„Engländer, ihr habt vielleicht die Franzosen besiegt, uns aber habt ihr noch nicht besiegt. Wir sind nicht eure Sklaven. Diese Seen, diese Wälder und Berge wurden uns von unseren Vorfahren überlassen. Wir werden sie mit niemandem teilen.“

Pontiac, Häuptling der Ottawa, richtet diese selbstbewussten Worte an die englischen Kolonisten, nachdem diese ihren Krieg gegen die Franzosen gewonnen haben, wenn auch hauptsächlich auf europäischem Boden, Pontiac jedenfalls ist über den Rückzug der Franzosen bitter enttäuscht und überwacht die Übernahme der ehemals französischen Befestigungen durch die Engländer mit Argusaugen und das mit vollem Recht, wie sich bald herausstellen sollte. Denn obwohl die englischen Offiziere feierlich die Beibehaltung der mit Frankreich geschlossenen Verträge proklamieren, die nebst gesicherten Gebietsansprüchen für die Ottawa eine Versorgung mit Munition beinhalteten, scheren sich die „Rotröcke“ nicht mehr darum, kaum dass sie die Wehranlagen bezogen haben, behandeln die Indianer mit der üblichen Herablassung, verweigern die Herausgabe von Pulver und Blei für die lebensnotwendige Jagd und sehen keinerlei Veranlassung, die Häuptlinge bei offiziellen Anlässen mit Geschenken zu beehren, was in deren Augen einen groben Verstoß gegen die Etikette jedweder Zeremonie bedeutet.

Pontiac, der einerseits zwar immer noch auf Unterstützung der Franzosen hofft, sich andrerseits von diesen verraten und verkauft fühlt, beschließt, der vertragsbrüchigen „Landübernahme“ durch die neuen Besatzer mit einem großen Aufstand vereinigter Stämme zu begegnen. Tatsächlich gelingt es ihm, unter Zuhilfenahme der Lehren des Delaware Propheten Neolin, achtzehn Stämme unter seiner Führung zu versammeln. Neolin predigt seit Jahren die Abkehr von allem Einfluss durch die Weißen und fordert die Rückkehr auf den Weg der Väter.

„Könnt ihr nicht ohne sie leben?“, fragt er die Stammesführer beschwörend, „Wenn ihr die Engländer unter euch duldet, seid ihr tot. Krankheit, Pocken und ihr Gift werden euch vollständig vernichten.“

Obgleich es zu gewissen Unstimmigkeiten zwischen ihm und Pontiac kommt bezüglich des Gebrauchs von Feuerwaffen, sind dem Häuptling die religiösen Doktrinen des Propheten überaus nützlich, um den Zusammenhalt in der neugegründeten Konföderation zu festigen.

Tatsächlich werden die selbstherrlichen Engländer von einem gewaltigen und gut organisierten Blitzangriff überrascht, dessen Wucht rund zweitausend Siedler und vierhundert Soldaten zum Opfer fallen. Im Zeitraum von nicht einmal fünf Wochen und mitunter innerhalb nur weniger Tage werden zwischen Mai und Juni Siebzehndreiundsechzig acht Forts mit wütender Entschlossenheit angegriffen und überrannt, Sandusky, St. Joseph, Miami, Quiatenon, Michilimackinac, Venango, Le Boeuf und Presque Isle, drei weitere Befestigungen, Pitt, Ligonier und Bedfort befinden sich in Belagerungszustand und wollen um das Fort nicht fallen. Zusammen mit der kleineren Anlage Niagara und allen voran Fort Detroit sollten diese Namen zum Symbol für die stagnierende Angriffswoge der vereinigten Krieger Pontiac's werden.

In Detroit wendet sich das Kriegsglück zu Gunsten der entsetzten Engländer, wenn auch nur durch den Verrat eines Überläufers, der dem indianischen Angriff das unbedingt erforderliche Überraschungsmoment raubt und die Angreifer auf gut vorbereitete Verteidiger stoßen lässt. Detroit erfreut sich zu diesem Zeitpunkt bereits über stattliche zweitausendfünfhundert Einwohner und ist zudem umgeben von Dörfern der Potawatomis, Wyandots und sogar Ottawas, was wohl der entscheidende Faktor für den Verrat gewesen sein dürfte. Jedenfalls können die Engländer die erste Angriffswelle erfolgreich abwehren, der aber bald eine zweite folgt, da Pontiacs entfesselte Männer sich gänzlich unbeeindruckt zeigen von der schnellen Gegenwehr, und so sollte das weitergehen über ganze sechs Monate hin. Die Belagerung von Fort Detroit wird zu einer langanhaltend durchgehenden geraten, wie sie das US-amerikanische Festland bis heute nicht mehr gesehen hat, und endet schließlich mit dem entmutigten Rückzug der ausgebluteten indianischen Föderation.

