Apache wie Navajo, Hopi wie Zuni, alle meiden diesen Ort.

Er sei Wohnstatt der Geister, sagen sie. Und mit den Geistern sei nicht zu scherzen. Wenn man Veilchenschwalben und Präriefalken, Käuzchen und Kaktuseulen, Grashüpfermäuse und Känguruhratten, Hirschmäuse und Taschenratten, Fuchshörnchen und Felsenziesel, Colorado Chipmunks und den schlauen Kitfuchs als Gespenst ansehen will, mag das wohl stimmen. Dann wimmelt es von kleinen Geistern im Gemäuer. Stetes Rascheln und Knabbern, Huschen und Piepsen belebt die Stille der Nacht.

Niemand weiß, weshalb die Ureinwohner in grauer Vergangenheit ihr Pueblo verlassen haben. Majestätisch in den Fels gebaut kündet es vom Ruhm versunkener Tage. Und ist zugleich geheimnisumwittertes Zeugnis der Vergänglichkeit. Trocknete anhaltende Dürre den Fluss aus und ließ ihn versiegen, oder brachte ihn schwerer Regen so sehr zum Anschwellen, dass er die mühsam angesammelte Erde von ihren Feldern schwemmte? Raffte eine Seuche sie hinweg oder trieb sie ein feindlicher Angriff in die Flucht? Oder wurde es ihnen einfach nur langweilig in ihrer Felsenburg, und sie brachen auf zu neuen Ufern? Jedenfalls gaben sie ihren stolzen Horst irgendwann auf und überließen ihn dem Verfall. Und das Reich der wilden Tiere ließ nicht lange auf sich warten. Die Wüste lebt. Was für ein prächtiger Bau voller Kammern, Winkel, Erker, Ecken, Gänge und Nischen! Nistplatz, Höhle, Fluchtweg, Wetterschutz, Versteck und Schlafplatz in einem. Was will man mehr als Bewohner der Wüste?

Kein Wunder also, wenn ein müder Desperado in seinen Ruinen Quartier bezieht.

Mein Pferd watet vom Sattel befreit durch die kühlenden Fluten, die hier an dieser seltsamen Verbreiterung des Tales friedlich und in Kniehöhe über schillerndes Gestein plätschern. Hie und da ragen ein paar verwilderte Maisstauden aus dem kargen Boden, allerlei Wüstenblumen recken ihre Köpfe in die Sonne, Schmetterlinge gaukeln über ihnen, Vögel suchen den Schatten verkrüppelter Stauden, Schlangen sonnen sich behaglich auf abgeflachten Steinen, Skorpione krabbeln umtriebig herum, Eidechsen huschen in bergende Ritzen, gepanzerte Käfer klettern träge durchs Geröll - ein Ort voller Harmonie und Frieden.

Wer hier Geister fürchtet, ist selbst schuld.

Nicht, dass es sie nicht gäbe. In Neumondnächten tanzen sie in furchteinflößenden Masken und bis an die Knöchel mit Maiskolben behangen um ein loderndes Feuer, trommeln auf Schildkrötenpanzer, rasseln mit getrockneten Früchten, flöten durch hohle Knochen und singen, was eine Geisterstimme eben so hergibt an Klangfülle infolge nicht mehr vorhandenen Resonanzkörpers. Klingt aber trotzdem sehr lebendig, das Spektakel. Auf jeden Fall nicht furchterregend, sondern durchaus unterhaltsam. Ein Hopi mag es anders empfinden, schließlich tanzen hier die Geister seiner Urahnen, da mag einen schon respektvolles Grauen überkommen. Aber für mich als bleichgesichtigen Eindringling und dennoch geduldeten Gast bedeutet es schlimmstenfalls eine durchwachte Nacht.

Mitfeiern kann ich leider nicht, die Gestalten verschwinden im Nu, wenn sich einer aus dem Land der Lebenden zu ihnen gesellt, und das wäre nicht nur unhöflich, sondern jammerschade. Aber ich bin mir sicher, dass sie um meine Anwesenheit wissen, in warme Decken gehüllt in meiner Kammer, und mein verstohlener Blick durch einen der Sichtschlitze scheint sie nicht zu stören. Und ich störe mich nicht an ihrer Gegenwart, wie käme ich dazu, das hier ist schließlich ihre Wohnstatt. „Der-bei-den-Geistern-schläft“, „Der-die-Geister-nicht-fürchtet“, „Geisterschläfer“, „Geisterträumer“, „Den-die-Geister-verschonen“... jeder Stamm hat seinen eigenen Namen für mich gefunden, denn so was spricht sich in einem Dorf wie der Wüste selbstredend schnell herum. Manche sagen, es läge daran, weil ich selbst ein Geist bin. Meinetwegen, vielleicht sind sie damit gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt.

