Schiba-bigk, ich hab keine Stakemen gesehen und keine Stöcke, die Durchreisenden den Weg weisen sollen und hinterhältig umgesteckt ihre Planwagen in die Irre führen, um sie zu überfallen und auszurauben, wenn sich die Einwanderer vor Erschöpfung und Durst nicht mehr wehren können. Die wenigen Wegmarken zu den Wasserlöchern sind mit Steinen gekennzeichnet, was sicher auch daran liegt, dass die Trails der Trecks eine andere Route nehmen. Und wer wollte sich hier schon niederlassen?

Das Steppengras der Mesa ist selbst den Bisons zu trocken und hart, und auch wenn der Llano Estacado der südlichen Prärie zugesellt wird, von der ihn nur der Canadian River trennt, hat er reichlich wenig mit dieser gemein. Die Staked Plains sind noch keine Wüste aber auch kein Grasland mehr, sondern trockene und karge Steppe, die nur in den Regenwochen grünt und erblüht, wenn die ausgetrockneten Flussbetten mit Wasser gefüllt sind. Dann freilich wogt das Gras soweit das Auge reicht bis an den Bauch der Pferde, bis die Wasser der kleineren Flussläufe in den Colorado River abgeflossen sind, in den Brazos River und durch den Palo Duro Canyon und Tule Canyon in den Red River. Eins aber haben all diese Flüsschen gemeinsam, keines fließt durch den Llano Estacado, alle suchen sich an seinen Randzonen ihren Weg hinaus und hinunter in die tiefer gelegenen Täler.

Denn nicht von ungefähr nennen Forscher und Siedler die halbtrockene Steppenlandschaft die "Große amerikanische Wüste". Dunkelbraun ist der Boden, rotbraun der Sand, der sandige Lehm, der tönerne Lehm, selbst die Tiere meiden sie ob der Wasserarmut und auch die ansässigen Stämme wagen sie nur an einigen Stellen zu durchqueren. Bäume wachsen hier keine, das sturmgepeitschte Plateau dehnt sich um die tausend Meter über dem Meeresspiegel meist eben und kahl an die hunderttausend Quadratkilometer aus, das ist eine ganze Menge Fläche, und obgleich mit gedrungenen Salbeibüschen übersäht ist der Llano Estacado alles andere als Buschland. Die Steilhänge der Felsformationen, die die Hochebene einrahmen, wirken auf den Betrachter wie Palisadenzäune, im Osten wie der Wall einer Festung, daher hat er wohl auch seinen Namen.

Es gibt allerdings noch eine andere Erklärung für dessen Herkunft. Zwischen New Mexiko und Texas gab es zu spanisch-mexikanischer Zeit regen Handelsverkehr zwischen den Hauptstädten Santa Fee und San Antonio de Bejar, ebenso bestand ein militärisches Bündnis, und der Verbindungsweg führte durch den Llano Estacado, etwas nördlich am Zentrum vorbei. Um zu vermeiden, das Fuhrwerke und Einheiten vom Weg abkommen und sich rettungslos in der Steppenwüste verirren, traf die Regierung die Vorsichtsmaßnahme, die Route mit langen Pfosten oder Stangen zu markieren, die in Sichtweite aufgestellt ein Abweichen verhindern sollten. Wenn dem so war, wäre auch ein Umstecken derselben denkbar, um manchen Händlertross in die Irre des erleichterten Überfalls zu locken, Bandidos gab es auch damals genug.

Als "Halbwüste mit Wüstenherz" hat mal irgendwer den Llano Estacado bezeichnet. Die Luft ist so trocken, das sie knackt, ihre Klarheit rückt weit Entferntes in unwirkliche Nähe. Selbst der Regenbogen ist hier nur ein Trugbild, aber keineswegs Einbildung, er wölbt sich lediglich dort, wo er unmöglich sein kann. Felsgebilde schweben auf den Kopf gestellt hoch in der Luft, du kannst auf den Grund eines Canyon sehen, der acht Meilen entfernt ist. Nachts funkeln die Sterne hell und groß am Firmament, tagsüber blendet die Steppe in strahlendem Licht, das braune Gras wächst nur in einzelnen Büscheln aus roher, nackter Erde, Blattgrün sucht das dürstende Auge vergeblich. Die Hänge haben eher die Form schroffer Klippen und messerscharfer Dünen als die weicher grasiger Hügel. Nur vereinzelt findest du die Spuren von Tieren im harten Lehm, die zu den wenigen Wasserlöchern führen, die flinken und wendigen Bewohner sind nur nächtens unterwegs, tagsüber schlafen sie in ihren schattigen Verstecken.

