privat beigestellt

Das Haus, das ich bewohne, ist ein grau-braunes Relikt der späten Dreißiger Jahre, gelegen an einer stark befahrenen Straße in Rudolfsheim-Fünfhaus. Franz Gessner, ein österreichischer Architekt, zeichnet sich für den Bau verantwortlich. Gessner mag kein Mensch sein, an den man sich zwingend erinnert. In den Jahren seines Schaffens zwischen 1915 und 1950 kreierte und erbaute er doch einige beachtenswerte "Architekturjuwele", so zum Beispiel das Strandbad Gmunden in Oberösterreich. Charakteristisch hierbei: Monumental angehauchter Baustil, breite Durchgänge, Holzverstrebungen an den hohen Fenstern und eine gewisse Monotonie und Tristesse, die vor genau 80 Jahren wohl am ehesten einer gewissen Ästhetik entsprach, von der vor allem Nationalsozialisten angetan gewesen sein dürften. Ebenfalls einigen bekannt: Das Miethaus Operngasse - ein für die Stadt Wien der damaligen Zeit recht imposant erscheinender Wohnbau, bei dem auch ein architektonisches Merkmal mehr und mehr zur Geltung kam: Die Balkon/die Loggia - das erste "Freizeitareal" der Wiener für den unmittelbaren Wohnbereich, die erste "Entspannungsoase" inmitten einer stressgeplagten Zeit.

Heute, achtzig Jahre später, dient meine Gessner'sche Loggia genau so als Verweil- und Rekreationsort nach einem intensiven Tag in bewegten und entrückten Zeiten wie sie wohl auch damals jener Familie behilflich war, die frisch ins Haus gezogen war - und Schutz in ihrer Wohnung gesucht hat vor den Alltagswirren einer Zeit, in der die Düsterkeit und Unsicherheit von Tag zu Tag für alle spürbarer erschien. Denn das aufkeimende Nazi-Regime legte sich ja bereits bekanntlich Jahre zuvor wie ein schwarzer Schleier über Wien und Österreich. Ein Jahr also, an dem sich die psychologische Kraft einer Gesellschaft kollektiv zusammenzog und sich auf einen "Feind" zu konzentrieren begann, eine Kumulation der Ängstlichkeit, der Unsicherheit und der Orientierungslosigkeit, ummantelt von einer holprigen wirtschaftlichen Lage, die viele in die Enge trieb und psychische Auswüchse oder die Angst vor den Fremden, den Juden oder vor der neuen, ungewissen Zeit umgekehrt in die Höhe katapultierte. Ein Jahr, in dem das Haus von Gessner erbaut wurde.

Einige alteingesessene Pensionisten, die hier gewohnt haben, sind mittlerweile gestorben oder wie unlängst traurigerweise beobachtet - aufgrund von Alterserscheinungen und wohl auch wegen eines fehlenden Lifts - in ein Pensionistenheim eingewiesen worden. Österreichische Familien oder junge Leute sind ausgezogen, vermutlich um auch der manchmal doch recht drückenden Enge eines Dreißiger-Jahre-Baus oder stark befahrener Westausfahrten zu entfliehen, während ich hier - im Moment noch, trotz dünner Wände und knarziger Parkettböden - die Stellung halte, denn die Wohnung hat immerhin einen charmanten Stil, den ich für sehr liebens- und schätzenswert erachte. Gekommen sind - wie für Rudolfsheim üblich - viele Migranten aus östlichen oder südlichen Nachbarländern, um hier in Wien ihr Glück zu versuchen, um eine Existenz aufzubauen oder schlichweg um hier in Frieden und sozialer Sicherheit leben zu können.

Während ich ihnen, meinen Nachbarn, ihr "neues österreichisches Glück von Herzen" gönne, haben sich zuletzt allerdings Ungereimtheiten aufgetan, die mich perplex und fragend wie auch ratlos zurücklassen. Es ist ein Gefühl, so unbestimmt wie eine Schleierwolke, die sich am Himmel langsam ausdehnt, um sich letztlich aufzulösen. Es ist eines, das sich aus verschiedenen Sinneseindrucken und Beobachtungen zusammensetzt, fragmentarisch und natürlich nicht nachhaltig belegbar. Im Vorbeigehen.