General Lord Jeffrey Amherst, von der Unbesiegbarkeit englischer Truppen felsenfest überzeugter Oberkommandierender im Dienste seiner königlichen Majestät, hat ganz eigene Pläne mit den verachtenswerten Wilden, die den „Union Jack“ gedemütigt haben und jede denkbare Strafe verdienen. Seine Order ist entsprechend eindeutig und lässt keinen Zweifel über seine Absicht offen.

„Infiziert die Indianer mit Decken“, lautet sein ausdrücklicher Befehl, „auf denen Pockenpatienten gelegen haben, oder durch jegliche andere Mittel, die dazu dienen mögen, diese verdammte Rasse auszulöschen. Ich würde sehr zufrieden sein, wenn sich der Plan, sie mit Bluthunden niederzurennen, als praktikabel erweisen würde. Diese Völker dürfen nicht als edle Feinde behandelt werden, sondern als das niedrigste Gesindel, das je die Erde unsicher gemacht hat und dessen Ausrottung als Verdienst angesehen werden muss. Es darf dabei keine Gefangenen geben, alle Angehörigen jener räuberischen Rasse müssen getötet werden.“

Und so geschah es. Die Ottawa erhalten in Detroit ein Geschenk in Form eines Kastens mit der Auflage, dass dieser erst in ihrem Dorf geöffnet werden dürfe, soll denn der große Zauber, den er enthalte, wirksam werden. Die Indianer tun, wie ihnen eingeschärft, finden einen kleineren Kasten darin, in diesem noch einen kleineren und wieder einen kleineren im selben, in dem sich etwas Schimmliges und Verwestes befindet, das sie nach indianischer Sitte von Hand zu Hand gehen lassen. Das Ergebnis ist ein entsetzlicher Seuchenausbruch, der ihr siebzehn Meilen langes Dorf entlang der Küste Arbor Crosche bis auf den letzten Bewohner auslöscht, auf die benachbarten Chippewah übergreift und von diesen weniger als die Hälfte übriglässt.

Simeon Ecuyer, Hauptmann des nach wie vor eingeschlossenen Fort Pitt, nimmt sich ein Beispiel am durchschlagenden Erfolg dieser Vorgehensweise und lässt den Belagerern der Delaware und Shawnee ein ganz besonderes Geschenk zukommen.

„Um unsere Achtung vor ihnen zu bekunden“, berichtet der Hauptmann der Royal Americans lakonisch, „gaben wir ihnen zwei Decken und ein Taschentuch aus unserem Pocken-Spital. Ich hoffe, unser Vorgehen wird den gewünschten Erfolg haben.“

Wohl brandet die Schlacht um Fort Pitt noch eine Weile weiter bis zum Eintreffen einer starken britischen Ersatzarmee, der Pontiac's Krieger im Rückzugskampf zwar schwere Verluste zufügen können, ihr aber schließlich bei Bushy Run endgültig unterliegen, bereits von den Pocken befallen und entscheidend geschwächt, die schreckliche Seuche raubt den Männern jede Moral, ihren Kampf weiterzuführen. Diese tatsächlich einzige Niederlage in Pontiac's Krieg genügt jedoch, die Allianz in Kriegsmüdigkeit verfallen und zerfallen zu lassen, ersten Abwanderungen folgen weitere größeren Ausmaßes, und der Häuptling findet sich alsbald allein gelassen, ein hohes Kopfgeld im Nacken.

Immerhin zwingt Pontiac's Krieg die Engländer zur sogenannten „Proklamationslinie“, eine „ewige“ Grenze entlang des Appalachenkammes, die allen Weißen eine Ansiedlung westlich des Gebirgszuges verbietet, was natürlich nichts weiter ist als leere Versprechung, da bereits etliche Siedler aus Virginia und Massachusetts das „verbotene“ Land am Ohio und in Kentucky für sich beanspruchen als gesicherte Zukunft und mitnichten daran denken, ihre Besitzansprüche abzutreten.

