Im Herbst des folgenden Jahres häufen sich bei den Behörden die besorgten Anfragen beunruhigter Städter, die von „wilden und verrückten“ Indianern zu berichten wissen, die wirres Zeug über eine Welt ohne Weiße daher brabbeln würden. Das Indianerministerium ist überaus hellhörig und die Regierung gewarnt von Wodziwobs erster Welle.

Als sich der Prophetentanz, wie der Geistertanz ursprünglich genannt wurde, anfang des Jahrhunderts im Plateau verbreitete, knüpfte er an die Tradition ähnlicher Tanzzeremonien an, wie sie im Nordosten schon im Jahrhundert davor zelebriert worden waren. Wodziwob wiederum griff auf den Trauerzyklus der am Westrand des Beckens lebenden Gruppen der Yuma zurück, ein Jahr nach dem Tod Verwandter für dieselben ein Totenfest zu feiern, die religiöse Bewegung kam also keineswegs aus dem fantastischen Nichts, sondern wuchs im Laufe von Jahrzehnten heran wie ein Baum.

Will man den Paiute glauben, hat ihr Prophet verkündet, dass alle Bleichgesichter verschwinden werden, die verstorbenen Verwandten ins Leben zurückkehren und das ganze Land wiedergenesen wird, wenn alle Stämme der Numa in regelmäßigen Abständen fünf Tage und Nächte lang ekstatische Rundtänze aufführen.

Tatsache ist, dass die erste Geistertanzbewegung von den Stämmen des großen Beckens wie ein rettender Strohhalm ergriffen wurde, sich rasend schnell übers ganze weite dünnbesiedelte Land ausbreitete bis zu den Ute und an den westlichen Rand der Prärien, auch die Sippenverbünde der Shoshone erfasste und mit sich riss, die ansonsten ihre verstorbenen Angehörigen eher fürchten und nichts mit ihnen am Kopfschmuck haben wollen, und quasi über Nacht alles zu tanzen begann, was da sein Tanzbein schwingen konnte vom Greis bis zum Kind, eine mächtige Woge, die alle Stämme auf ihren Wellen forttrug in ein besseres Leben und neues Land der großen Verheißung.

Die Regierung, die eine erneute Bewegung dieser Dimension unbedingt vermeiden will, reagiert mit unerbittlicher Konsequenz und so viel mehr als unverhältnismäßiger Härte, dass ganz nüchtern und sachlich betrachtet von einem gewissenlosen Verbrechen und entsetzlichem Massenmord gesprochen werden muss.

Mit Einbruch des Winters veranstalten Truppen des siebten Kavallerieregiments das abscheuliche Massaker von Wounded Knee, indem sie um die fünfhundert zusammengetriebene, zuvor entwaffnete Hunkpapa und Lakota Sioux, darunter auch die geheimnisvollen Grastänzer der Minniconjou, zwei Drittel der Eingekesselten Frauen und Kinder, mit Einsatz von vier neuen Hotchkiss-Maschinengewehren niedermetzeln.

Da die Armee aus den bisherigen Massakern ihre Lehren gezogen hat und um jeden möglichen Widerstand der Männer von vornherein zu „unterbinden“, müssen diese sich in einer Reihe aufstellen, werden sämtlicher Waffen entledigt und einer Leibesvisitation unterzogen, gleichzeitig die Zelte "durchsucht", während der protestierende Pecuta-wicasa Yellowbird einen einsamen Geistertanz tanzt. Medizinmann Black Coyote will sich angeblich nicht von seiner nagelneuen Winchester trennen, wobei sich ein völlig losgelöster Schuss gelöst haben soll zu willkommener Zeit, will meinen, nach einem Signalschuss werden die wehrlos Gemachten innerhalb von fünf Minuten von den Garben der Maschinengewehre niedergemäht.

Anschließend feuern die betrunkenen Soldaten wahllos auf die in Panik durcheinanderlaufenden schutzlosen Menschen, die wenigen überlebenden Männer versuchen ihre Familien mit Steinen, Stöcken und bloßen Händen zu verteidigen, immerhin fünfundzwanzig Soldaten reißen die Verzweifelten mit sich in den Tod, ein paar davon sollen in den Kugelhagel der eigenen Männer gelaufen sein. Einzelne Gruppen fliehender Frauen werden von den Blauröcken bis zu fünf Meilen weit verfolgt, um ihnen den gnädigen Rest zu geben, hundert dennoch in die Berge Entkommene erfrieren jämmerlich im Toben eines erbarmungslosen Blizzards.

Da der hereinbrechende Schneesturm die „Bergung“ der Leichen der Niedergemetzelten verhindert, bleiben die leblosen Körper, seinem Wüten ausgesetzt, mehrere Tage lang in der Eiseskälte liegen. Die Zahl der Opfer schwankt zwischen weit über dreihundert und an die tausend, niemand macht sich die Mühe, die Toten zu zählen. Steif gefroren und zu schaurigen Skulpturen erstarrt werden sie schließlich auf Maultierkarren gestapelt und in einem ausgehobenen Massengrab verscharrt, die Soldaten posieren mit stolzgeschwellter Brust über den aufeinander geschichteten Leichnamen und lassen sich mit hochzufriedenen und erschreckend ausdruckslosen Gesichtern fotografieren.

Ich kenne diese erstarrten Masken des Todes aus den Tagen des Präriekriegs, diese Leblosigkeit in ihren gleichgültigen Zügen und stumpfen Blicken, alle Menschlichkeit darin ist erloschen und kalter Grausamkeit gewichen. In den Gesichtern indianischer Krieger kannst du alles lesen, Wut, Zorn, Schmerz, Verzweiflung, Trauer und furchtlose Todesverachtung, die Gesichter der Soldaten aber sind wie leere Buchseiten.

Ein überlebender Säugling wird nach Tagen unter dem Gewand seiner toten Mutter gefunden, hungrig hat sich das Baby an deren kalter Brust festgesaugt. Einem kleinen Kind, das sich an seine in Schockstarre kauernde Großmutter klammert, reicht eine mitleidige Seele eine Blechtasse voll Tee, die es durstig austrinkt in einem Zug, leider jedoch schießt ihm der blutige Tee in einem dünnen Strahl aus dem durchschossenen Hals.

Ich will das Grauen nicht weiter beschreiben, da es mich deprimiert, ohnmächtig zornig macht und unendlich ermüdet, zumal keinerlei strafrechtliche Folgen folgen, das Gemetzel im Gegenteil in der Öffentlichkeit als großer Sieg verherrlicht und gefeiert wird und die ruchlosen Mörder mit allen militärischen Ehren dekoriert und befördert als Helden daraus hervorgehen.

Nicht dass ich etwas anderes erwartet hätte, doch macht es das um nichts erträglicher.

„Ihr könnt nicht verstehen, was hungernde Indianer fühlen. Wir waren schwach vor Hunger und vor Verzweiflung dem Wahnsinn nahe. Das Indianerministerium rief nach Soldaten, um die Indianer der Geistertanzbewegung niederschießen zu lassen, die es bis zur Hoffnungslosigkeit hatte hungern lassen.“

Mit einfachen klaren Worten hat Machpiya Luta alias Red Cloud die nackte Wahrheit auf den Nagelkopf getroffen. Wer sich weigert, gehorsam und friedlich, sang und klanglos zu verhungern und in äußerste Verzweiflung getrieben dagegen antanzt, tanzt wohlgemerkt, wird kurzerhand abgeknallt.

Mehr gibt es zu dieser Art von Politik nicht zu sagen.

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