Die Weißaugen haben sich ihren eigenen Götterhimmel geschaffen, in dem sie selbst die Götter sind, die Wüste aber haben sie zum Hades gemacht, weil sie ihre Ödnis fürchten und nicht wissen, dass sie voller Leben ist. Der nackte Fels macht ihnen Angst, den es nicht kümmert, ob ein Baum seine Wurzeln in ihn gräbt oder er Gebein in seinem Schatten birgt, der tote Stein, der mehr Leben in sich trägt als ihr Begreifen es erfassen kann. Der lange war, bevor ich geworden und lange sein wird, nachdem ich gegangen.

Nicht nur die Zeit wächst bei seinem Anblick zu Unendlichkeit, auch die Grenze zwischen Leben und Tod löst sich auf, der stumme Zeuge lässt sie verschmelzen zu ein und demselben. Ein Wimpernschlag ist ein Menschenleben vor seiner Majestät, mein Schicksal rührt ihn nicht, unzählige hat er gesehen, geformt von Wind und Wetter trotzt er den Epochen. Wer glauben will, dass er nicht spricht, mag seine Ohren vor seinen Worten verschließen, doch wer ihnen lauscht, wird die Welt mit andern Augen sehen, die ihn nicht mehr sehen kann, weil er mit dem Stein verschmolzen ist und unsichtbar geworden.

So wie Der-auf-dem-Wasser-treibt es einst getan, als er dem schönen Mädchen folgte, dessen rätselhaftes Licht ihn des Nachts über den Fluss gelockt hatte. Mit der vierfarbigen Flöte des Zikadenmannes kann er die Geheimnisvolle anlocken und folgt ihr auf schnellem Fuß in den Fels hinein, als die Überraschte bei seinem Anblick erschrocken nachhause rennt. Um sie hurtig in einer Hütte verschwinden zu sehen, wo er ihren alten Vater mit gutem Tabak für sich gewinnen kann, mit dem er ihm eine Pfeife stopft. Der-die-Tiere-hat schmauchte bis dahin nämlich nur kaum genießbares Kraut und war demzufolge regelrecht entzückt von dem unbekannten Wohlgeschmack. Und obgleich der Alte ein großer Jäger war, kannte sein Volk nebst Tabak auch keinen Mais, keine Bohnen und keinen Kürbis. Die ihm Der-auf-dem-Wasser-treibt ebenso serviert und deren Genuß den Felsbewohner endgültig von den Vorzügen seines Schwiegersohns überzeugt.

Dieser wiederum hatte seine erweiterte Ernährungsweise in der Hauptsache seinem Freund, dem Truthahn zu verdanken, mit dem er sich auf der Flucht befand, da seine Sippe ihn verstoßen hatte ob seiner glücklosen Spielsucht, die seine Verwandten an den Rand des Ruins gebracht hatte. Der schwarze Geist, dem alle Bäume gehören, schenkte Spieler, wie er da noch hieß, ein Stück Baumstamm, ohne die Fichte dabei zu versehren oder gar fällen zu müssen. Die Spechte höhlten ihm diesen aus, als Lohn für ihre Arbeit gab er ihnen schwarze, weiße, gelbe, rote und blaue Steinperlen, wovon ihr buntes Federkleid herrührt. Truthahn holte hierauf die Spinnen aus den vier Himmelsrichtungen, die die Öffnung des Einbaums mit einem schwarzen, einem blauen, einem gelben und zuletzt einem weißen Netz überspannen.

Damit das Ganze auch schön wasserdicht wird, klebte die Schwalbe - auch diese hatte Truthahn gerufen und um Hilfe gebeten - die feine Abdeckung mit einer Slammschicht zu, und als diese trocken und fest war, wuchtete der Biber das Boot ins Wasser, die Reise konnte beginnen. Die war natürlich nicht ganz ungefährlich, so flusstauglich das kleine Boot auch sein mochte. Da galt es die Wassermonster mit Früchten zu bestechen, die Klippenleute, die in Geisterstädten in großen Höhlen wohnen, zu überreden, das fremde Gefährt nicht an Land oder in die Tiefe zu zerren, warum auch immer, ebenso den Otter. Und zu guter Letzt natürlich Kabaskin mit der nötigen Ehrfurcht vom Sinn und Zweck der Flussfahrt zu überzeugen, dem alles Wasser auf der Welt gehört.

All das erledigte Truthahn für seinen Freund, bevor er ihm, am Ziel der abenteuerlichen Reise angelangt, den Feldbau beibrachte, weil "vom Denken allein" nichts wächst. Das dafür notwendige Saatgut trägt er in seinem Gefieder mit sich herum, der er der Herr der Saaten ist seit Menschengedenken und schon davor. Truthahn schritt den Acker auf und ab und Der-auf-dem-Wasser-treibt bettete die Samen sorgsam in die mit dem Grabstock aufgebrochene Erde. Im Osten des Feldes wuchs alsbald schwarzer Mais, im Süden blauer und im Westen gelber, im Norden aber Bohnen, Kürbis und Tabak. Von seinem Schwiegervater Der-die-Tiere-hat lernt der junge Bursche zudem die Kunst der Jagd. Die Jicarilla verdanken ihre Lebensweise als Jäger und Feldbauern also einem Taugenichts und einer Spielernatur. So kann's gehen, und sie schämen sich denn auch kein bisschen dafür.

