Ein Wächter ist mir erschienen.

Anfangs hatte er die Natur eines gewöhnlichen Windteufelchen. Manchmal werden diese überaus quirligen Kerlchen, die sich aus feinem Flugsand zu flimmernden Gestalten zusammenfügen und im gleißenden Sonnenlicht daherkommen, zu lebendigen Gestalten, wenn sie dir mal wieder was in die Ohren zu knirschen haben. Meistens sind sie licht und durchsichtig, ab und zu aber verdichten sie sich zu schwarzen Schattenrissen, das kommt immer auch auf den Anlass ihres Auftauchens an.

Ich erinnere mich an eine recht einschneidende Begegnung mit einem der ihren in lange versunkenen Tagen, als ich mich freischießen musste, ums nackte Überleben kämpfte in einem erbitterten Kleingefecht, da tauchte unvermittelt so ein Scherenschnitt vor mir auf, der ich lauernd unter einem Felsen kauerte. Die Gestalt hatte ohne jeden Zweifel weibliche Konturen und stand mitten in der brennenden Sonne. Das wallende Haar der Frau loderte wie züngelnde Feuerflammen, ihr langes Kleid flatterte rauschend im Wind wie ein mächtiger Wasserfall, und obgleich ich ihre Augen im Gegenlicht nicht sehen konnte, drang mir ihr stummer Blick bis auf den tiefsten Grund meiner schwarzen Seele, bevor sie sich in das Nichts unzähliger Sandkörnchen zerstreute, verflüchtigte und auflöste.

Bis heute weiß ich nicht, ob das nun die Madonna daselbst gewesen ist oder sonst eine heilige Jungfrau, die Sich Verändernde oder die Weiß Bemalte Frau der Navajo beziehungsweise der Apache, jedenfalls schwor ich mir damals zitternd hoch und heilig, nie mehr in meinem ganzen Leben einen einzigen Schuss abzufeuern auf einen Menschen. Nun denn, gute Vorsätze pflastern den Weg in die Hölle und Schwüre sind dazu da, um sie zu brechen, whatever, vielleicht war's ja auch nur ein dürrer Baum, den die anhaltende Gluthitze entzündet hatte. In der Wüste können Einem Erschöpfung, Todesangst, die Marter schlafloser Nächte und der quälende Durst so Manches vorgaukeln, was einem wirklicher als wirklich erscheint, damals aber hat mich das übernatürlich Überwirkliche wirklich zum ganz natürlichen Einlenken gebracht und vor Schlimmerem bewahrt, also wird’s schon seine Richtigkeit gehabt haben.

Diesmal ist es nur ein harmloses Flimmersandmännchen, das sich mir da in den Ritt stellt.

„Geisterreiter“, knistert es leise, „ich finde es nicht so gut, dass du so unverfroren in unserer großen Vergangenheit gegraben hast nach so unendlich langer Zeit, in jenen Tagen war uns Vieles von dem heilig und sehr kostbar, was da in deiner Satteltasche vor sich hin gammelt, es erhielt uns am Leben und beschützte uns vor Gefahren, also buddel nicht länger frech herum, das ist Grabschändung und würdelose Leichenfledderei, nichts weiter und nichts anderes.“

„Nun, dear Desert Angel,“ erwidere ich, „das will ich gerne tun, aber nur wenn du mir sagen kannst, wie alt die Sandkörner sind, aus denen du dich grade zusammensetzt, wie viele Spuren vergangener Leben darin zu finden sind, denen du so ein neues Gesicht gibst, deren verstummtes Gestern du zur Sprache bringst und auferstehen lässt aus dem Reich der Toten, nenn mir ihre Namen und ich will auf dich hören.“

Da fällt ihm nichts mehr Rechtes ein, dem neunmalklugen Sandmännchen, und ich rede einfach mal Klartext.

