The Fighting Pastor

Viele ungenannte Orte und Namen haften wie Tautropfen an den Spinnenfäden meiner Erinnerung, viele ungelöste Knoten verknüpfen das Netz meiner Geschichte, denn habe ich eines gewoben, zerreißt es der Wind der Veränderung, die große Spinne des Gedächtnisses strickt ein neues, dichteres zwischen die Zweige und Verästelungen der Vergangenheit im Verwirrspiel des Erzählgeflechts, doch dieses ist unauflöslich in meinen Geist geknüpft.

Sag mir Freund Fluss, war es nicht der Tränenstrom der Cheyenne, der dein Bett mit Fluten gefüllt hat, und der heiße Guss der meinen? Sag mir Bruder Wald, haben nicht ihre Gedanken die Wipfel deiner Bäume zum Wiegen gebracht, und der Flug der meinen? Sagt mir ihr Berge, waren es nicht ihre Gebete, die eure Gipfel in den Himmel erhoben haben, und das Gestammel der meinen?

Aber gewiss doch, murrt ihr träge, mach nur so weiter, hoffärtiger Wicht.

Verlass dich auf deine Freunde, wenn du untergehen willst.

War es ihr Blut und meine Pisse, Fluss, die dich gefüllt hat, ihre Todesangst und meine Winde, Wald, die dich gebeutelt, ihre Todesschreie und meine Flüche, ihr Gipfel, die euch bis an die Wolken hinaufgetrieben haben? Gefällt es euch so besser, ihr gleichgültigen herzlosen Gesellen?

Verlass dich auf deine Freunde und du bist verlassen.

„Schon gut, Alter“, brummen sie beschwichtigend, „’s liegt am Wetter.“

„Wetter“, frag ich verwundert, „was für ein Wetter? Das soll ein Wetter sein? Das ist kein Wetter, Freunde, das ist ein großes klammes kaltes Leichentuch, das sich über den Himmel spannt, so weit das Auge sucht.“

„Eben.“

Bleierner Hochnebel bringt selbst Fluss, Wald und Berge zum knarzen. Versetzt die ewig Lebenden in eine trübselige Stimmung, die sie unempfänglich macht für meine zugegebenermaßen etwas hochtrabende Poesie, wer will es ihnen verübeln? In den Büschen lärmt ein frecher Spatzenschwarm und schimpft mich aus, als hätte ich den weißen Sargdeckel übers Firmament gezogen. Was nur folgerichtig ist, denn wer die Flüsse füllt, die Wälder zum Wogen bringt und die Gipfel in den Himmel türmt, darf sich nicht beklagen, wenn er für einen dicht geschlossenen Himmel zur Verantwortung gezogen wird. Meinen Freunden entgeht nichts, was ich so vor mich hin fabuliere, aber auch gar nichts.

Meine Hoffnung habe ich am Sand Creek begraben, dort ruht sie für immer.

Auch die Hölle hat ihre Hierarchie. General Custer war ein Teufel ohne Frage, Kit Carson ein Judas ohne Reue, oder soll man es als einen Anflug schlechten Gewissens deuten, wenn Navajoschlächter Carson die Männer jenes dritten Colorado Freiwilligenregiment als „Feiglinge und Hunde“ beschimpft, die das Massaker von Sand Creek begingen? Ihr Colonel namens John Chivington indessen ist der Satan, der gefallene Engel in seiner reinsten Form und Ausführung, der als Methodistenprediger begann und sich steigerte zum Massenmörder in Gottes Auftrag.

„Aus Nissen werden Läuse!“

Das ist seine öffentlich propagierte Rechtfertigung für den Mord an Kindern und Säuglingen, bei Indianerkriegen sind weder Männer, Frauen noch Kinder zu schonen, Cheyennes sind „zu töten, wann und wo auch immer“ seine Untergebenen auf solche stoßen sollten.

Man will es kaum glauben, dass dieser zwei Meter große und hundertdreißig Kilogramm schwere Mann und vielfache Vater vormals als „the fighting pastor“ eine entlaufene Sklavin in seinem Pfarrhaus aufnahm und unter seinen persönlichen Schutz stellte. Als die US Marshalls in Quincy auftauchen, um die Farbige ihrem „rechtmäßigen Besitzer“ zuzuführen, kommen sie an seiner imposanten Erscheinung nicht vorbei und müssen unverrichteter Dinge wieder abziehen. Wo auch immer der Gottesstreiter eingesetzt wird, ist sein Glaubenswerk mit Erfolg gesegnet, das unter anderem ein rigoroses „Aufräumen“ unter den Saloon- und Spielhallenbesitzern beinhaltet, ich habe diese Vorgehensweise von Seinesgleichen schon mal irgendwo erwähnt soweit ich mich entsinnen kann. Als Missionar bei den Wyandots vom Volk der Huronen tätig, gelingt es ihm innerhalb von zwei Jahren, den Weißen ein friedliches Zusammenleben mit ihren roten Brüdern abzuringen, in seinen Predigten wettert der kämpferische Reverend außerdem unermüdlich gegen das gottlose Verbrechen der Sklaverei.

Als ein rassistischer Mob beschließt, dem verhassten Niggerfreund nach der Messe aufzulauern, mit siedendem Öl zu übergießen und anschließend zu federn, um ihm seine Flausen ein für allemal auszutreiben, bekommt Chivington Wind von ihrem Vorhaben, und als die finstere Meute beim Gottesdienst auftaucht, empfängt sie der Prediger, der zwei geladene Pistolen gut sichtbar links und rechts von seiner aufgeschlagenen Bibel platziert hat, mit den salbungsvollen Worten:„Mit dem Wohlwollen Gottes und dieser beiden Revolver werde ich heute hier predigen!“ Die hinterhältigen Feiglinge ziehen ihren Schwanz ein und lassen den nicht nur Wortgewaltigen fortan in Ruhe.

