Ich weiß nicht, wie hoch so eine Saguaro werden kann, einer der umgestürzten Kakteenriesen, den ich mal abgeschritten bin, maß um die zwölf Meter, aber ich glaube, sie werden noch größer. Viele Leute können der Wüste nichts abgewinnen, da sei außer stachligen Kakteen nichts zu finden, wie sie behaupten, nun, sie haben eben keine Ahnung. Es wimmelt von Leben. Verglichen mit den Metzeleien der Menschen ist die Wüste außerdem ein sehr friedlicher Ort, klar schnappt sich der Kojote schon mal eins der niedlichen Pekariferkelchen, allerdings nicht, wenn ich in der Nähe bin, weil er genau weiß, dass ich im Falle eines Versuchs nicht zögern werde, ihm einen Stein ins Fell zu pfeffern.

Mancher Idiot beginnt die Ruhe im Reich der Klapperschlangen zu stören, indem er zu ballern anfängt, sowie eine davon seinen Ritt kreuzt, mein Pferd und ich bleiben einfach stehen und warten, bis die Aufgeschreckte ausgerasselt hat und sich in den Kakteenstauden verkrochen. Viele kommen auch deshalb um in der Wüste, weil sie sich nicht zu benehmen wissen.

Den Grundstock für das Erlernen der dialektreichen Sprache der Apache legte ich bei den Lipan. So aberwitzig es aus heutiger Sicht klingen mag, aber meine weiße Haut war es, die mir meine jugendlichen Exkursionen durch ihre versteckten Refugien nicht nur ermöglichte, sondern meine Streifzüge zu gefahrlosen machte. Wäre ich Mexikaner gewesen, sie hätten mich mindestens verjagt, und da wäre ich noch mit einem blauen Auge davongekommen. Als Weißauge erweckte ich nicht nur ihre Neugier; vorurteilsfrei wie sie nun mal sind, gaben sie sich der trügerischen Hoffnung hin, dass es sich bei meiner unbekannten Rasse nur um bessere Menschen handeln könne, als sie ihnen bis dahin in Gestalt der Spanier widerfahren waren. Dass diese sich inzwischen Mexikaner nannten, änderte nicht das Geringste an ihrer Politik der systematischen Ausrottung aller Apache.

Tsésh ke shéndé, Tu’tssn Ndé, Twid Ndé, Tindi Ndé, Tche shä, das Volk des Sonnenotters, Ndáwe qóhä und Tséral tuétahä, die rothaarigen Leute, bilden das Volk der Lipan Apache. Cuelga de Castro kämpft als Oberhäuptling der Llepai-Nde in den Dreißiger Jahren des Achtzehnten Jahrhunderts mit den Anführern Jose Chiquito, Yolcna Pocaropa, Flacco und El Mocha im Unabhängigkeitskrieg der Texaner gegen die Mexikaner, die sich wiederum mit den Comanche verbündet haben, vielmehr diese rekrutiert. Cuelga befehligt eine Kompanie aus Lipan Kriegern und texanischen Soldaten.

Da zählt der Mann "etwa dreißig Jahre und ist nicht sehr viel weniger als zwei Meter groß, da er aber sehr athletisch gebaut und wohlproportioniert ist, wirkt er kleiner. Seine Gesichtszüge könnte man als edel bezeichnen, die feine Stirn, die Adlernase und das breite Kinn vermitteln Begabung, Charakterfestigkeit und Kraft. Waffen und Ausrüstung schimmern stählern hell, Schaft und Kolben seines Gewehres sind reich in Silber eingelegt. Bekleidet ist er mit dem üblichen Jagdhemd, Leggins und Mokassins, das Hemd besteht aus Hirschhaut, wurde aber anders bearbeitet als sonst üblich, es ist weiß gebleicht fast wie ein Kinderhandschuh. Eng anliegend um die Brust und geschlossen ist es wunderschön mit Stachelschweinborsten bestickt und mit gemusterten Federn geschmückt, das einzigartigste Merkmal des Mannes aber ist sein Haar. Es fließt lose über seine Schultern und fegt den Boden, wenn er geht.", wie ein Zeitzeuge sich erinnert.

Nach Cuelgas frühem Tod übernimmt sein Sohn Juan Castro die Führung der Lipan, sein Bruder Ramon unterzeichnet Mitte der Vierziger den Vertrag von Tehuacama Creek. Die Jagdgründe der Lipan befinden sich am Pecos River, als die wortbrüchigen Texaner Anfang der Sechziger, zwei Jahre nach ihrer Niederlage von Twin Village gegen Comanche und Wichita, ihren "Umzug" nach Fort Griffin fordern. Ihre Anführer weigern sich und die Lipan weichen in den Süden nach Laredo aus, dort am Ufer des Rio Grande gelingt es Juan, regelmäßige Angriffe und Überfälle sowohl von Texanern als auch von Mexikanern abzuwehren. Dennoch müssen sich die bedrängten Lipan weiter nach Nuevo Leon zurückziehen, wo sie sich in der kleinen Festungsstadt Carralvo einigeln und im unzugänglichen Gebirge halten können bis zum zweiten mexikanischen Unabhängigkeitskrieg.

