Prof. Dr. Götz Aly: „Deswegen halte ich die SPD für derzeit unwählbar“

Der bekennende SPD-Wähler Prof. Dr. Götz Aly schreibt über die deutschen Sozialdemokraten (hier leicht gekürzt):

Wie schon mehrfach mitgeteilt, habe ich in den gut 50 Jahren, die ich wahlberechtigt bin, keine Partei häufiger gewählt als die SPD. Ihre riesigen geschichtlichen Verdienste bleiben unbestritten.

Doch für die Gegenwart hat diese Partei aus meiner Sicht nur wenig Gutes und weit überwiegend Schlechtes zu bieten. Während das Ende eines langen ökonomischen Aufschwungs ins Haus steht, verpulvert die mitregierende SPD, von der CDU/CSU leider nur halbherzig gebremst, viele Milliarden Euro:

Sie überbürdet künftige Generationen mit Schulden, macht die aktiv Erwerbstätigen zu Tributsklaven der Rentner und Pensionäre, in der Stadt- und Bildungspolitik steht sie – jedenfalls in Berlin – vor einem Scherbenhaufen.

Mit einer Art Dolchstoßlegende versuchen die gegenwärtigen SPD-Führerinnen und -Führer vom eigenen Versagen abzulenken, ihre Unfähigkeit und Einfallslosigkeit zu überschminken.

Tagtäglich erklären sie verdienstvolle Verantwortungs-Ethiker wie Helmut Schmidt (und andere) zu Verrätern in den eigenen Reihen. Sie machen diese - zu Recht geachteten - Sozialdemokraten zu internen Hassfiguren, verleumden sie gewissermaßen.

Die heutige SPD stellt den Bürgern soziale Wohltaten in Aussicht, die sie niemals erfüllen kann. Dadurch verschärft sie die Spannungen zwischen sozialen Ansprüchen und ökonomisch-politischen Realitäten.

Auf diese Weise erzeugt sie massenhafte Enttäuschung.

Jeden Tag posaunt die SPD: Von allem wollen wir mehr, mehr, mehr haben. Die SPD-Schlagwörter lauten: Bürgergeld, Respekt-Rente, weg mit Hartz IV, kürzere Lebens-Arbeitszeit, kostenloser Kindergarten, kostenloses Schul-Essen, Mieten runter, Staats-Zuschüsse hoch – alles zu bezahlen aus dem allgemeinen Steuertopf.

Damit erreicht die Partei nur eines: Sie befeuert die Verlust-Ängste, sie macht am Ende „den Staat“ zum General-Schuldigen für privat verursachte Probleme und Fehlentscheidungen. Sie weckt überzogene Erwartungen.

Die Wortführer der SPD schwadronieren über die Enteignung von Immobilienfirmen. Sie versprechen den jungen Familien mehr Geld und zugleich den Rentnern.

Um diesen offensichtlichen Widerspruch zu übertünchen, klopft Arbeitsminister Hubertus Heil lächerliche Sprüche von der „doppelten Haltelinie“.

Die SPD kombiniert illusionäre Versprechungen mit der Erfindung von General-Schuldigen, die da heißen: „Hartz-IV-System“, „Immobilien-Haie“ und staatliche Arbeits-Agenturen, die sie als Folter-Bürokratien von „Druck, Mißtrauen und Kontrolle“ schmäht.

In ihrer selbstverschuldeten Verzweiflung fördert die heutige SPD die politische „Italianisierung“ Deutschlands und ihren eigenen Untergang.

Deswegen halte ich sie für derzeit unwählbar.

In den vergangenen 50 Jahren habe ich keine Partei so oft gewählt wie die SPD. Aber warum sollte ich das weiterhin tun, sieht man einmal von vereinzelten Bürgermeistern und Politikern ab, die für mich jedoch nirgendwo zur Wahl stehen?