„Mag ja sein, dass es den jungen Burschen nicht mehr gibt, der da manche vergrabene Kostbarkeit gefunden hat seinerzeit, aber es war derselbe Desperado wie ich es heute noch bin, und außerdem, du Flimmernichts, sind das verdammt noch mal meine Erinnerungsstücke und ich kann machen damit, was ich will. Selbst wenn ich sie zerbrösle, in tausend Teile zerbreche und neu zusammensetze, ist das allein meine Sache und nichts was einen lächerlichen Wüstenspuk wie dich etwas angehen müsste.“

Es ist vermessen, sich mit einem heiligen Wächter anzulegen, ihn zu ärgern jedoch kommt einer Selbstverbrennung gleich. Während ich ihm noch mürrisch entgegengifte, wächst das Männchen in Windeseile auf die imposante Größe einer Tornadowindhose an, ragt vor mir auf in den Himmel und donnert auf meinen nun doch ein wenig eingeschüchterten Scheitel hernieder.

„Namen willst du haben, Namen sollst du hören, Chaco ist mein Name!“

„Schon gut, schon gut,“ murmle ich besänftigend, „deshalb musst du doch nicht gleich so schreien bitte“, aber der Sandsturm hört mich nicht mehr und tobt unverdrossen weiter: „Ewigkeiten bevor es dich gab, erblickte und erkannte ich das Firmament!“ Scheu wage ich einen kurzen Blick nach oben, der Himmel steht noch zum Glück, der unheimliche Kerl jedoch hat inzwischen Feuer gefangen, wie unschwer zu erkennen ist, und fertig ist die mittlerweile zur Flammensäule entfaltete Figur noch lange nicht mit ihrer offen gestanden recht beeindruckenden Selbstdarstellung.

„Wow.“

Mehr fällt mir nicht dazu ein, ein bisschen sprachlos hat er mich dann doch gemacht, der Sandgeist, heilige Wächter, Wüstenengel, Feuerengel, was auch immer, dieser rätselhafte Chaco eben. Auf jeden Fall und alle Fälle ist es nicht allzu erstaunlich und wohl auch nicht so ganz abwegig, dass der feurige Bursche in der Wüste haust, nicht auszudenken, wenn das zündelnde Kerlchen mal über eine Siedlung der Weißen kommt oder gar über eine ihrer Städte.

Obwohl, andrerseits...

„Hör mal, altehrwürdiger Feuerchaco“, versuche ich den Aufgebrachten zu beschwichtigen, „du musst wissen, ich hüte wirklich jede kleine Tonscherbe wie meinen Augapfel und verwahre jedes noch so winzige Stück Keramik wie einen kostbaren Schatz, alles ist sorgfältig in trockene Fellhäute eingewickelt, bei mir sind die aufgelesenen Fundsachen in besten Händen, ich verstehe deine Aufregung offengestanden nicht so ganz, deine Verdächtigungen greifen voll ins Leere, ich bin verdammt nochmal keiner von diesen widerwärtigen Grabräubern, Schatzsuchern und Pueblo-Plünderern, ich bin Desperado, okay, also komm bitte mal wieder runter!“

Als es mir endlich gelungen ist, meine geblendeten Augen mittels Reiben und Blinzeln wieder auf Klarsicht zu bringen, ist der Flammengeist nicht nur auf Normalgröße geschrumpft, sondern hat sich in einen lebendigen Menschen verwandelt, einen steinalten Träumer, der da in seltsamen Kleidern entspannt und versonnen im Schneidersitz vor mir hockt und mit freundlicher Stimme zu mir spricht, in der die wissende Traurigkeit des hohen Alters schwingt. Das klingt schon etwas beruhigender, ich steig vom Pferd und lass mich erstaunt in gebührendem Höflichkeitsabstand nieder. Seine gelblichen Augen richten sich auf mich, der ich den Ausführungen des ehrwürdigen Greises aufmerksam lausche, dessen Sprache vertraut klingt, doch ohne auch nur ein einziges Wort davon zu verstehen bis auf eines, nämlich Anasazi. Demnach scheint es sich bei ihm um einen gemeinsamen Vorfahren der heutigen Pueblo-Völker zu handeln.

