Der große Geistertanz

Den Minniconjou verdanke ich es, der indianischen Seele auf eine Weise nahe gekommen zu sein, wie ich sie selbst in dem geteilten Leid der Präriekriege nicht erfahren habe können. Ritt ich damals als verwirrter Geist durch die Wogen derer, die in einem brausenden Sturm gegen die Übermacht der Blauröcke brandeten und mit dem Todesmute der Verzweiflung ums nackte Überleben kämpften, so komme ich nun als jeder Hoffnung Beraubter zu den Hoffnungslosen.

Blue Grama ist mein Bett und Needle-and-Thread, umspielt vom Duft der Purple Prairie Clover, getröstet von den Farben von Dotted Blazingstar und Smooth Fleabane, im Schatten der Trembling Aspen raste ich, Saskatoon-Berries, Choke Cherry und Serviceberry sind mein täglich Brot, die klein gehackte Prairie Turnip heilt meine Beulen und Schrammen. Es ist mein letzter Ritt in das schwindende Grasmeer der Prärie, man wird nicht jünger, der Stacheldrahtzäune und undurchdringlichen Felder aber werden immer mehr mit rasender Geschwindigkeit und verschlingender Unersättlichkeit.

Am Cheyenne River haben sie sich versammelt unter ihrem Häuptling Spotted Elk alias Big Foot, um dort ihren Grastanz abzuhalten, um in Form dieser traditionellen Zeremonie Teil des überall zelebrierten Geistertanzes zu werden und ihr Los in die Hand des Großen Geheimnisses zu befehlen, ihr Schicksal bedingungslos höheren Mächten anzuvertrauen und deren übernatürliche Hilfe anzurufen mit der Gewissheit, dem sicheren Untergang geweiht und endgültig verloren zu sein, sollte diese ausbleiben, so es ihrem Schöpfer und ihren Beschützern gefällt und wonach es aller Wahrscheinlichkeit nach aussieht, soweit kein gewaltiges und umwälzendes Wunder geschieht, das zu erwarten jede Vorstellungskraft übersteigt. Denn Indianer sind weder Traumtänzer noch Fantasten, sie pflegen lediglich betend zu sterben.

Der zweite Geistertanz ist von düsterer Art als der vergangener Tage des Hoffens, es ist der letzte gemeinsame Tanz derer, die ihre Würde zu bewahren sich entschlossen haben um jeden Preis, und es tut seiner erhabenen Größe keinen Abbruch, ihn einen Totentanz zu nennen. Beobachter bin ich nunmehr, zu grau und steif geworden, mein müdes Tanzbein länger zu schwingen als ein Viertel Stündchen, dennoch zieht mich der Grastanz in seinen Bann und trägt mich davon in ferne Welten, in der die versunkene Welt wiedererstandene Natur ist und der rote Mensch ein Teil von ihr.

Mit nackten muskulösen Oberkörpern tanzen die Männer, das sakrale Kleid ersetzt ein roter Lendenschurz mit weißem Streif am unteren Rand, den alle gleichermaßen tragen vom rüstigen Alten bis zum Knaben, üppige Federbüschel zieren ihre Häupter, um den Hals geknüpft leuchtet ein großes weißes oder rotes Tuch, zusätzlich zu ihren bunten Ketten, schmucken Amuletten und edlen Fellwürsten. Unter den Knien haben sie Schellen und Glöckchen um die Waden gebunden und ebenso um die Knöchel, die zum Rhythmus ihrer Schritte klingen und eine unwirklich anmutende Melodie erzeugen, mit Schnüren miteinander verknotete Krummstäbe tragen sie und schließen sie zum wippenden Kreis.

Die Frauen und Mädchen sind in fein gewebte und kunstvoll bestickte, eng anliegende knöchellange Kleider gehüllt, sie tanzen gemeinsam und singend mit bloßem Haupt und offen wallendem Haar, wiegen sich stundenlang in anmutigen und grazilen Schritten, werden wilder und unbeherrschter in ihren Bewegungen und steigern sich zu den Verrenkungen hemmungslos wirbelnder Ekstase, die Gesichter aufgelöst von entrückter Verzückung, die den Zuckungen eines Todeskampfes gleicht.