Selbst Washington daselbst schreibt in einem Brief an einen Freund, dass er „in der Proklamation nur einen zeitweiligen Notbehelf“ sehen könne, um „die Gemüter der Indianer zu beruhigen.“ Wobei es den Engländern sehr viel weniger um die Ansprüche der Indianer geht als um die vorhersehbaren Probleme, die eine weitere Ausdehnung englischer Kolonien für sie bedeuten würde, da sie bereits Probleme genug haben damit, die vorhandenen unter Kontrolle zu halten, zumal die Gerüchte über eine anstehende Revolution und der immer lauter werdende Ruf nach Unabhängigkeit längst bis London durchgedrungen sind.

Pontiac indessen, der den Betrug sehr wohl durchschaut und lediglich nutzt, um Zeit zu gewinnen, will noch nicht aufgeben und reist im ganzen Land herum, um Verbündete für eine neue Rebellion zu gewinnen, der endgültige Gebietsabtritt der Franzosen an die Engländer jedoch und die Übergabe an dieselben eines Landes, das ihnen gar nicht gehörte, sowie das Verbot der Grand Nation, die Indianerstämme weiter mit Waffen und Munition zu versorgen, bringt Pontiac an den Rand der bedingungslosen Kapitulation. Zudem sind inzwischen Mördertrupps eifrig damit beschäftigt, das Land mit Vergeltungsmaßnahmen für den von ihm angezettelten Aufstand zu überziehen, etwa die Paxton Boys, die über ein friedliches Dorf der christlichen Susquehannocks herfallen, seine betenden Bewohner aus den Hütten zerren und vom Greis bis zum Kind abschlachten, ihnen Arme und Beine abhacken und die Niedergemetzelten skalpieren, sinnigerweise in den Weihnachtstagen.

Angesichts derlei unsäglicher Grausamkeiten reist der besonnene und einsichtige Pontiac schließlich mit vierzig weiteren Häuptlingen nach Oswego, New York, erklärt der britischen Krone formell den Frieden und unterwirft sich Londons höchstem Indianerbeamten Sir William Johnson endgültig. Nur drei Jahre später fällt er in dem französischen Dorf Cahokia in Illinois einem heimtückischen Mordanschlag zum Opfer, der von einem englischen Händler gedungene Meuchelmörder ist ein Krieger vom Stamm der Kaskasika mit dem stimmigen Namen Red Dog und verdient sich für seine feige Tat - er schlägt den Häuptling beim Verlassen eines Handelspostens von hinten mit einer Keule nieder und ersticht den Benommenen im Schmutz der Straße - ein Fass Whiskey. Was zornige Anhänger Pontiac's wiederum dazu verleitet, ein völlig unschuldiges Dorf der Kaskasika zu überfallen und mit fürchterlicher Grausamkeit niederzumachen.

Die Engländer gehen nun ihrerseits daran, die Berge, Wälder und Seen der Ottawa mit niemandem zu teilen, bis sie ihnen nur wenige Jahre später von den Amerikanern entrissen werden, auch wenn die jungen Vereinigten Staaten bei Fort Mackinac am Zusammenfluß von Michigansee und Huronsee das wohl peinlichste militärische Debakel ihrer Geschichte hinnehmen müssen, dem noch ein paar schwere Niederlagen gegen die Skinner folgen, die einem Fiasko gleichkommen.

Den Krieg auf kanadischem Boden können sie denn auch nicht gewinnen, die hartnäckigen Engländer verlieren dafür unten im Südosten den anfangs erfolgreichen Seekrieg, für die Amerikaner gerät das Desaster alles in allem zu einem unverhältnismäßig verlustreichen Waffengang mit keineswegs eindeutigem Sieg, weil ohne den erwünscht durchschlagenden Erfolg - wie immer dieser ausgesehen haben soll oder will - mühsam erzwungen, für die Engländer aber bedeutet der Friedensschluss von New Orleans den endgültigen Verlust sämtlicher Ansprüche auf vereinigt amerikanischen Boden. Die Zeche zahlen die mit ihnen verbündeten Shawnee.

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