Ende letzten Jahres hatte die SPD ein großes „Debatten-Camp“ durchgeführt und dabei zu folgenden Kern-Forderungen gefunden: „Wir wollen Hartz IV hinter uns lassen“; „Wir brauchen eine große, eine tiefgreifende, eine umfassende Sozialstaats-Reform“.

Natürlich brauchen „wir“ auch mehr Rente, „wir“ brauchen mehr Urlaub und kürzere Lebens-Arbeitszeit, „wir“ wollen „Brücken-Teilzeit“, „wir“ fänden es eben geil, von allem einfach viel, viel mehr zu haben.

Gleichzeitig behauptet die SPD ständig, es würde „uns“ immer schlechter gehen. Mit solchen Schlachtrufen sind Wahlen offenbar nicht zu gewinnen.

Das liegt erstens an der größer gewordenen klassischen Mittelschicht. Dazu zählen in Deutschland 48 Prozent der Bevölkerung. Eng benachbart folgt die einkommensstarke obere Mittelschicht mit monatlichen Nettoeinkommen pro Arbeitnehmer zwischen 2600 und 4350 Euro.

Dazu gehören 17 Prozent der Deutschen, gefolgt von 3,5 Prozent Erwerbstätigen, Rentnern und Pensionären, die monatlich mehr Geld zur Verfügung haben.

Wir leben nicht in einem „sozial tief gespaltenen Land“, wie die SPD behauptet, sondern in einem Land, das weiterhin jedem Einzelnen erhebliche Chancen zum sozialen Aufstieg bietet.

Die allermeisten Politiker der SPD, die aktiven Mitglieder der Ortsgruppen, die meisten festangestellten Beschäftigten bei VW gehören dieser Mittelschicht an.

Weder die Kreuz-Schifffahrt (mit Balkon-Kabine) noch der SUV oder das schnittige Carbon-Bike sind Privilegien irgendwelcher Super-Reichen.

Wir haben auch, wenn es ernst wird, keine Zweiklassen-Medizin: Eine krebskranke Rentnerin mit Grundsicherung wird prinzipiell nicht schlechter behandelt als eine Leidensgenossin mit derselben Krankheit, die nicht weiß, wie sie ihr vieles Geld ausgeben soll.

Zum zweiten hat die SPD mit einem Paradox zu kämpfen: Eben weil es den Leuten im Durchschnitt so gut wie nie zuvor geht, ahnen sie, dass die fetten Jahre nicht ewig währen.

Das macht nicht wenige skeptisch gegenüber der hauptsächlich auf Umverteilung im Hier und Jetzt angelegten Sozialpolitik der SPD.

Kein vernünftiger Mensch glaubt an die „doppelte Haltelinie“, die der sozialdemokratische Arbeitsminister Heil anläßlich großzügiger Renten-Versprechen regelmäßig heraustutet.

Sie besagt, unsere Rentner könnten ohne weiteres mehr Geld bekommen, ohne daß die Jüngeren darunter leiden müßten.

Das glaubt kein Mensch, jedenfalls keiner, der bis drei zählen kann.

Wie kommt ausgerechnet die SPD dazu, die in ihrer 150-jährigen, insgesamt höchst respektablen Geschichte so viel für die Bildung der einst kaum alphabetisierten proletarischen Massen getan hat, daß ihnen die Wähler von heute diese Halbwahrheiten und Lügen glauben?

Quellen >> https://www.berliner-zeitung.de/politik/meinung/kolumne-wie-die-spd-die-geschaefte-der-afd-betreibt-32023360 und: https://www.berliner-zeitung.de/politik/meinung/kommentar-zur-spd-warum-die-sozialdemokraten-untergehen-31580978

1
Ich mag doch keine Fische vergeben
Meine Bewertung zurückziehen
Du hast None Fische vergeben
6 von 6 Fischen

bewertete diesen Eintrag

Tourix

Tourix bewertete diesen Eintrag 12.02.2019 22:26:20

Mehr von Jörg Gebauer