Plötzlich wie aus dem Nichts gekommen, mit übereinander geschlagenen, ausgestreckten Beinen hingeflackt, lümmelt ein zweiter sondersamer Geselle im Schatten des Felsen, der unverwechselbaren Erscheinung nach einer der unerreichten Baumeister, deren Geister ich schon des Öfteren habe tanzen sehen im verlassenen Pueblo. Der Ruhende seufzt betrübt, richtet sich zur Hocke auf, verschränkt seine Arme über angewinkelten Knien und mustert mich eingehend, seinen wohlklingenden Worten entnehme ich wiederum nur ein verständliches Chaco wie mein Windgeist, offenbar handelt es sich um einen Abgesandten vom verschwundenen Volk jener Chaco, die ihre Pueblo-Anlagen in wahrer Perfektion nach dem Stand der Sonne ausrichteten.

Hohokam ist das einzige Wort aus dem Mund der dritten, nicht weniger merkwürdig gewandeten Gestalt, das ich verstehe, die verwehten Spuren eines weitverzweigten Kanalsystems und ein paar verfallene Tempelruinen zeugen von ihren architektonischen Fähigkeiten, aber auch künstlerisch hatten die Hohokam einiges drauf, ich hab in ihren verwitterten Ansiedlungsresten erstaunliche Überbleibsel gefunden, indiomexikanisch anmutende Tonfigürchen ebenso wie kunstvolle Keramikscherben und feingravierte Kupferschellen. Schweigend lächelt der beeindruckende Zeuge einer versunkenen Welt mich an, der ich ihm nun doch nicht wenig verwirrt erscheinen mag.

„Mich laust der Präriehund“, ist alles was mir dazu einfällt, „wo kommt ihr Paradiesvögel denn auf einmal her? Ist hier etwa irgendwo ein Sipapu versteckt, ihr wisst schon, so ein Shipap, eins von diesen tiefen Löchern im Boden der Kivas, aus dem alle heiligen Zeiten die Ahnen der Hopi und Keres nach oben gestiegen kommen, ich wusste gar nicht, dass hier mal so was wie ein Pueblo gewesen sein soll, sei's drum, von wo immer ihr auch hergekommen sein mögt, ihr seid nicht wirklich, oder, nur Hirngespinst und Traumgesicht, stimmt's?“

Wie zur Erwiderung nennt der hinzugekommene Vierte im Bunde sich Mogollon und mutet von seiner äußeren Erscheinung her geradezu vorzeitlich an, von seinem vor langer Zeit verschwundenen Volk kenne ich nur die Mulden und verwaschenen Umrisse der Grubenhäuser im Wüstenboden, die urtümlichen Mogollon sollen es gewesen sein, die Mais, Bohnen und Kürbis, die heutigen Kulturpflanzen nicht nur der sesshaften Stämme, aus Mexiko in den Südwesten gebracht haben und den Anbau kultiviert, auch von ihnen trage ich aber winzige Keramiksplitter mit mir herum. Der vor Gesundheit strotzende Mann muss hunderte von Jahren alt sein, wohl eher weit über tausend, mehrere tausend was weiß ich.

Mein offenbar recht mitteilsam gewordener Sandspuk Chaco scheint tatsächlich ernst zu machen und lässt sich nicht lumpen, aus seinen Körnern die von mir geforderten Verblichenen erstehen zu lassen, einen nach dem andern, bedauerlicherweise nur Männer, nun denn, er ist ja selber ein männlicher Geist, ich weiß nicht so gut Bescheid über deren Vollmachten und Befugnis, vermutlich unterliegt ihre Autorität immer noch längst vergessenen Tabus, und ich werde mich hüten, jetzt noch dumme Fragen zu stellen.