Dann nämlich erteilt der mexikanische Regierungschef Porfirio Diaz seiner Guerillatruppe den eindeutigen und ausdrücklichen Befehl, sämtliche indianischen Dörfer der nördlichen Provinz Mexikos niederzubrennen und alle ihre Bewohner zu töten, unabhängig von Geschlecht und Alter. Was die sich nicht zweimal sagen lässt und nebst den Lipan über die bäuerlich sesshaften Caddos sowie die Nomaden und Büffeljäger der Tonkawa herfällt. Als Rechtfertigung für diesen Massenmord führt Diaz gefälschte Berichte der örtlichen Gouverneure sowie mächtiger Hazienda Besitzer zu Felde, in denen behauptet wird, die Indianer hätten Widerstandskämpfer beherbergt und versteckt.

Einmal halte ich Siesta in einem breiten Canyontal, als eine Schar von Reitern daherkommt, um die fünfzig Apache sind es, die da an mir vorbei galoppieren, nicht einer ist gekleidet wie der andere und doch alle auf dieselbe Art, nie werde ich diesen Anblick vergessen. Ich wünschte, es wären ihrer zehnmal so viele gewesen, dann hätten allesamt Heere der US Armee nicht den Hauch einer Chance gehabt gegen die verwegene Streitmacht dieser unerschrockenen Krieger. Reiten können wie ein Apache, das möcht ich manchmal, aber es ist sinnlos, nach den Sternen greifen zu wollen, auch nicht nach denen auf der Pferdestirn.

Nicht nur in der südlichen Prärie wohnen die Lipan Apache sowohl in Wikiups als auch in Tipis aus Büffelhaut wie die Präriestämme, ebendort machten die Lipiyánes im letzten Jahrhundert von sich reden, als ihr Häuptling Picax-Ande-Ins-Tinsle, der "Starke Arm", den Comanche zu verstehen gibt, dass diese Jagdgründe nicht ihnen allein gehören. Was mir auf Anhieb gefällt an den Restgruppen ihrer Gotahs entlang der Flüsse und auf den versteckten Plateaus der Hochebenen von Texas und seiner nächsten Umgebung, ist die Gemeinsamkeit, dass sie sich allesamt "Leute" nennen. Die Eigennamen in ihrer Sprache wiedergeben zu wollen, würde zu weit führen und scheitert zudem an meiner Vergesslichkeit, aber in ihrer wörtlichen Bedeutung sind sie mir in Erinnerung geblieben.

Da gibt es die Hochgrasleute, die Leute-der-grünen-Berge und die Leute-der-Lava-Betten, die Wildgansleute, Wolfsköpfe-Leute und Sonnenotterleute, die Leuchtender-Sturm-Leute und die Feuerleute, die Ohne-Wasser-Leute und die Großes-Wasser-Leute, die Kleiner-Lendenschurz-Leute und die Viele-Halsketten-Leute, die Mit-rotem-Schlamm-bemalten-Leute und die Rote-Haare-Leute, die Zu-Pulver-machen-Leute und die Stein-an-den-Kopf-gebunden-Leute. Die sich so nennen, weil sie je einen flachen Stein an den Schläfen mit sich herumtragen unter ihrem roten Bandana, das sie wie die Mescalero zum Turban binden, um sie für die Jagd mit der Schleuder stets griffbereit zu haben.

Ansonsten sind die Lipan von Kopf bis Fuß in Leder gekleidet, das mit Perlen geschmückt ist, viele tragen ihre Haare auf der linken Seite kurz und auf der andern lang, damit die Mähne sie nicht behindert beim Pfeilschuss, sie sind hervorragende Bogenschützen und außergewöhnlich begabte Fährtenleser. Die Natagés, aus denen die Mescalero hervorgegangen sind, gelten bei Vielen bis heute als die "wahren, echten Apache". Spanier und Pocken haben das Volk der Lipan dahingerafft, Colonel Mackenzie ihm den Rest gegeben, Mitte der Achtziger gab es Ihrer grade mal noch Fünfzehnhundert, etwa ein Viertel davon Krieger, nicht nur die rot bemalten Jumano sind inzwischen ausgelöscht und für immer verschwunden. Ich habe sie tanzen sehn.

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