Die Optimisten beherrschen unsere Gesellschaft. Wer erfolgreich sein will, der muss vor Optimismus sprühen. Aber gerade in Zeiten von Krisen zeigt sich, dass der Optimist gegenüber dem Pessimisten im Nachteil ist.

In der Krise erkennen wir, dass unser vorheriges Sicherheitsgefühl eine Illusion ist. Die meisten von uns ertappen sich bei Krisen dabei, nicht genügend Vorsorge für die Krise getroffen zu haben, also zu optimistisch gewesen zu sein. Vorratskammern wurden nicht aufgefüllt, Kredite nicht abbezahlt, kein Bargeld auf die Seite gelegt usw. In der Panik, die uns dann übermannt werden im reinsten Aktionismus irrsinnige Entscheidungen getroffen um im Übermaß z.B. Klopapierrollen gekauft.

Denn eigentlich haben wir Optimisten unser Leben auf ganz friedliche Zeiten ausgelegt und damit unsere natürlichen Instinkte für Gefahren zugeschüttet. Selbsternannte Coaches füllen massenhaft Bücher mit Tipps zum positiven Denken. Positives Denken lasse sich eben besser vermarkten als der graue Pessimismus. Dadurch wird uns ein künstlicher Optimismus antrainiert, der aber nur in den Zeiten zwischen den Krisen blendend funktioniert.

Mit dem Optimismus haben wir ein Lebensgefühl geschaffen, dass nicht nur die Blasen an den Finanzmärkten füllt, die sich bisweilen immer weiter von der Realität entfernen bzw. diese Realität – und das ist die Grundeigenschaft des Optimismus – verdrängen. Optimisten haben auch die Einstellung alles schaffen zu können. Sie nehmen sich jeder Aufgabe an, bis sie sich überfordern. Burn-Out ist die Modekrankheit der Optimisten, die sie oft wie eine Visitenkarte ihres Optimismus vor sich hertragen, um damit für den nächsten Burn-Out angeheuert werden zu können.

Wir sind zum Optimismus verdammt. Wir verdrängen die Warnungen der Realisten und belächeln die Pessimisten, die uns mit ihren Vorratskäufen eher wie seltsame Käuze vorkommen. Wir wiegen uns in einer Illusion der Sicherheit, solange wir können, weil die Gesellschaft des Erfolges uns dazu zwingt das Glas halb voll und nicht halb leer zu sehen. Bei einem möglichen Blackout könnte diese Einstellung das Leben der Person mit dem halbleeren Glas retten. Weil Menschen mit dem halbleeren Glas bereits Vorkehrungen treffen. Jene die sich in Krisenzeiten bewähren.

Ich hörte von einem hochdekorierten US-General, der im Vietnamkrieg diente und der, als er gefragt wurde, wer ist der erste, der in der Krise zugrunde geht bzw. stirbt, antwortete: „Die Optimisten“. Der Optimismus wiegt uns in Sicherheit und hat bereits Grenzen und Gefahrenstatus erreicht, dass unsere Gesellschaft in ihrem Optimismus ertrinkt. Aber gleichzeitig ist das fördern des Optimismus auch ein Segen für die Gesellschaft.

Bahnbrechende Innovationen wären ohne die Begeisterung und die Illusion der Optimisten niemals zustande gekommen. Kein Realist hätte jemals eine Mondmission gestartet, mit all den Unsicherheiten, die damit verbunden gewesen waren. Und so verhält es sich mit jeder bahnbrechenden menschlichen Errungenschaft, die meist von großen Unwegbarkeiten begleitet war.

Wahrscheinlich ist die reinste Form des Optimismus – die Ehe. Der Realist würde schon aufgrund der hohen statistischen Wahrscheinlichkeit einer Scheidung niemals die Ehe wagen, während der Liebende alle Warnungen zum Trotz diesen Weg geht. Wir brauchen also beides in unserer Gesellschaft. Menschen, die an beiden Enden brennen wie Ikarus, und diejenigen, die den Höhenfliegern Grenzen setzten und ihnen Schutz gewähren in Krisenzeiten - die eben nicht für den Optimisten gemacht sind.

Besonders hier auf dieser Plattform sind mir viele Pessimisten begegnet. Anderseits, was das Leugnen von Corona angeht – könnten auch Optimisten dahinter sein. Schwer zu sagen, aber unsere Gesellschaft funktionieren nun mal so, weil es beide Seiten in dieser gibt. Anstatt sich anzufeinden und herunterzumachen – wäre es heilsam zu erkennen - dass beide Seiten wichtig für unsere Gesellschaft sind – und gebraucht werden. Und letztendlich - sich mit Respekt zu begegnen.

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