„Fast die Hälfte des Volkes fiel der Seuche zum Opfer, besonders da diese Krankheit neu für sie war“, berichtet Fransico López de Gómara aus dem Gefolge von Hernán Cortés über das Sterben der Azteken, „die aber dieser grausamen Krankheit entkamen, waren durch Geschwüre bis zur Unkenntlichkeit entstellt, zum Teil infolge ihres unsinnigen Kratzens. Der Gestank verwesender Leichname, die niemand anzurühren oder zu beerdigen wagte, verpestete weite Gebiete.“

Ausgerechnet die Spanier waren es denn auch, die den Impfstoff übers große Wasser nach Lateinamerika brachten. Der englische Arzt Edward Jenner hatte die Vaccination erfunden, und das schon im Jahre des Herrn Siebzehnhundertsechsundneunzig. Erst infizierte er den achtjährigen James Phillip mit unangenehmen aber harmlosen Kuhpocken, sechs Wochen später mit Menschenpocken, für etwa ein Drittel der Erkrankten tödlich verlaufend. Und siehe da, der Bub wird nicht einmal krank. Da Jenner auf großen Widerstand stieß und um die Wirkung der Impfung zu beweisen, infizierte er später sogar seinen eigenen Sohn.

Brother Jonathan ist der Name des Dampfers, der im März 1862 die Pocken von Kalifornien nach Victoria schifft. Der Großteil der 350 Passagiere besteht aus Goldsuchern, die den vierundzwanzigstündigen Aufenthalt in der Stadt für den Besuch von Bordellen nutzen, in denen sich unter anderem indianische Prostituierte befinden. Wenige Tage später gibt es Berichte von an Pocken erkrankten Passagieren, die sich in Kalifornien angesteckt hatten, wo die Zahl der Toten sich zu diesem Zeitpunkt bei etwa zweitausend Menschen befinden soll. Jedenfalls fordert der Daily British Columnist die Bevölkerung am Puget Sound auf, sich unverzüglich impfen zu lassen, die Pockenimpfung gibt es dort bereits seit 1837.

Die sogenannte Inkubationszeit beträgt bei einer Ansteckung mit Pocken zwölf Tage, will meinen, die Infizierten sind hochgradig ansteckend, haben aber noch keinerlei Symptome und erscheinen völlig gesund. Zusätzlich genügen verseuchte Decken und Kleidung für eine Ansteckung und Verbreitung. Nach besagten zwölf Tagen bricht die Krankheit umso unerbittlicher aus, es fängt mit hohem Fieber, Kopfweh, Gliederschmerzen und Erbrechen an, nach zwei bis drei Tagen tritt erst in Gesicht, an Händen und Füßen ein Ausschlag auf, der sich rasch über den ganzen Körper verbreitet. Schließlich sind die Ärmsten über und über mit Eiterbläschen übersät, die oft zu großen Eiterblasen zusammenwuchern. Einen Monat später trocknen die Bläschen aus und fallen ab, zurück bleiben hässliche Narben, nicht Wenige verlieren ihr Augenlicht und erblinden, insofern sie die Krankheit überleben. Alles in allem eine ziemlich scheußliche Angelegenheit.

Im April impft der Arzt John Sebastian Helmcken etwa fünfhundert Songhees. Als die Krankheit in ihren Lagern ausbricht, fliehen sie auf eine Insel in der Haro Strait und stellen sich damit selbst unter Quarantäne. Nur dieser Stamm wird die sich anbahnende Katastrophe mit nur wenigen Opfern überleben.

Pater Leon Fouquet, ein katholischer Missionar, impft 3.400 Indianer entlang des Fraser River, weitere Missionsstationen an der Strait of Georgia und im Puget Sound erhalten zur gleichen Zeit Impfstoff, die dort lebenden Stämme werden kaum von der tödlichen Krankheit getroffen. Ganz anders ergeht es den zahllosen nicht Geimpften, als die Pocken sich mit rasender Geschwindigkeit die Nordwestküste hinauf ausbreiten und im Süden Alaskas wüten.

