Seltsam, dass sich keiner mit seinem eigenen Leben beschäftigt. Das Einzige, was die Leute verstehen in dieser Welt, ist das, was sie »nützlich« nennen. Und wohin hat uns das gebracht? Nirgendwohin.

Ich glaube, das liegt daran, weil wir auf dem Hinweg mehr und anders wahrnehmen. Alles ist neu, und daher sind unsere Sinne geschärft. Wir wollen uns keine Einzelheit entgehen lassen. Auf dem Weg zurück hinterlassen die Dinge einen schwächeren Eindruck, denn wir kennen sie bereits.

Statt einer Premiere haben wir es nur noch mit einer Wiederholung zu tun, die nicht mehr unsere volle Aufmerksamkeit genießt. Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Älterwerden. Allmählich lernt man, seine Erfahrungen in Schubladen einzuordnen. Hübsch beschriftete Fächer, in denen jeder Eindruck seinen Platz findet. Wir bekommen Routine im Umgang mit der Welt, was uns im Alltag zwar entlastet, doch dem Leben auch seinen Zauber nimmt.

Wenn sich die verschiedenen Schubladen langsam gefüllt haben, dann dauert es nicht mehr lange, bis wir ganze Tage abhaken, als seien sie nie passiert: »Heute nichts Besonderes«. Aufstehen, Zähne putzen, zur Arbeit gehen, und abends das Gleiche im Fernsehen wie immer. Das Leben hat mich auf einen besonderen Weg geschickt. Obwohl ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin, kam ich früh schon mit der Kultur des Zen in Berührung.

Wie soll man sein Leben führen? Das Wort »Lebensführung« ist im Deutschen sehr populär. Aber kann man das Leben wirklich führen, so wie einen Hund an der Leine? Im Leben können wir nicht immer die Zügel in der Hand behalten. Spätestens wenn es ans Sterben geht, liegt nichts mehr in unserer Macht. Aber auch davor gibt es immer wieder Situationen, in denen wir zwar die Hauptrolle spielen, doch nach einem Drehbuch agieren, das wir nicht kennen, und auch die Regie müssen wir jemand anderem überlassen. Dann führen nicht wir das Leben, sondern das Leben führt uns.

Niemand wird uns am Ende fragen, ob wir sterben wollen. Daher müssen wir uns schon im Leben auf den Tod vorbereiten. Nur wer seinen Frieden mit dem Leben geschlossen hat, wird ihn auch im Sterben finden. Angst vor dem Tod hat vielleicht ohnehin nur der, der das Leben noch nicht ganz in seine Arme geschlossen hat. Wer sich deshalb auf seine ganz eigene Reise machen will, braucht einen guten Orientierungssinn. Er muss wissen, in welche Richtung er gehen möchte. Doch selbst wenn er geglaubt hat, beim Aufbruch das Ziel ganz klar vor sich zu sehen, kann es passieren, dass er sich eines Tages mitten im Dschungel wiederfindet, ohne zu wissen, woher er gekommen ist und welcher Weg wieder aus der Irre führt. Womöglich war es sogar der innere Kompass, dem er bis dahin blind gefolgt ist, der ihn genarrt hat.

Niemand außer dem Leben selbst kann Sie an die Hand nehmen, wenn es um Ihren eigenen Weg geht. Im Alltag ist der Tod oft unsichtbar. Wir verbannen ihn auf die Intensivstationen der Krankenhäuser oder in die Zimmer der Pflegeheime, die wir an den Rand der Städte bauen. In den Nachrichten erreicht uns das Sterben im Sekundentakt: Hundert Tote in China, zwanzig in der Türkei, drei oder vier auf der Autobahn. Unfälle, Attentate, Naturkatastrophen, Corona.

Die Toten füllen die täglichen Schlagzeilen, aber das betrifft uns nicht. Die anderen sterben, nicht wir. Damit können wir leben. Anders verhält es sich, wenn ein uns naher Mensch stirbt. Sein Tod geht unter die Haut. Wir fühlen uns, als klaffte ein Loch in unserer Brust. Mit der geliebten Person stirbt auch ein Stück von uns. Wir werden nie mehr dieselben sein wie vorher. Wir beginnen, über unser eigenes Leben zu reflektieren, und auf einmal kommt es uns vor, als hätten wir das größte Stück des Weges bereits zurückgelegt. Der eigene Tod rückt in den Blick und wir werden uns unserer Sterblichkeit bewusst. Was immer so weit weg schien, ist auf einmal ganz nah gerückt.

So auch gingen mein Vater und mein Bruder, die an Corona erkrankt waren. Sie starben vor vier Wochen im gleichen Spital in Bremen. Nur durch zwei Zimmern getrennt, und im Abstand von 10 Tagen, ohne den Zugang der eigenen Familie - wir durften nicht zu ihnen rein, Abschied nehmen.

Jene die Corona leugnen, begehen einen gewaltigen Fehler. Der Tod trifft die anderen, nicht sie selbst – denken sie.

Die Blüten, die du liebst, welken dahin,

und das Unkraut sprießt zu deinem Ärger –

und das ist alles.

(Dōgen)

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