Manchmal können sogar Zahlen sprechen. Wenn auch eine schreckliche Sprache. Alles in allem wird die geschätzte Zahl von zehn Millionen in Nordamerika lebenden Indianern bei Ankunft der Weißen Vierzehnzweiundneunzig durch hinzukommende Epidemien wie fünfmal die Masern, drei Cholera-Ausbrüche und zwei Grippewellen um sage und schreibe neunzig Prozent „reduziert“, das jedenfalls ist der Stand der Dinge und ein Ende ist noch immer nicht in Sicht.

Im Laufe einer verheerenden Epidemie fallen Achtzehnsechzehn entlang des Rio Grande und Red River viertausend Comanche den Pocken zum Opfer, im Jahre siebenunddreißig erleiden tausend Crow, viertausend Assiniboine, sechstausend Blackfoot, Blood und Piegans, im darauffolgenden Jahr siebentausend Cree, neunzig Prozent der Chippewas, zweitausend Pawnee und vierhundert Sioux, die noch mal mit einem blauen Auge davonkommen, dasselbe Schicksal. Fünfzig Prozent der Cheyenne erliegen Neunundvierzig einer Mischung aus Pocken, Cholera und Masern, auch die Sioux und sonstige Prärievölker leiden diesmal erheblich, die Zahl der Opfer wird wohl für alle Zeit ein Geheimnis bleiben, Achtzehnzweiundfünfzig sind Kiowa, erneut Cheyenne und Arapahoe von den Pocken betroffen, außerdem erwischt es Hunderte von Pueblo Indianern, Vierundsechzig folgen ihnen Navajo und Apache zuhauf, etliche in der Aufzählung nicht angeführte Stämme und Stammesgruppen sterben bei und zwischen den großen Seuchenausbrüchen nicht weniger qualvoll, nur ohne das nötige Aufsehen zu erregen, „registriert“ zu werden.

Obgleich bestens gegen Krankheiten aller Art geschützt auf Grund ihrer umfassenden Kenntnis von Heilkräutern und deren vielfältiger Anwendung sowie nicht zuletzt ihrer heilsamen Schwitzbäder, hatten die bis dahin unbeengt und sehr gesund lebenden Stämme den Krankheitserregern und unbekannten Keimen, die von den Europäern aus dem Schmutz ihrer Großstädte und Häfen mitgebracht wurden, nichts entgegenzusetzen. Es bedurfte noch nicht einmal einer unmittelbaren Begegnung und Berührung mit den Krankheitsträgern, der Wind trug die tödlichen Keime und unbekannten Erreger zu den kerngesunden Indianerdörfern noch vor Eintreffen der ersten Bleichgesichter, so dass bereits die Vorhut europäischer Entdecker durch entvölkerte Landstriche zog. Der eisige Hauch des Todes war ihnen vorangegangen und hatte reiche Ernte eingeholt, der weiße Mann war für den roten die Pest von Anfang an und wird es bis zum Ende bleiben.

Nicht von der Hand zu weisen ist, dass die Pocken einen wesentlichen, wenn nicht gar entscheidenden Beitrag zur raschen „Besiedlung“ des Westens geleistet haben, was die Epidemien auf Grund ihrer europäischen Herkunft, ihrer zumindest grob fahrlässigen Verbreitung unter den indianischen Völkern sowie infolge der nicht ansatzweise vorhandenen Bekämpfung beziehungsweise Eindämmung durch Impfung und Behandlung in ein strahlend weißes sprich weißhäutiges Licht rückt. Nimmt man die ungezählten Toten der eingeschleppten Seuchen und nicht selten bewusst verbreiteten Epidemien zu den mühsam Abgeschlachteten hinzu, kommt auf diesem Wege im Laufe eines halben Jahrtausends eine Volksmenge von mindestgeschätzt fünfzig Millionen Seelen zusammen, sprich durchschnittlich gute zehn Millionen indianische Menschen pro Jahrhundert, die das landräuberische Vordringen der weißen Rasse mit ihrem Leben bezahlt haben und eines wie auch immer gearteten gewaltsamen Todes sterben mussten.

Vielleicht ist es geschmacklos, aus diesen ungeheuerlichen Sterbeziffern wenigstens die jüngst verstorbenen männlichen und wehrfähigen Opfer auszusieben, die den Stämmen vor allem in den Kriegen der Sechziger und Siebziger gegen die Übermacht der Blaurock Armeen fehlen, die in offener Feldschlacht erwiesenermaßen erhebliche Probleme haben, mit der vergleichsweise verschwindenden Anzahl von zweitausend Kriegern fertig zu werden. Die Pocken waren allemal der uneinholbar erfolgreichste Feldherr der Indianerkriege. Sicher, wären ihre Stämme nicht von den unbekannten Krankheiten hinweg gemäht worden, die Säbel und Kugeln der spanischen und portugiesischen Ritter, der französischen Pelzjäger und englischen Rotmäntel, der amerikanischen Goldsucher, landhungrigen Siedler, ruchlosen Büffelschlächter, allzeit bereiten Bürgerwehren und nicht zuletzt der besoldeten Blauröcke hätten das Gemetzel mit Gewissheit mit der selben Gründlichkeit erledigt, daran besteht nicht der geringste Zweifel, das Morden wäre lediglich noch zahlloser und umfassender gewesen, vielleicht auch längerfristiger vonstatten gegangen, aber selbst das ist in berechtigte Zweifel zu ziehen.

Das gefällige Massensterben bietet bestenfalls eine fadenscheinige Ausrede für nicht mehr ausgeführte, vorsätzlich geplante Verbrechen im Rahmen des Völkermordes, deren Durchführung sich schlicht als nicht mehr vonnöten erwies. Die Seuchen waren lediglich die unheilvolle Vorhut der von Anfang an beschlossenen und erfolgreich durchgezogenen vollständigen Ausrottung der Rothäute, sie erleichterten den Weißen gewissermaßen ihre gewissenhafte „Arbeit“, das ist alles. Dieser Tatbestand wurde ausreichend und überzeugend genug bestätigt, um als unbestritten bezeichnet werden zu können, man kann also ohne Bedenken anführen, dass auch die Millionen der Seuchenopfer auf das mittelbare Konto und „passive“ Kerbholz des weißen Mannes gehen, weil die erkrankten Rothäute wunschgemäß und ganz in seinem Sinne elendiglich zu Grunde gingen. Denn wo auch immer er ihren Tod nicht nur passiv zulassen und beschleunigen, sondern bewusst und gezielt herbeiführen konnte, tat er es zweifelsohne und oft genug auf jede erdenkliche Weise. Die absichtliche Infizierung ganzer Stämme ist eine nicht zu leugnende geschichtliche Tatsache, zum Beispiel werden bis heute ahnungslose, an Pocken erkrankte Indianer bewusst und gezielt in ihre Dörfer geschickt, um sie der Pflege der Verwandten „anzuvertrauen“.

Sprech mir keiner von höherer Gewalt, obgleich schon die frommen Pilgerväter sehr wohl eine solche darin zu erkennen glaubten, wie einer von ihnen mit gottesfürchtiger Dankbarkeit im Namen aller zu bezeugen sich verpflichtet fühlt: „Soweit hat die gütige Hand Gottes unsere Anfänge begünstigt, indem er große Zahlen von Ureinwohnern hinwegraffte, kurz bevor wir dorthin kamen, dass er uns Raum verschaffte.“

Offenbar nicht Raum genug.

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