Die Stadt ist nichts für Rechtspopulisten

Ich trinke im Sommer gerne mal ein Leichtbier, aber weniger Prozent als HC Strache sollte es nicht haben. Im Advent kippe ich schon mal einen Festbock zum festlichen Mahl, der überholt in Sachen Alkoholgehalt die FPÖ und deren 7,7 Prozent locker. Sagen wir es höflichst und möglichst nüchtern: Das sogenannte dritte Lager wurde bei der Wienwahl ordentlich verwässert. Die rechte Hoffnung ist Gernot Blümel, das Finanzgenie. Der smarte Türkise darf sich duchaus als Wahlsieger fühlen mit einer Verdoppelung der Stimmen, aber das ist noch sehr relativ. Verdoppelte man seine Stimmen nochmals, es würde immer noch viel fehlen auf den ersten Platz und auf Wahlsieger Michael Ludwig und auf seine SPÖ. Die Kräfte, die auf Bundesebene bis vor eineinhalb Jahren koalierten mit einer satten Mehrheit - also Türkis, Blau und Strache - haben in Wien netto satte 10 Prozentpunkte verloren im Vergleich zu 2015. Darüber kann auch der Stimmenzuwachs bei Blümel und seinen Türkisen nicht hinwegtäuschen.

Budapest, Izmir und Wien

Einmal mehr zeigt sich: die Stadt taugt nicht für den Rechtspopulismus. Das ist in Budapest so, wo Orbans Stern verglühte, das ist in Izmir so, wo bei Erdogans Verfassungsreferendum 70 Prozent der Wähler gegen den Möchtegern-Sultan stimmten. Und es ist auch in Wien so. Die Roten, die Grünen und die Liberalen legen kräftig zu.

Budapest, Izmir und Wien - sind tolle Städte, und wie alle großen Stadte haben sie ihre Schattenseiten. Natürlich gibt es in Budapest mehr Kriminalität als in einem Weiler hinter dem Plattensee, natürlich gibt es in Izmir mehr soziale Reibereinen als in irgendeinem Dorf in Anatolien, natürlich weht auch in Wien ein rauherer Wind als in Innervilgraten in Osttirol. Städte sind - wie man so schön sagt - Räume verdichteter Probleme. In Wien läuft mit Sicherheit nicht alles rund, was die Integration angeht. Probleme mit grauen Wölfen mit Türkeiflaggen und Hinterhofsalfisten gibt es zweifelsohne in Favoriten mehr als in Osttirol. Aber die politische Rechte in der Stadt scheint das nicht zu begreifen: Die Angst, die sie schürt, fällt nur dort auf fruchtbaren Boden, wo es diese Probleme nicht gibt. Das flache Land ist das Revier der Rechtspopulisten. Wo es kaum Ausländer, geschweige denn Integrationsprobleme gibt, wählen die Leute jene, die vor den Ausländern und Integrationsproblemen in der fernen und unheimlichen Stadt warnen.

Wer waren nochmals die Parteien im Wienwahlkampf, die nicht einmal eine symbolisch kleine Anzahl von Kindern aus Moria aufzunehmen bereit waren? Es waren die, die jetzt mit 10 Prozentpunkten weniger dastehen. Der Rechtspopulismus hat sich nicht nur gegenseitig kannibalisiert, die Wähler haben sich von der Hass- und Angstrhetorik abgewandt.

Es ist ein guter Tag in einer schönen Stadt, die auch schöne Lieder hat.

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Poldi

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berridraun

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G. Szekatsch

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