Ob ich nun in Richtung schwarzen Osten, blauen Süden, gelben Westen oder weißen Norden unterwegs bin, was sich ohnehin auf dasselbe hinausläuft, wenn ich durch eine schmale Schlucht reite mitten hinein in einen Hinterhalt, gibt es ein mächtiges Feuerwerk von links und rechts und oben, die Kugeln surren hin und her wie ein dicht gewebtes Spinnennetz. Ich komm’ ohne Kratzer rausgeritten, die Bandidos, Kopfgeldjäger, Texas Ranger, Bürgerwehrler - oder wer auch immer da seine Magazine leer geschossen haben mag, um mich zu erledigen - haben sich gegenseitig niedergemacht, mir ist es völlig schnuppe hier im Reich der Großen Schlange und des Berglöwen, des Otters und des Bären.

In der dritten Welt der Steinleute und der Biberleute, der Klippenmenschen und Schwalbenmenschen, der Maismädchen und Erdfeuermenschen. Durch die gelbe Welt bin ich geritten, wo es immer dunkel ist, weil es keine Sonne gibt. Durch die zwei Flüsse strömen, ein männlicher von Nord nach Süd und ein weiblicher von Ost nach West, die sich in der Weltmitte durchfließen an der Stelle-der-sich-kreuzenden-Wasser. In der es sechs Berge gibt, den Berg der weißen Muscheln im Osten, im Süden den Berg der Türkise, den der Seeohren im Westen und den der gläsernen Lava im Norden, inmitten den Mutterberg und den Berg der gestreiften Steine. Weder Gestalt besitzen sie noch Wesenheit, und doch enthalten sie das Wesen der Berge der heutigen Welt.

Ich liebe die unsichtbare erste Welt, dunkel wie die Wolle schwarzer Schafe, fühle mich geborgen auf ihrer winzigen Insel im unendlichen Wolkennebel, der die Himmelsrichtungen verhüllt mit schwarzer und weißer Ballung, ruhe selig an Wurzelkamm und Stamm der Weltenkiefer. Meinetwegen hätte alles so bleiben können, hier ist gut sein. Schön ist es auch in der blauen Welt, im Reich von Blauhäher, Blauspecht und Blaureiher. Geschützt vom blauen Nebel, in dem die Schwalbenleute leben, gönn ich mir so manche Blaupause. Nicht minder beschaulich ist es auf dem Gipfel des Berges der weißen Muscheln.

Gepeinigt von den gelben Wespenleuten, von den schwarzäugigen Ameisen mit den roten Röcken gebissen und von den schwarzen Ameisen mit den wulstigen Lippen und vorstehenden Augen verbrannt, verspottet von Erster Zorn, dem hinterlistigen Haarigen, der aussieht wie ein Coyote, suchten die gemarterten Bewohner einst verzweifelt einen Ausweg.

Schwer bewaffnet kommt Heupferd in der fremden heutigen Welt an, die rundum von Wasser bedeckt ist, in einem Stirnband aus Schilf hat er zwei Pfeile stecken. Ein Haubentaucher, der selber zwei Pfeile am Kopf trägt, beäugt das seltsame Wesen neugierig. Um den Riesenvogel von der Macht seiner Zauberei zu überzeugen, zieht sich Heupferd theatralisch die Pfeilchen aus dem Stirnband und nacheinander unter seinen gläsernen Flügeln durch, so dass es den Anschein erweckt, er könne sich mit denselben durchbohren und Spitze samt Schaft durch den Körper treiben, ohne dabei Schaden zu nehmen. Der sichtlich beeindruckte Taucher verschwindet in Richtung Osten und mit ihm die Wassermassen.

Als gleich darauf aus dem Süden ein blauer Vogel mit mächtiger Bugwelle angeschwommen kommt und das Schilfrohr zum Schwanken bringt, kann Heupferd auch diesen mit seinem Zaubertrick täuschen, dasselbe gelingt ihm mit einem weißen aus dem Norden und einem gelben aus dem Westen. Jeder der mächtigen Vögel, die eine Menge Wasser mit sich bringen, ergreift angesichts seiner beängstigenden Zauberkraft die Flucht, und Heupferd findet sich auf trockenem Boden wieder. Um die neue Welt wirklich bewohnbar zu machen, müssen zwar die fünf Winde erst noch den tiefen Schlamm härten, der große Held der Geschichte aber ist zweifelsohne Heupferd.

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