Haben Sie auch Angst vor dem Alter und der Einsamkeit?

Meine Mutter befindet sich seit mehr als zwei Jahren in einem Pflegeheim. Ich gehe sie oft besuchen, es ist aber jedesmal auch ein Einblick in ein Leben, vor dem sich viele fürchten. Es macht nachdenklich, es macht bescheiden, macht aber auch Angst.

Die Tage werden jetzt kürzer im Winter, es wird früh dunkel, es ist kalt. Irgendwie fehlen das Licht und die Wärme, es fehlen die junge Kraft des Frühlings und die Ausgelassenheit des Sommers.

Beide Jahreszeiten sind gegangen, so wie auch das Leben kommt und geht. Der Herbst ist gekommen, der Herbst, wo das Äußerliche stirbt, die Farben dunkler werden, vieles verwelkt und sich verändert. So kommt auch dann die Einsamkeit, die Einsamkeit, die schmerzt im Herzen. Draußen ist die Natur erstarrt, sie ist grau geworden, und sie zeigt uns Menschen, dass alles vergänglich ist.

Wie ist das mit dem Alter und der Einsamkeit?

Manchmal, wenn ich meine Mutter besuche, beobachte ich die alten Menschen in diesem Pflegeheim, so auch meine Mutter. Man kann es fühlen, dieses Abstellgleis des Lebens, auch wenn in diesem Heim alles noch so sorgsam und schön gestaltet ist.

Manche BewohnerInnen sitzen stumm und still in einer Ecke, die Gesichter sind faltig geworden, die Haare dünn, und ihre Hände zittern.

Manchmal frage ich mich dann, wie sie wohl in ihrer Jugend ausgesehen haben, die Jugend, an die sie sich oft nur mehr dunkel zurückerinnern. Wenn ich sie anspreche oder grüße, blitzt ein Lächeln in den müden Augen, manche blicken aber nur in eine weite Ferne.

„Bleib noch ein kleinwenig da bei mir“, sagt manchmal meine Mutter. Sie hat ein schönes Einzelzimmer, mit einem weiten Blick in die Ferne zu den Bergen. Doch ich spüre ihre Einsamkeit, die Einsamkeit des frühen Abends, der jetzt kommt zu dieser Jahreszeit.

Das macht mich immer sehr nachdenklich. In den zwei Jahren, die jetzt meine Mutter in diesem Pflegeheim ist, habe ich einige der alten Menschen kennengelernt. Manche haben ein fröhliches, humorvolles Wesen, einen positiven Blick auf das Leben und das Sterben. Manche waren immer nur still und wirkten einsam. Und bei manchen sah ich diese verlorenen Blicke.

Sie sitzen nur da und warten. Ihre Hände zittern und ihr Blick ist oft sehr traurig. Das macht mich immer sehr nachdenklich. Und manche waren oft plötzlich nicht mehr da, still und einsam sind sie gestorben, so als hätte es sie nie gegeben.

Es gibt manche, die haben auch keine Angehörigen mehr, oder sie bekommen keinen Besuch. Die Einsamkeit kann dein Herz zusammenschnüren, wenn man weiß, man ist alt und faltig geworden, und wenn man das Gefühl bekommt, diese Welt braucht dich nicht mehr.

Wir Menschen unterliegen, wie alles in der Natur, diesem Kreislauf des Werdens und Vergehens, sowie der Einsamkeit des Herzens. Wir sind es gewohnt, dass Dinge schön sind, so will auch niemand alt werden und vergehen. Es wird verdrängt, in Heime und hinter Mauern versteckt. Aber wie der Herbst kommt, so kommt auch eines Tages der Herbst des Lebens auf uns alle zu.

Dann, wenn leise die Blätter von den Bäumen fallen, und die Natur erstarrt. Wenn sich unser Gesicht, unser Körper verändert, und wir nicht mehr die Kraft des Lebens voll spüren können. Wenn die Hände zittern, die Augen nicht mehr so strahlen wie früher, wenn wir einsam sind.

Haben Sie auch Angst vor dem Alter und vor der Einsamkeit des Lebens?

Mich macht das sehr oft nachdenklich, weil ich diesen Menschen, diesen Gesichtern oft begegne, immer wenn ich meine Mutter besuche in diesem Pflegeheim.

Sie sitzen da und warten, ich kann aber nach meinem Besuch wieder gehen – hinaus in das Leben.

„Bleib noch ein wenig da bei mir“ sagt meine Mutter und ich fühle, dass es das Mitgefühl ist, das einsame Menschen fühlen wollen.

Sie wollen noch fühlen können, dass sie leben, sie wollen den Wert, die Würde eines Menschen etwas wieder in ihren Herzen fühlen können.

Denn nichts ist grausamer, als das Gefühl, plötzlich wertlos zu sein.

Man darf nicht vergessen, niemand ist immer jung und schön, wir vergehen oft schneller als wir es erahnen können. Und wenn dann das Alter und die Einsamkeit kommen, was machen wir dann???

Mitgefühl, eine Hand, ein Lächeln, jemandem eine Minute Zeit schenken – das ist es.

Die Einsamkeit macht still und traurig.

Haben Sie auch Angst davor?

Man sollte manchmal darüber nachdenken, denn diese Zeit kommt.

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