Die türkische Familie im Erdgeschoß etwa - man kann nur rätseln, wieviele Personen es wirklich sind, die in den zwei Zimmern auf engstem Raum wohnen, lebt sehr zurückgezogen, ja abgekapselt. Als modern würde ich die Damen und Herren auf den ersten Blick nicht gerade bezeichnen. Gegrüßt wird man jedenfalls nur spärlich bis nie. Meist sind es entfremdete Blicke, die einen treffen oder höchstens kurz streifen. Die ältere Frau, deren Gesicht ich aufgrund des Kopfuchs nicht klar erkennen kann, verlässt ihre Wohnung meistens nur zum Einkaufen. Beißende Gerüche ihrer orientalischen Küche sorgen in meiner Magengegend Tag für Tag für ein flaues Gefühl am Gang. Ich muss mehrere Kinderwägen zur Seite schieben, um weitergehen zu können. Sie pflastern - trotz der mehrmaligen Aufforderung der Hausverwaltung, Dinge nicht im Gang zurückzulassen - ihre Wohnungstüre und somit den Stiegenaufgang. Eine gewisse Angespanntheit macht sich in mir breit. Weil ich nicht weiß, wer diese Personen sind, was sie tun, warum sie nach Österreich gekommen sind - und vorallem - warum sie nicht den Anordnungen der Hausverwaltung Folge leisten und ihr persönliches Hab und Gut wie alle anderen Parteien in ihrer Wohnung oder im Keller verstauen. Schiebe ich diesen Unwillen, hier für ein Miteinander zu sorgen, nun auf eine andere Kultur? Auf die persönliche Charakteristik dieser Menschen? Lasse ich diese negativen Gedanken einfach so stehen? Ja, nein, ich weiß es nicht. Und überhaupt: Woher diese vielen Kinder?

Während ich eines Tages in meinem Liegestuhl am Balkon gemütlich schlafe werde ich von lauten Schreien im Hof geweckt. Erst dachte ich an einen schlimmen Unfall und bin aufgeschreckt. Ich stand auf um hinunterzublicken: Was ich sah, hat mich in meinem Inneren erschüttert. Die türkische Familie hat - im Zuge des Auswaschens ihres Teppichs - den gesamten Innehof komplett mit Wasser geflutet. Mehrere Kinder trampeln mit bloßen Füßen auf dem Teppichfetzen herum, schreien, toben. Zwei Frauen schlagen mit einem Teppichklopfer darauf ein, rufen sich Dinge zu, johlen und machen sich stundenlang darüber her, als gäbe es kein Morgen. Ich bin fassungslos und sinke in meinem Liegestul zusammen. Ich verstehe diese Bilder nicht. Nicht in Wien im Jahr 2017. Ich frage mich, was mit mir nicht stimmt, weil ich sie nicht verstehe. Sie leuchten mir nicht ein. Nicht damals und auch nicht heute. Sie ergeben keinen Sinn.

Andere neue Nachbarn widerum sind aus Bosnien-Herzegowina, ich habe ihre Herkunft nur durch Zufall erfahren. Ein junges Pärchen, eher unscheinbar, Typ südländischer Macho und seine verschüchterte Angetraute, ein Mädchen, das scheinbar vor der Außenwelt versteckt werden will, dürften sich noch nicht besonders lange in Österreich aufhalten. Sie bewohnen eine straßenseitige kleine Einzimmerwohnung und wirken ebenso seltsam abgekapselt vom restlichen Spektrum wie die türkische Familie im Erdgeschoß. Wieder hapert es an der Sprache: Weil sein Deutsch mehr als unzureichend oder kaum existent ist, arbeitet er als Hilfsarbeiter für eine Installationsfirma, die die Hausverwaltung manchmalig einsetzt - und muss - wie bereits mehrfach beobachtet, einfachste Hilfsarbeiten übernehmen, die ihm sichtlich zusetzen und bisweilen sogar peinlich sind - vor allem vor mir, dem Österreicher.

Seltsam erscheint mir allerdings die Rolle der Frau: Nie verlässt sie die Wohnung. Allein schon gar nicht. Geduldig wartet sie auf ihn tagsüber vor dem dauerhaft laufenden Fernseher, bis er von der Arbeit wiederkehrt. Wieder und wieder stellt sich mir die Frage nach dem Warum? Darf sie am Leben in Österreich alleine als Frau nicht teilhaben? Handelt es sich gar um Muslime? Warum kann oder darf sie die Wohnung nicht verlassen? Gegrüßt werde ich leider nie. Die Sprache ist nicht dieselbe, die Lebenseinstellung und die Umstände sind wohl auch nicht ähnlich. Dennoch: Wie kann ich dauerhaft hier als "Defacto-U-Boot" so stoisch überleben mit dem Gehalt eines einzigen Hilfsarbeiter-Jobs, das für zwei Personen reichen muss? Soll das über Jahre hinweg so weitergehen? Ist das Integration? Ist das Partizpation? Warum der weite Weg bis hierher? Ist es das Geld? Ist es tatsächlich so viel höher als im Heimatland?

