Die natürliche und gerechte Sache der Welt, dass Israel sich nun verteidigen darf!

Doch ist das wirklich so? Dieses Muster hat überall funktioniert, nicht nur in Nordkorea. Im Dritten Reich wurde es immerhin über zehn Jahre lang erfolgreich angewendet. Aus dem fortgesetzten Zusammenbruch von Diktaturen können wir aber vielleicht Hoffnung schöpfen. Irgendwann höhlt sich das System von selbst aus.

Diktatoren, die nicht an Gott, ein Weiterleben nach dem Tod und das Paradies glauben, verfolgen andere Strategien der Entmündigung. Das beste – und bislang schrecklichste – Beispiel dafür ist das Dritte Reich. Der Führer und seine Handlanger versprachen niemandem den Eintritt ins Paradies im theologischen Sinn, sondern den „Himmel auf Erden“ unter höchst profanen Vorzeichen. Es wäre vermessen, hier nun in wenigen Zeilen die Bedingungen und Konsequenzen des Dritten Reichs abhandeln zu wollen. Das ist auch gar nicht nötig, weil dieses Thema in unzähligen Büchern schon umfassend dargelegt wurde.

Ich zitiere an dieser Stelle nur einen Absatz aus der (überaus lesenswerten!) Autobiografie des Psychiaters und Wissenschaftspublizisten Hoimar von Ditfurth (1921 bis 1989), die sich über weite Teile mit profunder Sachkenntnis und persönlicher Erfahrung ihres Autors:

Nun vermag nichts ein menschliches Kollektiv stärker zu beflügeln als die berauschende Überzeugung, im Einklang zu sein mit einem übergeordneten Gesetz, das über alle Fallstricke menschlicher Fehlbarkeit erhaben ist – sei es nun das Gesetz der Geschichte oder eines der Natur. Ein solcher Rausch hatte eine Mehrheit von uns damals erfasst (ohne dass wir uns unserer psychischen Verfassung bewusst gewesen wären). Er erfüllte uns mit einer Sicherheit, vor der alle Realitäten und Zweifel verblassten. Das Rezept schien ebenso einfach wie unwiderlegbar: Der Entschluss, die „völkischen Interessen“ mit allen Mitteln durchzusetzen, ohne sich durch irgendwelche neben der Sache liegenden Skrupel oder Einwände beirren zu lassen, war nicht nur legitim, nämlich im buchstäblichen Wortsinn die „natürlichste Sache der Welt“, sondern deshalb auch das Erfolgsrezept schlechthin. (Ditfurth 1989)

Diese „natürlichste Sache der Welt“ tritt uns heute wieder, wenngleich unter anderen Vorzeichen, deutlich vor Augen. Der politische Rechtsruck ist in verschiedenen (europäischen) Ländern nicht zu übersehen. Er ist ein Sprengsatz, vor dessen Entladung wir uns fürchten sollten. Zugleich ist er die „natürliche“ Reaktion unzufriedener Menschen, die sich von anderen politischen Parteien im Stich gelassen fühlen. Dem Einzelnen zu viel Heimatgefühl einzupflanzen ist insbesondere dann gefährlich, wenn gleichzeitig alles, was nicht „Heimat“ ist, negativ bewertet wird. Ihn aber seines Heimatgefühls berauben zu wollen, indem man ihm eintrichtert, er lebe in einer global verstrickten Welt, geht an seinen abermals natürlichen Bedürfnissen vorbei.

Überall daheim zu sein kann bedeuten, nirgends ein Zuhause zu haben, sich an jedem Ort fremd zu fühlen. Die Anpassungsfähigkeit und Flexibilität unserer Spezies darf auch in diesem Zusammenhang nicht überschätzt werden. Ob das auch auf die Palästinenser zutrifft?

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