Wie um die Finger einer Hand voll zu machen, gesellt sich noch ein verwegenes Kerlchen zu der illustren Gruppe, der mir schon etwas vertrauter vorkommt, ja durchaus bekannt. Sein wildes und stolzes Aussehen erinnert zweifellos an einen Apache, ebenso Haartracht und Stirnband, wenn auch, der auffällig dunklen Hautfarbe nach zu urteilen, an einen sehr weit im Süden angesiedelten Stamm, die zweckmäßig schlichte Aufmachung seiner belastbaren Lederkluft verrät den Jäger, Sammler und Nomaden. Im Gegensatz zu den anderen Vier verstehe ich ihn wenigstens teilweise, er spricht eine unbekannte Mischform der mir ansonsten ausreichend geläufigen Dialekte der Athapaskenstämme und stellt sich höflich als Jocome vor. In der Tat wussten die Spanier noch im siebzehnten Jahrhundert in lebhaften Schilderungen von einem widerspenstigen Volk gleichen Namens zu berichten, ehe die egoistische Bande diese bemerkenswerten Wilden noch vor Ankunft sonstiger Europäer restlos ausrottete.

„Sehr viele Wanderer gesellten sich in den letzten Sonnenkreisen zu uns“, meint Jocome nachdenklich besorgt, „und ihre Zahl wächst mit jedem Tag. Die meisten von ihnen gingen viel zu früh und gegen ihren Willen in die Welt der Geister, sie alle wurden von den Fremden umgebracht, die über das große Wasser zu uns gekommen sind. Schon bald wird unser Volk das der Lebenden um ein Vielfaches übertreffen, mir ist, als würden unsere ewigen Stämme morgen nur noch ein großes Volk von Toten sein, meine Freunde, die wie ich die Gräber ihrer Ahnen bewachen, teilen diese Furcht mit mir. Müssen nun alle sterben, so wie die Jocome gestorben sind, sag du es uns, Desperado, kann es denn sein, dass kein Mensch der Völker unserer Heimat am Leben bleiben wird?“

„Ach, Jocome“, seufze ich, „was fragst du mich das? Ich weiß es nicht. Gut, es sieht ganz danach aus in der Tat, alle Zeichen stehen dafür, aber ob nun wirklich gar niemand übrig bleibt von den Eurigen... das kann ich euch beim besten Willen nicht sagen, vergebt mir, aber ich bin nur ein gewöhnlicher Sterblicher. Mein Freund, der alte Mescalero, der große Diyin, Seher und Träumer, der abgeschieden hoch oben in den Bergen bei den Geistern lebt, der meint jedenfalls, dass wenigstens genug Leute überleben werden, um sich irgendwann später erinnern zu können an die Ahnen und deren verschwundene Welt, an die alten Bräuche und all das wichtige verloren Gegangene von früher, auch wenn es oft nur noch sehr Wenige sein werden. Mehr kann ich euch auch nicht sagen, so leid's mir tut.“

„Ein paar Wenige nur sind Viele genug“, antwortet Jocome sichtlich erleichtert und teilt meine doch recht dürftigen Auskünfte den andern mit, die befreit aufatmen und zustimmend nicken. Gleich darauf versinken die Männer in gemeinsames Gebet und stimmen einen fürwahr geisterhaften Singsang an. Flimmernd schwinden die geheimnisvollen Gestalten, vor meinen Augen lösen sie sich auf und entschweben in unzähligen glitzernden Sandkörnern.

Leise wispert der Wüstenwind, ich sitz allein auf weiter Flur, nur nacktes totes Gestein vor mir und rieselnder Sand, der schweigende stumme Zeuge, der nur sehr sehr selten spricht, aber wenn, dann hat er was zu sagen.

Und manchmal, oh staune, da hat er auch eine Frage.

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