Wovoka, auch Wanekia genannt, ist der Sohn des Paiute-Sehers Tavibo.

Als Kind wird er Zeuge der Geistertanzbewegung Wodziwobs, die tiefen Eindrücke lassen den Buben nicht mehr los. Seine ursprünglich glückliche und unbeschwerte Kindheit - Indianern gelten ihre Kinder als heilig und werden nie geschlagen, ich kann es nicht oft genug betonen - wird durch den frühen Tod der Mutter getrübt. Als Sohn eines Träumers von der Tradition her dazu bestimmt, in dessen Fußstapfen zu treten, reißt ihn der Tod seines Vaters in das traurige Schicksal vieler Indianerkinder unserer Gegenwart. Keine Verwandtschaft ist mehr da und am Leben, die für den Waisen sorgen könnte.

Verwaiste Indianerkinder wie er haben noch Glück, wenn sie von der Reservationsverwaltung als billige Arbeitskräfte an Farmer der Umgebung vermittelt werden. Farmer Wilson scheint sogar ganz in Ordnung zu sein, anstatt den Indianerbuben wie viele seines Berufsstandes wie einen Untermenschen zu behandeln und als Sklaven zu halten, lässt er ihn auf den Namen Jack taufen, gibt ihm sozusagen als Zeichen der Adoption seinen Familiennamen gleich dazu und schickt ihn in die Dorfschule, wo der heranwachsende Paiute ganz brauchbar englisch lernt und mit dem christlichen Glauben „vertraut“ gemacht wird. Die ganz und gar nicht selbstverständliche Güte seiner Pflegefamilie ist für Jacks Werdegang und seine spätere Berufung zum Propheten nicht weniger prägend als die Erlebnisse seiner frühen Kindheit.

Nach etwa fünfzehn Jahren ereignislosen und leidlich versorgten Daseins als Landarbeiter erkrankt Jack Wilson schwer, heftiges Fieber fesselt ihn wochenlang ans Bett, wo ihm am ersten Januar achtzehnhundertneunundachtzig, dem Tag der großen Sonnenfinsternis, seine Visionen zukommen und dem jungen Mann mittels göttlicher Stimme ein großer Auftrag erteilt wird.

Die Offenbarungen sind folglich ein wenig fiebrig geraten, finden aber das offene Ohr der Oglala Squaw, die den Genesenden pflegt, einfache und sicher nicht wohlhabende Farmer greifen gerne auf die Heilkundigkeit von Indianerinnen zurück, nicht allein aus finanzpolitischen Gründen. Die atemberaubende Kunde ist also in besten Frauenhänden und verbreitet sich mit ebenso atemberaubender Geschwindigkeit in Windeseile wie ein Lauffeuer übers Land. Schon nach wenigen Tagen beschert die mündliche Flugpost dem immer noch bettlegrigen Wovoka, wie Jack mit seinem Paiutenamen heißt und fortan genannt werden wird, den Besuch hochgestellter Häuptlinge und Abgesandter benachbarter Plainsstämme.

In Wovokas Visionen ist von einem drohenden Weltuntergang und der Vernichtung des weißen Mannes die Rede, von der Rückkehr der großen Bisonherden und der Wiederauferstehung aller getöteten Indianer, was verständlicherweise die zornigen Wunschträume der erniedrigten Stämme wiederspiegelt und ihre erlöschende Hoffnung ein letztes Mal zum Aufflammen bringt. Dabei gerät die eigentliche Kernaussage von Wovokas Mission, dass nämlich gegenseitige Liebe und bedingungsloses Vertrauen der Indianer untereinander ebenso unabdingbare Voraussetzung und Pflicht seien wie die Abkehr von allem Bösen, sowie sein dringlicher Appell, sich mit allen Kräften um ein friedliches Zusammenleben mit den Weißen zu bemühen, bedauerlicherweise schnell in den nebensächlichen Hintergrund.

Ebenso wird die von Wovoka geäußerte Ankündigung eines Messias, der das Land im Zustand eines Paradieses neu erstehen lassen wird, kurzerhand dahingehend umgedeutet, dass sich der verheißene Messias bereits vor Ort befindet und das Paradies unmittelbar vor der Tür steht, die drängende Not schreit nach augenblicklicher Erlösung.

In dieser überarbeiteten und mehr oder weniger gewaltsam in die Diesseitigkeit des Hier und Jetzt beförderten Form erreichen Wovokas Träume schließlich Sitting Bulls Bruder, seines Zeichens christlich erzogener Medizinmann und Anhänger der nativistischen Religion, die traditionelle indianische Glaubensvorstellungen mit christlichen Elementen verknüpft, der das Ganze noch mit der Identifizierung des angeführten Messias als Jesus daselbst bereichert und sogleich konkrete Pläne zur Umsetzung der Tanzrituale aus dem Ärmel zaubert.

Die Ausführung des Geistertanzes ist denkbar einfach.

Jeweils ein Mann und eine Frau nehmen sich abwechselnd bei den Händen und bilden so einen großen Kreis, in dessen Rund die wohlvorbereitete und miteinander verbundene Gruppe anfangs in langsamen Schritten nach links herum zu tanzen beginnt. Der zeremonielle Frauentanz der Hopi zum Beispiel vollzieht sich auf diese Weise. Für die musikalische Untermalung greift der unerfahrene Wovoka auf bekannte religiöse Gesänge der Shoshone zurück, Liedzeilen aus dem Büffeltanz, dem Grastanz und anderen, und kleidet die Tänzer und Tänzerinnen zudem in ein eigens dafür vorgesehenes und genähtes Kleid, das sogenannte Geistertanzhemd.

Diese mit Sternen, Mondsichel, Donnervogel und allerlei Tierzeichen der jeweiligen Schutzgeister der Tänzer kunstvoll bestickten, an den Kanten der viereckig eingesetzten Ärmel, Armöffnungen und Nähte mit langen Fransen verzierten Hemden sind bereits heute, ein Jahr nach der brutalen Niederschlagung der Geistertanzbewegung, für teures Geld im Schwarzhandel zu haben. Ihr Mythos nährt sich aus dem sicher nicht von Wovoka in die Welt gesetzten Gerücht, es handle sich um Zauberhemden, die unverwundbar machen würden und die Träger gegen die Kugeln der Bleichgesichter schützen.

Wovokas Geistertanz breitet sich aus in der Prärie wie ein lodernd rasender Steppenbrand, Sioux, Arapaho und Cheyenne sehen in der gewaltlosen Bewegung die sichtbar gewordene Wiederauferstehung ihrer Völker und Kulturen, die alte Welt wird wiederkehren, das geschändete Land wird aussehen wie vor der Ankunft der Bleichgesichter, die Rücken der Büffel werden die Ebenen dicht an dicht überfluten, die bildgewaltig ausgedrückte Sehnsucht nach ihrer verlorenen Welt nimmt Gestalt an in den Träumen der in Verzückung geratenen Geistertänzergruppen der Plains.

Ganze Stämme tanzen tagelang, händchenhaltend mit geschlossenen Augen im Kreis herum bis zur Ekstase, fallen in Trance, singen und beten bis zu Erschöpfung und Ohnmacht, um ihre verstorbenen Ahnen und Angehörigen ins Leben zurückzurufen und mit ihrer Hilfe die Bleichgesichter zu vertreiben.

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