Am Scioto River hab ich seinerzeit vor unendlich langer Zeit auf einem dieser Grabhügel der geheimnisumwitterten Mound Builders mein Lager aufgeschlagen.

Der war so um die dreißig Meter hoch, seinen Umfang konnte ich nur erahnen, er lag recht gut versteckt ein wenig abseits und war dicht mit Bäumen bewachsen, sah aus wie ein natürlicher Hügel. Ob sie ihn heute schon frei geschaufelt haben, weiß ich nicht zu sagen. Gibt ja jede Menge davon im Serpent Mound Gebiet, eine riesige Schlange ist auch dabei, die mit weit aufgerissenem Rachen ein Ei verschlingt, die ist zwar nun kein Grab, aber dafür ein unvergleichliches Kunstwerk, das ich zu gerne mal von oben betrachten würde. So reitest du eben in Schlangenlinien an einem merkwürdig schmalen Hügelkamm entlang und brauchst etwas Fantasie, um das mysteriöse Gebilde in deinem Kopf zum Schlängeln zu bringen und Gestalt werden zu lassen. Schon gewaltig das Teil, um nicht zu sagen überwältigend.

Chillicote heißt das Nest in der Nähe, soweit ich mich erinnere. Der bekannte Povery Point in Louisianna ist immerhin dreiundzwanzig Meter hoch, das mächtige Ding hat eine Ausdehnung von fünfhundert Quadratmetern, aber einer der Riesen von Ohio dürfte so um die zehn Quadratmeilen umfassen, alles Erdreich mühsam in großen Körben zusammengetragen und Schicht für Schicht aufgehäuft, das ist schon eine beachtliche Leistung. Na ja, die Leute hatten offenbar genug Zeit damals. Ist schon erstaunlich, die Hopewell selbst lebten in kleinen Dorfgemeinschaften, und rundum wuchsen diese Mausoleen zu Hunderten und mehr aus dem Boden. So was nenn ich mal eifrig betriebenen Totenkult. Benannt sind sie übrigens nach dem Farmer, auf dessen Land sich die Denkmäler befinden, unter anderem haben diese Urindianer große Sonnenblumenfelder angelegt, vor dreitausend Jahren schon, wie die Vorgeschichtsforscher zu berichten wissen.

Allemal weit jenseits meiner Erinnerung, ich wickle mich auf der Kuppe des Mound behaglich in meine Decken, während Nanabozho in der Nähe grast und ich sein weißes Fell zwischen den Baumstämmen schimmern sehe. Irgendwer hatte mir zugetragen, dass die künstlichen Erdhügel immer noch bewohnt sein sollen, sogenannte Grabgänger sollen in ihrem Innern hausen und des Nachts herumgeistern, aber außer den huschenden Schatten einiger Weißwedelhirsche, Füchse und ähnlichem Gelichter hab ich nichts dergleichen gesehen, nur eine große Eule ist mal lautlos über mich hinweggeglitten. Außerdem, was sollen mir so ein paar herumirrende Gespenster, die erschrecken oft mehr vor einem als man selber vor ihnen und verschwinden spukhaft im Nichts. In dieser Nacht jedenfalls lässt sich keiner von ihnen blicken, die werden sich wohl gesagt haben, wer uns nicht den Gefallen tut, sich vor uns zu fürchten, mit dem macht das Spuken überhaupt keinen Spaß, ist doch langweilig. Also ich könnte mir das schon ganz schön eintönig vorstellen, so ein doofes Herumgeistern als ewiger Grabgänger, gegen einen kleinen Plausch hätt ich ja auch gar nichts einzuwenden gehabt, ganz allein ihre Schuld. Sei's drum.

Ich dämmere also so vor mich hin, so allerhand geht mir durch den müden Kopf an Sachen, die ich mir so nicht unbedingt gewünscht habe und auf die ich gerne verzichten hätte können, hätte mich wer gefragt, hat aber keiner. Und hinterher heißt es dann immer, warum hast du nicht, wie konntest du nur, das hättest du doch wissen müssen. Was für ein Unfug, hätt ich's gewusst, hätt ich mal schön die Finger gelassen davon, aber ich hatte eben keine Ahnung, was da so auf mich zukommen würde, sonst hätte ich mich ja nie drauf eingelassen. Es ist schon absonderlich, aber hinterher wollen immer alle alles immer schon gewusst haben, nur du ganz allein nicht und das bis zum Schluss, da frag ich mich doch, warum mir das dann keiner vorher schon gesagt hat. Oder wenigstens rechtzeitig.

