8900 Männer, die dringend ein Zorn-Ventil brauchen

Eine mächtige Minderheit in diesem Land versucht die Meinung im Netz zu steuern. Die glaubt, sie wären die Bevölkerung – sind sie aber nicht.

Eine Studie von zum Teil sehr jungen, wirklich fleißigen DatenjournalistInnen ergab vor kurzem, dass 2,9 Millionen Kommentare (!!!) in den sozialen Medien von nur 8900 Usern stammten. Diese Studie von mokant.at wurde erstellt, um zu erforschen, wie Facebook den letzten österreichischen Wahlkampf beeinflusst hat.

Wer sind nun diese 8900 Poster? Großteils Männer, sehr gut vernetzt und rechts, rechtsrechts bis rechtsextrem von den Ansichten her. Interessant. Momentan sieht man ja auch wieder gut, wie diese untereinander vernetzten Männer gegen den ORF mobil machen. Sie sind überall, unterstützen sich gegenseitig und reden sich hinter den Kulissen ab. Fast organisiert, kommt einem das vor. Aber wie?

Keine Kritik gewöhnt

Alle Frauen, die weiterhin öffentlich posten, sollten sich das gut überlegen, denn es steht ihnen eine „Phalanx“ an 8900 männlichen Postern entgegen. Man merkt das auch auf fisch und fleisch, weil plötzlich noch mehr User auftauchen, wenn man einen Vereinzelten kritisiert und der stante pede verteidigt wird, durch Runtermache der Frau. So wird jede kritische Stimme von einem ganzen Schwarm verfolgt. Was anstrengend sein kann.

Dadurch, dass diese Poster sich gegenseitig bestätigen und lieb haben, halten sie nicht einmal „rote Daumen“ aus - sie sind einfach nicht an Kritik gewöhnt. Gelöschte Kommentare halten sie gar für „Auslöschung“. Durch den Umstand, dass oft boshafte oder menschenfeindliche Aussagen gelikt werden, ist es später sehr schwer für den einzelnen User, aus diesem erfolgsversprechenden, „geliebten“ Muster auszubrechen. „Wissenschaftliche Ergebnisse zeigen: Das auf Facebook vorherrschende Meinungsklima beeinflusst die Meinung der User, auch wenn es nicht dem tatsächlichen Meinungsklima in der Bevölkerung entspricht“, schreibt mokant.at.

Gesteuerter Zorn

Wer sind nun diese 8900 Männer, die im Alltag dringend ein Zornventil brauchen? Seien es nun „Flüchtlinge“, „Arbeitslose“ oder eben gerade jetzt die „linksextremen“ Journalisten, die so genannten „Linksnazis“ (!), bzw. ganz neu der ORF, dem wirklich niemand ernsthaft vorwerfen kann, besonders linke Inhalte zu vertreten.

Meine persönliche Meinung ist es und es ist nur eine Theorie, dass diese „Zornbinkel“, diese „Hater“, Männer sein müssen, die als Kind Missbrauch erlebten, denn nur solche weisen so eine „mörderische“, lang anhaltende, obsessive Wut aus, die sich in Zornausbrüchen Luft machen muss und sich sonst gegen andere Menschen richten würde. Die müssen ihre Wut an wem festmachen, solange sie sich nicht bewußt sind, was passiert ist. Wie die Luft zum Atmen. Als Ventil werden Personengruppen gewählt, die von der Politik sozusagen dargereicht werden. „Hier habt ihr wen, auf den ihr wütend sein dürft. Bitte sehr!“ Manche Politiker sind wahre Meister darin, immer wen Neuen zum gemeinsamen, öffentlichen Hassen zu finden. Klappt es mit den Sexualstraftätern nicht, wird flott ein bekannter Journalist aus dem Hut gezaubert. Typisch auch das Kindheitssymbol „Pinocchio“ dabei – lässt auf das Alter schließen, indem es dem Kind nicht so gut ging.

Wohin gehört die Wut?

Mokant.at hätte das Wort „Missbrauch“ auswerten können. Wie oft das vorkommt. Das Problem ist, dass man solche anstrengenden Überlebenden gleichzeitig unterstützen und einbremsen muss. Bei dem zehnten, in flottem Wechsel dargereichten, Feindbild, könnten einem Hater aber schon leichte Zweifel aufkommen, oder? Notstandshilfe-Empfänger! „Durchschummler“! (Aber keine „Pfuscher“ oder „Schwarzarbeiter zB.) Missbrauchs-Überlebende sind doch eigentlich äußerst schlau, denn nur so haben sie überlebt. Für die, die mir nicht glauben, kann ich Fachliteratur zum Thema „Missbrauch“ und „mörderische Wut“ nachreichen. Wenn man bedenkt, dass laut Statistik jeder siebte Junge physisch missbraucht wurde, von emotionalem Missbrauch gar nicht zu reden, frage ich mich, wo die anderen Überlebenden sind (Anm. Man sagt nicht mehr „Opfer“ zu denen, weil sie ja auch sehr aktiv sind und sich unterschiedlichen Verarbeitungs-Methoden anschließen können). Wenn die sich der schrecklichen Untaten bewußt worden sind – wie die ehemaligen Heimkinder oder die von Geistlichen missbrauchten Kinder, so scheinen sie andere Wege der Verarbeitung zu wählen. Manche richten ihren Zorn auf die damaligen Täter – dorthin, wo die die Wut eigentlich hingehört.

http://mokant.at/1802-facebook-user-wahlkampf-diskurs/

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