Am 9. Mai hält Reverend Georg Hill in seinem Journal fest: „Ich bin durch die Hyda und Bella Bella Camps gegangen und fand dreizehn Fälle und einen toten Körper. Noch nie habe ich so schreckliche Szenen von Tod, Elend, Schmutz und Leiden gesehen.“

Am 21. Juni schreibt der Daily British Colonist: „Wie sind die Mächtigen gefallen! Noch vor vier Jahren waren sie der Schrecken der Küste; heute, von gebrochenem Geist und verweichlicht, ziehen sie nordwärts, den Keim einer widerlichen Krankheit in sich, die Wurzel schlagen und bei den zu Hause gebliebenen Freunden den Ruin und die Zerstörung herbeiführen wird. Bei der derzeitigen Sterblichkeitsrate können nur wenige Monate verstreichen, bis die Nördlichen Indianer dieser Küste nur noch in der Geschichte existieren.“

The North-West in Port Townsend stellt am 24. Mai fest: „Die Indianer sind eine abscheuliche und arbeitsscheue Rasse, von keinerlei irdischem Nutzen für sich oder sonst irgend jemanden - abgesehen von den Ärzten - und ihre Gegenwart zieht weiße Strolche an, die ein unstetes Leben durch Verkauf von schlechtem Whisky führen. Diese Zügellosen sind viel schlimmer als die Pocken. Lasst uns die Indianer in die Reservate schicken, wo sie hingehören, die Gesellschaft würde sich verbessern und stärken und freie Liebe und Atheismus würden weniger Anhänger an den Ufern des Puget Sound finden.“

Ungefähr fünfzehntausend Nooksack, S'Klallam, Tsimshian, Haida, Tlingit, Bella Bella, Kwakiutl, Nuxalk, Hesquiaht und Mowachaht werden Opfer der Epidemie, etwa die Hälfte der indianischen Bevölkerung, die Heilkunst der Medizinmänner erweist sich als machtlos, ebenso wenig helfen Schwitzhütten und Bäder in eiskaltem Wasser. Bei den "Aufräumarbeiten" im Juni werden die Leichname mancherorts mit Steinen beschwert in den naheliegenden Buchten versenkt, auf einem einzigen Acre werden um die zwölfhundert Tote gefunden.

Am 17. Juni 1862 bringt es die Daily Press aus Victoria auf den Punkt: „Was wird man in England sagen, wenn es bekannt wird, dass eine Indianerbevölkerung um Victoria unterstützt und ermutigt wurde, bis die Pocken von San Francisco eingeführt wurden. Sie, die als die Krankheit unter ihnen wütete, dem Untergang überlassen wurden, mitten in einer christlichen Gemeinschaft, die von ihnen fett geworden war seit vier Jahren, die nicht zum Guten Samariter wurde und versuchte, die Wirkungen der Krankheit durch medizinische Mittel zu lindern, stattdessen diese Leute fortschickte in den Tod und die Krankheit an der Küste verstreute, die Zerstörung vielleicht der ganzen indianischen Rasse in den Britischen Besitzungen am Pazifik mit ihnen schickend. Es gibt eine entmenschlichende Einfältigkeit über die Behandlung der Indianer, die wirklich furchtbar ist. Wie leicht wäre es gewesen, die Stämme fortzuschicken, als die Krankheit in der Stadt bemerkt wurde, und wenn sich einige der Indianer angesteckt hätten, hätte man in einiger Entfernung von Victoria einen Platz einrichten können, bis sie sich erholt hätten, was sie mit medizinischer Hilfe aller Wahrscheinlichkeit nach getan hätten. Die Obrigkeiten haben die Arbeit der Ausrottung begonnen - lasst sie fortfahren. Nie gab es eine abscheulichere Indianerpolitik als unsere.“

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