Was immer er prüfte und darlegte, er suchte stets die rationalen Gründe: »… nichts ist anstößiger« – verkündete er ohne Pardon – »als wovon wir uns keine Ursache geben können.« Er war kühn genug, in der »Hamburgischen Dramaturgie« den gesunden Menschenverstand, der in Deutschland so gern verspottet wird, als eine fundamentale Kategorie der Kritik zu konstituieren.

Er hat die pädagogische Funktion der Ablehnung gefordert und so der Negation in der Literaturkritik zur höchsten Würde verholfen: Die nachdrückliche Warnung vor einem schlechten Buch hielt Lessing für einen Dienst, »den man dem gemeinen Wesen leistet«. Es sei gut, »wenn das Mittelmäßige für nichts mehr ausgegeben wird, als es ist; und der unbefriedigte Zuschauer wenigstens daran urteilen lernt«. Er protestierte gegen einen situationsbedingten Preisnachlass der Kritik, also gegen jene, die bereit sind zu loben, nur weil Besseres gerade nicht zu haben sei: »Wenn Hinkende um die Wette laufen, so bleibt der, welcher von ihnen zuerst an das Ziel kommt, doch noch ein Hinkender.«

Allerdings machte sich Lessing Illusionen, die missbilligende Kritik würde auch von den betroffenen Schriftstellern und Schauspielern geschätzt werden. Er bildete sich ein, »dass die Empfindlichkeit der Künstler, in Ansehung der Kritik, in eben dem Verhältnisse steigt, in welchem die Gewissheit und Deutlichkeit und Menge der Grundsätze ihrer Künste abnimmt«. Der Künstler möchte – sagte er an einer anderen Stelle – »zehnmallieber einen unverdienten Tadel, als ein unverdientes Lob, auf sich sitzen lassen«.

Hier war der Wunsch der Vater des Gedankens. Aber die negative Kritik, die sich gegen seine eigenen Werke richtete, hat Lessing keineswegs gern akzeptiert. Was ein Kritiker an seiner »Miß Sara Sampson« auszusetzen hatte, sei, räumte er ein, »zum Teil nicht ohne Grund«. Dennoch reagierte er gereizt, er wolle »lieber seine Fehler behalten, als etwa das Stück umarbeiten«. Als die »Deutsche Bibliothek der schönen Wissenschaften« eine ernste und durchaus nicht unvernünftige, wenn auch sehr kritische Rezension des ersten Teils der »Hamburgischen Dramaturgie« publizierte – vermutlich hatte sie sein alter Widersacher Klotz geschrieben – :), antwortete Lessing im zweiten Teil der »Dramaturgie« mit einem wahrhaft inhumanen Zornausbruch: »Doch was halte ich mich mit diesen Schwätzern auf? Ich will meinen Gang gehen, und mich unbekümmert lassen, was die Grillen am Wege schwirren. Auch ein Schritt aus dem Wege, um sie zu zertreten, ist schon zu viel. Ihr Sommer ist so leicht abgewartet!«

Dass alle Gattungen der Poesie den Menschen bessern sollen, war für ihn eine Selbstverständlichkeit. Doch vom Einfluss nichtkünstlerischer Kategorien auf das ästhetische Urteil wollte er nichts wissen: »Vor allen Dingen wünschte ich, die Religion hier aus dem Spiele zu lassen.« Ähnlich wehrte er das vaterländische Element ab: Der Patriotismus in der Poesie stimmte ihn in der Regel misstrauisch. Dem Weltbürger Lessing schien die Liebe des Vaterlandes »aufs höchste eine heroische Schwachheit, die ich recht gern entbehre«.

Unverkennbar ist in seiner kritischen Prosa die Herkunft vom Journalismus. Das hat ihr nicht geschadet. Denn er diente der Wissenschaft mit dem Temperament des Journalisten und dem Journalismus mit dem Ernst des Wissenschaftlers. Seine Kritik war an das Publikum gerichtet, dessen Reaktion ihm nie gleichgültig war, nur dass »derjenige, dessen Erwartungen getäuscht werden, auch ein wenig mit sich selbst zu Rate gehe, von welcher Art seine Erwartungen gewesen«.

Mit dem Adressaten hat auch die Diktion dieser Kritik zu tun: Lessing scheute weder Übertreibungen noch Überspitzungen, liebte effektvolle Formeln und pointierte Sentenzen und übernahm viele aus der Umgangssprache stammende Wendungen – alles um der Verständigung, der Deutlichkeit willen. So hat er ein Leben lang für die Kritik als Institution plädiert, er hat sie verteidigt, er hat unermüdlich ihre Anerkennung gefordert. Als Lessing in dem berühmten letzten Stück der »Hamburgischen Dramaturgie« erklärte, er habe alles, was ihm als Dramatiker gelungen sei, »einzig und allein der Kritik zu verdanken«, denn er fühle keine »lebendige Quelle« sprudeln und müsse »alles durch Druckwerk und Röhren« aus sich herauspressen – da hat man es als ein freimütiges Eingeständnis der eigenen Unzulänglichkeit missverstanden: Man nahm als bare Münze, was nichts anderes sein sollte als ein Preislied auf die Kritik und ein Protest gegen jene, die glauben, ohne sie auskommen zu können.

Ein großer Kritiker? Er war weniger und mehr zugleich. Denn was der Kritiker, der Praktiker, hinterlassen hat, ist längst verblasst und bestenfalls von historischer Bedeutung. Doch was wir dem Theoretiker der Kritik schulden, ist zu einem erheblichen Teil noch keineswegs überholt. Lessing sei – schrieb Adam Müller 1806 – »eigentlicher Urheber, Vater der deutschen Kritik«.

Das gilt nach wie vor. In den zweihundert Jahren seit seinem Tod wurde die Kritik in Deutschland immer wieder beschimpft und bekämpft und gelegentlich auch vom Staat verboten. Aber was Lessing erreicht hat, konnte niemand mehr rückgängig machen.

3
Ich mag doch keine Fische vergeben
Meine Bewertung zurückziehen
Du hast None Fische vergeben
6 von 6 Fischen

bewertete diesen Eintrag

nzerr

nzerr bewertete diesen Eintrag 16.03.2024 08:33:00

trognon de pomme

trognon de pomme bewertete diesen Eintrag 14.03.2024 13:11:52

SusiK

SusiK bewertete diesen Eintrag 13.03.2024 19:38:33

Noch keine Kommentare

Mehr von Graue-Eule