Die Einzigen, die den Llano Estacado in Windeseile durchqueren, sind Tornados, mitunter von ungeheuerlichen Ausmaßen. Der ‘ntch-kha-n’gul erhebt sich brüllend und geht über den Llano, sein schwarzer Leib verdunkelt den rötlichen Himmel, den die Strahlen der verfinsterten Sonne in Blut tauchen. So oder so ähnlich klingen die Berichte von Zeugen, insofern sie die gewaltige Windhose überlebt haben und nicht "vom Tod gefressen" wurden.

Francisco Vásquez de Coronado war der erste Europäer, der den Llano Estacado auf der Suche nach den sieben Städten von Cibola gegen Mitte des sechzehnten Jahrhunderts zu Gesicht bekam, damals standen noch keine Mädchen an der Straße nach Amarillo, um von jungen Burschen in ihren Einspännern aufgelesen und in die Stadt mitgenommen zu werden. Dafür die Grashütten der Büffeljäger, die den Herden nachstellten, die während der Regenzeit die üppig begrasten Ränder der Ebene entlang wanderten. Wollkuh nannten die staunenden Spanier die ersten Bisons, derer sie ansichtig wurden, viel wichtiger aber waren die Pferde, die sie zurückließen, bei einem der schweren Gewitter ausgebüchst oder ihnen anderweitig abhanden gekommen.

Ein Indio namens El Turco hatte die enttäuschten Spanier mit der Versicherung eines Goldlandes von Quivira in die südliche Prärie geführt in der Absicht, sie dort an Hunger und Durst umkommen zu lassen. Was ihn das Leben kostete, sowie Vásquez sein Ansinnen durchschaute, immerhin befand sich der große Tross der Expedition da schon in Kansas, und gestorben waren seine Männer auf dem Weg von Arizona bis dorthin eben nicht. Was einfach daran lag, dass El Turco die Gegend so wenig kannte wie sie und die Strecke zum ersten Mal bewältigte, die Prärie war für den Indio nichts weiter als das unendliche Grasmeer, das kein Mensch betritt, so er nicht lebensmüde ist. Immerhin gab Coronado sein Vorhaben endgültig auf und kehrte mit leeren Händen um, für die nächsten vier Dekaden sollte der Südwesten seine Ruhe haben.

Zu Vásquez' Zeiten lebten Apache im Palo Duro Canyon, höchstwahrscheinlich Lipan. Dreihundert Jahre später sind es Comanche und Kiowa, die sich vor Mackenzie's Vernichtungsfeldzug der "verbrannten Erde" nach dorthin geflüchtet haben. Nachdem er ihre gesamten Wintervorräte hat verbrennen lassen, lässt der Colonel im nahen Tule Canyon um die zweitausend "mitgeführte" Pferde der Belagerten abschlachten, um Lone Wolf's und Poor Buffalo's verzweifelten Widerstand zu brechen. Mit Erfolg, wie man sich denken kann. Auch wenn vielen Comanche und Kiowa die Flucht gelingt, insbesondere den rechtzeitig in Sicherheit gebrachten Frauen und Kindern, zwingt sie alsbald der Hunger zur Aufgabe und "freiwilligen" Rückkehr in die Reservation von Fort Sill. Der Red River War ist endgültig entschieden, die größte Schmach bei dem schmutzigen Sieg aber sind die Fährtenleser der Seminole und Tonkawa Scouts, die ihn möglich machten, indem sie das Versteck der Geflohenen aufspürten.

Sechs Meilen ist er breit, der Palo Duro Canyon, an manchen Stellen sogar über zwanzig. Seine tief in den vielfarbigen Fels gegrabene Schneise erstreckt sich über eine Länge von guten hundertzwanzig Meilen. Zahlreiche Höhlen bieten Schutz vor Wind und Wetter, die Wasserfälle des Prairie Dog Town Fork Red River - wer auch immer dem Flüsschen diesen Namen verpasst haben mag - ermöglichen einer vielfältigen Tierwelt ein gesichertes und vergleichsweise sorgloses Dasein. Beeindruckende Felspfeiler ragen in die Höhe, ein besonders exponiertes Exemplar nennen sie den Leuchtturm. Der "Grand Canyon von Texas" trägt seinen zweiten Namen nicht zu Unrecht, ist er doch wirklich der zweitgrößte der Vereinigten Staaten.

Durchreitest du ihn flussaufwärts, erreichst schließlich die Quelle und überblickst die unendlich anmutende Ebene, die sich vor dir ausbreitet, dann betrachte sie mit schaudernder Ehrfurcht, wende dein Pferd, kehre um und reite den selben Weg zurück, den du gekommen bist, denn der Llano Estacado ist ein Ort der Geister, und es sind keine guten.

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