vor-tuerkischer-Botschaft

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