Ich sollte doch mal versuchen, mit ihnen zu tanzen. Wer weiß, ob ich es nicht schon getan habe? Dass mir der gemeinsame Tanz vorgekommen ist wie ein lebhafter, verrückter Traum, den ich am nächsten Morgen vollständig vergessen hatte?

Klar, die seltsamen Namen, die mir durch den Kopf geistern, könnte ich auch bei den Hopi, Zuni oder Pima aufgefangen haben. „Ho-ho-kahm“ gaben die Pima den ersten Missionaren zur Antwort, als diese sie staunend nach der Herkunft der fantastischen Ruinen des Casa Grande befragten, was lediglich bedeutet „lange gegangen“, seitdem nennen die Altertumsforscher das verschwundene Volk eben Hohokam. Sinagua wird ein anderes geheißen, „ohne Wasser“, weil diese Leute wahre Meister der „trockenen Landwirtschaft“ gewesen sein sollen, das überwältigende Monument des Montezuma Castle bei Camp Verde zeugt von ihren großartigen architektonischen Fähigkeiten. Und die Menschen der Chacoan Kultur errichteten sage und schreibe vierzehn Städte im Chaco Canyon, bevor sie wie die anderen Anasazi auf rätselhaft unerklärliche Weise spurlos verschwanden. Wo ich aber nun Namensnennungen wie Wukoki oder Wupatki aufgeschnappt haben soll, ist mir schlicht ein Rätsel, niemand außer mir scheint diese Bezeichnungen zu kennen oder je von ihnen gehört zu haben.

Vermutlich hat sie mir der Wind zugeflüstert, der nachts durch die Ritzen und Risse der verwaisten Bauten weht.

Bis vor wenigen Jahren schlief ich, wenn ich mich in New Mexiko herumtrieb, mit Vorliebe in einem verlassenen Pueblo, das sich in einer weiträumigen Nische unter das Dach der vorspringenden Felswand schmiegt und an Schönheit und Erhabenheit kaum zu überbieten ist. Neben zwei Türmen habe ich über zweihundert Räume gezählt, sieben davon rund und zum Teil fast hallengroß, wenn auch mit eingestürzten Dächern in den oberen Etagen, außerdem gute zwanzig Kivas, die unterirdischen Zeremonienräume mit einem kleinen Loch im Boden, dem Sipapu, das sie Öffnung symbolisiert, aus dem die Menschen einst aus der Unterwelt gestiegen kamen ans Licht der gegenwärtigen.

Überall standen noch Werkzeuge rum und allerlei Gerätschaften, sogar Geschirr, als hätten bis gestern Leute hier gelebt, da dürften schon um die zweihundert davon Platz gehabt haben, eher mehr. Diese Mischung aus Dorf und Festung war zudem ein ideales Versteck, doch vor kurzem haben sie auch diesen meinen geheimen Schlupfwinkel entdeckt und sind seitdem unermüdlich dabei, seine Gebäude auszubuddeln und freizulegen, das Pueblo war nämlich derart von Gestrüpp überwuchert, dass nichts mehr zu sehen war von seinen verschachtelten Mauern. Klippenpalast nennen die Geschichtsforscher das architektonische Wunder, das trifft es ganz gut.

Mein jetziges Pueblo ist klein, beschaulich und gemütlich. Es gibt auch sehr viel imposantere Bauten in den Canyons, auf den Mesas und weiten Ebenen des Südwestens, etwa Te-uat-ha, das früher Tua hieß und neuerdings Taos genannt wird, ein riesiges Pueblo beidseitig des Taos Creek mit sechsstöckigen Häusern, von dem fast nur noch die große Mauer steht, die es umgab, nachdem die Spanier es vollständig niedergebrannt hatten, außerdem das Dreigestirn von Mishongnovi, Shipaulovi und Shongopavi, und nicht zuletzt Walpi, nur durch eine steile Treppe zu erreichen, abenteuerlich in eine enge Felsspalte geschlagen.

Nach der Zerstörung ihrer Dörfer in Shi'wona, der fruchtbaren Ebene am Zuni Fluss, zogen sich die Zuni, die sich selbst A'shivi nennen, "Fleisch", auf ein Hochplateau im Schutz ihres heiligen Berges Towaylane zurück, wo sie noch heute leben. Montezumas Castle nannten die weißen Entdecker die beeindruckende Trutzburg, die die Sinagua in der Steilwand des Verde Valley in den Fels gebaut haben wie ein Schwalbennest, über dreißig Meter über dem Talgrund und fünf Stockwerke hoch, eine Burg ist das Pueblo allemal, wie sie freilich auf Montezuma gekommen sind, müsste man wohl die spanischen Konquistadoren fragen.

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