Nur vier Monate später sollte niemand von ihnen mehr am Leben sein.

Ani'qu ne'chawu'nani'

Ani'qu ne'chawu'nani'

Awa'wa biqana'kaye'na

Awa'wa biqana'kaye'na

Iyahu'h ni'bithi'ti

Iyahu'h ni'bithi'ti

Die letzte Woge der Geistertanzbewegung erfasst die Präriestämme mit voller Wucht.

Vollständig aus dem Bewusstsein verschwunden und in Vergessenheit geraten ist Wodziwobs Prophetentanz in den letzten zwanzig Jahren nie. Es ist sicher kein Zufall, dass der Gedanke völkerübergreifend friedlich gemeinsamen Tanzens als Form des Widerstands von Frauen aufrechterhalten wird. Bei den Menominee in Visconsin etwa machte vor ein paar Jahren die Geschichte der tapferen Tail Feather Woman die Runde, einer Sioux-Frau, die einem brutalen Blaurockgemetzel nur mit knapper Not entkommen konnte und sich im Schilf versteckte. Vier Tage lag die Gute von Todesangst gepeinigt im Wasser, atmete durch Schilfrohre oder mittels zusammengedrehter Schilfblätter, am vierten Tage aber kam der große Geist zu ihr und erzählte ihr „alles“, wie es heißt.

Er erklärte ihr, wie die Indianer den Tanzritus ausführen sollten und gab ihr zu erkennen, was unter gut zu verstehen ist und auf welche Weise dies zu tun sei. Dass jede einzelne Person, dass alle Indianer andere werden müssen als die, die sie jetzt noch sind und damit aufhören, einander weh zu tun und Menschen zu töten. „Das hat der Geist ihr erzählt. Alles, was gut ist, wurde ihr erklärt: dass sie Mitleid miteinander haben sollten, dass sie gut zueinander sein sollten, dass sie einander in allem beistehen sollten.“ Das Gewicht und die Bedeutung, die derlei überbrachte und mündlich weitergetragene Botschaften des großen Geistes nicht nur für die Plainsvölker haben, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden, die darin enthaltene Order ist maßgeblicher und verbindlicher als die des weißen Vaters für das Volk der Bleichgesichter je sein könnte.

Der Boden ist fruchtbar und bereit, die Zeit reif und der Weg geebnet für die Visionen Wovokas.

„Wir betrachten die großen offenen Prärien, die sanften Hügel, die sich windenden Flüsse, das Gewirr des Unterholzes nicht als wild. Nur für den weißen Mann war die Natur eine Wildnis, und nur für ihn war das Land durch wilde Tiere und Barbaren verseucht. Für uns war es zahm. Die Erde war gütig, und der Segen des großen Mysteriums umgab uns. Bevor die haarigen Männer aus dem Osten in brutaler Raserei Ungerechtigkeiten über uns und unsere geliebten Familien häuften, war das Land für uns nicht wild. Als selbst die Tiere vor ihren Annäherungen flohen, da begann auch für uns der Wilde Westen.“, rückt Häuptling Standing Bear die auf den Kopf gestellten Tatsachen ins Licht der Wahrheit.

Die unzählbaren Bisonherden sind nahezu ausgerottet und vollständig aus Prärie und Plains verschwunden, die großen verlustreichen verzweifelten Schlachten geschlagen, die riesigen Sommerlager verwüstet, niedergebrannt und entvölkert, zahllose Frauen und Kinder abgeschlachtet, die wundervollen Pferde erschossen oder beschlagnahmt und den Stämmen einfach weggenommen, ihre Kinder aus den Familien gerissen und in ferne Internatsschulen gesteckt, hinter deren Mauern alptraumhafte Zustände herrschen, denen die schutzlosen Kleinen in Scharen zum Opfer fallen. Die stolzen Prärieindianer sind nicht nur ihrer Lebensgrundlage beraubt, sondern zudem ihrer Würde und Freiheit, ihres Lebensinhaltes, ihres Sinns und ihrer Identität.

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rigoletta

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