Der Rabe ist ein großer Lehrmeister der Lebenskunst.

Sein Dasein ist pure Lebenslust, kopfüber stürzt er sich in den Abgrund, dreht sich um die eigene Achse, schießt wieder nach oben, zieht Kreise und schlägt Räder, zu zweit und zu dritt im Einklang gleichförmiger Bewegungen, und haben ihn die akrobatischen Kunststücke und atemberaubenden Kapriolen müde gemacht, die er mit Seinesgleichen in der windbewegten Luft vollführt, steht er mit ausgebreiteten Flügeln reglos über der Tiefe und späht umher, bevor er sich auf der höchsten Zinne niederlässt und sein Reich überschaut. Bald hat er den Fischadler ausgemacht, der im Sturzflug in die Fluten hinabsticht mit ausgefahrenen Klauen und einen zappelnden Brocken aus dem Wasser zerrt. Seelenruhig wartet er ab, bis sich der erfolgreiche Jäger auf einem Felsen einen guten Platz gesucht hat, um dort ungestört seine Beute zu verspeisen, und schon schwingt er sich zu ihm hinab, schießt wie ein Pfeil auf den Überraschten hinunter und stößt ihn mit dem bloßen Luftdruck seiner Flügel von der gedeckten Tafel.

Ist aber der Fischadler erst einmal zum Fliegen gezwungen, hat er gegen die Wendigkeit und Schnelligkeit des etwa gleichgroßen Raben nicht den Hauch einer Chance, mag er auch ein kühner Flieger sein, der Luftkampf ist alsbald zu dessen Gunsten entschieden und der um seinen Fang Geprellte macht sich notgedrungen auf, einen neuen zu machen. Der Rabe aber kehrt hochzufrieden zum wartenden Fisch zurück und lässt es sich schmecken. Allein gegen den kalifornischen Kondor mit einer Flügelspannweite von gut drei Metern kommt auch er nicht an, wenn dieser sich in Scharen am Aas eines Dickhornschafs gütlich tut, doch lässt er es sich nicht nehmen, die streitenden Nacktköpfe zu nerven und zu ärgern, lauernd um sie herumzuhüpfen, sie an den Schwanzfedern zu zupfen und bei ihrem Festmahl daran zu erinnern, wer eigentlich der wahre König des Grand Canyon ist.

Versuche die atemberaubende Schönheit und überwältigende Erhabenheit des Grand Canyon mit Worten auszudrücken, und du wirst zum lächerlichen Schwätzer. Also versuch auch ich es nicht, egal ob ich nun ein solcher bin oder nicht, er lässt sich ganz einfach nicht beschreiben. Sein Anblick lässt dich mit der festen Überzeugung zurück, die abfließenden Wasser der Sintflut seien hier zu einem gewaltigen Strom zusammengelaufen und hätten die Erde zweigeteilt bis hinunter auf ihren brodelnden Grund, um die entfesselten Lavamassen erstarren zu lassen mit der Urgewalt einer bis an die Wolken reichenden Woge, die sich brüllend und donnernd durch den ewigen Fels grub, der fortgeschwemmt wurde wie butterweicher Sand und zu Staub zermalmt weit ins Meer hinausgetragen.

Unvergleichlich ist das Schattenspiel an seinen Wänden. Ein Schattenspiel ist das Leben und wir sind die wandernden Schatten, unser Weg wird vom Lauf der Sonne bestimmt. Großflächig ausgebreitet im aufsteigenden Morgenlicht ziehen wir uns zu feinen Strichen zusammen zur Mittagsglut, springen hinüber auf die andere Seite und bleiben doch dieselben, im sterbenden Abendlicht ein letztes Mal ausgestreckt schwindet jede noch so tief und schwarz in den Fels geworfene Kerbe unseres flüchtigen Daseins und wird vom gewaltigen Grau der Nacht verschluckt, um als mattes Abbild des vergangenen Tages vom Mondlicht widergespiegelt zu werden im Zauber einiger weniger Nächte.

Quelle und Mündung sind ein und dasselbe im ewigen Zeitstrom der nagenden Fluten dort unten, die niemals die selben sind und doch immer die gleichen. Hier spricht nur das ewig fließende Wasser, das fröhlich über Felsen und Klippen springt und sich verspielt über selbst angestaute und gebaute Dämme in schäumende Tiefe fallen lässt. Die beperlten Moose auf den Ufersteinen, die girlandenförmigen wurzellosen Flechten an den feuchten Felswänden, die seltsamen Blüten der Nachtschattengewächse, die urzeitlich bizarren Fischchen, die augenlosen Krebstierchen im glasklaren Wasser, die Wucherungen der Muschelkolonien an den wenigen Plätzen, in die sich um die Mittagszeit ein paar Sonnenstrahlen verirren - sie alle fragen nicht, wie es da oben aussehen könnte, ob es dort heller ist, schöner, wärmer und abwechslungsreicher, sie sind hier im klammen Halbdunkel zuhause und fühlen sich pudelwohl und genau am rechten Ort.