Als ich eines Tages in aller Herrgottsfrühe meine Winterreifen aus dem Kellerabteil karren muss, weil ich einen Termin bei der Werkstatt habe, erlebe ich Schreckliches. Ein überdimensionaler alter Kühlschrank versperrt mir die Türe zu meinem Kellerabteil, ich muss das kiloschwere Ding alleine im engen Gang verrücken, um überhaupt zum Türschloss zu gelangen. Im Zuge der unfassbaren Anstrengung dämmert mir, dass es nur die bosnischen Nachbarn gewesen sein können, weil ich den Herrn bloß zwei Tage zuvor dabei gesehen habe, wie Unrat und Ähnliches nach dem Einzug hektisch im Abteil neben meinem verstaut wurden und dieses klobige Teil einfach offenslichtlich nicht mehr in sein eigenes hineingepasst hat. Wut und Hass steigen in mir auf. Wie kann man so rücksichtlos sein? Wie kann ich, wenn ich in ein fremdes Land komme und ein neues Haus beziehe, so gar nicht darüber nachdenken, dass eine derartige Tat unter Umständen die Nachbarn zur Weißglut treiben und vollends behindern könnte? Wie komme ich dazu, einen fremden Riesenkühlschrank eigenhändig um sieben Uhr in der Früh alleine zu verrücken? Was bewegt diese Menschen? Ist es Unachtsamkeit? Unwille? Ist es vielleicht doch eine andere Mentalität? Ich will die überaus laute, slawisch beklemmend gefärbte Stimme des Mannes, die durch mehrere Wände bis hin in meine Wohnung dringt, in diesem Moment am liebsten zum Schweigen bringen, schlucke meinen Ärger aber bitter hinunter und ziehe die Reifen Stück für Stück wie ein Wahnsinniger als dem Abteil.

Mit anderen Mitbewohnern aus verschiedenen Regionen der Welt läuft es ähnlich. Es sind Parallel-Universen entstanden, die irgendwie schlecht und dann doch trotz allem existieren, die sich in der Anonymität der Großstadt fortsetzen und kaum Berührungspunkte mit dem Hier und Jetzt des so genannten Abendlandes finden. Von Integration oder einem Willen zur Bemühung bemerke ich so gesehen nichts, in einer Zeit die ebenso unsicher und fragil erscheint wie vor genau Achtzig Jahren. Es sind entrückte Jahre, in denen Antipathie gegen das Sammelsurium an Diversität urplötzlich und wahrscheinlich auch vielfach ungerechtfertigt aufsteigt - aufgrund von Kleinigkeiten, die im Großen und Ganzen wahrscheinlich kaum eine Rolle spielen, die sich aber auf persönlicher Ebene summieren und einen Äther der multikulturellen und absolut unbewältigten Diffusität hinterlassen.

Es sind laute Spuren von Möchtegern-Diktatoren, die eine andere, bizarre Welt und Lebensansicht predigen und dafür sorgen, dass zwischenmenschliche Grenzen, die ohnehin eklatant sichtbar sind, noch weiter und weiter auseinanderdriften. Es ist den Dreißiger Jahren wohl erschreckend ähnlich, denn die Sorge nimmt auch bei liberalen und offenen Menschen stetig zu, dass ein Clash bevorstehen könnte. In zahlreichen Gesprächen mit Freunden ergibt sich genau dasselbe, erschütternde Bild, die selbe, eigenartige Wahrnehmung.

Die Dankbarkeit der Zugezogenen steht auf der Kippe, das Interesse, beidseitig aufeinander zuzugehen ebenso, es sind minimale Ereignisse im Kleinen, die Unterschiede übermächtig werden lassen, es ist der fehlende Wille, diese Sprache zu erlenen, denn ein bloßes Durchkommen ist offenbar trotz kultureller Unterschiede und Gewohnheiten dennoch möglich. Es ist die laxe Politik, die hier zugesehen hat, dass der Lernwille und die Anpassung zu gering ist. Es ist vieles - und erste Ausläufer davon sind sichtbar, in meinem Haus hier in Rudolfsheim. Es zieht auch all jene mit, die dafür am wenigsten können. Es muss sich etwas ändern - und das wahrscheinlich bald.

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