Aber das ist lange her.

Chivingtons mühsam errungener Heiligenschein hat Rost angesetzt, er selbst droht in Vergessenheit zu geraten, als er sich im Bürgerkieg zum Eintritt in die Armee der Nordstaaten entschließt, und zwar nicht als Kaplan wie angeboten und eigentlich zu erwarten, sondern als Major mit durchaus weltlichen Absichten. Mit dem wichtigen Sieg über die Konföderierten am La Glorieta Pass - nomen est omen - wird der Reverend tatsächlich zum gefeierten Kriegshelden. Der Major wird flugs zum Colonel befördert, die Gloria indes steigt dem Gottesmann gewaltig zu Kopfe, den Ruhm durch militärischen Erfolg zu mehren ist fortan sein ganzes und einziges Bestreben, wobei Chivington keineswegs die stete Berufung auf den Beistand Gottes außer Acht lässt und die ausdrückliche Führung durch den Allerhöchsten hervorhebt, von nun an führt der wackere Kämpfer einen heiligen Krieg in dessen Auftrag und Namen.

Der allerdings lässt auf sich warten, erneut droht sein Kriegsruhm zu verblassen, bis ihm die Fügung eine gerade zur rechten Zeit von Indianern niedergemetzelte und öffentlich zur Schau gestellte Farmersfamilie liefert - seltsamer Zufall ganz nebenbei - und mit ihr den willkommenen Anlass, seine Fähigkeiten für alle Welt unvergesslich unter Beweis zu stellen, was ihm ohne jeden Zweifel gelingt. Als Chivington nach Denver beordert dort erscheint, findet er ein bestelltes Feld für seine Pläne in Governeur Evans daselbst, der nach ergebnislosen Verhandlungen mit dem friedwilligen Cheyenne Häuptling Black Kettle lauthals poltert: „Was soll ich mit dem 3. Regiment anfangen, wenn ich Friede mache? Es wurde aufgestellt, um Indianer zu töten und nun muss es auch Indianer töten!“

Die Rekrutierung der freiwilligen „Hundert Tage Soldaten“ hatte den Stadtsäckel empfindlich geleert, eine finanzpolitische Blamage, die sich Evans um jeden Preis ersparen will, hat er doch den hohen Herren der Regierung so lange mit Schauergeschichten über blutrünstige Wilde in den Ohren gelegen, bis diese nachgaben und ihm die Erstellung des „Regiments“ überhaupt erst bewilligten. Die „Bloodless Third“, wie die Freiwilligentruppe von den Bürgern Colorados bereits spöttisch genannt wird, findet in Chivington genau den Anführer, auf den sie zur Tatenlosigkeit verdonnert hingefiebert hat.

Major Wynkoop, seines Zeichens Indianerfreund, der Black Kettle zu den Friedensverhandlungen geladen hatte, wird wegen „Kompetenzüberschreitung“ auf der Stelle seines Amtes enthoben, die erste Amtshandlung seines Nachfolgers Major Anthony, wegen seiner ständig geröteten Augen von den Indianern „Little Red Eyed Soldier Chief“ genannt, besteht darin, den Cheyenne den zugesagten Lagerplatz im Schutz des Forts zu verweigern, er empfiehlt Black Kettle stattdessen, mit seinem Stamm an den sechzig Meilen entfernten Sand Creek zu ziehen, um dort in Ruhe auf die Unterzeichnung des Vertrages zu warten. Anthony selbst wird über Chivingtons Pläne bewusst im Dunkeln gehalten.

Das Militärdepartement von Kansas gibt in der Zwischenzeit Gouverneur Evans per Telegramm unmissverständlich zu verstehen, dass es keinerlei Interesse hat an einem voreiligen Friedensschluss, „bevor die Indianer nicht mehr gelitten haben.“ Alles folgt einem wohldurchdachten geradezu teuflischen Plan, der einmal mehr recht anschaulich belegt, dass es sich bei derlei Massakern nicht um bedauerliche Zwischenfälle oder „Tragödien“ handelt, sondern um geplanten, gezielten, von oberster Stelle befohlenen und eiskalt ausgeführten Völkermord.

„Ich möchte, dass ihr allen Häuptlingen der Soldaten hier zu verstehen gebt, dass wir Frieden wollen und dass wir Frieden geschlossen haben, damit wir nicht für Feinde gehalten werden.“

Die Worte des Cheyenne Häuptlings, mit denen er sich von Evans und Chivington verabschiedete, stoßen auf taube Ohren und verhallen ungehört. Ihm schwante wohl schon Unheil, die Gewalt jedoch, mit der es über ihn und seinen Stamm hereinbrechen sollte, wird seine schlimmsten Befürchtungen mit solcher Abscheulichkeit in den Schatten stellen, dass sie den misstrauisch gewordenen Verhandlungswilligen zum arglos Getäuschten erhebt, oder als solchen dastehen lässt je nachdem.

In jahrelangen Nachforschungen habe ich alles zusammengetragen, was ich zwischen die Finger und zu Ohren bekommen konnte, wohl auch in der Hoffnung, das unbeschreibliche Entsetzen, dessen Zeuge ich werden musste, dadurch ein wenig verarbeiten zu können, ein hoffnungsloses Unterfangen von Anbeginn an.

An den Ufern des Sand Creek liegt meine Hoffnung begraben, und sie wird nicht wieder auferstehen.

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