Die Gesteinsschichten hier unten im Grund des Grand Canyon sollen aus grauer Vorzeit stammen - das verkünden jedenfalls die Forscher -, in der es noch nicht einmal Pflanzen geschweige denn Tiere gab auf Erden, mag ja sein, deshalb sind sie auch nicht weniger schroff und abweisend als die ganz oben, wo der Abgrund gähnend in die Tiefe stürzt, und diese wiederum um nichts weniger fantastisch und überwältigend anzuschauen als ihre Brüder und Schwestern ganz unten. Die Gesteinsleser wollen außerdem wissen, dass die Zeitspanne der Menschheitsgeschichte in der unermüdlichen Spül- Wühl- und Schleifarbeit des alten Colorado durch sein steinernes Bett grade mal an einer Handbreit seitdem gewonnener Tiefe abgemessen werden kann - oder so ähnlich, die Kerle sprechen ihre eigene Sprache -, das allerdings wundert mich mitnichten, mal sehen, ob der Fluss noch eine zweite Handbreite durchs Urgestein schafft, bevor die Menschheit vom Erdball verschwunden ist. Zu den Anfängen des Lebens hinab gedrungen, vielmehr zurückgekehrt ist sie auf diesem Wasserwege ja bereits. Also könnte der Kreis ebenso gut geschlossen werden.

Groß ist der Canyon und unüberwindlich. Sein tiefes Flusstal, das die Grenze bildet zwischen dem großen Becken und der zerklüfteten Weite des Südwestens, ist die Heimat der Havasupai, dort befindet sich ihr wichtigstes Heiligtum. Wenige Meilen bevor der Colorado sich in einem rauschenden und stäubenden Wasserfall in die Tiefe stürzt, umspülen seine Fluten seit Urzeiten einen in die Sohle der ungeheuerlichen und überwältigenden Rinne des gewaltigen Flussbettes gebetteten gigantischen Vulkanbrocken, wie es keinen zweiten seinesgleichen gibt in der gesamtem Länge der unermesslichen Canyonschlucht. Warum der da rumliegt und woher er gekommen ist, weiß niemand zu sagen, er lag da schon immer und unendlich lange Zeiten vor den ersten Beutelwichten.

Man darf den Vulkanstein ohne Umschweife als bedeutende indianische Pilgerstätte bezeichnen, in seiner nächsten Umgebung finden sich einige Opferhöhlen, in denen Pilgergruppen ihre Mitbringsel hinterlassen können, meist in Form von Tabak und Kräutern, es gibt etliche Schwitzhütten für das reinigende und vorbereitende Schweißbaden, aus den Canyonwänden sprudeln mineralische Heilquellen für innen und außen, Leib und Seele, zum Trinken ebenso geeignet wie zu heilbringenden Waschungen, das uralte Gestein birgt seltene kostbare Mineralfarbstoffe zum Zwecke ritueller Bemalungen sowie der Schaffung sakraler Bildnisse, und noch viel anderes mir unbekanntes mehr an geheimnisvollen Dingen umflort und heiligt den magischen Ort.

In der geistigen Welt sowohl der Stämme des großen Beckens als auch der des Südwestens ist das weite Land von einem dichten Netz spiritueller Ströme durchzogen. Der Vulkanstein ist eine der Schaltstellen, ein Knotenpunkt, an dem diese unsichtbaren Kräfte zusammenlaufen wie die Drähte in einer Telegraphenstation. Was den einen die südliche Grenze ist, ist den andern die nördliche, das Gebiet der Navajo zum Beispiel zieht sich weit ins Tal der Monumente hinein, der Grand Canyon ist also nicht nur unüberwindliche Schlucht und Barriere, sondern ebenso oder besser vielmehr mystische Brücke und Verbindung zwischen Nord und Süd. Die Gedankenströme der Schamanen aller Stämme sind hier sozusagen angeschlossen, ihre geistigen Drähte laufen zusammen und wieder auseinander, denn im Gegensatz zu manchen Häuptlingen sind die Träumer und Sänger zuallermeist um Ausgleich und Verständigung unter den zum Teil traditionell „verfeindeten“ Gruppierungen bemüht.

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