Also, irgendwas läuft da nicht so recht zusammen, aber ist ja auch völlig egal, ändern kannst du's so oder so nicht mehr, und wer kann schon sagen, was dir sonst so alles an Unglückseligkeiten widerfahren wäre. Lass drei Gelegenheiten an dir vorbei spazieren, krall dir die vierte und geh damit baden, so macht es dennoch keinen Sinn, die ausgelassenen hinterher als die besseren zu erachten, weil du das schlicht und ergreifend nicht wissen kannst. Vielleicht wären die sogar noch viel verhängnisvoller gewesen. Es reicht völlig, zur rechten Zeit das Richtige zu tun, wie viele Fehler du auch gemacht hast bis dahin, die gehören nun mal zum Leben.

Und mal ehrlich, was ist das schon, so ein Leben? Du wirst ja sozusagen in deinem eigenen Grabhügel geboren, und je grimmiger du versuchst, dich raus zu buddeln, desto tiefer gräbst du dich hinein. Wenn du versuchst, vor dem Tod wegzulaufen, hättest du wohl besser vor deiner Geburt weglaufen müssen, dann wär's nämlich gar nicht erst so weit gekommen. So aber hast du von Anfang an nicht die Spur einer Chance, also kannst du dir ein Wegrennen ebenso gut sparen. Ist doch pure Zeitverschwendung. Schon verrückt, aber bei eingehender Betrachtung ist so ein Überlebenskampf nichts anderes als pure Zeitverschwendung. Du überlebst nur so lange und so oft, bis du zuletzt schließlich doch stirbst. Das nennt sich dann die Gnade hohen Alters, da könnte man doch genau so gut und mit dem selben Recht von einer Gnade des frühen Todes sprechen, je weniger lang du lebst, desto weniger lang quält dich die Angst vor dem Tod. Und sonst hat der Mensch im Grunde nichts, also jedenfalls nicht nach meiner Beobachtung, seine größte Angst ist der Tod, immer schon gewesen, und alles was er so macht, treibt und tut, tut er nur, um diese zu überwinden. Also zumindest bildet er sich ein, sie damit zu überwinden, in Wahrheit nämlich lenkt ihn das Werkeln nur davon ab, an den Tod denken zu müssen, und je weniger er an ihn denkt, desto größer wird seine Angst davor. Er steigert sie gewissermaßen bis ins Unerträgliche.

Wenn du aber nun wie die Hopewell den Tod gut sichtbar wie einen schützenden Wall vor deiner Haustür aufragen hast, von Morgens bis Abends und auch im Mondlicht, das sanft auf den Totenhügeln schläft, dann ist doch der Tod für dich von Anbeginn an eine alltägliche Selbstverständlichkeit. Folglich müsste sich deine Angst vor ihm von Tag zu Tag vermindern, je näher du ihm kommst, und am Schluss gar nicht mehr vorhanden sein, weil der sichtbar gemachte Tod immer schon da war und zum Leben dazugehört wie der Aufgang der Sonne und ihr Untergang mit allem, was sich dazwischen so abspielt an Lebendigkeit und Lebensfreude, weil er dir vertraut war von frühen Kindesbeinen an bis ins hohe Alter, wenn's denn dazu kommt.

Und in der Tat überkommt mich auf dem Grabhügel eine tiefe, wissende und mächtige Ruhe, alle Zeit ist zu einem Nichts zusammengeschrumpft, ja hat sich vollständig aufgelöst. Es gibt keine spürbare und erfassbare Spanne mehr zwischen mir, dem Wachenden und den Schlafenden unter mir, sie sind gegenwärtig und vergangen genau wie ich, ich bin blutjung und sie sind steinalt und umgekehrt, es ist ein und derselbe Wimpernschlag im Auge der selben Ewigkeit, der uns sichtbar macht für den flüchtigen Augenblick eines Blinzeln. Gemeinsam im Angesicht des selben Todes geboren, verbunden im selben Leben und vereint in der selben Sterblichkeit, entspannt vom selben Gähnen beim selben Hinübergleiten in die selige Freiheit des selben Schlafes, im weichen Bett des selben Mooses und im Duft des selben Grases, im Schatten der selben Bäumen unter dem selben Mond, im Hauch des selben Flügelschlags der selben Eule, umhüllt von ein und derselben Dunkelheit der selben Nacht.

Schon eigentümlich, was einem so eine uralte Begräbnisstätte alles erzählt, dazu braucht es gar keine Grabgänger, weil du im Grunde selber einer bist. Ein verklingendes Echo aus vergangenen Tagen, der Schatten einer Sonne, die es nicht mehr gibt, der letzte Baum eines gerodeten Waldes, der einsam und zerrissen in den fahlen Abendhimmel ragt, eine alte Geschichte, die keiner mehr hören will, weil niemand sie versteht.

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