Ein Land im moralischen Morast

Jetzt sind sie also weg. Drei Schülerinnen wurden heute Nacht abgeschoben aus Österreich. Fast hätte ich gesagt: in ihre Heimat. Sie waren aber in Österreich geboren, sie sind hier aufgewachsen und hier in die Schule gegangen.

Wer jetzt ein bißchen fähig ist, Empathie zu empfinden, der wird erkennten: Die Mädels sind aus ihrer Heimat abgeschoben worden.

Das ganze ist rechtlich vermutlich einwandfrei. Die - im juritischen Sinn: - "Heimatländer" der Schülerinnen sind Demokratien, ein Asylantrag als Bürger von Armenien und Georgien ist sinnlos. Das kann man den Eltern der Mädchen vorwerfen, den Kindern aber nicht. Was rechtlich möglich wäre: Ein Bleiberecht aus humanitären Gründen, weil eine Integration offenbar erfolgreich verlaufen ist.

Wann sollte man humanitär entscheiden, wenn nicht hier?

Wo und wann, wenn nicht bei Mädchen und Gymnasiatinnen, die hier aufgewachsen sind, soll es denn sonst so etwas geben, einen Akt der Gnade, der Vernunft, der Menschlichkeit?

Die Abschiebung kommt vermutlich nicht zufällig. Im Ibiza U-Ausschuss gibt es unschöne Details zur ÖVP. Da tut Ablenkung gut.

Und: Die FPÖ erfindet sich gerade neu als Partei der Aluhutträger. Der venünftige Flügel mit Hofer und Haimbuchner steht am Abstellgleis - in jeder Hinsicht. Die Abschiebung ist auch ein Signal an die bei der letzten Wahl von der FPÖ zur ÖVP überglaufenen Wähler. Vertraut uns weiterhin, wir fahren eine harte Linie, wenn es sein muss auch gegen Teenagerinnen.

Bei Terroristen tun wir uns schwer, wir knüpfen uns Mädels vor

Der Bundesverfassungsschutz ist nach kräftigem Zutun von ÖVP und FPÖ und allerlei parteipolitischen Intrigen eine Ruine. Dummerweise stehen wir alle in dieser Ruine drinnen, die zuzsammenzubrechen droht. Wir müssen uns daran erinnern. Diese Einrichtung war nicht fähig, einen amtsbekannten Islamisten, der sich in Bratislava ein paar Schuss Munition für ein Maschinengewehr kaufen wollte, zu überwachen, geschweige denn aus dem Verkehr zu ziehen. Die Folgen haben wir gesehen.

Aber hey, der Sicherheitsapparat ist top. Die Wega zeigt Zähne, wenn es um das Abholen von Mädels aus dem Kinderzimmer geht und das Auflösen einer Demonstration dagegen.

Die Grünen sind nicht mehr die "feinen Tischdamen"

Die Grünen könnten einem leid tun. Der Konjunktuv ist bewusst gewählt. Mir tun sie nicht leid. Sie haben sich entschieden, mit der ÖVP an einem Tisch zu sitzen bei einem feinen Dinner. Sie haben gewusst, dass dort nicht nur das serviert wird, was ihnen schmeckt. Aber dass sie jetzt zusehen, oder besser gesagt wegsehen, wie zu forgeschrittener Stunde eine siegestrunkene ÖVP jede Etikette vergisst, rülpst und furzt und mit den Fingern frisst, dass müssen sie demnächst ihren Sympathisanen erklären. Da reicht es nicht, sich mit der Serviette den Mund abzuwischen.

Innenminister Karl Nehammer posierte gestern - am Tag der Erinnerung an den Holocaust - mit einem Schild, auf dem zu lesen stand "We remember". An den gestrigen Tag werden sich auch einige noch länger erinnern. Leute, denen es nicht gleichgültig ist, wenn ein Land von einer Schnöseltruppe in den moralischen Morast gefahren wird.

Post scriptum: Da ich nach wie vor Kirchensteuer zahle, erlaube ich mir das anzubringen an die Adresse der christlichsozialen Politiker: Schiebt Euch Eure Taufkerzen in den Arsch.

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